Leseprobe zum Roman »Schuld ohne Reue«

Inhaltsverzeichnis

 

Prolog: Das Jahrgedächtnis 

                                                                                        

1. Akt: Die schöne Friedenszeit                                             

Der Hauptmann von Köpenick              

Alltag                                                

Das Jahr 1913                                   

 

2. Akt:  Erster Weltkrieg – Nachkriegszeit – Weimarer Republik 

                                                                                               

Kriegsausbruch                                 

Das große Sterben                            

Leben im Krieg                                 

Kriegsende                                        

Nachkriegszeit                                   99

Weimarer Republik: Jahre der scheinbareren Konsolidierung         

Ende der Republik: Vorboten des apokalyptischen Reiters                                                

3. Akt:  Das Dritte Reich: Der Teufelspakt: Der Tod ist Meister in Deutschland                                                                    

Die Anfänge                                                             

Leben im Dritten Reich: Jahre der Anpassung        

Reichspogromnacht 1938                                         

Kriegsbeginn                                                            

Leben im Krieg                                                        

Verbrechen im Krieg                                                

Endphase des Krieges                                                                                                                                  

4. Akt:  Schuld ohne Reue                                                  

Erste Nachkriegszeit 1945 – 1947                           

Zweite Nachkriegszeit 1947 – 1952: Erfüllungen   

Wirtschaftswunder                                                     

Epilog: Spiel der Geister                                                      316

Erläuterungen                                                                      320                                                                                                             

 

Prolog: Das Jahrgedächtnis

 

Wir sind in der alten Johanneskirche am Kirchenplatz in Trier. Um diesen Platz gruppieren sich in fast quadratischer Weise die Kirche, rechts daneben das große Wohnhaus mit der Nummer Eins, gegenüber der Kirche die große Meisterschule, daneben wieder zwei schöne Bürgerhäuser.

Die große Kirche sah bessere Zeiten, voll prallem Leben mit Glanz und Gloria. Sie wurde 1907 erbaut als Trutzburg der Katholiken gegen die protestantische preußische Obrigkeit. Damals blühte das Gemeindeleben auf, die alte Kirche am Freihof war zu eng geworden. Der Kirchenplatz wurde das Zentrum der Gemeinde.

   Heute aber hört ein erklecklicher Kreis meist älterer Menschen dem Zelebranten zu, der auch nicht mehr der Jüngste ist. Unter diesem Fähnlein der Aufrechten fallen zwei Gruppen auf, die scheinbar nicht hierher gehören. Sie sitzen links und rechts des Hauptganges.

Links die Familie von Anne Becker, deren Jahrgedächtnis wir begehen. Ihr Sohn ist dort mit seiner jungen Familie versammelt .Rechts die Familie des kürzlich verstorbenen Maximilian Dieckmann, Annes spätem Lebenspartner. Eine auf den ersten Blick gut bürgerliche Gesellschaft, der Sohn und die Töchter mit ihren Familien.

   Doch der Schein trügt. Die alte Familie Dieckmann ist zerfallen und was die Lebenden heute hier in der Kirche verbindet, sind die Riten der heiligen katholischen Kirche. Diese Kirche spielte in der Familie von je her eine große Rolle.

Sie alle, Annes Sohn mit seiner Familie und die Geschwister Dieckmann sind Nachfahren einst großer und glorreicher deutscher Familien, eingebettet in hundert Jahre deutscher Geschichte. Anne Becker und Maximilian Dieckmann waren die letzten Repräsentanten aus einstmals großer Zeit. Wir wollen diese Zeit noch einmal auferstehen lassen und mit ihr die Familien, deren Schicksale mit dieser Zeit und ineinander eng verwoben waren.

   Handlung und Personen sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Verstorbenen wäre rein zufällig und gänzlich unbeabsichtigt. Alle Gestalten dieses Buches sind Geschöpfe der Fantasie. Wo sie realen Personen gleichen, bedeutet das nicht, dass diese so gehandelt haben. Sie dienen der Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit, nicht aber, um sie in irgendeiner Weise zu diffamieren oder ihr Verhalten zu bewerten. Sie stehen stellvertretend für eine Großzahl von Menschen in einer sehr bewegten Zeit. Der Verfasser hat Geschehnisse, wie sie in jeder Lebensbeschreibung oder Tageszeitung aufgezeichnet stehen, als Grundstoff benutzt. Wer sich oder andere reale Personen dennoch in dem Spiel zu erkennen glaubt, ist es selber schuld.

 

Öffnen wir den Vorhang und lassen das Spiel beginnen. 

 

 1. Akt:  Die schöne Friedenszeit

 

Der Hauptmann von Köpenick

 

1.:

 

   „Also, das ist doch wirklich die Höhe!“

Michael Trotz sah empört von seiner Zeitung auf und seine Frau Anna an.

   „Der Kaiser hat diesen sogenannten „Hauptmann von Köpenick“ begnadigt. Das sich so einer überhaupt Hauptmann nennen darf. Ein vaterlandsloser Geselle, der die staatliche Ordnung in Frage stellte mit seinem lächerlichen Aufzug. Der Kerl müsste lebenslang hinter Gittern.“

   Michael saß in der Küche seiner schönen Wohnung beim Frühstück. Er und Anna waren jung verheiratet, der kleine Sohn Peter gerade geboren. Er war zufrieden mit sich und der Welt. Als königlich preußischer Postbeamtenanwärter gehörte er zu den Aufsteigern der Gesellschaft, aus kleinsten bäuerlichen Verhältnissen.

Michael war ein großer, stattlicher und schöner Mann mit leuchtenden Augen, ehrgeizig und intelligent. Ein Mensch, der sich nicht so schnell aus der Fassung bringen lässt. Er strahlte eine natürliche Autorität aus.  

   Seine Anna war viel kleiner als er und eine zierliche Person, aber resolut und sah mit klaren Augen und einem wachen Verstand in diese Welt. Sie war stolz auf ihren Michael, einen gut aussehenden Mann, der es zu etwas gebracht und noch weiter bringen werde. Sie sah seine Vorzüge und Schwächen und würde ihn schon nach ihrer Fasson erziehen. Wer im Haus die Hosen anhatte, war unmissverständlich klar. Sie trug ein einfaches aber geschmackvolles Hauskleid, welches ihre schlanke Taille betonte. Beide, Michael und Anna waren ein schönes Paar und in diesem Jahr 1908 sechsundzwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt. Und sehr ineinander verliebt.

   Michael zündete sich eine Zigarre an und genoss die ersten Züge. Er war nicht in Eile, sein Dienst als Postbote fing erst am frühen Nachmittag an. Er lehnte sich gemütlich an die Stuhllehne und dachte nach. Was er da in der Trierischen Zeitung las, gefiel ihm nicht. Zum ersten Mal war er mit seinem Kaiser unzufrieden. Er verehrte ihn, ahmte ihn in Haltung und Stil nach. Sein prächtiger Schnurrbart stellte das getreue Ebenbild seines Vorbildes dar. Das war der Kaiser, eine absolute Respektsperson, er verkörperte für ihn die preußische Gesellschaftsordnung. Jeder hatte dort seinen Platz und er war mit dem seinen sehr zufrieden.

   Michael kam aus ganz kleinen bäuerlichen Verhältnissen, geboren in einem klitzekleinen Dorf vor den Toren Triers.

    „Vater taufte mich Michel, was für ein Name. Den habe ich ganz schnell in Michael umgeändert. Michel wie der Deutsche Michel, ich bin doch keine Witzfigur.“ Trotzdem wurde er von einigen Freunden mit Michel angesprochen. Er ließ es zähneknirschend zu.

Anna kam in die Küche zurück.

   „Weißt du“, meinte er zu ihr, “ der Kaiser wird schon seine Gründe für die Begnadigung haben. Aber solch ein haltloser Vagabund gehört hinter Gittern.“

   „Eigentlich eine lustige Geschichte“, entgegnete Anna.

   „ Lustig nennst du das? Mit der ganzen Härte des Gesetzes müsste gegen ihn vorgegangen werden. Wo kommen wir da hin, wenn sich jeder Dahergelaufene solche Frechheiten anmaßen kann. In Preußen herrschen Recht und Gesetz, das Militär ist die Stütze des Staates, unseres Vaterlands. Mir gehen Recht und Ordnung über alles, als angehender Beamter muss das für mich auch so sein. Ich bin stolz auf unseren Staat und unseren Friedenskasier, um den uns die ganze Welt beneidet. Sind wir nicht schon sowieso nur von Feinden umgeben? Die elenden Franzosen lauern doch nur schon darauf, es uns wegen Sedan heimzuzahlen. Daher muss im Inneren des Staates Ordnung herrschen. Ordnung und bedingungsloser Gehorsam. Und wer dagegen verstößt, muss mit der ganzen Härte des Gesetztes bestraft werden.“  

   „Kaplan Buchholz war gestern hier, um wegen der Taufe von Peter mit uns zu sprechen.“ Anna wollte ihren Mann auf andere Gedanken bringen, denn sie kannte seine Ansichten nur zu gut.

   „Natürlich muss der Junge getauft werden, das ist doch klar. Wir sind gut katholisch und die Kirche bedeutet mir genauso viel wie der Staat. Eigentlich noch mehr. Es ist ein kleiner Wehmutstropfen, das in Preußen die Protestanten das Sagen haben. Wir Katholiken hier im Rheinland sind im Hintertreffen und werden manchmal schikaniert. Aber ich bin für den Staat und ordne meine persönlichen Gefühle unter.“

   „Aber Michael“, meinte Anna, „was hat das mit der Taufe zu tun?

   „Unser Peter ist ein katholischer und deutscher Junge, so wie wir und unsere Vorfahren. Wir entstammen aus gut und streng katholischen Familien. Wir aber, du und ich, verbinden beides, den Staat und die Kirche und so wird unser Junge erzogen werden.

Mein Vater verlangte unbedingten Gehorsam von uns Kindern, und wo er die nicht bekam, setzte es Prügel. Jeder hat in unserer Gesellschaft den Platz auszufüllen, auf den ihn Gott gestellt hat. Und hat das Beste daraus zu machen. Ich bin ja auch bemüht, beruflich weiterzukommen und meine Stellung zu verbessern. Gehorsam, Pflichtbewusstsein und Fleiß sind nun einmal die preußischen Tugenden. Wer das nicht einsieht, muss dazu gezwungen werden und wenn nötig mit Gewalt.“

   „Mit Schlägen ist noch nie etwas Gutes herausgekommen“, entgegnete Anna, “ du willst doch unseren Jungen nicht so erziehen wollen?

   „Ich werde ihn zu einem guten deutschen und katholischen Menschen erziehen, der Gott und den Kaiser fürchtet. So wie Kirche und Staat von mir Gehorsam verlangen, verlange ich das von meinem Sohn. Gehorsam und Disziplin haben Deutschland groß gemacht. Ein Kind muss seinen Eltern bedingungslos gehorchen, da gibt es keinen eigenen Willen oder Widerspruch.“

   Anna war klug genug, an diesem Punkt nicht zu widersprechen. Sie kannte ihren Michael, einen im Grunde herzensguten aber harten Mann, in Punkte Kaiser und Kirche nur schwer zu beeinflussen. Das mit der Kirche sah sie ja noch ein, denn sie entstammte ebenfalls aus einer streng katholischen Postbeamtenfamilie, in Bezug auf die deutschen Tugenden dachte sie nicht so konservativ wie ihr Mann.

Sie war nur eine kleine Schneiderin, hatte aber einen klaren Verstand und dachte in puncto Erziehung moderner als ihr Michael. Sie wollte eine moderne Frau sein, die altmodischen Ansichten Michaels waren nicht die ihren. Aber sie war klug genug, mit aller Vorsicht an die Sache heranzugehen. Widersprach sie zu sehr, reizte das bei Michael nur unnötigen Widerspruch. 

   Rede du nur, ich werde den Jungen und alle weiteren Kinder nach meiner Fasson erziehen. Gehorsam ist wichtig, aber nicht um jeden Preis. Ich werde in der Erziehung auch streng sein, denn ich bin eigentlich keine zärtliche Mutter, unser Verhalten entspricht der unserer Zeit, keine Gefühle offen zu zeigen. Die Männer sind in dem Punkt noch verkrampfter. Aber im Gegensatz zu Michael lasse ich mit mir reden. Ich bin offen für Argumente und neue Entwicklungen, mein Horizont ist nicht so eng und kleinkariert wie der meiner Umgebung. Aber mir fehlen die Entfaltungsmöglichkeiten. Wir Frauen haben noch nicht einmal das Wahlrecht. Wir sollen das Heimchen am Herd sein, uns um Kinder, Küche und Kirche kümmern. Dagegen habe ich eigentlich nichts, aber ich bin nicht so dumm, wie die Männer uns Frauen hinstellen.

Ich bin nur eine kleine Schneiderin und habe nichts weiter gelernt, nicht weil ich zu dumm dazu bin, sondern weil das in meiner Familie nicht üblich ist. Aber an meinen Kindern will ich das ändern. Sie sollen Bildung bekommen, denn nur eine gute Bildung garantiert den sozialen Aufstieg. Im Gegensatz zu Michael bin ich nicht von den gottgegebenen Plätzen im Leben überzeugt.

 

2.:

 

   „Ja, ja, unser Kaiser und sein Militär“, dachte Albert Dieckmann, der an diesem Tage ebenfalls die Zeitung las. Er saß im Lesesaal des Kolpingverein zu Berlin, wo er ein kleines karges Zimmer bewohnte. Ein armer Schreinergeselle auf Wanderschaft, heimat- und mittellos, aber sehr fromm und auf seine Weise ehrgeizig. Die einfache und dürftige Wanderkluft schlotterte an seinem spindeldürren Körper, dazu die Schreinerschürze und die Kappe auf dem Kopf. Ein durchs Leben hart gewordener zwanzigjähriger junger Mann von hagerer und irgendwie trauriger Gestalt. Ein wenig glich er dem Schuster Voigt, dem verhinderten Hauptmann von Köpenick. Dieser strahlte auf den Bildern ebenfalls eine gewisse Melancholie aus. Graf Galen hingegen pflegte des Öfteren zu sagen:

   „Unser Albert gleicht sehr dem heiligen Josef, dem Schutzpatron der Schreiner und Zimmersleut. Nur der Bart fehlt. Aber der Gesichtsausdruck, so fromm und gottesfürchtig.“

Albert war intelligent und mit dem Ehrgeiz versehen, sich trotz seiner Armut Bildung zu verschaffen. Deshalb saß er oft stundenlang in dem kleinen Lesesaal und las, was ihm unter die Finger kam.

   In diesem Augenblick betrat ein stattlicher Herr den Saal, der Priester und Präsens des Kolpingvereins, Graf Clemens von Galen. Zwischen ihm und Albert lagen Welten, hier ein Abkömmling der staatstragenden adeligen Gesellschaft, dort ein armer Hund. Trotz der gewaltigen Standesunterschiede hegten beide Männer große Sympathien füreinander. Graf von Galen kannte die Sorgen und Nöte der kleinen Handwerksgesellen, die von ihren Meistern ausgebeutet wurden und wenige Chancen in der Gesellschaft hatten. Er stand in der Tradition des Gründers des Kolpingverein, Adolf Kolping und des Bischofs von Ketteler, die sich im 19. Jahrhundert dieser Menschen annahmen und ihnen durch die Bildung Halt und Stütze geben wollten. Ketteler war übrigens der einzige deutsche Kirchenfürst, der sich für die Belange der Arbeiterschaft interessierte.

   Graf von Galen schätzte diesen Albert vor allem deswegen, weil er fromm und gottesfürchtig, zugleich aber auch ungemein wissbegierig war. Für seinen niederen Stand ein sehr intelligenter, kluger Kopf. Und kluge Köpfe schätzte der Graf, ob hoch oder niedrig geboren. Besonders gefielen ihm aber Alberts korrektes akzentfreies Deutsch und seine gute Ausdrucksweise. Zudem konnte er gut und unterhaltend erzählen. Albert schätzte den Grafen ob dessen Gradlinigkeit und Menschenfreundlichkeit und der Hilfe, die er ihm, dem armen Schreiner, gewährte, indem er ihm bei seinem Bestreben half, Bildung zu erlangen.

   „Nun Albert, was liest du gerade, was erzürnt dein Gemüt, ich sehe es dir am Gesichte an“, scherzte der Graf.

   „Den Artikel über die Begnadigung dieses „Hauptmanns von Köpenick“.

   „Ja, das ist eine recht merkwürdige Geschichte, ganz Deutschland lachte darüber, und nicht nur Deutschland, ich glaube, die ganze Welt lachte uns aus.“

   „Der Kaiser war noch stolz darauf“, entgegnete Albert stirnrunzelnd, “ er soll zu dem Polizeipräsidenten gesagt haben, dass uns das auf der ganzen Welt keiner nachmache. Dieser mickrige Schuster hat ohne es zu ahnen das ganze System lächerlich gemacht.“

   „Ich weiß, du bist kein Freund des Militärs“, schmunzelte Galen.

   „Das stimmt, das bin ich nicht. Wer in unserer Gesellschaft nicht gedient hat, ist kein vollwertiger Mensch. Ich habe nicht gedient, weil meine älteren Brüder alle gestorben sind. Ich habe auch kein Verlangen nach dem Militär. Drill, Schikane und Prügel habe ich auch so genug bezogen, dafür benötige ich das Militär nicht.  Dieser Hauptmann hat mit seiner Aktion die Lächerlichkeit des bürgerlichen Systems offengelegt, mit einer Uniform und ohne Legimitation. In Deutschland kann jeder mit einer Uniform und ohne Legitimation Dinge tun, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Das ist blinder Obrigkeitsglaube und wohin soll das führen?“

   „Aber die Obrigkeit und Stände sind gottgegeben, wir werden auf unseren Platz gestellt und müssen gehorchen.“

   „Nur dass einige bessere Plätze haben als andere“, entgegnete Albert stirnrunzelnd

   „Du bist ja ein Anarchist Albert“, lachte Galen.

   „Nein Hochwürden, das sicher nicht. Ich fürchte Gott und stehe fest zu den Lehren unserer heiligen katholischen Kirche. Aber Jesus war ein einfacher Schreiner und kein Adliger. Ich verachte die Kommunisten und Sozialdemokraten, denn sie sind gottlose Gesellen.“

   Graf Galen zündete sich eine Zigarre an und hielt Albert das Zigarrenetui hin. Albert machte eine ablehnende Geste, während Galen genüsslich an seiner Zigarre zog.

   „Ach ja, du rauchst ja nicht, trinkst auch nur ganz wenig Alkohol, du bist ein Muster an Seriosität“.

   „Ach Hochwürden“, entgegnete Albert“, so würde ich das nicht sehen. Das Rauchen ist mir zu teuer und der Alkohol ist ein Werk des Teufels. Gerade in meiner Schicht gehen viele daran zugrunde. Er ist ein billiger Tröster, aber er führt in den Abgrund. Damit mache ich mich nicht kaputt.

   „Recht hast du“, bestätigte Galen.

   „Meine Heimat sind die Kirche und der Kolpingverein. Der Glaube gibt mir Halt und Stütze. Ich halte die Gebote Gottes und möchte danach leben. Ich besuche regelmäßig den Gottesdienst und empfange die heilige Kommunion.

    „Das ist auch lobenswert, mein Freund. Keiner hier im Haus ist darin so eifrig wie du.“

   „ Es ist der Glaube meiner Vorfahren, dem ich auch diene. Daher lese ich die heiligen Schriften, um noch besser zu verstehen. Die Bibel natürlich, aber auch das Leben der Heiligen und die von Ihnen so sehr empfohlene Nachfolge Christi des Thomas von Kempen. Ich achte den Papst, die Bischöfe und Priester als Diener Gottes. Was ich bei den Priestern aber nicht ausstehen kann, sind die Vertreter des typischen Herrenstandpunkts.“

  „Albert“, unterbrach ihn hier lachend von Galen, “ du bist doch ein verkappter Anarchist, leugne es nicht. Aber so ganz unrecht hast du nicht. Nur habe ich jetzt keine Zeit mehr, mit dir darüber zu reden. Lass uns dieses Gespräch ein anderes Mal weiterführen. Hast du heute nicht zu arbeiten?“

   „Mein Auftraggeber hatte heute keine Zeit, daher entfiel meine Arbeit. Kann ich Ihnen helfen?“

   „Das trifft sich gut, könntest du in meinem Studierzimmer einmal nach einem Regal schauen, es scheint mir etwas wackelig und ich habe immer Angst, dass mir alle Bücher herunterfallen.“ Graf Galen schätzte Albert zudem ob seiner hervorragenden Arbeit, die er als Schreiner leistete.

   „Das mache ich gerne“, entgegnete Albert spontan, „kann ich nach dem Mittagessen kommen?“

   „Einverstanden“, erwiderte der Graf und gab Albert die Hand. Daraufhin verließ er den Lesesaal und Albert kehrte unverzüglich an seine unterbrochene Lektüre zurück.  

 

Alltag

 

1.:.

 

Michael begann sich in seiner Wohnung auf den Dienst vorzubereiten. Er zog seine Postuniform an, und nahm von Anna seine Brote in Empfang. Noch schnell einen Abschiedskuss und er war durch die Türe. Anna winkte ihm mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm nach.

   Im Treppenhaus begegnete er seinem Nachbar Silberstein. Dieser wohnte unter ihm mit seiner jungen Familie und auch erst kurz hier eingezogen. Er war der Sohn des Hausbesitzers, dem auch das Nachbarhaus, in dem ebenfalls mehrere Parteien wohnten, gehörte und der dort wohnte. Es waren reiche Juden, der Vater besaß ein großes Konfektionsgeschäft in der Stadt. Sein Sohn Jakoov war Rechtsanwalt oder Referendar, das wusste Michael nicht so genau. Man kannte sich noch nicht so gut.

Die beiden grüßten einander sehr artig und gingen ihrer Wege.

   Michael sinnierte ein bisschen auf dem Weg zur Arbeit, das Hauptpostamt lag nur etwa fünf Minuten von seiner Wohnung in der Metzelstraße entfernt. Jaja, diese Juden, dachte er, haben Geld wie Heu, es klebt sozusagen an ihnen.

Michael hatte eigentlich nichts gegen sie. Er wohnte sogar im Judenviertel der Stadt. In seiner Straße wohnten viele und eine Querstraße weiter auf dem Zuckerberg lag die Synagoge. Trotzdem hegte er eine leichte Abneigung gegen sie. Das war aber nicht böse gemeint und ging auch nicht sehr tief. Als guter Katholik schaute er schon deshalb auf sie herab, hatten sie doch unseren Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen. Das jedenfalls sagten die Kirche und die Priester. Michael war kein ledernder Theologe, das Thema interessierte ihn nicht sonderlich, er fühlte sich als guter und linientreuer Katholik. An theologischen Spitzfindigkeiten war er nicht interessiert. Als guter Katholik wählte er das Zentrum und war Mitglied in der Marianischen Bürgersolidarität. Dort hatten allerdings die Juden nichts zu suchen.

   Diese Silbersteins waren trotz ihres Reichtums anscheinend recht nette Leute, und dass sie Juden waren, merkte man kaum. Anna hatte sogar mit Frau Silberstein schon einige Worte gewechselt und sie schienen ganz in Ordnung. Natürlich standen sie auf der bürgerlichen Stufe höher als sie, Michael war Postbote und Anna Schneiderin. Aber Michael war fest entschlossen, gesellschaftlich aufzusteigen und Anna nahm ob ihrer Intelligenz die Sympathien ihrer Nachbarin ein. Anna sprach ein fehlerfreies Hochdeutsch und konnte sich gut ausdrücken. Sie fühlte sich als Städterin, war hier geboren und die Tochter eines königlich preußischen Postillion.

   Michael erreichte das Hauptpostamt und ging an seinen Arbeitsplatz. Er war hier gut gelitten, galt als angenehmer und ausgezeichneter Kollege, wurde von seinen Vorgesetzten ob seines Fleißes, seiner Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit hoch geschätzt. Es war ihnen auch schon aufgefallen, dass er sich schriftlich und mündlich sehr gut ausdrücken konnte. Sie gaben ihm zu verstehen, dass sie ihn für höhere Aufgaben durchaus geeignet hielten.

   Diese Fähigkeiten, obschon er nur ein einfacher Bierbrauer war, fielen vor Jahren dem Spieß seines Regimentes auf, in dem er gedient hatte. Dieser nahm ihn auf das Geschäftszimmer und machte ihn auf seine Fähigkeiten aufmerksam. Gerne hätten sein Hauptmann und der Spieß ihn beim Regiment behalten, Michael stellte ob seiner stattlichen Statur etwas dar, war der Flügelmann der Kompanie und bei allen gut gelitten. Er war gerne Soldat und ein ausgezeichneter dazu. Wenn sich Michael auch beim Militär wohlfühlte, als guter Deutscher musste er gedient haben, er wollte aufsteigen. Und so liebte er es doch nicht so sehr, um dort zu bleiben. Der Spieß gab ihm aber den Tipp, sich nach der Dienstzeit bei einer Behörde zu bewerben und schlug ihm den Postdienst vor. Dort wurden Briefträger gesucht und er hatte die Chance, beruflich aufzusteigen, wenn er ehrgeizig und fleißig war. Michael nahm diese Gelegenheit wahr und bewarb sich zum Ende seiner Militärzeit. Aufgrund der hervorragenden Dienstzeugnisse, dass ihm sein Kompaniechef ausstellte, wurde er sofort angenommen. Jetzt versah er seit vier Jahren diesen Dienst und seine Vorgesetzten hielten ihm alle Aufstiegsoptionen offen. Da er aber ein ausgezeichneter Arbeiter war, wollte ihn sein Chef nicht so schnell verlieren und vertröstete ihn immer wieder, um ihn so lange wie möglich halten zu können.

    Nachdem Michael seine Posttasche sortiert hatte, schwatzte er noch etwas mit einem Kollegen, mit dem er zusammen im Postmännerchor war und zog dann los. Unterwegs kam er ins Grübeln, der Hauptmann von Köpenick beschäftigte ihn immer noch und was er mit Anna geredet hatte. Dieser komische Hauptmann untergräbt die Säulen der Gesellschaft, ging es ihm durch den Kopf, ein vaterlandsloser Geselle, der seinen Platz nicht kennt. Ich kenne den meinen und werde ihn ausbauen. Der Staat und seine Grundsätze sind mir heilig. Ich habe in den letzten Jahren viel erreicht und das ist noch nicht das Ende. Ich komme doch aus ganz kleinen bäuerlichen Verhältnissen, meine Eltern waren gottesfürchtig und streng katholisch, mein Vater hart und unbarmherzig. Aber große Rosinen im Kopf hatten sie nicht. Bauer sollte ich werden, obwohl der Lehrer in der Schule meinen Eltern sagte, ich habe einen guten Kopf zum Studieren. Undenkbar für meinen Vater, ein Studierter in der Familie, das ging über seinen Horizont, außerdem waren wir viel zu arm, um es bezahlten zu können.

Nach vielen Hin und Her und einiger Tracht Prügel erreichte ich immerhin, nicht Bauer werden zu müssen, sondern eine Lehre bei der Unionsbrauerei als Küfer machen zu dürfen. Eigentlich bin ich handwerklich eine Niete, aber mein Fleiß und die Gewissenhaftigkeit meiner Arbeit verdeckten dieses Defizit. Natürlich hätte ich viel lieber eine kaufmännische Lehre gemacht, aber Vater lehnte das entschieden ab. Sein Wort war Gesetz für uns.

Wie erging es meinem jüngeren Bruder Johann? Er war sehr musikalisch und was musste er werden? Bauer! Obwohl er noch mehr zwei linke Hände hat wie ich. Immerhin erbarmte sich der Organist unserer Kirche und brachte ihm das Notenlesen und Orgelspielen bei. Jetzt ist er Aushilfsorganist und macht das lieber als die Landwirtschaft.

   Michael verteilte einige Briefe und redete mit den Leuten, die ihn gerne mochten. Sie schätzten seine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Zuverlässigkeit. Zwar flößte er in der Uniform den Leuten Respekt ein und das gerade war es, was seine Ausstrahlung ausmachte, die imposante Gestalt und der freundliche Charakter.

   Ich habe es richtig gemacht, auf den Spieß zu hören. Und mit Anna habe ich eine gute Frau gefunden, mit ihr kann man ein Leben aufbauen. Nur ihre Ideen zur Kindererziehung passen mir nicht. Das sind die Stadtleute mit ihren Idees. Aber hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Von den Kindern verlange ich das, was der Staat auch von mir verlangt, Gehorsam und Disziplin. Ich werde wie mein Vater sein, streng und unerbittlich, keinen Widerspruch duldend. Ein Kind hat keinen eigenen Willen zu haben, es muss das tun, was die Eltern von ihm verlangen. Das werde ich meinen Kindern einbläuen und wenn es sein muss auch einprügeln. Außerdem Respekt vor meiner Person. Das werde ich von ihnen und meinem Umfeld einfordern. Trotz meiner an sich großen Gutmütigkeit bin ich ein harter Mann. Es verhindert, im Leben für dumm verkauft zu werden. Gutheit wird immer als Schwäche ausgelegt. Was ich erreicht habe, lasse ich mir nicht mehr nehmen, von niemandem. Wir haben eine schöne Dreizimmerwohnung, die Anna tipp topp hält. Natürlich verdiene ich als Briefträger nicht die Welt, als Bierbrauer hätte ich mehr verdient. Aber ich denke an die Zukunft. Mit tausendfünfhundert Mark im Jahr muss man haushalten, und das kann meine Anna. Als Schneiderin verdient sie noch etwas dazu, sodass wir gut über die Runden kommen. Große Sprünge sind nicht drin, es reicht für ein bescheidenes Glück. 

 

2.:

 

Albert arbeitete den ganzen Nachmittag in Graf Galens Studierzimmer an den Bücherregalen. Dieses Zimmer war recht groß, die Regale gingen bis zur Decke und waren mit Büchern bestückt. Albert liebte Bücher und schaute ab und zu in eines hinein, wenn er eine kleine Pause machte. In der Mitte des Raumes stand ein großer Schreibtisch nebst Stühlen. An einer Wandseite sah man ein Sofa mit einem kleinen Tisch und zwei schönen Sesseln. Das gab dem Raum eine gewisse Gemütlichkeit und nahm ihm die Strenge. Neben dem Sofa korrespondierte ein großer Ofen, der den Raum im Winter schön heizte. Der Boden war mit Teppichen ausgelegt. Auf dem kleinen Tisch gruppierten sich ein großer Aschenbecher und eine Zigarrentasche, der Graf rauchte leidenschaftlich gerne. Auf einer kleiner Kredenze daneben fand sich eine Karaffe mit Cognac nebst einiger Flaschen Weins und Gläsern.

    Nach dem Abendessen und der Abendandacht ging Albert wieder in das Studierzimmer, um seine Arbeit zu vollenden. Er war ein sehr gewissenhafter Arbeiter, der nichts unverrichtet hinterließ. Er hasste es, halbe Sachen zu machen und war Ästhet der Perfektion. Seine Arbeitgeber und Graf Galen schätzten seine hervorragende Schreinerarbeit und so hatte er immer genug zu tun. Mit den anderen Kolpingbrüdern hielt er nur losen Kontakt. Er hasste das Herumlungern in Kneipen und den Alkohol. Er ließ sich dort so gut wie nie sehen. Natürlich trank er auch gerne einmal ein Glas Wein oder Bier, aber immer sehr mäßig, ja fast schon spartanisch. Überhaupt lebte er sehr genügsam, war äußerst sparsam in allen Bereichen, bescheiden und bedürfnislos.

    Graf Galen betrat plötzlich den Raum und sah verwundert, dass er noch arbeitete.

   „Albert, immer noch an der Arbeit“, fragte er. „Das hat doch noch bis morgen Zeit.“

   „Ich lasse ungern eine Arbeit unvollendet zurück“, entgegnete dieser. „Aber ich bin jetzt fast fertig. Ich habe die Stützen verstärkt, jetzt kann nur ein Erdbeben die Regale umwerfen.“

   „Was bin ich dir schuldig, mein Freund“, meinte Galen.

   „Nichts“, entgegnete Albert ruhig.

   „Das geht so nicht Albert. Du hast den ganzen Nachmittag hier gearbeitet und verdienst einen Lohn.“

   „Ich möchte aber nichts haben“, behaarte dieser.“ Sie helfen mir immer bei meinen Studien und verlangen auch nichts dafür. Die Arbeit ist meine Gegenleistung.“

   Galen lächelte, er konnte Albert wirklich sehr gut leiden. „Dann setz dich wenigsten hier auf das Sofa und wir unterhalten uns ein bisschen bei einem guten Tropfen. Ich unterhalte mich gerne mit dir. Du bist ein wirklich intelligenter Mensch, es ist ein Jammer, dass du nicht studieren konntest.“

Galen schenkte Albert und sich ein Glas guten Moselweins ein, für den er eine besondere Vorliebe hatte. Dann nahm er eine Zigarre und begann umständlich, sie anzuzünden und zu rauchen. Genüsslich blies er den Rauch in die Luft.

Albert lächelte und trank einen Schluck Wein, nachdem er sich bedankt und mit dem Grafen angestoßen hatte.

   „Ich wäre gerne Lehrer geworden, aber das war in meiner Familie nicht möglich. Ich komme aus einem kleinen Nest in Schlesien. Mein Vater war ein harter Mann, wir wurden sehr streng erzogen. Widerspruch duldete er nicht und Prügel gab es reichlich, mehr als zu essen. Wir waren sechs Geschwister, als 1893 mein Vater starb und zu dieser Zeit war die Mutter auch schon krank. Unsere kleine Landwirtschaft war hoch verschuldet. Der Vater war nämlich Handelsjuden in die Hände gefallen, die Geld zu Wucherzinsen verliehen. So kam er aus den Schulden nicht heraus.“

   Galen nickte und meinte. “ Es war eine arme und schlimme Zeit. Diese Juden haben viele ins Unglück gebracht.“

   Albert lächelte und meinte: „Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Sie sind ein guter Mensch und schauen nicht herablassend auf uns arme Leute. Aber sie tragen einen feinen Rock und kennen die Armut nicht wirklich. Und diese Handelsjuden sind Halsabschneider, außerdem haben die Juden unseren Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen.“

Galen nickte zustimmend und Albert fuhr fort.

   „Nach dem Tod des Vaters musste die Mutter verkaufen und nach Abzug der Schulden blieb nicht mehr viel übrig. Die Mutter musste sich mit Tagelöhnerarbeiten durchschlagen, um uns Kinder durchbringen zu können. Der Tageslohn betrug sechzig Pfennig im Sommer und vierzig Pfennig im Winter. Es war eine sehr schwere Zeit für sie. Schlesien ist ein armes Land, jedenfalls für uns kleine Leute, nicht für die Großgrundbesitzer und großbürgerlichen Agnaten. Ich erlebte nur Krankheit, Not und Hunger. So mussten wir Kinder schon sehr früh mitarbeiten, um etwas zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Die Mutter bemühte sich, uns schnell in Stellungen zu bringen.

Meine älteste Schwester Maria musste schon frühzeitig als Bauernmagd in Dienst gehen. In einem sehr strengen Winter zog sie sich eine Krankheit zu, an der sie im Alter von 21 Jahren verstarb.

Meine zweitälteste Schwester Emilie kam schon als Kind zur Großmutter nach Altenwalde und wurde dort erzogen. Es war ihr Glück, denn so entging sie der Not und lebt heute noch. 

Meine jüngste Schwester Maria starb im Alter von zwei Jahren.

Mein Bruder Josef erlernte das Schusterhandwerk. Er war aber schon als Kind viel krank und starb früh.

Mein Bruder Johann wurde Knecht bei einem Bauern. Eines Tages bekam er Leibschmerzen, die nicht weggehen wollten. Der Arzt kuriere auf Rheuma. Als er die Schmerzen nicht mehr ertragen konnte, zog man einen anderen Arzt hinzu und der stellte eine Blinddarmentzündung fest. Er sollte sofort operiert werden, aber es war schon zu spät. Wenige Tage später starb er.

Ich besuchte bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr die Volksschule. Ich hatte einen guten Kopf zum Lernen und es machte mir auch Freude. Mein Wunsch war es, Lehrer zu werden, ich las gerne und viel. Alles, was mir in die Hände kam, wurde gelesen.

Politik interessiert mich nicht sonderlich. Ich bin konservativ katholisch eingestellt wie meine Eltern und hasse die Sozis als gottlose und vaterlandslose Gesellen Von frühester Jugend an hänge ich an dem Glauben und unserer heiligen katholischen Kirche. Sie gaben mir Halt und Stütze in den vergangenen schweren Jahren.“

   Galen nickte wieder zustimmend und meinte, von den Sozialisten und Kommunisten sei nichts Gutes zu erwarten.

    „Es sind Blender und sie verblenden die Welt. Allerdings sind unsere herrschenden Verhältnisse auch nicht in Ordnung, sie treiben die Arbeiterschaft in die Hände der Sozialdemokratien.“

   Albert nickte. „Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser. Es gibt keinen christlichen Sozialismus und kein sozialistisches Christentum. Der Sozialismus ist eine gottlose christentumsfeindliche Ideologie, weitverbreitet. Ihr Schöpfer, Karl Marx war ein großer Irrlehrer. Er irrte sich, wenn er glaubte, er könnte dadurch der Welt den Frieden bringen. Seine Lehre fällt deshalb auf fruchtbaren Boden, weil er die Volksregierung verkündet im Gegensatz zu den Fürsten. Die Fürsten betrachten sich als die Herren im Land und haben keine wirkliche Verbindung zum Volk mehr. Sie leben herrlich und in Freuden.

Die Fürsten leben in unvorstellbarem Luxus und das arme Volk hungert. Aber Marx irrt, wenn er glaubt, er könnte mit seiner Lehre der Welt den Frieden bringen. Er schüttet das Kind mit dem Bade aus, er lehrt den gottlosen Sozialismus.“

   Galen stand auf und ging im Raum hin und her. Er wusste, dass Albert recht hatte, die Kirche verlor die Arbeiterschaft dadurch, dass sie sich auf die Seite der Reichen stellte. Schon Bischof von Ketteler hatte davor gewarnt. Zwar veröffentlichte vor kurzem Papst Leo eine Sozialenzyklika, aber in den Augen Galens kam das zu spät. Ein großer Teil der Arbeiterschaft war an die SPD verloren gegangen. Obwohl er ein Angehöriger der herrschenden Adelsklasse war, sah er sehr deutlich, dass die derzeitigen politischen Verhältnisse auf Dauer nicht tragbar waren. Er dachte und fühlte traditionell konservativ, aber er sah auch die Schwachstellen dieses Konservatismus. Aber mit den erzkonservativen Kreisen in Deutschland war darüber nicht zu reden.

   Galen war nicht der Mensch, der mit einer Meinung hinter den Berg hielt. Er war direkt bis schon manchmal zur Unhöflichkeit. Bei seinen adeligen Standesgenossen hatte er sich daher schon mehrmals den Mund verbrannt. Er versuchte mit dem Kolpingverein ein Gegengewicht zu den Sozis herzustellen, damit nicht die ganze Arbeiterschaft für die Kirche verloren ging. Er wusste, dass gerade die Handwerksburschen ganz arme Kerle waren, die ein armseliges Leben führten. Er versuchte zu helfen, wo er konnte, und unterstützte die armen Burschen aus seiner eigenen Privatschatulle. Für Galen war Bildung der erste Stein zum gesellschaftlichen Aufstieg. So lag es ihm besonders am Herzen, den einfachen Handwerksburschen die Bildung beizubringen, die ihnen Gesellschaft verweigerte. Er organisierte Vorträge und Bildungsabende, Lesezirkel und zusätzlichen Unterricht in Lesen und Schreiben. Nicht alle Burschen nahmen das breite Angebot in Anspruch, aber Albert gehörte zu denen, die sehr eifrig die Chance wahrnahmen.  

   Albert schwieg respektvoll und wartete, bis der Graf sich wieder gesetzt hatte. Beide nahmen einen guten Schluck Wein. Daraufhin ermunterte der Graf unseren Freund, weiterzusprechen.

   „Lehrer konnte ich nicht werden, dazu fehlte das Geld. In dieser Zeit konnten sich nur die Reichen eine bessere Bildung leisten. So wurde ich 1902 in eine Schreinerlehre gesteckt. Es war eine armselige Zeit. Zu verdienen gab es nichts, denn meine Mutter musste Lehrgeld an den Lehrherrn zahlen, das war so üblich. Ich wurde gnadenlos ausgebeutet, Hunger und Schläge waren an der Tagesordnung. Meine Lehrzeit dauerte vier Jahre, im letzten Jahr ließ ich mir die Behandlung nicht mehr gefallen und drohte dem Meister Schläge an, sollte er noch einmal versuchen, sich an mir zu vergreifen. Als er das nicht begriff, schlug ich ihm auf die Ohren und drohte, zur Polizei zu gehen. Jetzt bekam er es mit der Angst zu tun und von da an ließ er mich bis zum Ende der Lehrzeit in Ruhe.

Die Armut und das karge Leben prägten mich. Ich wurde sehr genügsam, bin mit allem zufrieden, will keinen Aufwand und Luxus.“ 

Hier nickte Galen zustimmend und bat Albert, fortzufahren.

   „Im letzten Lehrjahr, so um 1905 herum, trat ich dem Kolpinggesellenverein bei. Mein Ziel war es, am Ende der Lehrzeit auf Wanderschaft zu gehen. Ich wollte auf keinen Fall in Schlesien bleiben, hier gab es nichts zu verdienen. Ich wollte im Deutschen Reich herumwandern, viel sehen und viel lernen. Wenn auch der Meister ein Lump gewesen war, als Schreiner war er erstklassig und ich lernte viel bei ihm.

Durch meine Mitgliedschaft im Kolping würde ich in jeder größeren Stadt eine Unterkunft finden. Zudem förderte der Kolping die Bildung der Handwerksgesellen. Er sollte mir die Familie ersetzen, nicht umsonst nannte man ihn Kolpingfamilie.

Vom Militärdienst wurde ich befreit, da schon fast alle meine Geschwister gestorben waren. Ich hatte nichts dagegen, denn der Komiß ist nicht meine Sache. Als meine Lehrzeit 1906 um war, packte ich meine Habseligkeiten, verabschiedete ich mich von meiner Mutter und ging auf Wanderschaft.

So wanderte ich durch unser schönes Vaterland, sah viele Städte des Deutschen Reiches. Ich wohnte stets im Kolpingheim und verrichtete alle Schreiner- und Zimmermannarbeiten, die mir angeboten wurden. Ich lernte dabei sehr viel.“

Hier nickte Galen wieder zustimmend, er hatte gerade eine Kostprobe von Alberts guter Schreinerarbeit erhalten.

   „Nun Albert und was hat dir das alles bisher gebracht?“

   Dieser schmunzelte und meinte. „Zu meiner Familie habe ich so gut wie keinen Kontakt mehr. Mutter schrieb ich einige Male und in ganz großen Abständen meiner Schwester Emilie. Ich stehe alleine auf der Welt und nur auf mich selbst gestellt. In den Jahren der Wanderschaft lernte ich, auf mich selbst gestellt durchzukommen und sich durchzuschlagen. Ich wurde hart und unbeugsam, man sagt den Schlesiern nicht umsonst dicke Schädel nach. Meiner wurde besonders dick. Ich lasse mir nichts mehr gefallen, und wenn ich angegriffen werde, kann ich auch wirkungsvoll zurückschlagen. Ich bin ein armer Schreiner, aber keiner sollte versuchen, mit mir den Dummen zu machen. Da ist er bei mir an der falschen Adresse. Wenn ich eine Meinung fasse, bleibe ich dabei. Mein Schädel ist so hart, dass man neben mir eine Bombe entzünden könnte, ohne dass ich weiche.“

   Galen nickte verständnisvoll. Er entstammte dem Münsterland und dort sind die Schädel bekanntlich auch recht hart und unbeugsam. Er wusste, dass dieser Albert mit der Einstellung gut durchs Leben kommen würde. Viel sagen würde er sich nicht lassen und eigentlich war Galen für Obrigkeit und Gehorsam. Bei Albert entschuldigte er dessen Einstellung, denn er gehorchte der Kirche und war ihr treuer Diener. Zum preußischen Staat hatte Galen wie alle Katholiken ein zwiespältiges Verhältnis, er mochte diesen protestantischen Staat und seine Vertreter nicht, nannte dieses ein Staatsgottestum, andererseits hielt er an den standesrechtlichen Obrigkeitsverhältnissen fest.  

   Albert fuhr fort. „Heute las ich in der Zeitung die Begnadigung dieses Hauptmanns von Köpenick und musste herzhaft lachen, obwohl das nicht zum Lachen ist. 1906 stellte dieser das Militär bloß und ist jetzt vom Kaiser begnadigt worden. Ja, ja, unser Kaiser und sein Militär. Dieser Schuster legte den ganzen Wahnsinn dieses Systems blank, eine Warnung, die sehr bald Realität werden kann. Was da geschah, sind die Vorboten des Unheils, das auf uns zukommt. Manch einer, der jetzt noch darüber lacht, wird sich später wundern, dass er noch lebt. Ich bin nur ein einfacher Handwerksgeselle, stehe gesellschaftlich ziemlich weit unten, direkt neben der Arbeiterschaft. Ich verabscheute deren sozialdemokratische Ambitionen, teilte aber ihre Meinung hinsichtlich der bürgerlichen Gesellschaft. Diese fetten Bürgerlichen gehen mir gewaltig auf die Nerven, ihr Reichtum ist Betrug am einfachen Volk. Jesus sagte nicht umsonst, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als ein Reicher ins Himmelreich gelangte.“

   „Du bist ja ein Anarchist Albert, ich sagte es bereits“, schmunzelte Galen. „Was ist, wenn es einen Krieg gibt und das Vaterland in Gefahr ist. Was wirst du dann tun?“

   „Als Kanonenfutter zu den Waffen eilen wie alle anderen auch. Ich bin anders als die Sozis kein vaterlandsloser Geselle. Und ich liebe meine Heimat auch und werde sie verteidigen, auch wenn ich den Sinn des Krieges nicht einsehe. Vielleicht bin ich ein Pazifist.“

   Galen teilte in diesem Punkt nicht dessen Meinung. Als Sohn eines preußischen Offiziers konnte er das auch nicht. Er liebte wie sein Kaiser das Militär und war stolz darauf. Er würde die Kanonen segnen, die den Soldaten den Tod brachten. Als Kirchenmann hatte er wie fast alle Geistlichen, ob katholisch oder evangelisch, keinerlei Skrupel dazu.

Aber er wollte in das Gespräch keine Schärfe hineinbringen und meinte daher begütigend.

   „Da fällt mir noch ein Albert. Morgen Abend haben wir hier einen sehr interessanten Vortrag über Kernenergie. Den solltest du dir unbedingt anhören.“

 

3.:

 

Nach der Begegnung mit Michael kehrte Jaakov Silberstein in seine Wohnung zurück. Er setzte sich in seinem Speisezimmer an den Tisch und schlug die Zeitung auf. Rachel, seine Frau kam zu ihm und gab ihm einen Begrüßungskuss. Sie waren nun ein Jahr verheiratet und immer noch sehr ineinander verliebt.

   „Das Essen dauert noch einen Moment, mein Schatz“, sagte sie und verschwand in die Küche. Jaakov sah seiner schönen Frau nach. Seit der Geburt des ersten Kindes war sie noch schöner geworden, er liebte sie sehr. Sie hatte pechschwarzes langes Haar, ein schmales Gesicht mit eindringlichen Augen und eine aufreizende Figur. Sie war nach der neusten Berliner Mode gekleidet, schick und elegant, aber nicht aufdringlich. 

   Jaakov war ein gut aussehender mittelgroßer Mann, sehr schlank, allerdings duldete er keinen Bart in seinem sympathischen intelligenten Gesicht und das war eine Ausnahme in dieser Zeit. Er trug einen einfachen bürgerlichen Anzug und jeder erkannte sofort den Advokaten in ihm. Er war achtundzwanzig, seine Rachel vierundzwanzig.

   Er schlug die Zeitung auf und sein Blick fiel auf den Artikel über den Hauptmann von Köpenick. Eine merkwürdige Geschichte, dachte er, typisch für unser Land. Papa verehrt den Kaiser und ist stolz auf dieses Deutschland. Er nahm am Krieg 70/71 als Feldwebel teil und erhielt das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse (EKII) für besondere Tapferkeit. Er ist stolz darauf und trägt es immer am Sedanstag.“

   Jaakov zündete sich eine Zigarette an und ging im Zimmer auf und ab. Haben wir Juden überhaupt ein Vaterland, sinnierte er, natürlich, das hier ist unseres. Ich bin Oberleutnant der Reserve, und wenn dereinst ein Krieg ausbricht, werde ich für dieses Vaterland kämpfen. Eigentlich sind wir Silbersteins keine Juden mehr, wir halten nur notdürftig die Gebote und nur unser unsympathischer Name erinnert an unsere Zugehörigkeit. Ich habe mein Abitur an dem renommierten Friedrich-Wilhelm-Gymnasium gemacht.

   Er drückte die Zigarette aus, Rachel und das Hausmädchen kamen mit dem Essen. Im Gegensatz zu Michael nannten Silbersteins eine fünf-Zimmer-Wohnung ihr Eigen, mit Hauspersonal und allem großbürgerlichen Drumherum. Eigentlich sah er etwas herabblickend auf ihre neuen Nachbarn, kleinbürgerliche Leute aber sie hatten so etwas. Michael flößte ihm Respekt ein und Anna gefiel ihm ebenfalls, sie strahlten Autorität aus.

   „Ich begegnete im Treppenhaus Herrn Trotz auf dem Weg zum Dienst“, sagte er zu Rachel.

   „Nette Leute“, entgegnete Rachel, „die Frau ist nicht dumm. Für ihren Stand recht gebildet. Respektable Leute, Vater hatte einen guten Griff, sie hier einziehen zu lassen.“

   „Außerdem haben sie keine Vorurteile gegen uns Juden“, meinte Jaakov, „sonst wäre sie nicht ins Judenviertel gezogen.“

   „Aber wir sind doch keine reinrassigen Juden mehr“, lachte Rachel, “schau dich nur an. Die Religion spielt in deiner und meiner Familie keine Rolle mehr. Dein Vater ist ein reicher Mann, dein älterer Bruder wird einmal das Geschäft erben und du bist ein aufstrebender Rechtsanwalt mit einem Doktortitel. Wir gehen nicht in die Synagoge und viele unserer Bekannten und Freunde sind Nichtjuden.“

   „Familie Trotz hingegen ist sehr religiös“, murmelte Jaakov, “ sie gehen jeden Sonntag in die Kirche. Aber er ist auch konservativ eingestellt, liebt den Kaiser und das preußische System, das sieht man ihm an.“

   „Und du“, fragte Rachel. „Was bist du?“

   „Ein wenig anders wie er, und das ich auf der bürgerlichen Stufe höher stehe. Ich denke auch konservativ mit einem Einschlag von Liberalität und bin stolz auf unser Land. Mit dem Kaiser habe ich es nicht so, er ist mir etwas zu aufgeblasen. Ich bin in erster Linie Deutscher und dann erst Jude. Allerdings wünschte ich mir als Bürgerlicher mehr Einflussmöglichkeiten in Staat und Gesellschaft. Dass bei uns der Adel und das Militär den Ton angeben, gefällt mir nicht. Vielleicht sympathisiere ich etwas mit den Ideen von Karl Marx. Die Arbeiterfrage scheint mir wichtig und ich sehe darin Sprengstoff für die Zukunft.“

Sie aßen einen Augenblick schweigend weiter.

   „Diese Köpenick Geschichte gefällt mir nicht“, begann er wieder, “ ich bin auch für Gehorsam, aber nicht um jeden Preis. Wohin soll das führen. Das Militär hat bei uns sowieso zu viel zu sagen. Dabei ist die politische Lage nicht so rosig, wie das auf den ersten Augenblick aussieht. Wir sind von Bündnissen umzingelt und ein Krieg scheint auf längere Sicht nicht ausgeschlossen. In England und Frankreich bestimmt die Politik die Richtung, bei uns ist das umgekehrt, die Politik überlässt das Primat dem Militär. Das beste Beispiel ist das Flottenprogramm. Weil dieser verrückte Tirpitz den Kaiser beeinflusst, haben wir England als Bündnispartner verloren. Das wird einmal fatale Folgen haben.

Militärs sind immer für den Krieg und sie kennen nur Befehl und Gehorsam. Darauf ist ihr System aufgebaut, aber blinder Gehorsam führt in die Katastrophe. Und dieser Hauptmann hat uns doch gezeigt, wie schwach und brüchig das System letztendlich ist. Alles auf blinden Gehorsam aufbauen, wie die Lemminge einem Führer nachlaufen und in den Untergang.“

   „Übertreibst du nicht ein bisschen Jaakov“, schmunzelte Rachel, „ es war ein Schelmenstreich sonst nichts.“

   „Bei uns haben der Adel und das Militär das Sagen. Aber rings um uns herum verändern sich die Gesellschaften. Wir leben nicht mehr wie zu Bismarcks Zeiten. Er konnte Kriege beginnen und beenden, ohne dass viel Schaden angerichtet wurde. Er hatte klare Ziele und wusste, was er wollte. Unsere heutigen Regierenden haben das nicht. Sie wollen erhalten und nichts verändern. Aber die Gesellschaft verändert sich, auch bei uns. Hoffentlich werden wir nicht einmal in einen Strudel hineingezogen, der uns böse zu schaffen machen kann.“

   „Jaakov, Jaakov, du und die Politik“, lächelte Rachel, „sage das nicht Vater, er wird dich streng rügen.“

   „Er würde mir am liebsten eine Tracht Prügel versetzten, wenn er das noch könnte“, lachte Jaakov, „Kinder haben nicht gegen die geheiligte Ordnung zu stehen. Wir wurden im Obrigkeitssinne erzogen, er duldete keinen Widerspruch. Wer nicht gehorchte, wurde ordentlich durchgeprügelt, mein Bruder und ich bekamen einige Kostproben davon.“

   „Und du?“, fragte Rachel, „wirst du deine Kinder auch so durchprügeln, sollten sie anderer Meinung sein als du?“

   „Nein“, entgegnete er mit Bestimmtheit“, das werde ich nicht tun. Ich denke nicht wie Vater und seine Generation. Wie ich schon sagte, ich bin auch für Autorität und Gehorsam, aber alles mit Maß und Ziel. Im Studium kam ich mit den Ideen von Karl Marx und Engels in Berührung und war in einem Kreis liberaler Studenten. Ich glaube nicht, dass Prügel einen Menschen besser macht und ein Kind schon gar nicht. Spricht nicht dieser Sigmund Freud von frühkindlichen Traumen. Was für eine Gesellschaft ist das, in der die Kinder schon früh durchgeprügelt werden, was wird aus ihnen?“

   „Liebe und Geborgenheit gepaart mit Verständnis sind wichtiger als Prügel und blinder Gehorsam, “ pflichtete Rachel ihm bei“, und außerdem bin ich dafür, das wir Frauen das Wahlrecht bekommen. Darin bin ich mit Frau Trotz von unter uns einig, sie sieht das auch so.“

   „Jaja, ihr Frauen“, schmunzelte Jaakov“, da seid ihr euch einig. Aber Unrecht habt ihr nicht. Warum sollten Frauen nicht das Wahlrecht bekommen, wenn sie schon studieren dürfen oder als Lehrerinnen und Erzieherinnen tätig sind. Aber in unserer derzeitigen Gesellschaft werdet ihr lange darauf warten müssen. Oder glaubst du wirklich, dass diese aristokratischen preußischen Eisenfresser euch das gewähren würden?“

   „Sicher nicht“, lachte Rachel, „willst du Kaffee und einen Cognac?“

   „Gerne lieber Schatz und eine Zigarette dazu“

Er umfasste sie und gab ihr einen Kuss.

 

 

Das Jahr 1913

 

1.:

 

Die Küche war blitzeblank. Kindergeschrei drang aus irgendeinem Zimmer der Wohnung.

Anna stürmte in die Küche und murmelte:

   „Es kocht, oh je, oh je.“ Dann lüftete sie den Deckel.

Michael blätterte seine Zeitung um und hieb sie mit der Hand glatt. Ein Geräusch, das stets anzeigt, wie sehr der Mensch doch Herr seiner Zeitung ist.

Die Schranktüre des Küchenschranks knarrte, als sie geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Teller klapperten und fanden erst Ruhe, als sie ihren Platz auf dem Tisch fanden. Besteck schepperte. Michael legte seine Zeitung zusammen und schaute auf die Uhr. Dann sah er Anna an.

   “Na, wie ist es? Es dauert heute ziemlich lange, bis wir zu Abend essen können.“

Anna stach mit einem Messer in die Kartoffeln und meinte lakonisch.

   “ Du bist heute zu früh vom Dienst erschienen.“

   Michael schlug seine Zeitung wieder auf und meinte nur. „Hm, hm.“

Er hatte einen ausgeprägten Ordnungssinn. Die Mahlzeiten mussten pünktlich erfolgen, er hasste Nachlässigkeiten. Das war gegen die heilige Ordnung.

Die Kinder stürmten in die Küche, der fünfjährige Peter als ältester der Kinderschar voran, ihm folgend die vierjährige Wilhelmine, genannt Minchen und der dreijährige Wolfgang, genannt Wolfi. Im Schlafzimmer der Eltern schlief der Jüngste der Schar, der gerade geborene Franz.

Anna setzte die Kinder auf ihre Stühle und ermahnte sie, brav zu sein. Michael schaute stirnrunzelnd auf die Unruhe neben sich und die Kinder verstummten langsam. Nur Minchen hampelte noch etwas herum. Michael war stolz auf seine gut geratenen Kinder, sowie er stolz auf seine Familie war.

   „Minchen hampele nicht so herum und sitz stille“, ermahnte er sie stirnrunzelnd.

Minchen schien das nicht zu stören und turnte weiter auf ihrem Stuhl herum. Michael stand wortlos auf, ging zu ihr hin und verabreichte ihr zwei kräftige Ohrfeigen, dass es nur so klatschte. Sie begann zu heulen und die anderen beiden schauten erschreckt und stumm auf ihre Teller.

   „Ich sage euch das nur einmal“, meinte Michael. „Danach bekommt ihr, was ihr verdient.“

Die Buben hatten das schon frühzeitig verstanden, nur Minchen tanzte immer wieder aus der Reihe. Sie war mit ihren vier Jahren ein aufgewecktes Mädchen, das eine sehr gute Auffassungsgabe besaß, allerdings auch ein recht ungezügeltes Temperament. Das hatte sie von Michael geerbt, der schnell aufbrausen, sich aber auch wieder genauso schnell beruhigen konnte.

Minchen hatte sich von dem Schreck erholt und trocknete ihre Tränen. Sie sah den Vater böse an.

   „Du bist böse“, meinte sie trotzig.

Die Buben erstarrten, Michael ebenso. Anna erwiderte schnell.

   „Minchen lass das, sei still und halte den Mund.“

Michael stand schweigend auf, ging zu Minchen und zerrte sie von ihrem Stuhle. Er schleifte sie auf seinen Platz, legte sie über sein Knie und begann, auf sie einzuschlagen. Anna stand stumm daneben, es hatte jetzt keinen Sinn, dazwischen zu fahren. Sie missbilligte auch Minchens Verhalten auf das Entschiedenste, aber mit dieser Prügelei war sie nicht einverstanden.

Michael schlug hart zu und Minchen heulte ab und zu auf, dann weinte sie ziemlich heftig. Blut floss aus ihrer Nase.

   Anna sah das und sagte jetzt resolut zu Michael. „Nun ist es genug, sie blutet aus der Nase, willst du sie umbringen?“

   „Sie muss lernen, gehorsam zu sein, alle Kinder müssen das.“

Er versetzte ihr noch einige Hiebe und ließ von ihr ab. Anna nahm sie bei der Hand und führte sie ins Kinderzimmer. Sie wischte ihr das Blut ab, zog ihr das Nachthemd an und legte sie in ihr Bett. Sie weinte leise und sah trotzig auf die andere Seite des Raumes, als Anna ihr einen Gutenacht-Kuss geben wollte.

Was soll man mit diesem Kind anfangen, dachte Anna, sie ist ein Trotzkopf und hat den harten Schädel ihres Vaters. Wolfi ist zwar ein kleiner Schreihals aber wie Peter gut zu lenken. Peter ist der ruhigste und ausgeglichenste der kleinen Schar. Ob sie das im naheliegenden Kindergarten bei den Schwestern im Böhmerklösterchen lernt. Mit Sicherheit nicht, die Schwestern sind lieb und achten auf Disziplin.

   Anna war keine zärtliche Mutter und achtete wie Michael bei der Erziehung auf Gehorsam und Disziplin. Wer nicht gehorchte, konnte schon einmal auch von ihr eins hinter die Löffel bekommen. Aber die harte Prügelei von Michael gefiel ihr nicht. Anna hatte noch zwei Schwestern und zu Hause war es auch streng zugegangen, aber geschlagen hatte der Vater sehr selten. Michael schlug bei der kleinsten Gelegenheit zu, sehr wahrscheinlich war es bei ihnen zuhause in dem kleinen Nest auch so zugegangen.

Die Bauern haben kein Feingefühl, sinnierte sie. Die schlagen direkt mit der Mistgabel zu.

Anna mochte das bäuerliche Leben nicht, sie fühlte sich als Städterin und war sehr stolz darauf. Ihr Vater war königlicher Postillion gewesen, stolz und sehr selbstbewusst. Die Mutter stand vor der Heirat in Dienst als Hausmädchen bei einer gräflichen Familie. In ihrem Elternhaus wurde sehr auf  Formen geachtet, man sprach hochdeutsch und das verlangte Anna auch von ihren Kindern. In diesem Punkt sah sie sich einig mit Michael, der ebenfalls ein einwandfreies Hochdeutsch sprach.

   Michael war ein guter Kerl, aber in puncto Kindererziehung unerbittlich. Dieses Thema sorgte für die ersten größeren Spannungen in der jungen Familie. Er verlange von seiner Frau und den Kindern absoluten Gehorsam. Die Kinder konnte er durchprügeln, Anna jedoch nicht. Sie war resolut, selbstbewusst und wusste sich ausgezeichnet zu wehren. Sie versuchte, ihren Michael auf etwas sanftere Bahnen zu lenken. Mit recht magerem Erfolg.

Er war von Hause aus zu patriarchalisch eingestellt, das konnte man aus dem Bauernschädel nicht mehr herausbekommen, so verstädtert er auch sonst inzwischen war.

   Sie überließ Mine ihrem Schmerz und Trotz und ging in die Küche zurück. Dort herrschte eisiges Schweigen. Die Buben senkten die Köpfe und aßen schweigend. Auch Michael sagte kein Wort.

Anna nahm die beiden Kinder an der Hand und führte sie ins Kinderzimmer. Sie ermahnte sie, nur recht brav zu sein und keinen weiteren Lärm mehr zu machen. Die Buben wuschen sich, zogen mit Annas Hilfe ihr Nachtzeug an und verschwanden ohne Murren ins Bett. Minchen war inzwischen eingeschlafen, ihre geschlagenen Wangen glühten.

Anna schaute noch einmal nach dem kleinen Franz und kehrte in die Küche zurück.

Michael hatte es sich auf dem kleinen Küchensofa bequem gemacht und rauchte eine Zigarre. Er sah in die Zeitung, las aber nicht. Er wusste, dass Anna mit dem Geschehenen nicht einverstanden war.

Diese begann abzuwaschen. Er hörte das Geräusch von klappernder, im Wasser versinkender, blubbernder Teller und Schüsseln.

   „Nun Anna“, sagte er plötzlich, „ was war heute Abend wieder hier los. Keine Disziplin, mein Vater hätte solch ein Verhalten bei uns Kindern nicht geduldet. Was Minchen da sagte, ist Meuterei. Wo kommen wir da hin, wenn wir solch ein Verhalten durchgehen lassen.“

   „Du hast ja recht“, sagte Anna, „aber musst du das Kind derart durchprügeln. Glaubst du, damit ihren Trotz zu brechen.

   „Mein Vater“, begann Michael wieder, wurde aber von Anna sofort unterbrochen. „Dein Vater war ein Bauer und drosch mit dem Dreschflegel auf euch Kinder. Ihr habt zu sechsen oder achten um den Tisch gesessen und aus einer Schüssel gegessen, während die Hühner unter dem Tisch herumliefen. Hier und heute ist das anders. Wir sind in der Stadt und da herrschen andere Regeln. Wir wohnen in einem gutbürgerlichen Haus. Was denken Silberseins unten von uns, wenn sie die Kinder schreien hören.“

   „Die schlagen auch ihre Kinder“, entgegnete Michael trotzig.

   „Das tun sie nicht“, erwiderte Anna. „Erst kürzlich sprach ich mit Frau Silberstein über das Thema. Ihr Mann schlägt die Kinder nicht und ist gegen Prügel in der Kindererziehung.“

   „Das können sich bessere Leute leisten, einen gewissen Liberalismus“, sagte Michael trotzig.

   „Wir sind auch keine Muschkoten oder Bauerntrottel. Du bist königlich preußischer Beamtenanwärter, steht kurz vor dem Aufstieg in eine gesicherte Beamtenkarriere. Außerdem bist du kein gefühlloser Mensch, aber ihr Männer mit eurer Ehre. Ich will nicht, das unsere Kinder zu hirnlosen Untertanen des Kaisers erzogen werden.“

   „Hast du das auch von dieser Silberstein." Wir sind eine christliche Familie und ich behandele meine Kinder in der christlichen Tradition meiner Familie. Diese Juden können sich ein Außenseitertum leisten, wir nicht.“

   „Was hat das Judentum mit der Erziehung zu tun“, fragte Anna“, Sie sind gute Deutsche wie wir auch. Er ist Rechtsanwalt und Oberleutnant der Reserve. Worin unterscheidet sich seine Bürgerlichkeit von der Unseren?“

   „Eben das es Juden sind, die sich immer abgegrenzt haben. Ihnen fehlen unsere christlichen Werte und daher können sie sich manches leisten, was wir nicht können. Außerdem sind sie steinreich.“

Michael zog erregt an seiner Zigarre.

   „Eine Frau hat zu gehorchen und keine eigene Meinung zu haben. Dein Platz ist in der Küche, der Kirche und bei den Kindern. Diese hast du im christlichen Geist zu erziehen nach den Prinzipien, die in Preußen Gültigkeit haben und nicht in Jerusalem. Unser Staat ist aufgebaut auf Befehl und Gehorsam, wie beim Militär. Wir alle haben zu gehorchen, und der Gehorsam beginnt in der kleinsten Zelle der Gesellschaft, in der Familie. Wir haben zu gehorchen und nicht zu fragen. Und das hast du unseren Kindern beizubringen, damit sie gute Untertanen des Kaisers werden und den Platz in der Gesellschaft einnehmen, der ihnen von Gott zugewiesen ist.“

Anna hielt einen Augenblick innen, dann meinte sie.

   “ Ich kenne meinen Platz und habe auch nichts dagegen. Ich kümmere mich gerne um die Kinder, die Küche und gehe gerne in die Kirche. Dein Vater hat deine Mutter noch durchgeprügelt, wenn sie nicht gehorchte. Aber das, lieber Michael, ist bei uns vorbei. Deine Mutter hatte keine eigene Meinung, ich habe sie schon und ich vertrete sie auch. Da lasse ich mir von dir nicht den Mund verbieten. Und solltest du mich einmal schlagen, verlasse ich sofort mit den Kindern die Wohnung.“

Michael merkte, dass Anna nun wirklich böse war. Auch wenn er ein harter Bauernschädel war, er liebte seine Frau und wollte sie nicht verlieren. Außerdem hatte er sich nach Trotzen Art schon wieder beruhigt.

   „Reg dich nicht auf, Anna, „meinte er begütigend, „natürlich werde ich dich nie schlagen. Wo denkst du hin.“   

   „Das will ich auch hoffen“, entgegnete sie nun etwas milder gestimmt. Michael stand auf und gab ihr einen Kuss. „Lassen wir es erst einmal dabei bewenden. Ich springe schnell zum Alex herüber und hole mir einen Krug Viez (Apfelwein) und wir machen uns einen gemütlichen Abend.“

Anna nickte.

   Als Michael nach kurzer Zeit von der winzig kleinen Kneipe ihrem Haus gegenüber zurückkehrte, saß sie schon im Wohnzimmer, einem mittelgroßen Raum. Als Tempel der Bürgerlichkeit war hier alle Anstrengung in der Einrichtung konzentriert worden. Ein längliches niederes Buffet stand an einer Wand, ein Esstisch mit den entsprechenden Stühlen, ein schön bezogenes Sofa mit einem kleinen Tisch davor und zwei Sesseln mit einer Stehlampe. Das Haus war seit einiger Zeit mit elektrischem Strom ausgestattet. Eine Nähmaschine stand am Fenster, das mit sehr schönen Gardinen ausgestattet war. Am Boden ein hübscher Teppich. Alles sehr sauber und mit viel Geschmack eingerichtet. An einer Wand hing ein Bild des Kaisers in großer Uniform mit Helm, daneben ein Bild, das einen schönen Sonnenblumenstrauß darstellte. An der anderen Wandseite tickte eine schöne Wanduhr. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine schöne Decke und in der Mitte ein schöner Blumenstrauß.

Michael stellte den kleinen Krug auf den Beitisch und schenkte sich ein Glas Viez ein. Dann setzte er sich auf das Sofa direkt unter seinem obersten Kriegsherrn und zündete sich eine Zigarre an. Genüsslich zog er daran und trank einen Schluck Viez dazu. Die Nähmaschine ratterte. Anna nähte alles für die ganze Familie, sie kleidete alle sehr gut ein. Sie nähte auch für andere Leute, Silbersteins unten zum Beispiel und alle lobten ihre ausgezeichnete Arbeit.

Sie ist eine gute Frau, dachte Michael, wenn auch etwas aufmüpfig. Aber da werde ich sie nicht mehr ändern können. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, eine bessere hätte ich nicht bekommen können.

Er ist ein guter Mann, trotz seines Temperaments und Dickkopfs, dachte Anna, meines ist auch nicht ohne. Und schlagen würde er mich nie, das weiß ich. Da ist er anders wie sein Vater. Einen besseren Mann als ihn hätte ich nicht bekommen können. Er sorgt für die Familie und treibt sich nicht in Kneipen herum, wie das bei vielen der Fall ist. Außerdem ist er ehrgeizig, er wird es noch zu etwas bringen.

Michael nahm den Paulinus, das Bistumsblatt der Diözese und begann, darin zu lesen. Die Nähmaschine ratterte fröhlich, der Zigarrenrauch stieg an die Decke und die Atmosphäre wurde friedlich und entspannt. Ein schönes Bild zum Ausklang des Tages.

   Am nächsten Morgen musste Michael früh zum Dienst. Anna wartete mit den Kindern, bis Michael fertig war und in seiner schmucken Postuniform von dannen zog. Danach machte sie die Kinder fertig und unter Führung von Peter wanderten sie in den nahe gelegenen Kindergarten. Solche Aufgaben konnte man dem fünfjährigen Jungen mit ruhigem Gewissen anvertrauen. Mine hatte sich wieder beruhigt und folgte willig ihrem Bruder. Anna ermahnte sie nochmals, recht brav zu sein. „Ob es viel helfen wird“, dachte Anna.

  Anschließend kümmerte sie sich um den kleinen Franz, danach räumte sie die Wohnung auf. Es klingelte und Annas jüngere Schwester trat ein. Anna hatte noch zwei Schwestern und bei der Namensgebung wendeten die Eltern ein einfaches Prinzip an: Die Älteste hieß Maria, die Mittlere unsere Anna und die Jüngste  Anna-Maria. So mussten sich die Eltern nicht viele Namen merken.

   Anna-Maria war noch unverheiratet und unterstützte ihre Schwester etwas im Haushalt. Anna nahm den Korb und machte sich auf ihre Einkaufstour. Alle Geschäfte, die sie täglich aufsuchte, lagen im Viertel und nicht weit von der Wohnung entfernt. Zudem lag die Metzelstraße ganz nahe am Stadtzentrum.

   Zuerst zum Bäcker Becker am Kirchenplatz, der sehr gutes Brot und Brötchen buk. Sie überquerte den Justizplatz, auf der rechten Seite lag das Verlagsgebäude der Trierischen Zeitung, ihm gegenüber das Justizgebäude. Das Schwarzbrot des Bäckers war stadtbekannt und er hütete das Rezept wie sein Augapfel. Anna schwatze etwas mit der Bäckersfrau und zog weiter. Sie hasste den Klatsch und bei all ihrer Freundlichkeit hielt sie immer auf eine gewisse Distanz.

    In dem kleinen Milchgeschäft Elis in der Johannisstraße kaufte sie etwas Käse, danach ging es weiter zum Metzger Weiland in der Nagelstraße. Dieser machte die besten Fleisch- und Wurstwaren der ganzen Stadt. In dem kleiner Laden war immer sehr viel Betrieb, viele Menschen kauften dort ob der guten Ware ein. Anna erstand etwas Wurst für das Abendbrot.

Sie musste genau rechnen. Michaels kleines Postgehalt reichte gerade so, ihr Zuverdienst sicherte der Familie ein ausreichendes Auskommen, bei dem auch noch etwas übrig blieb fürs Sparen und einige kleine Extras. Michael aß seit einiger Zeit in der Postkantine zu Mittag, sodass sie nicht mehr zweimal am Tage warm kochen musste. Das Abendessen gestern stellte eine Ausnahme dar. Anna war sehr erfinderisch im Ersinnen einfacher aber doch sehr schmackhafter Gerichte. Sie war eine exzellente Köchin, das hatte sie von ihrer Mutter gelernt, die darin große Meisterschaft besaß. Wer zum Sparen gezwungen ist, muss erfinderisch sein. Fleisch kam nur am Sonntag auf den Tisch, unter der Woche gab es fleischlose Gerichte, Eintöpfe, Kartoffelschnittchen mit einer schönen Bohnensuppe, Himmel und Erde mit Apfelmus, Waffeln mit einer Suppe, Mehlklösse mit Apfelmus, Fisch mit Kartoffeln und Gemüse.  Samstags den obligatorischen Eintopf.

    Das Gemüse bezogen sie saisonweise aus Michaels kleinem Garten, den er seit einiger Zeit gepachtet hatte. Es war sein Hobby und er liebte es sehr. Anna ließ ihm sein Spielzeug, besser als in Kneipen herumhängen. Der Garten hatte den Nachteil, dass man entweder überhaupt nichts oder alles auf einmal bekam, je nach Jahreszeit.

   Den Schluss ihrer Einkaufsrunde bildete stets der kleine Lebensmittelladen Efferts, das am Anfang der Metzelstraße in einem Eckhaus und nur einige Minuten von Annas Wohnung entfernt lag. Mit Frau Efferts schwatzte sie noch dies und das, kaufte das Notwendigsten für den Tag und kehrte gegen elf Uhr in die Wohnung zurück. Anna-Maria hatte schon mit den Vorbereitungen für das Mittagessen begonnen. Anna trug die Vorräte in die Speisekammer und nahm ihrer Schwester den Kochlöffel ab. Diese kümmerte sich jetzt um den kleinen Franz, wickelte ihn neu und schäkerte etwas mit ihm herum.

   Anna-Maria war ein hübsches Mädchen, Anfang zwanzig mit einem lieben Gesicht und guter Figur. Eine gute Köchin war sie nicht, aber sehr kinderlieb und kam mit Annas Sprösslingen bestens aus. Sie war Anna eine große Hilfe, sie entlastete sie im Haushalt, sodass sie genügend Zeit für die Schneiderei besaß. 

    Gegen zwölf Uhr kehrten die Kinder aus dem Kindergarten nach Hause zurück. Das Essen wurde aufgetragen. Vor dem Essen jedoch betete Anna mit ihnen, sie sprachen zusammen ein Tischgebet. Anna war sehr fromm, in ihrer Jugend gehörte sie mit ihrer älteren Schwester der Marianischen Kongregation an. Früh lehrte sie die Kinder das Beten. Morgens und abends betete sie mit ihnen. Sie ging regelmäßig mit Michael zur Sonntagsmesse, mitunter in der Woche alleine in die Abendmesse oder eine Andacht. Im Mai gestaltete sie im Wohnzimmer ein schönes Altärchen, auf das sie auch eine Statue des heiligen Antonius von Padua stellte, den sie sehr verehrte. Diese Statue war schon sehr lange in ihrer Familie und galt als sehr wertvoll. Wenn sie ein frisches Brot anschnitt, machte die zuerst ein Kreuzzeichen mit dem Messer. Es sollte ein Zeichen sein und Gott bitten, immer für das tägliche Brot zu sorgen.

    „Schwatzt nicht herum“, ermahnte sie die Kinder, “ bei Tisch wird nicht so viel geredet. Minchen sitzt gerade, Wolfi kaspere nicht herum.“

Die Kinder gehorchten ihr aufs Wort. Sie erzog sie im Geiste des Gehorsams gegen die Eltern, aber nicht mit rohen Mitteln wie Michael. „Ich komme aus einer zivilisierten Familie und um ein Kind zur Disziplin zu erziehen, muss ich es nicht durchprügeln.“

Nach dem Essen brachte Anna-Maria die Kinder ins Kinderzimmer zu einem kleinen Mittagsschläfchen. Der kleine Franz war bereits versorgt. Die Kleinen ließen sich gerne von ihr hinlegen und hörten begeistert zu, wenn sie ihnen ein kleines Lied vorsang. Anna-Maria besaß eine schöne Stimme. Schnell schliefen die Kleinen ein.

   Zwischenzeitlich hatte Anna in der Küche mit dem Abwasch begonnen. Heißes Wasser wurde auf dem großen Kohlenherd in einem großen Topf warmgemacht. Die Wohnung besaß kein Badezimmer, Samstag holte Anna eine große Wanne hervor und badete alle Kinder in der Küche. Danach wusch sich Michael und am Ende sie selbst. Die Wohnung besaß zwar kein Badezimmer aber eine Toilette. Das war schon ein großer Fortschritt. In vielen Häusern gab es das noch nicht, sondern Gemeinschaftstoiletten für mehrere Mietparteien, entweder auf dem Hof oder in einem Zwischengeschoss. 

Anna-Maria kehrte aus dem Kinderzimmer zurück und half nun Anna. Sie kehrte die Küche, während Anna das Geschirr wegräumte. Zusammen tranken sie danach eine Tasse Kaffee.

    „Ich muss später noch zu Silbersteins runter“, meinte Anna, „kannst du noch solange bleiben?

    „Klar“, erwiderte Anna-Maria, „Mutter braucht mich erst später“.

     Nach einer Stunde begann es sich im Kinderzimmer zu regen. Wolfi der kleine Schreihals protestierte lautstark wegen irgendetwas. Als Anna ins Zimmer eintrat, warf er sich gerade schreiend zu Boden. Anna hob ihn auf und gab ihm einen Klaps zwischen die Ohren.

    „Hör auf du Schreihals, es wird Zeit für den Kindergarten.“

Sie machte die Kinder fertig und kurze Zeit später zogen sie wieder los. Anna-Maria begann, einige Kindersachen zu flicken. Sie war wie ihre Schwester eine gute Näherin.

Anna packte einige Kleidungsstücke und schickte sich an, nach unten zu gehen. Ein klein wenig beklommen war ihr schon zumute wegen des Lärms von gestern Abend. Über ihnen wohnte ein älteres Ehepaar, die beide schwerhörig waren, aber Silbersteins sicher nicht. Gerade ihnen gegenüber wollte sie sich keine Blöße geben. Anna war nicht der Mensch, der vor unangenehmen Dingen zurückschreckte. Sie gab sich einen Ruck, nickte ihrer Schwester zu und verschwand.

   Anna klingelte an der Wohnungstüre und wurde von dem Hausmädchen in den Salon geführt. Rachel saß dort und schäkerte mit ihrem jüngsten Kind herum. Im Gegensatz zu Anna war sie eine zärtliche Mutter. Als Anna eintrat, gab sie dem kleinen Jungen einen Kuss und übergab ihn der Obhut des Mädchens, die mit ihm den Raum verließ. Dann gab sie Anna die Hand.

   Diese legte die Sachen auf einen Stuhl und meinte. „Ich hoffe, wir haben sie gestern Abend nicht allzu sehr gestört. Es ging hoch her bei uns, da Michael unsere Mine nach seinen Maßstäben disziplinieren wollte. Sie wissen, dass ich kein Freund davon bin.“

   „Ach Frau Trotz“, lächelte Rachel, „wir haben kaum etwas gehört.“

 Diese reichen Leute können sich eine gewisse Überheblichkeit nicht ablegen, dachte Anna, in dem Punkt hat Michael recht. Aber diese Silberstein ist ansonsten eine passable Person.

   Rachel bot Anna einen Stuhl an und beide begutachteten die Sachen, die Anna mitgebracht hatte. Der Salon war großbürgerlich eingerichtet, wie es sich für ein reiches Haus gehörte.

Die reiche Nachbarin war mit Annas Arbeit sehr zufrieden und gab ihr den ausgemachten Lohn und weitere Kleidungsstücke, die bearbeitet werden sollten. Anna wollte sich nicht länger aufhalten und hatte auch keine Lust zu weiteren Gesprächen. Mit einigen verbindlichen Worten verabschiedete sie sich.

   Inzwischen waren die Kinder aus dem Kindergarten zurück und brachten noch einen weiteren Jungen mit. Es war Hahns Bub, der Sohn des Verlegers der Trierischen Zeitung, ein netter Junge, der mit Peter sehr befreundet war. Er wohnte nur wenige Schritte von ihnen entfernt. Peter erbat sich etwas Straßenurlaub: „Bis sechs Uhr, hörst du, nicht länger“, meinte Anna und der Junge nickte. Beide verschwanden mit einem Ball auf die Straße, um am Justizplatz damit zu spielen. Anna sah diese Freundschaft gerne, natürlich stand der Verleger der Zeitung gesellschaftlich höher als sie, aber Bubs Vater hatte nichts gegen die Freundschaft seines Sohnes mit Peter, ja er sah das sogar sehr gerne.  

Zwischenzeitlich versorgte Anna-Maria die anderen Kleinen und machte sich zum Weggehen fertig. Anna bedankte sich bei ihr und sie vereinbarten das Nötigste für den nächsten Tag. Dann entschwand die Schwester.

   Auf der Treppe begegnete sie Michael, der müde vom Dienst heimkehrte. Sie grüßten sich freundlich, wechselten einige Worte miteinander und jeder ging seines Weges.

Michael betrat seine Wohnung, die Kinder hüpften herum. Er nahm sich Minchen vor und ging mit ihr ins Kinderzimmer.

    „Wenn ich diesen Ungehorsam noch einmal von dir höre, gibt es weitere Schläge. Ein Kind hat zu gehorchen, hat Vater und Mutter zu ehren, hast du das verstanden?“

   „Nein“, entgegnete Minchen trotzig und erhielt prompt zwei Ohrfeigen.

   „Treibe es nicht zu weit Wilhelmine“, warnte Michael, „ich habe heute nicht viel Geduld. Ich kann solange auf dich einprügeln, bis du es verstehst.“

Anna erschien in der Türe und sah die kritische Situation.

   Michael stand vom Stuhl auf.  „ Ich habe nicht viel Zeit, muss mich umziehen, heute Abend ist Chorprobe. Mine, ich höre nachher ein „Entschuldige Papa“ oder du wirst etwas erleben, darauf kannst du dich verlassen“.

Michael verließ den Raum und ging ins Schlafzimmer, um sich die Vereinsuniform anzuziehen. Die Zeit drängte.

   Im Kinderzimmer sprach Anna auf ihre Tochter ein. „Ich habe nun genug von deinen Ungezogenheiten. Wenn du nicht folgst, kommst du ins Heim, dann wollen wir dich nicht mehr haben. Überlege dir das gut. Ich höre heute Abend die Entschuldigung, sonst ist hier was los.“

Sie verließ den Raum und überließ Mine ihrem Trotz. In der Küche bereitete sie das Abendbrot vor. Kurze Zeit später erschien Michael und setzte sich auf seinen Platz. Peter erschien von seiner Spieltour, „Abend Papa“ und wusch sich die Hände. Michael grüßte freundlich zurück, Peter war sein Lieblingskind.

Anna rief die Kinder, Wolfi erschien, danach Minchen. Peter sah die kritische Situation und gab der Schwester einen freundschaftlichen Stoß. „Reize Papa nicht weiter“, raunte er an der Türe.

   Mine ging zu Michael hin und sagte leise: „Entschuldigung Papa“.

    „Ist gut“, erwiderte diese, „setzt dich auf deinen Platz. Peter sage das Abendgebet.“

Peter sprach ein kurzes Gebet und das Abendessen konnte seinen Lauf nehmen. Viel gesprochen wurde nicht mehr, Mines Trotz lastete noch etwas auf der Runde. Die Stimmung entspannte sich, als Michael kurze Zeit später aufstand, Anna einen Kuss gab, seine Mappe und Mütze nahm, den Kindern zunickte und verschwand. Er war zufrieden, er hatte Minchens Trotz gebrochen. Kinder brauchen eine harte Hand, nur so lernen sie gehorsam.

   Zuhause nahm der Abend den gewohnten Gang. Papa hatte die Mahlzeit vorzeitig aufgehoben. Normalerweise durfte kein Kind aufstehen, wenn die Eltern nicht die Erlaubnis dazugaben. Die Kinder halfen Anna beim Abräumen des Tisches und gingen danach ins Kinderzimmer. Hier nahm sich Peter die Geschwister vor, vor allem Minchen.

   „Wenn Papa etwas sagt, haben wir zu gehorchen, du auch Minchen, auch du Wolfi, auch wenn du ein Schreihals bist. Minchen lass die Faxen. Das reizt Papa nur und wir bekommen es alle ab. Reiß dich zusammen.“

Minchen nickte, auf Peter hörte sie. Anna kam ins Zimmer und sah sofort die Situation. Sie nickte Peter aufmunternd zu, ihrem Großen, der auch ihr Lieblingskind war.

   „Fertigmachen zum Bettgehen“, ertönte es jetzt von ihr und die Kinder begannen die gewohnten Rituale.

 

 Der Probenraum des 1903 gegründeten Postmännerchors lag nicht weit von Michaels Wohnung entfernt im Gebäude des Hauptpostamtes. Vor dem weitläufigen Haus traf er seinen Schwiegervater Bernhard Bläsius, den pensionierten Postillion und beide gingen nach kurzer Begrüßung in den Probenraum. Hier waren schon mehrere Sangesbrüder versammelt, man begrüßte sich und schwatzte noch etwas herum.

   Der Dirigent erschien und mahnte alle, ihre Plätze einzunehmen. Jeder wusste, wohin er gehörte. Der Chor war ungefähr hundert Mann stark, davon heute ungefähr sechzig anwesend und hatte in der Region einen guten Ruf. Es dauerte eine Weile, bis alle auf ihren Stühlen saßen. Michael besaß eine gute Baritonstimme, er saß neben seinem Schwiegervater, mit dem er sich sehr gut verstand. Durch den Postmännerchor, dem er 1904 sofort nach seinem Eintritt in den Postdienst beitrat, hatte er Anna kennengelernt. Michael und Bernhard verstanden sich von Anfang an gut und so ergab es sich, dass sie auch privat miteinander verkehrten.

   „Meine Herren darf ich um Ruhe bitten. Wir haben nicht viel Zeit und noch viel zu tun.“

Dirigenten in aller Welt und zu allen Zeiten sprechen so.

   „Wir wollen die Stücke probieren, die wir anlässlich des Kaiserbesuches vortragen wollen. Ihr wisst, wir haben die hohe Ehre, dem Kaiser eine Probe unseres Könnens vorzustellen.“

Michael war in diesem Augenblick stolz, diesem Chor anzugehören, erstens weil er gerne sang, zum anderen, weil er dem geliebten und verehrten Kaiser sehr nahe sein würde. Welch eine große Auszeichnung .

Nach einigen Lockerungsübungen begannen sie, das Programm durchzusingen. Aber schon beim ersten Lied stockte es. Der Dirigent schüttelte missbilligend den Kopf.

   „Männer, was singt ihr da?  Singt ihr nach Noten oder nach was. Richtige Noten aber nicht in der richtigen Reihenfolge. Der Kaiser wird sich alle Haare bei dem Singsang ausreißen“. Dies war natürlich stark übertrieben aber bei allen Dirigenten der Welt so üblich.

Die Chormitglieder waren nicht überrascht, sie kannten das Repertoire ihres Chefs.

Was wurde nun geübt?  Gutes deutsches Liedgut, von der Heimat, dem Walde, dem guten Mond, der so stille geht, das Ännchen von Tharau und vieles mehr. Lassen wir den Chor in Ruhe weiterüben, damit sie den hochverehrten Kaiser mit ihrer Sangeskunst erfreuen können.

   Nach ungefähr zwei Stunden war die Probe beendet. Der Chor zerfiel nun in viele Einzelgruppen, die noch etwas herumstanden und redeten. Langsam löste sich die Versammlung auf. Ein Teil des Chores ging nicht nach Hause, sondern in das nahe gelegene Vereinslokal „Zur Kiste“, ein gutbürgerliches Speiselokal mit einer Schwemme. Dort traf man sich nach kurzem Weg gerne zu einem Glas Bier.

   „Na Michael“, fragte sein Schwiegervater, „wie geht es so auf der Post und zuhause?“

Sie saßen mit vier oder fünf Sangesbrüdern an einem Tisch, jeder ein Glas Bier vor sich, außer Michael, der lieber Viez trank. Die Zigarren qualmten.

   „Auf der Post geht es gut. Ich bin seit vier Wochen nicht mehr im Außendienst. Mein Chef ist endlich damit einverstanden, dass ich als Anwärter für den einfachen Postdienst im Beamtenverhältnis vorgesehen bin. Ich mache jetzt mehrere Praktika im Innendienst, um zu sehen, wo ich am besten einzusetzen bin. Zurzeit bin ich im Telegrafenamt. Ist nicht schlecht, aber mir schwebt eine Schreibtischarbeit vor.“

   „Recht hast du“, sagte sein Tischnachbar, “ der Schreibtisch ist immer das Beste. Sie haben sich lange Zeit gelassen, bis sie dich weiterförderten.“

   „Das bin ich auch ein bisschen Schuld. Wenn ich die Beamtenlaufbahn einschlagen will, verdiente ich am Anfang weniger als Angestellter. Die Ehre, dem Staat zu dienen, verlangt das von mir. Ich habe inzwischen eine große Familie und deshalb zögerte ich die Entscheidung auch etwas heraus. Natürlich wollte mich mein Chef auch nicht gehen lassen.

   „Als Beamter hast du aber mehr Vorteile“, mischte sich sein Schwiegervater ein, „du bis unkündbar, bekommst später eine Pension und wirst dann auch mehr verdienen. Du hast gute Chancen für den mittleren Dienst.“

   „Soweit bin ich noch lange nicht“, schmunzelte Michael, „wenn alles gut geht, werde ich zum ersten April nächsten Jahres als Postschaffner in das Beamtenverhältnis übernommen. Hoffentlich kein Aprilscherz“

  Die Runde lachte, fast alle waren im Beamtenverhältnis.   

    „Bis zum mittleren Dienst wirst du aber noch viel büffeln müssen. Der Weg dahin ist lang und beschwerlich“, meinte ein anderer Sangesbruder.

   „Michael schafft das schon“, kam ihm sein Schwiegervater zu Hilfe.

   „Ich nehme etwas Unterricht bei einem alten Lehrer, der früher Annas Lehrer war. Du kennst ihn Bernhard, es ist der Lehrer Wagner. Er hilft mir vor allem in Deutsch und gibt mir den letzten Schliff, aber auch in Geschichte, Staatsbürgerkunde und Geografie.“ 

   Die anderen nickten. Da saßen sie nun in der Schwemme der Kiste, ein rustikal eingerichteter großer Schankraum, Angehöriger der Post, stolz auf ihre Stellung, bei der Behörde zu arbeiten, im Staatsdienst, einen Zipfel der Krone des Kaisers mittragend. Der Biedersinn stand ihnen im Gesicht geschrieben. Auf der Jakobsleiter der Ämterhierarchie saßen sie auf verschiedenen Stufen und waren zufrieden mit ihrem Los. Dass sie politisch nichts zu sagen hatten, störte sie nicht. Sie sahen diese Ordnung als gottgegeben an und lebten in der Überzeugung, dass in Berlin schon das richtige gemacht werde. Der Politik, die das Kaiserreich in den letzten Jahren steuerte, stimmten sie zu. Auf die Arbeiterschaft und die Sozialdemokratie sahen sie herablassend, diese standen außerhalb des Gesellschaftssystems. Der Glanz und das Gloria des preußischen Militärsystems, dieses absoluten Obrigkeitssystems, das keinen Widerspruch duldete, wurde von ihnen mitgetragen, kritiklos hingenommen. Sie gehorchten gerne, war dieser Gehorsam doch mit solch schönen Attributen wie Ehre und Vaterland, mit blinkenden Uniformen und schillernder Wehr, mit schönen Orden, Fahnen und Glockenklang versüßt. Jeder hatte seinen Platz und so gut es geht auszufüllen. Sie hielten diese Ordnung für unerschütterlich und sie selbst Garanten dieser Stabilität. Dass diese Ordnung im Inneren brüchig war, sahen sie nicht, dass in Berlin ein gefährlicher außenpolitischer Kurs der Isolation gesteuert wurde, bemerkten sie ebenfalls nicht. 

    Alle Reformversuche der letzten Jahre wurden von einer ultrakonservativen Adelskaste verhindert. Reichskanzler von Bethmann-Holweg hatte ernsthaft versucht, liberalere Töne in die Gesellschaft zu bringen, so zum Beispiel die Abschaffung des Drei-Klassenwahlrechts in Preußen. Alles vergebens, die ultrakonservativen Kräfte wussten jeden noch so kleinen Absatz zu verhindern.

    Es gibt ein schönes Bild aus jenen Tagen. Es zeigt den Kaiser mit seinen Söhnen auf dem Weg zum Kirchgang. Es liegt so viel Aufgeblasenheit und Arroganz in diesem Bild, schaut, uns gehört Deutschland, wir haben hier das Sagen und können machen was wir wollen. Unsere Postler an den Tischen an jenem Abend trugen dieses System mit und gaben ihm Halt und Stabilität. Um welchen Preis, das sollte sich noch zeigen. 

   Worüber sprechen Männer am Stammtisch. Natürlich über Politik, und nachdem Michaels Postkarriere abgehandelt war, widmete sie sich diesem Thema.

    „Hast du das in der Zeitung über Zabern gelesen“, fügte Michaels Tischnachbar Karl an. „Merkwürdige Geschichte, ein junger Leutnant macht jagt auf die Elsässer und das Militär deckt das.“

   „ Bei uns steht das Militär über allem“, erwiderte Michael, „ da gibt es nichts zu deuteln. Wo kommen wir dahin, wenn wir uns von den Wackesen beleidigen lassen.“

Die anderen nickten.

   „ Das Ganze wird von der Linkspresse aufgebauscht, so wie damals die Geschichte dieses ulkigen Hauptmannes von Köpenick“, warf Bernhard in die Runde. „Elsass-Lothringen ist Reichsland und die Wackesen haben sich unseren Gebräuchen zu fügen.“

   „Jetzt wollen sie auch noch dem Reichskanzler ans Zeug“, meinte Sangesbruder Paul.“ Das sind alles diese Sozis. Was heißt hier, das zivile Rechte verletzt wurden. Dieser Schuster beleidigte das Militär und da mussten die draufschlagen. Soll ja auch der Kronprinz in einem Telegramm gesagt haben.“

   „Dafür bekommen aber jetzt einige Postler Schwierigkeiten, die das an die Presse weitergegeben haben. Ein unerhörter Vorgang, wo bleibt das Amtsgeheimnis“, ereiferte sich Karl.

   „Ich sagte doch, es ist eine Hetzkampagne der Linkspresse“, meinte Bernhard.

  „ Der Reichskanzler ist mir sowieso viel zu weich, zu liberal“, sagte Michael und zog an seiner Zigarre“, will Reformen und das Ständerecht in Preußen ändern. Was soll das. Jeder auf seinem Platz, das ist meine Meinung. Und ansonsten, jeder der gedient hat weiß, dass ein Befehl vor Gewehr absoluten Vorrang hat. Wenn dieser Wackes den Leutnant auslachte, beleidigte er unseren Kaiser und da war es nur richtig, dass er eines aufs Maul bekam. Wer sich jetzt aufregt, sind die Hungerleider und vaterlandslosen Gesellen.“

Die Runde nickte zustimmend. Der Wirt brachte frisches Bier und Viez.

Michael ergriff wieder das Wort.

   „Was heißt hier, wir haben nichts zu sagen. Was soll das. Schaut euch Frankreich an, eine sogenannte Republik. Haben da die kleinen Leute mehr zu sagen? Dort wird auch alles von oben entscheiden. Und was für Entscheidungen, denkt mal an die Gesetze der Trennung von Kirche und Staat oder die Dreyfussaffäre. Hier wurde vom Militär, also von den eigenen Leuten ein Hauptmann verleumdet. Dieses Unrecht wurde bis in die höchsten Kreise gedeckt. Das ist für mich Anarchie.“

  „Der Mann war zudem Jude“, warf ein Sangesbruder ein.

  „Jude oder nicht“, konterte Michael“, das ist nicht das Hauptproblem. Sondern die offensichtliche Deckung eines Justizskandals. Bei uns in Preußen gibt es gar kein Unrecht, hier geht alles seinen ordentlichen Gang. Und diese Wackesen haben unseren Leutnant beleidigt und bekamen eines aufs Maul.“

  „Aber auch in großbürgerlichen Kreisen regt sich Widerstand“, bemerkte Bernhard.

  „Diese Geldsäcke glauben, mitreden zu müssen, nur weil sie so viel Geld haben. Bei uns regiert die durch Tradition und Stand gewachsene Obrigkeit, es zählt nicht der Reichtum, sondern die gesellschaftliche Stellung. Und das ist gut so, nur weil einer Geld hat, hat er noch lange keinen Anspruch auf politische Macht“, erhitzte sich Michael.

  „Rege dich nicht auf Michel“, nahm Friedrich das Wort. „du hast ja recht. Das sind Wichtigtuer, die glauben, jetzt draufschlagen zu können und dem Kaiser und der Regierung zu schaden. Das sind diese Zeitungsfritzen, die immer Stimmung machen wollen.“

Sangesbruder Friedrich war ein schweigsamer Mensch, und da er jetzt sprach, hörten ihm alle mit großer Aufmerksamkeit zu. Zudem hatte er eine höhere Stellung, war Oberpostsekretär und das zählte etwas in der Runde. 

   „Richtig Friedrich“, pflichtete Michael ihm bei. „ Ich lasse auf unseren Kaiser nichts kommen. Er ist mein Vorbild und was er sagt, ist für mich Gesetz. Für uns alle, die dem Staat dienen. Wir alle haben gedient und beim Militär Disziplin und Gehorsam gelernt. Das hat Preußen groß gemacht. Und wenn es mal losgeht, werden wir es ihnen allen zeigen, vor allem wegen unserer Disziplin. So erziehe ich auch meine Kinder. In der Kinderstube muss die gleiche Ordnung herrschen wie auf dem Kasernenhof.“ 

    „Dass es in Preußen kein Unrecht gibt, ich weiß nicht, gerade du Michael müsstest das doch wissen, als Mitglied der Marianischen Bürgersolidarität. Diese Schikanen der protestantischen Obrigkeit gegen uns katholische Rheinländer. Denk mal an die Fronleichnamsprozessionen, die immer wieder von der Stadtverwaltung schikaniert werden“, nahm Karl das Wort.

   „ Das sind alte Kulturkampfgeschichten, heute ist das anders. Ich kann Glaube und Staat sehr gut miteinander vereinbaren. Ich gehorche Gott und der gottgegebenen Obrigkeit, und Kaiser wie Papst repräsentieren diese für mich. Aber ich sage es noch einmal, auf den Kaiser lasse ich nichts kommen“, entgegnete Michael.

  „Leute, trinken wir aus, es ist schon spät“, mahnte Bernhard.

  „Diese Pensionäre“, lachte Karl, „haben die meiste Zeit und mahnen zur Eile.“

  „Ein Pensionär lieber Karl, hat niemals Zeit“, schmunzelte Bernhard.

   „Aber du hast recht“, meinte Karl,“ es wird Zeit, morgen ist wieder früh Tag.“

 

Wir wollen uns nun einem Ereignis zuwenden, dass die Trierer 1913 beschäftigte. Die Stadt entschloss sich zum Bau einer zweiten Moselbrücke, die Ende Oktober fertiggestellt wurde. Die Stadtverordneten einigten sich auf den Namen "Kaiser-Wilhelm-Brücke". Nicht zuletzt sah man darin eine Möglichkeit, den Kaiser zu einem offiziellen Besuch nach Trier zu locken.

   Und tatsächlich: Am vierzehnten Oktober 1913 gab sich Wilhelm II. die Ehre und weihte die nach ihm benannte Brücke ein. Es war ein außerordentlicher Tag für die ganze Stadt. "Die Simeonstraße und der Hauptmarkt waren eine einzige via triumphales", notierte ein euphorisch gestimmter Zeitzeuge. "Die Häuser im Girlandenschmuck, mit Teppichen, Wappen, Kränzen, Blumen reich geschmückt, mit Fahnen und Wimpeln geziert, vollendeten ein Bild, wie es schöner und erhebender wohl selten dem kaiserlichen Herrn geboten wird." 

    Als der Zug Wilhelms um Halbzehn Uhr eintraf, läuteten in der ganzen Stadt die Kirchenglocken. Nachdem er das Band durchschnitten hatte, schritt der Kaiser zusammen mit Oberbürgermeister Albert von Bruchhausen und umrahmt von einem Spalier Zylinder schwenkender Honoratioren bis hinüber nach Pallien und wieder zurück.

Wilhelm nutzte die Gelegenheit, um die antiken Bauwerke Triers zu besichtigen. Im Amphitheater wohnte er von einer extra errichteten Loge aus einer turnerischen Darbietung von Trierer Schülern bei. Diniert werden sollte im Palais Walderdorff, der damaligen Dienstwohnung des Regierungspräsidenten. Und hier wollte unser Postmännerchor eine Probe seines Könnens abliefern.

   Michael war an diesem Morgen sehr aufgeregt. Die Mitglieder des Chores waren für diesen Tag vom Dienst freigestellt. Er stand früh auf und machte Anna ganz nervös mit seiner Ungeduld. Michael konnte es kaum erwarten, so nahe an seinem geliebten und hochverehrten Kaiser zu sein. Anna wollte mit den Kindern in der Stadt den Kaiser sehen und machte diese nun ausgangsfein. Das ging nicht ganz ohne Probleme ab, Wolfi wollte die Sachen nicht anziehen, die sie ihm herausgelegt hatte. Erst nach einigem Klappen auf den Po zog der den Kieler Matrosenanzug an, den auch sein älterer Bruder Peter ohne Widerrede trug.

   Gegen halb zehn Uhr verließen sie alle das Haus, unten auf der Straße trafen sie Silbersteins, die auch zur Stadt eilten. Man grüßte sich kurz und ging danach getrennte Wege.

Am Hauptmarkt trennten sie sich, Michael eilte ins Palais Walderdorff, dort fand um zehn Uhr eine Generalprobe statt, Anna und die Kinder wurde von einer Menschenmenge in Richtung Simeonstraße gedrängt. Dort warteten sie ungeduldig auf den Kaiser. Alles, was Beine hatte, war hier zu sehen. Viel Militär, denn Trier war eine große Garnisonsstadt, Polizei und Bürger, die im Festgewand auf den hohen Herrn warteten. 

   Endlich nach langem Warten erschien dieser umrahmt von militärischen Adjutanten, dem Bürgermeister und allen Stadtverordneten. Sie gingen auf der ganzen Breite der Straße, die Bürger jubelten und schrien Hochrufe und der Kaiser dankte in großer Uniform huldvoll lächelnd seinen Untertanen.

   Anna und die Kinder standen nahe der Porta Nigra und auch hier waren viele Menschen. Viel sahen sie vom Kaiser nicht. Peter und Minchen drängten sich ganz nach vorne in die Reihe  und sahen noch am meisten, Anna stand mit dem Kinderwagen in der hintersten Reihe, ängstlich darauf bedacht, die beiden nicht aus den Augen zu verlieren. Plötzlich stand Anna-Maria neben ihr und das erleichterte sie sehr. Sie bat diese, sich zu den beiden vorzukämpfen und auf sie achtzugeben. Anna-Maria erreichte das Kunststück und sah so auch den Kaiser aus nächster Nähe.

   Jaakov Silbersein stand mit seiner Familie am Eingang des Hauptmarktes, eingekeilt in eine große Menschenmenge. Die kleinste Tochter trug er auf seiner Schulter, damit sie etwas sehen konnte. Eigentlich hatte er keine große Lust, bei diesem Spektakel dabei zu sein, aber Rachel wünschte es sich so sehr und da wollte er kein Spielverderber sein. Jaakov war nicht so begeistert von seinem obersten Kriegsherrn, er sah ihn nüchterner. Die Politik der letzten Jahre sah er mit Sorge und hoffte, dass es nicht eines Tages zu etwas Schlimmen kommen könnte. Als Oberleutnant der Reserve, er trug die Uniform heute, stand er auf der anderen Seite natürlich loyal zu seinem Kaiser. Er hoffte sehr, dass dieser auch weiterhin der Friedenskaiser sein würde. Die Zaberner Affäre gefiel ihm als liberaler Kopf nicht sonderlich und er hätte vom Kaiser und dem Kronprinzen etwas mehr Fingerspitzengefühl erwartet. Als Offizier stand er auf der Seite des Militärs, als Liberaler aber sah er die Gefahren, die entstanden, wenn das Primat der Politik unter die Aufsicht des Militärs gestellt wurde. Und gerade das war in Zabern geschehen. Er ging aber nicht so weit, das System als solches infrage zu stellen.  

   Im Palais Walderdorff liefen die Vorbereitungen auf vollen Touren. Der Saal war festlich geschmückt mit Fahnen, kleinen Tannenbäumchen und Drapieren, die lange Tafel mit erlesenem Porzellan und Blumenschmuck geziert. Der Chor nahm seinen vorgesehenen Platz ein, neben ihm ein Kammerorchester, beide sollten abwechseln die Tafelmusik darbieten. Allen stand die Aufregung im Gesicht geschrieben. Die Ordonnanzen, Kellner und sonstige dienstbaren Geister hantierten nach einem streng festgelegten Plan, der städtische und der kaiserlichen Zeremonienmeister überwachte dies akribisch. Michael stand als einer der größten in der letzten Reihe des Chores.

   Der Kaiser und Gefolge betraten den Raum und nahmen die ihnen vorgesehen Plätze ein. Neben dem Kaiser der Oberbürgermeister von Bruchhausen, daneben der Landrat und der Regierungspräsident und weitere Offizielle.

Nachdem sich das Stühle rücken und Plätze finden gelegt hatte, servierten die Ordonnanzen die Suppe und präsentierten den Wein. Anschließend erhob sich der Oberbürgermeister und hielt eine kleine Rede, an deren Schluss er den Kaiser hochleben ließ und alle mit einstimmten. Der Postchor stimmte „Heil dir im Siegerkranz an“, und alle außer dem Kaiser sangen stehend mit. Danach erwiderte dieser mit einer kleinen Stegreifrede.

Das Dinner nahm nun seinen gewohnten Lauf. Die Speisefolgen liefen nach einem festgesetzten Plan ab. Chor und Orchester brachten abwechselnd ihre Darbietung vor. Es waren Lieder von patriotischem und volkstümlichem Einschlag, das Orchester spielte klassische Stücke von Mozart, Haydn und einige Melodien von Franz Lehar und Johann Strauß

   Nach ungefähr eineinhalb Stunden hob der Kaiser die Tafel auf, in dem er sich bei den Gastgebern bedankte. Danach schritt er unprogrammgemäß auf unsere Musiker zu. Er begrüßte die beiden Dirigenten und lobte das Dargebrachte, dabei schaute er in die Gesichter der einzelne Sänger und Musiker. Die stattliche Figur und die leuchtenden Augen unseres Michaels waren ihm während des Banketts aufgefallen. Nicht umsonst munkelte man im Reich über Wilhelms homosexuellen Neigungen.  Er bat eine Ordonnanz, den jungen Mann zu ihm herunter zu geleiten. Michael wurde ganz blass nach der Aufforderung des Ordonnanzoffiziers, ihm zum Kaiser zu folgen. Dieser gab unserem Michael ganz leutselig die Hand.

    „Sie sind mir aufgefallen ob Ihres Eifers und begeisterten Gesichtsausdrucks“, begann der Kaiser. „Wie kommt das?“

   „Ich verehrte Eure Majestät sehr, Sie sind mein großes Vorbild und es ist für mich eine unvorstellbare Ehre, vor Ihnen singen und dann auch noch stehen zu dürfen.“

   „ Das freut mich. Haben Sie gedient und welche Stellung nehmen Sie jetzt ein“, fragte der Kaiser geschmeichelt.

   „Gefreiter der Reserve im Infanterie Regiment Graf Werder und Anwärter auf den unteren Postbeamtendienst“, erwiderte Michael aufgeregt aber in strammer Haltung.

   „Sehr schön, mit Ihrer eifrigen und patriotischen Einstellung werden Sie es noch weit bringen. Es freut mich immer wieder, wenn ich strebsame junge Menschen sehe. Machen Sie weiter so“, gab ihm noch einmal freundlich die Hand und schritt weiter.   

   In diesem Augenblick war unser Michael der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Der Kaiser hatte mit ihm gesprochen, er konnte sein Glück kaum fassen. Er schwamm in Glückseligkeit wurde getragen von einer Welle des Glücks. Nie hätte er es sich träumen lassen, seinem geliebten Idol so nahe zu sein.

   Der Raum leerte sich langsam, die Honoratioren verließen die Bühne. Michael stand wie benommen da. Bei den anderen löste sich die Spannung und sie umringten ihn, um ihm zu gratulieren. „Mensch Michael“, tönte es von allen Seiten, „Solch ein Glück, solch eine Auszeichnung, was hast du für ein Schwein“.

Jetzt löste sich auch bei ihm die Spannung und er lächelte glücklich. Sein Schwiegervater trat neben ihn und gratulierte ihm, indem er ihm die Hand schüttelte. Das Gleiche tat der Dirigent.    

   „Michael“, meinte er stolz und anerkennend, “ du hast dem Chor große Ehre gemacht. Welch eine Auszeichnung.“

   „Sie gilt uns allen“, erwiderte er bescheiden, „ich habe in eurer aller Namen die Glückwünsche dem Kaiser dargebracht und seine Huld entgegengenommen.“

   Er war der Held des Tages. Stets gut gelitten im Chor stieg heute sein Ansehen ins Unermessliche. Sie waren stolz auf ihn und damit Stolz auf sich selbst. In diesem Augenblick identifizierten sie sich völlig mit dem Kaiser und der sie tragenden Ordnung.

   „Was machen wir jetzt?“ Mit dieser Frage brachte Bernhard Bläsius alle vom Himmel auf die Erde zurück.

   „Wir gehen alle etwas essen“, meinte der Dirigent, „ich habe in der Kiste reservieren lassen. Ein gutes Essen und ein guter Tropfen werden uns guttun“.

Die anderen nickten beifällig und begannen, ihre Sachen zusammenzusuchen und zum Aufbruch zu blasen.

   Jaakov Silberstein trennte sich von seiner Familie, sobald der Kaiser samt Tross durchgezogen war. Er strebte dem Kasino des Anwaltvereins zu, denn hier sollte zu Ehren des Tages ein Festessen mit Huldigungsadresse an den Kaiser erfolgen. Auf dem Weg dorthin traf er einen Kollegen, der ebenfalls in Uniform, dem Kasino entgegenstrebte. Viele Anwälte waren Offiziere der Reserve, es gehört zum guten Ton und war eigentlich ein gesellschaftliches Muss. Der Leutnant der Reserve stellte den Schlüssel zum Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft dar.

   „Hat es Ihnen gefallen Silberstein“, schmunzelte der Kollege, „imposante Erscheinung unser Kaiser.“

   „Stimmt“, erwiderte dieser trocken.

Sie erreichten das Gebäude des Vereins und betraten den Gesellschaftsraum. Hier standen schon viele Kollegen in Gruppen zusammen, Gläser und Rauchwaren in der Hand haltend, miteinander plaudernd. Silberstein begrüßte einige Bekannte und stellte sich zu einer Gruppe von Juristen, mit denen er näher Kontakt hatte. Er war in diesen Kreisen sehr beliebt. Dr. Jaakov Silberstein galt als brillanter Kopf und exzellenter Anwalt, geachtet und bewundert. Seine bescheidene und großzügige Art steigert zudem seine Beliebtheit. Man traf sich zwanglos, hatte gewisse gesellschaftliche Kontakte, trank gelegentlich ein Glas Bier miteinander. Rechtsanwalt Jüttner, ein fast gleichartiger Kollege, natürlich auch in Uniform, dessen Vater Justizrat und in dessen angesehener Kanzlei dieser arbeitete, meinte zu Silberstein, mit dem er etwas sympathisierte.

   „Beim Bankett soll es einen kleinen on dite gegeben haben. Der Kaiser hatte die Laune, sich einen der Postsänger vorstellen zu lassen. Ich glaube, es war Ihr Nachbar.

   „Sie meinen Nachbar Trotz?“ fragte Silberstein verwundert, „dem Kaiser vorgestellt. Wie das?“

   „Er soll ihm zweimal die Hand gegeben haben, eine Laune des Kaisers“, meinte Jüttner.

   „Mein Nachbar ist ein großer Verehrer des Kaisers“, lachte Silberstein“, sicher eine Sternstunde für ihn, dem kleinen Postboten.“

   „ Da sieht man, wie populär unser Souverän ist“, mischte sich ein Dritter ein, “ ein schönes Beispiel für seine Popularität und Volkstümlichkeit und das die Monarchie auf breiten Füßen steht. Was reden die Sozis immer von Klassengesellschaft, hier zeigt sich doch genau das Gegenteil. Der Kaiser kennt keine Klassen“

   „Na ja“, meinte ein anderer leise,“ der Kaiser hat auch noch andere Ambitionen.“

   „Sind Sie wahnsinnig“, raunten die anderen, „in aller Öffentlichkeit so etwas zu sagen. Selbst Denken darf man so etwas nicht einmal.“

  „Na ja, ein Arbeiter ist mein Nachbar gerade nicht. Er ist ein etwas spießbürgerlicher Mann, der Teil dieses Systems ist, wenn auch nur ein ganz kleines. Und der ehrgeizig ist und aufsteigen will, soweit das seine Klasse zulässt. Ich freue mich für ihn ob seiner Auszeichnung. Anderenorts war der Kaiser nicht so leutselig. Wenn ich an die Zaberner Affäre denke….“

   „Mensch Silberstein, fangen Sie schon wieder mit dieser Geschichte an“, seufzte Jüttner. „Sie mischen Äpfel mit Birnen, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“

  „Schon“, entgegnete dieser, “ gerade wir Juristen, auch wenn wir Offiziere sind, dürfen es nicht dulden, wenn das Recht dermaßen gebeugt wird. Und da ist es mir gleichgültig, ob im Reich oder im Elsass.“

  „Die Sache ist nicht richtig gelaufen, da gebe ich Silberstein Recht“, mischte sich ein weiterer Kollege ein, „aber bei uns haben nicht die Zivilisten, nicht wir bürgerliche, sondern der Adel und das sie stellende höhere Militär das sagen. Wer daran rüttelt, bringt die gesamte Grundordnung ins Wanken. Ich bin auch für etwas mehr Mitsprache, nicht aber für die Aufhebung aller Standesschranken. Wo kommen wir dahin?“

  „Wo kommen wir dahin“, nahm Silberstein gedankenvoll die Worte auf“, eine gute Frage.“

  „Wir repräsentieren und tragen diese Gesellschaft mit, sind ein Teil von ihr. Wo kämen wir hin, das infrage zu stellen. Welche Gesellschaft wollten Sie, Silberstein“, fragte Jüttner.

  „Eine etwas liberalere, natürlich nicht zu liberal, mit Ziel und Augenmaß, eine Gesellschaft wie in England. Hier kommen Ober- und Unterschicht doch recht gut miteinander aus“, sagte dieser.

  „Dort hat der Adel auch das Sagen“, meinte ein weiterer Kollege, „sie machen das nur geschickter als bei uns. Aber kommt Leute, setzen wir uns, ich habe Hunger und es geht bald los. Sichern wir uns gute Plätze“

Alle lachten und strebten der Tafel zu.

   Verlassen wir unsere Juristenschar und gehen zum Haus unseres Helden des Tages. Anna kehrte mit ihrer Schwester und den Kindern zeitig zurück, nach dem Mittagessen und einer kleinen Mittagsruhe ging Peter zum Spielen auf die Straße. Gegen vier Uhr kam er aufgeregt zurück, Anna wunderte sich ob der frühen Stunden.

   „Mama, Mamma, Anna-Maria“, rief er ganz aufgeregt in die Küche, in der die beiden an Flickzeug saßen. „Papa hat mit dem Kaiser gesprochen und er hat ihm zweimal die Hand gegeben.“

   „Was redest du Junge“, fragte Anna erstaunt und erschrocken, „ Papa und der Kaiser, wie das? Woher hast du das?“

   „Von Bub und der hat es von seinem Vater, einer seiner Reporter war dabei und hat alles gesehen und aufgeschrieben. Morgen kommt das in die Zeitung.“

  „Ich gehe noch mal runter zum Spielen“, keuchte er und verschwand.

  „Komm nicht zu spät zurück“, rief ihm die Mutter nach.

  „Was soll man davon halten“, lachte Anna, „Michael und sein Kaiser, Hand in Hand. Da wird der mächtig stolz sein.“

Anna-Maria lachte ebenfalls, sie kannte unseren Michael sehr genau. Aber beide, Anna und ihre Schwester waren doch stolz auf ihn.

   In der Kiste nahm das Bankett zu Ehren des Kaisers seinen Lauf. Natürlich wurde unser Michael hier mit großem Stolz gefeiert. Große Worte wurden gesprochen, viele Toasts ausgesprochen und die Geschichte immer und immer wieder erzählt. Einer der ihren war so vom Kaiser ausgezeichnet worden, das machte sie alle Stolz und Glücklich.

   „Es entschädigt uns für die vielen Mühen, die wir hatten, um ein solches Werk zu vollbringen“, räsonierte der Dirigent stolz und ein klein wenig angesäuselt vom guten Wein.

Verschiedene Offizielle der Post kamen hinzu und drückten Michael stolz und bewegt die Hand. Es kam ihm so vor, als ob er an diesem Tage die gesamte Post gerettet habe. Da gaben ihm Leute die Hand, die ihn, den kleinen Postboten, bisher kaum beachteten. So stolz er auch war, die Sache begann ihm auf die Nerven zu gehen. Der Kaiser hat mir die Hand gegeben und darüber bin ich stolz, den Tag werde ich nie vergessen, aber dafür braucht man jetzt nicht die Macht des Schicksals zu spielen. Es ist eine Sache zwischen dem Kaiser und mir, den ich sehr verehre. Der Kaiser sah das und würdigte es, nicht mehr und nicht weniger.

   Seine Freunde waren aber trotzdem Stolz auf ihren Michael. Es war die gleiche Runde wie an dem Probenabend vor einigen Wochen.

   „Siehst du Michael“, sagte sein Schwiegervater und trank ihm zu, „jetzt hat dein so verehrter Kaiser dir die Hand gegeben. Eine große Ehre, für dich und für uns alle.“

   „Danke Vater, danke euch allen“, erwiderte Michael bescheiden, “ aber lassen wir die Kirche im Dorf. Ich bin stolz, dass mir der Kaiser die Hand gab, aber wir wollen nicht übertreiben. Siehst du Karl, wir sind ein Teil dieses Getriebes, ein kleines Rädchen und das honorierte unser Kaiser.“

   „Klar Michael“, erwiderte Karl, „ich bin ja auch stolz auf dich, wenn ich auch nicht so begeistert vom Kaiser bin wie du.“

   „Wir wollen an solch einem heiteren Tag keine Wolken aufziehen lassen“, lächelte Friedrich, „also keine Reden über Politik, das passt heute hier nicht hin.“

Die anderen nickten und überließen sich der Freude dieses schönen Tages. Sie aßen und tranken gut, mäßig aber nicht übermäßig und sangen einige ihrer schönsten Lieder dazu. Die Gäste im Restaurant hörten und schauten zustimmend zu. Ein Stück gemütliches Alt-Trier. Der Kaiser bescherte allen diesen schönen Tag.

   Gegen sechs Uhr lief Peter in der Wohnung ein. Anna-Maria verabschiedete sich und ging ihres Weges. Gleich darauf erschien Michael, leicht angesäuselt und guten Mutes. Er war in bester Stimmung und tätschelte den Kindern den Kopf. Anna sah ihn glücklich an, er gab ihr einen Kuss.

   „Was hat Peter da erzählt, stimmt das, der Kaiser hat dir zwei Mal die Hand gegeben.“

   „Woher weißt du das Peter“, fragte Michael erstaunt.

   „Von Hahns Bub, ein Reporter hat es gesehen und es kommt morgen auch in die Zeitung“, antwortete er stolz. Alle hier im Viertel reden davon.

   „Du lieber Himmel“, seufzte Michael und setzte sich auf einen Küchenstuhl.

   „Was ist daran so schlimm“, fragte Anna, „es ist eine große Auszeichnung und du hast die verdient. Wir sind alle stolz auf dich.“

   „Ja schön“, lächelte er müde, „aber so viel Aufwand braucht trotzdem darum nicht gemacht zu werden. Weiß Gott, wer mir heute schon alles die Hand gedrückt oder auf die Schulter geklopft hat.“

   „Es ist eine große Auszeichnung und sicher hilft es dir auch beruflich.“

   „Papa ist der Kaiser ein großer Mann“, fragte Peter neugierig. „Wir haben im Kindergarten ein Lied gelernt. Der Kaiser ist ein großer Mann und wohnet in Berlin.“ Er sang einige Noten dazu.

   „Natürlich ist er das, eine imposante Erscheinung, ein wichtiger Mann, er kommt gleich hinter Gott“, mahnte der Vater.“ Und wir müssen ihm immer gehorchen.“

Anna trug das Abendessen auf. Michael hatte nicht mehr viel Hunger, das Bankett lag noch hinter ihm. Er aß nur eine Kleinigkeit und unterhielt sich in sehr entspannter Art und Weise mit Anna und den Kindern. Solch eine entspannte Atmosphäre herrschte selten bei Tisch. Heute kam er sogar mit Minchen gut aus und hatte nichts an ihr und auch den anderen Kindern auszusetzen. Die Kinder genossen es und wurden ganz fröhlich dabei.

Später brachte Anna sie ins Bett und danach saß sie mit Michael noch einige Zeit im Wohnzimmer. Sie ließen die Bilder des Tages an sich vorbei ziehen, Michael erzählte intensiv die ganze Geschichte aufs Neue und zum Schluss freuten sie sich über den schönen und gelungenen Tag.   

   Der nächste Tag brachte weitere Aufregungen. Im Treppenhaus traf Michael seinen Nachbar Silberstein. Dieser grüßte wie immer sehr freundlich, und nachdem sie ihre Hüte gelüftet hatten, meinte dieser.

  „Was hört man da, Sie sind gestern dem Kaiser vorgestellt worden. Kolossal, gratuliere.“

  „Das stimmt Herr Dr. Silberstein, der Kaiser geruhte, mir die Hand zu geben. Das freute mich, denn ich verehre ihn sehr. Aber mehr ist es auch nicht, ich hebe dafür nicht von der Erde ab.“

   „Das glaube ich Ihnen, und so schätze ich Sie auch nicht ein“, lachte Silberstein, “aber vielleicht hilft es Ihrer Postkarriere.“

   „Möglich“, meinte Michael, „möglich ist alles. Ich muss leider weiter Herr Nachbar, die Pflicht ruft, bin schon etwas spät dran.“ Und beide verabschiedeten sich sehr artig voneinander. Michael schaute ihm nach. Dieser Winkeladvokat, dieser alte Jud,  steht so weit in der Hierarchie über mir, der hat gut reden von Karriere und so. Aber ich habe jetzt keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken.

Dieser Postfritze, sinnierte Silberstein, wurde so geehrt und spielt jetzt den Bescheidenen. Dabei ist so ein Ereignis in seinen Kreisen doch das höchste Glück, diese Kleinbürger und Philister.

   Sobald unser Sänger das Postgebäude betrat, wurde er von verschiedenen Kollegen angesprochen, auf die Schulter geklopft und Hände geschüttelt.

  „Mensch Michael, Mensch Trotz hieß es, was für eine Ehre.“

Kaum hatte er seinen Arbeitsplatz eingenommen, musste er zum Vorsteher, dem gestrengen Postrat. Dieser beglückwünschte und eröffnete ihm zugleich, dass sie beide sofort beim Präsidenten erwartet wurden. Verwirrt folgte er seinem Vorgesetzten in den Olymp der Post. Michael war hier noch nie gewesen und ein Postler seiner Klasse hatte normalerweise auch keinen Zutritt zu diesen heiligen Hallen.

Der Präsident empfing ihn jovial, schüttelte ihm die Hand und meinte.

    „Das ist eine große Ehre für uns, der Kaiser zeichnete durch Sie auch unsere Postverwaltung aus. Wie lange sind Sie schon dabei und welche Stellung begleiten sie derzeit?“

   „Seit 1904 Herr Präsident“, erwiderte Michael in strammer Haltung, „bisher war ich Postbote, seit zwei Monaten arbeite ich als Praktikant mit dem Ziel des unteren Postdienstes in der Verwaltung.“

  „Herr Trotz ist ein ausgezeichneter Mitarbeiter“, ergänzte der Postrat und der Präsident nickte, “ wir beabsichtigen, ihn zum Ersten. April nächsten Jahren zur Laufbahn zuzulassen und in das Beamtenverhältnis zu übernehmen.“

  „Sehr gut, sehr gut der Mann“, nickte der Präsident noch einmal zustimmend, „tun Sie das und halten Sie mich auf dem laufenden. Unsere Mitarbeiter sind das Aushängeschild der Post. Es ist sehr wichtig, nach außen ein tadelloses Bild abzugeben. Das taten Sie, Herr Trotz, gestern in vorbildlicher Weise. Ich bin sehr stolz auf Sie. Ich denke, Herr Postrat, wir werden die Beförderung unseres Kollegen ins Beamtenverhältnis als Postschaffner etwas beschleunigen. Bitte veranlassen Sie das notwenige “

  „Sehr wohl Herr Präsident.“

 Dieser drückte Michael noch einmal die Hand, bot ihm und seinem Postrat eine gute Zigarre an. Danach waren beide entlassen. Stolz und glücklich schritten sie in das Büro des Chefs zurück.

   „Also mein Lieber“, meinte der Postrat, „ich nehme Sie sofort aus dem Telegrafendienst heraus. Sie werden ab heute im Postinnendienst eingesetzt. Wir beginnen mit dem Schalterdienst, Sie werden dort hospitieren und nach einem genau festgelegten Plan verschiedene Stadien durchlaufen. Die Einzelheiten besprechen Sie mit ihrem nächsten Vorgesetzten. Ich führe sie jetzt zu ihm und werde sie vorstellen.“

Wir wollen hier anmerken, dass Michael einen Monat später zum Postschaffner befördert und in das Beamtenverhältnis übernommen wurde.

   Nachdem Michael aus dem Haus war, ordnete Anna wie gewohnt die Wohnung und den Tagesablauf, die Kinder versorgt, die Betten gemacht, auf Anna-Maria gewartet und ihr täglicher Gang in die Geschäfte konnte beginnen.

Beim Milchmann fiel es Anna zuerst auf. Dieses breite, überfreundliche Lachen, mit dem sie begrüßt wurde. Und alle versuchten, mit ihr in ein Gespräch zu kommen.

Beim Metzger Weiland war es nicht anderes. Man betrachtete sie mit Blicken, als sei sie ein Kalb mit zwei Köpfen. Und wieder dieses vertrauliche Lachen und Zunicken! Irrte sie sich, oder tuschelten die Leute, wenn sie den Laden wieder verließ? Komisch!

Ach ja, natürlich, die Kaisergeschichte. Es stand in der Zeitung und heute wissen es schon alle Leute in der Straße und im Viertel. Frau Effertz, die Kolonialwarenhändlerin schwatzte sogar, sie hätte gehört, dass große Glück wäre jetzt bei ihnen eingekehrt.

   „Sicher“, antwortete Anna trocken, „es war eine große Ehre für meinen Mann. Aber das ist auch schon alles.“ Und machte, dass sie schnell aus dem Laden kam.

   „Mensch Anna-Maria“, seufzte Anna später in der Wohnung, „was hat mein Michael nur da angerichtet. Überall wurde ich darauf angesprochen oder angeschaut. Als ob wir Gold gefunden hätten.“

   „Papa redete gestern Abend auch von nichts anderem mehr. Es traf sie halt hart und die Ehre machte sie fertig.“

   „So sind die Männer“, seufzte Anna noch einmal“, Habens immer mit ihrer Ehre. Und gerade mein Michael und sein geliebter Kaiser. Und nun gab der ihm auch noch die Hand. Das verkraftet er kaum. Andererseits wird es ihm bei der Post von Nutzen sein, da bin ich mir sicher.“

   „Eben“, bestätigte die Schwester, “ und das ist doch das Wichtigste.“

   „Anna, du bist am gleichen Tag geboren wie der Kaiser, am siebenundzwanzigsten Januar. Vielleicht hat Michael dich nur deshalb geheiratet“, scherzte Anna-Maria.

   „Er vergisst auf jeden Fall nie meinen Geburtstag“, lachte Anna, „aber er heiratete mich schon aus Liebe, auch wenn die Männer über diese Gefühle nicht reden.“

   „Liebst du ihn immer noch“, fragte Anna-Maria spontan.

   „Natürlich, er ist ein guter Mann, auch wenn er ein Hartkopf  ist, einen besseren hätte ich nicht finden können.“