Leseprobe: Die Suche nach dem verlorenen Ich

Der zweite Teil der Trilogie befasst sich mit dem Leben des Enkels unserer beiden Helden aus Teil aus. Er stellt das Herzstück dar und ist bisher nicht veröffentlicht. Ich habe über zwanzig Jahre daran gearbeitet.

Ich werde Anfang 2017 den Roman noch einmal überarbeiten.

Arbeitstitel:

Die Suche nach dem verlorenen Ich

© 2013 Günther Drutschmann

1. Fassung: 1. März 1992

2. Fassung: 15. August 2012

3. Fassung: 6. Oktober 2012

4. Fassung: 29. Juni 2013

5. Fassung: 20. Dezember 2013

 

Inhaltsverzeichnis

 

Prolog: Der einsame Gast  

 

1. Akt: Am Beginn stand Erziehung:  Die langen Schatten des Dritten Reiches  

Kindertage

Jugendtage

 

2. Akt: Befreiungs- und Wanderjahre 

Befreiungen

Bildung und Tragik

Das ungeliebte Vaterland/ Aus der Militärzeit

 

3. Akt: Licht und Schatten

Der verhinderte Akademiker

Aus dem Hessischen

Utopia

 

4. Akt: Suche nach Identität 

Endzeit 

Verwahrlosung

Erkennen und Entschlüsseln 

 

5. Akt:  Es war alles vergebens 

Das Kloster

Der barmherzige Samariter

Restauration und Resignation

Epilog: Tanz der Geister: Sinn des Lebens

 

Prolog: Der einsame Gast

Ein trüber regnerischer Nachmittag im Herbst des Jahres der ersten großen Bankenkrise des beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts. Das Zimmer in einem Hotel in der großen rheinischen Stadt strahlt keine Behaglichkeit aus und die Atmosphäre ist der Witterung angepasst. Es handelt sich um einen mittelgroßen Raum mit einer sehr kargen Einrichtung, ein großes Bett, ein kleiner Tisch mit kleinen Sesseln rechts und links, ein kleiner Schrank, ein Fernseher auf einem Brett an der Wand. Neben der Eingangstüre befindet sich zudem ein Kleiderständer. Auf Seite gegenüber den drei großen Fenstern sehen wir eine weitere Türe, die zu einer kleinen Nasszelle führt. Auf dem Boden erkennt man einen scheinbar erst kürzlich neu verlegten Teppich. Alles sieht sehr sauber aus, nicht aber gemütlich oder anheimelnd. Blickt man aus dem Fenster, so sieht der Gast auf eine recht belebte Straße herab.

   Ein Herr um die Mitte fünfzig hat es sich hier gemütlich gemacht, soweit man davon überhaupt sprechen kann. Aber die Kargheit und Nüchternheit seiner Umgebung scheint ihn nicht zu stören. Man erkennt sofort, dass er auf ein gepflegtes Äußeres großen Wert legt. Die Kleidung ist gediegen, man sieht, dass sie in einem guten Konfektionsgeschäft erworben wurde, Tuchhose, Hemd mit Krawatte, ärmelloser Pullover. Ein kräftiger Herr, nicht dick oder unförmig, man würde ihn stattlich nennen, mit einem gutmütigen intelligenten Gesicht, Brille und gepflegtem kurzem Vollbart, die Haare kurz. Die Hände sind gepflegt. Man erkennt sofort, was dieser Mensch sein Leben lang war, ein Schreibtischmensch, höherer Beamter oder leitender Angestellter, ein Papier- und Bürogesicht, vielleicht aber auch ein Geistlicher oder hoher kirchlicher Würdenträger. An den Füßen trägt er keine Schuhe, sondern dicke Strümpfe mit Noppen, und wenn er im Zimmer umhergeht, erkennt man seine Behinderung, denn er bewegt sich auf Zehenspitzen. Zwei Stöcke lehnen neben dem Kleiderständer. 

   Wer ist dieser Mensch und was sucht er in diesem einsamen Zimmer? Der aufmerksame Leser wird es zweifellos erraten haben. Es ist der Enkel unserer Helden Michael und Albert[1] aus einstmals bewegter Zeit.

   Auf dem Tisch stehen schön in einer Reihe aufgestellt sechs oder sieben Flaschen, Cognac, Gin, Sherry und Whisky. Davor befinden sich drei Flaschen Mineralwasser und zehn hohe Gläser. Zigaretten, Zigarillos und Zigarren nebst Feuerzeug und Aschenbecher vervollständigen das Arrangement. Vier der Gläser sind mit Whisky, Gin und Mineralwasser gefüllt, die anderen vollständig mit den hochprozentigen Spirituosen.

   Der Herr begibt langsam und mühevoll, an Gegenständen festhaltend, zum Schrank und kehrt mit einem kleinen schön gearbeiteten Holzkästchen zurück, welches er ebenfalls auf den Tisch stellt. Danach setzt er sich aufseufzend in den rechten kleinen Sessel und starrt auf die gegenüberliegende Wand. Jetzt nimmt er einen guten Schluck aus dem Glas, in dem sich eine Mischung von Whisky und Mineralwasser befindet. Er stellt es wieder auf den Tisch und zündet sich eine Zigarette an. Nach den ersten Zügen übernächtigt ihn ein seltsames Wohlbefinden. Die Dämmerung lastet auf dem Raum. Er schließt die Augen und es scheint, als wollte er einnicken.

   Plötzlich öffnet er die Augen. Ihm war, als sei jemand ins Zimmer getreten, denn ein leichter Luftzug umfing ihn. Der Herr schüttelt den Kopf und erschrickt im nächsten Augenblick fürchterlich. Ihm gegenüber auf dem anderen Sessel hat eine Gestalt Platz genommen. So viel habe ich doch nicht getrunken, schießt es ihm durch den Kopf. Er reibt sich die Augen, schließt sie wieder, aber die Gestalt verschwindet nicht. So etwas kommt doch nur in schlechten Gespenstergeschichten vor.

   Der ungebetene Gast scheint Gedanken lesen zu können, denn eine wohlklingende Frauenstimme meint: »Nein mein Lieber, du bist nicht betrunken, wenigsten jetzt noch nicht. Erkennst du mich nicht, Junge?«

   Der Herr überlegt einen Augenblick, dann geht ein Strahlen über sein Gesicht: »Natürlich, Großmutter Anna[2]. Gut schaust du aus.«

   »Für einen Menschen, der fast vierzig Jahre tot ist, doch nicht übel.«

   Der Herr nickt abwesend: »Das kann man wohl sagen. Du siehst so aus, wie ich die in Erinnerung habe: kleine Gestalt, langes schwarzes Kleid, eine kleine Weste, die von einer Brosche gehalten wird, ein intelligentes Gesicht und ein Knoten im Haar, eine noch gut aussehende Frau um die Mitte siebzig.«

   Geist Anna lacht: »Du schmeichelst mir Richard.«

   Dieser lächelt wehmütig: »Das waren noch Zeiten, Großmutter. Warum bist du hier? Um mein Elend mitzuerleben?«

   »Du warst immer mein Lieblingsenkel. Ich bin hier, um dir zu helfen.«

   »Mir kann niemand mehr helfen«, erwidert Richard bitter. »Außerdem ist alles zu spät.«

   »Es ist nie zu spät.«

   »Das sind dumme Redensarten, plattes Geschwätz. Ich habe mir unendlich viel davon in meinem Leben anhören müssen.«

   »Das kann schon sein«, nickt Geist Anna verständnisvoll, »aber ich habe in meinem Leben niemals dummes Zeug nachgeplappert.«

   »Das stimmt.«

   »Du hast jetzt die Möglichkeit, dein Leben noch einmal an dir vorbeiziehen zu sehen. Ich darf dich dabei ein Stück begleiten.«

   »Wie soll das geschehen? Fliegen wir dahin wie in Charles Dickens Weihnachtsmärchen

   Geist Anna lachte: »Nein mein Junge. Außerdem hat diese Geschichte ein schönes Happy End. Du hingegen beabsichtigst etwas anderes. Stimmts? Schau her.« Sie schnippt mit dem Finger und plötzlich schaltet sich der Fernseher auf dem Brett ein. Bunte Bilder flimmern über den Bildschirm.

   Richard ist fasziniert: »Toller Trick Großmutter. Wie hast du das gemacht?«

   »Ich habe noch andere Überraschungen im Gepäck«, grinst Geist Anna und schnippte noch einmal mit den Fingern. Ein schönes Glas Wein stand plötzlich vor ihr auf dem Tisch.

    Richard ist überwältigt: »Tolle Vorstellung. Wenn mir hier der Sprit ausgeht, kannst du mir Nachschub besorgen.«

   »Du hast reichlich gebunkert, mein Junge. Aber nun genug geredet. Schauen wir uns zusammen die Bilder an, die uns vorgeführt werden. Sie betreffen ausschließlich dein Leben in der Vergangenheit.«

   Die Bilder werden immer bunter und intensiver und beginnen, diesem einsamen Gast und seiner Besucherin eine Geschichte zu erzählen. Schließen wir uns ihnen an und schauen mit ihnen in eine längst vergangene Zeit. Öffnen wir den Vorhang und lassen des Spieles zweiten Teil beginnen.

 

Handlungen und Personen sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Verstorbenen wären zufällig und gänzlich unbeabsichtigt. Wer sich oder andere dennoch darin zu erkennen glaubt, ist es selber schuld.

 

1. Akt: Am Anfang stand Erziehung: Die langen Schatten des Dritten Reiches

 

Kindertage

 

Am ersten April[3] des Heilig Rock Jahres machte sich der sechsjährige Richard Dieckmann auf den Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Ein schon für sein Alter recht großer Junge, kräftig aber nicht dick. Die Mütze auf dem Kopf, den Ranzen auf dem Rücken und die Schultüte in der Hand, so ging er mit seiner Mama den kurzen Weg zur neuen Schule. Sein Gesicht strahlte Gutheit und Güte aus, ein hübsches, braves und liebes Kind mit leichtem Wehmut in den Augen.

   Er ging an der Hand seiner Mama, die ihn hart erzog und nichts durchgehen ließ. Das wäre nicht notwendig gewesen, denn der Junge war von seinem Charakter her sanft, einfühlsam, gutmütig und sehr sensibel. Die Mama, unser Klärchen aus alten Tagen, war hochschwanger und erwartete in wenigen Wochen ihr drittes Kind. Richard war der Erstgeborene, seine Schwester Antonia, genannt Toni, um vier Jahre jünger.

   »Merk dir den Weg gut«, sagte Klärchen[4] in strengem Ton zu ihm, »ich gehe nur heute mit dir. Ab morgen musst du alleine gehen.« Der Junge nickte.

   Sie erreichten die Schule. Sie lag am Zionsberg, dem ehemaligen Judenviertel der Stadt, Klärchens alter Heimat. Die Schule war erst kürzlich errichtet worden und entsprach dem nüchternen Betonstil der fünfziger Jahre. Sie beherbergte die Kinder der katholischen Pfarreien St. Johannes und St. Petrus. Zu dieser Zeit musste jede katholische Pfarrei in der alten Stadt an der Mosel eine eigene Schule haben. Es war die große Zeit der Volkskirchen mit Macht und Einfluss bis weit in die Gesellschaft hinein.

   Klärchen und Richard gingen durch das Schultor auf einen Pavillon am Ende des Hofes zu. Dort standen viele Mütter mit ihren Kindern. Klärchen kannte einige und grüßte höflich. Eine Frau trat zu ihnen heran und gab ihr die Hand:

   »Ist das dein Junge Klärchen«, fragte sie in herzlichem Ton.

Die Mutter nickte und die nette Frau ging weiter, um andere Teilnehmer der Schar zu begrüßen.

   »Das ist deine Lehrerin Richard. Sie heißt Frau Thal. Wir waren vor dem Krieg zusammen auf dem Fernamt. Später schulte sie um und nun ist sie Lehrerin. Sie hat es zu etwas gebracht.« Klärchen seufzte tief: »So ist das Leben.«

   Der Junge nickte und schaute schüchtern in das Gewirr von Menschen und Stimmen. Alle diese viele fremden Gesichter erschreckten ihn ein wenig. Aber er hütete sich, das seiner Mutter zu sagen.

   Frau Thal, eine sympathische schlanke Frau mit einem schönen Gesicht, um die vierzig herum, bat nun mit lauter Stimme alle in den Pavillon. Die Kinder durften sich auf die Stühle setzen, die Eltern standen an den Wänden. Richard schaute ängstlich nach seiner Mama. Sein Nachbar zu rechten, ein Junge mit einem offenen Gesicht, meinte zu ihm: »Ich bin der Joachim und du?«

   »Richard«, kam es leise und zögerlich zurück.

   Die Lehrerin begrüßte in diesem Augenblick offiziell die Eltern und Kinder. Sie erklärte kurz einige Formalitäten. Danach bat sie die Eltern, die Klasse zu verlassen. Einige Kinder weinten, als diese den Raum verließen und auch Richard schluckte. Frau Thal sah das alles, denn sie war eine gute Pädagogin, sehr einfühlsam, aber auch bestimmend und ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie galt als exzellente Lehrkraft, die ausgezeichnete Ergebnisse mit ihren Schülern erzielte.

   »Kommt Kinder«, rief sie nun mit lauter Stimme, »stellt euch alle in einem großen Kreis auf und gebt euch die Hand.«

   Etwa vierzig Jungen und Mädchen befolgten die Anordnung. Richard und sein neuer Tischnachbar Joachim standen nebeneinander und gaben sich die Hand. Neben ihm ein kleines schwarzgelocktes Mädchen. Richard erkannte in ihr ein Nachbarskind. Das ängstliche Mädchen war froh, in ihm ein bekanntes Gesicht zu sehen. Neben Joachim stand ein etwas größerer Junge, der sich den drei spontan als Christian vorstellte. Leutselig teilte er mit, dass er schräg neben der Schule wohnte.

   »So liebe Kinder. Nun singen wir ein schönes Lied und geben dabei im Kreis.«

   Frau Thal klinkte sich in die Reihe ein und stimmte das bekannte Lied Das Wandern ist des Müllers Lust an. Die Kinder sangen begeistert mit. Richard kannte das Lied vom Kindergarten her und sang aus voller Kehle. Seine anfängliche Angst und Beklommenheit wich unter den Klängen dieses schönen Liedes. Als es endete, klatschte die Lehrerin in die Hände, lobte die Kinder und animierte sie, ihrem Beispiel zu folgen. Alle taten mit großer Begeisterung mit. Eine entkrampfte Atmosphäre entstand. Man stand zusammen und redete miteinander. Nur das kleine Nachbarsmädchen blieb stumm, sie trauten sich nicht.

   Richard übernahm jetzt jovial die Vorstellung: »Sie heißt Rosi und wohnt ganz in meiner Nähe.« Die beiden Jungen nickten verständnisvoll.

   »Ich wohnte auch ganz in eurer Nähe«, ergänzte Joachim schließlich.

   »Dann sind wir alle Nachbarn«, lachte Christian.

   Frau Thal beobachtete inzwischen sehr genau das Verhalten der Kinder. Sie wusste, dass diese ersten Stunden entscheidend für das weitere Schulleben waren. Sie wollte die Kinder mitnehmen, sie behutsam in das neue Leben einführen. Damit stellte sie in jener Zeit eine große Ausnahme dar. Es galten nämlich noch immer die Erziehungsideale der Kaiserzeit und der Nazis. Frau Thal war auch in dieser Zeit geboren, aber sie sah mit offenen Augen die neuen pädagogischen Ansätze und Entwicklungen. Viele ihrer Kollegen war stecken gebliebene Nazis, die insgeheim der alten Ordnung nachhingen. Nicht aber Frau Thal und so wollte sie auch jetzt nichts dem Zufall überlassen. Die Sitzordnung der Kinder sollte nicht willkürlich, sondern nach modernen pädagogischen Grundsätzen ausgewogen erfolgen.

   Die Zionsbergschule war, wie bereits gesagt, eine Neugründung. Dementsprechend modern sah die Ausstattung aus. Die Tische standen nicht in langen Reihen hintereinander, sondern je vier zusammengestellte bildeten eine Gruppe. Alles ausgerichtet auf die große Tafel und das Pult der Lehrerin.

   Frau Thal hatte unsere Vier bemerkt und ging auf sie zu: »Ihr scheint euch ja schon gut zu verstehen. Nehmt euere Sachen und setzt euch hier Mitte rechts in diese Gruppe.«

   So fügte es sich, dass Richard neben Joachim und ihnen gegenüber Rosi und Christian zu sitzen kamen. Alle schienen mit der Wahl zufrieden. Die anderen Kinder hatten auch ihre Plätze gefunden. Die kleinen Plappermäulchen gingen aufgeregt. Joachim und Richard tauschten Süßigkeiten aus ihren Schultüten aus und boten sie auch den anderen an. Christian tat es ihnen gleich und die ängstliche Rosi wagte es, ein Stück Schokolade zu nehmen.

   »Ich bin die Rosi«, kam es plötzlich leise aus ihr heraus. Christian nickte gutmütig und die beiden anderen lächelten zustimmend. Der Freundschaftsbund war geschlossen.

   Frau Thal klatsche plötzlich in die Hände: »So Kinder, nun bitte ich um etwas Ruhe.« Sie wartete einen Augenblick und die große Schar blickte neugierig zu ihr hin. »Für heute ist Schluss. Wir sehen uns morgen früh um acht Uhr wieder. Wir singen nun zum Abschluss noch ein kleines Lied. Das werden wir jeden Tag so halten.«

   Eine gewisse Unruhe erfüllte den Raum. Frau Thal brachte das nicht aus der Ruhe. Sie werden sich noch an die Schuldisziplin gewöhnen, man darf am ersten Tag nicht zu viel von ihnen verlangen. Jetzt stimmte sie ein Kirchenlied an, in das einzelnen Kinder mit einfielen. Richard kannte auch dieses Lied und sang begeistert mit. Die Lehrerin sah das und nickte ihm kurz aufmunternd zu: »Auf Wiedersehen bis Morgen«, rief sie am Ende.

   »Auf Wiedersehen«, tönte es vielstimmig zurück.

   Jetzt gab es kein Halten mehr. Die wildesten Kinder stürmten zuerst aus der Klasse, gefolgt von den anderen. Rosis Mutter betrat den Raum und half ihrer Tochter, die Sachen zusammenzupacken. Danach gingen sie hinaus, die drei Kameraden hinterher.

   »Wir sitzen zusammen«, informierte Richard aufgeregt die Mutter.

   »Setz deine Mütze richtig auf und zappele nicht so herum«, erwiderte diese streng. Die Mütter der anderen kamen hinzu und machten sich bekannt. Klärchen kannte Rosis Mutter, Frau Ahorn, vom Sehen her, die beiden anderen Frauen nicht. Christians Mutter gab ihr freundlich die Hand: »Sehr schön, dass unsere Kinder Freunde werden.« Klärchen nickte zustimmend und auch Joachims Mutter bestätigte die Rede.

   »Dann auf Wiedersehen«, sagte Frau Morten. »Wir wohnen nur einige Meter entfernt.«

   »Auf Wiedersehen«, wiederholte Christian höflich und ging mit seiner Mutter fort.

   »Wir haben den gleichen Weg«, bemerkte Frau Ahorn. »Komm Rosi und trödele nicht.«

   »Das gilt auch für dich Richard«, schloss sich Klärchen der Aufforderung an. Gehorsam zogen die Kinder nun los, lachend und schwatzend. Die Erwachsenen folgten ihnen in einigem Abstand. Richard kannte den Weg gut, er führte an seinem alten Kindergarten vorbei. Schade, dass ich da nicht mehr bin, und schaute etwas wehmütig auf das Gebäude, aber jetzt bin ich ein Schulkind.

   An der Johanneskirche hielt der Zug. »Richard und Joachim«, fragte Frau Ahorn, »wollt ihr Rosi morgen früh mitnehmen. Sie ist etwas ängstlich und findet nicht so schnell den Weg.«

   »Sicher«, erwiderte Klärchen, »um Viertel vor acht gehen sie los. Es ist das Beste, wenn ihr euch hier vor der Kirche trefft.« Joachims Mutter nickte zustimmen, die beiden Jungen ebenfalls. So trennte man sich, zufrieden lächelnd. Die Kinder winkten sich zum Abschied zu.

 

   »Sei nicht immer so albern«, bemerkte die Mutter, als sie mit Richard die wenigen Schritte zur Wohnung ging.

   »Ja Mama«, erwiderte der Junge folgsam. Überglücklich kehrte er mit der Mutter in die Wohnung am Kirchenplatz 1 zurück. Er hatte sich etwas vor diesem Tag gefürchtet. Um so erleuchteter sprang er jetzt umher.

   Anna hatte das Mittagessen gekocht. Die dreijährige Antonia war ebenfalls aus dem Kindergarten zurück.

   »Wie war der erste Schultag«, fragte Anna neugierig.

   »Prima Oma, ich habe schon drei neue Freunde.«

   »Kannst du schon schreiben?«, scherzte Michael.

   »Nein Opa, heute noch nicht«, antwortete Richard sehr ernsthaft, »erst morgen fangen wir damit an.« Die Großeltern lachten.

   »Wasch dir die Hände Richard, dann können wir essen«, mahnte die Mutter. Der Junge folgte sofort. Er wusste, dass die Mutter etwas nicht zwei Mal sagte. Bald saßen alle in Klärchens Küche um den großen Tisch, Anna trug das einfache, aber reichliche Essen auf und nach dem Tischgebet langten alle zu.

   Lassen wir unseren Freunden das Essen munden und schauen uns derweil etwas um. Es ist die alte Wohnung unserer bekannten Helden Michael und Anna. Aber viel hatte sich verändert, seit Klärchen geheiratet und mit Max, ihrem Mann, zu den Eltern gezogen waren.

   In der Küche stand ein moderner Elektroherd neben einem kleinen Kohleherd. Ein schöner großer Küchentisch, das Hochzeitsgeschenk von Schwiegervater Albert, wir erinnern uns noch an ihn, mit vier Stühlen stand neben einem kleinen Sofa und einem Küchenschrank, auf der eine von Max gebauten Uhren tickte. Daneben ein kleiner Tisch mit Spielsachen und Stühlchen. Auf einem Brett war das Radio untergebracht. Neben der Küche befand sich das kleine Badezimmer, dass von Max wunderbar aufpoliert wurde. Einen kleinen Schritt weiter sehen wir das Schlafzimmer, in dem sich neben den Betten der Eltern zwei kleine Kinderbetten befanden, dazu ein großer Schlafzimmerschrank und eine kleine Kommode mit Spiegeln.

   Die Großeltern hatten am Ende des langen Ganges ihr Schlafzimmer und am gegenüberliegenden Ende die Küche. Die Toilette und ein gemeinsames Wohnzimmer schlossen das Arrangement ab.

   Obwohl die Wohnung nicht klein war, konnte man nicht übersehen, dass sie für so viele Personen zu eng erschien. Klärchen wollte sich aber nicht von der Mutter trennen und lehnte jede Diskussion um einen Auszug in eine eigene Wohnung kategorisch ab. Max gefiel diese Situation nicht, aber er war viel zu schwach, um sich gegen seine Frau durchzusetzen. Er gab sich dem Unvermeidlichen hin. Es hielt ihn aber nicht ab, die Wohnung im Laufe der Zeit auf Vordermann zu bringen, in dem er sie von Grund auf mit dem ihm eigenen großen handwerklichen Können renovierte.

   Die beengten Wohnverhältnisse hatten aber auch eine positive Seite. Max verdiente wie viele kleine Arbeiter der fünfziger Jahre nicht viel, das Gehalt war niedrig und die Arbeitszeiten lang. Die Pension seines Schwiegervaters Michael war also eine willkommene Bereicherung.

   Wir befinden uns in der späten Ära Adenauer. Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, formte die junge Republik nach seinem konservativen rheinisch katholischen Weltbild. Die langen Schatten des verbrecherischen Dritten Reiches lagen auf dem Land, aber Adenauer war nicht der Mann, der sich um Aufarbeitung bemühte. Das Gegenteil war der Fall. Die alten Eliten der Nazizeit nahmen nach und nach wieder ihre alten Plätze in der jungen Republik ein. Das Schreckensbild des russischen Kommunismus mit den Platzhaltern in der DDR diente ihm als Vorwand für seine restaurative Innenpolitik. Keine Experimente war die Devise jener Zeit. In dieser stock konservativen Ständegesellschaft hatte jeder den Platz einzunehmen, der ihm von Geburt zustand. Ein Rückgriff auf die Großvätergeneration der Kaiserzeit, die Adenauer repräsentierte und in der er groß geworden war, da die Söhne versagt hatten.

   Max als kleiner Arbeiter stand daher auf einer recht tiefen sozialen Stufe, auch wenn er bei einer großen und sehr angesehenen Firma arbeitete. Der Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen. Das Wirtschaftswunder konnte nur geschehen, weil die kleinen Leute wie Max für einen Hungerlohn schufteten. Nur die Eliten der jungen fröhlichen rheinischen Republik profitierten von dieser Ungleichheit und ließen es sich gut gehen.

   Es herrschte in den Haushalten der Arbeiter, kleinen Angestellten und Beamten keine Hungersnot, aber das Geld war knapp und ließ nur wenig Spielraum für Extras. Der Aufstieg in eine gehobenere Schicht war schwierig, denn das setzte eine bessere Bildung voraus. Diese aber wurde den unteren Schichten weitgehenst vorenthalten. Das Schulgeld für die höheren Schulen war gerade erst abgeschafft worden, aber die Kosten einer besseren Bildung waren für die kleinen Leute nicht zu schultern. Eine akademische Karriere blieb für viele ein unerfüllbarer Traum.

   Klärchen war nach ihrer Heirat aus dem Beamtenverhältnis ausgeschieden. In diesen Jahren konnte eine verheiratete Frau nicht mehr berufstätig sein. Nicht schlimm, dachte Klärchen, ich hatte sowieso keine Lust mehr auf dem Fernamt. Als alte unverheiratete Jungfer hätte ich ohnehin nichts zu melden gehabt, allerdings ist mein sozialer Status jetzt auch nicht besser. Das Geld ist knapp und wir leben sehr beengt. Trotzdem möchte ich nicht tauschen. Die Wohnung bietet das, was uns ansonsten versagt bleibt. Wir besitzen eine Waschmaschine, einen modernen Elektroherd und einen Staubsauger. Max kaufte sie bei seinem Arbeitgeber und wir stottern die Schulden in kleinen Raten ab. Ein Auto oder eine Urlaubsreise sind unerreichte Träume. Wie es aussieht, kann Max in allernächster Zeit auf Kosten seiner Firma den Führerschein machen. Ist doch auch schon etwas.

   Gegen Viertel nach fünf kam der Vater von der Arbeit zurück. Bei gutem Wetter fuhr er mit dem Fahrrad, ansonsten ging er zu Fuß. Klärchen hatte in der Küche den Kaffeetisch gedeckt, die Großeltern saßen derweil in ihren Räumen.

   Max gab seiner Frau wie stets zur Begrüßung einen Kuss und setzte sich an den Tisch. Klärchen schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein, dazu schmierte er sich ein Marmeladenbrot.

   »Papa, es war toll heute in der Schule«, berichtete Richard eifrig.

   »Soso«, murmelte Max. Er redete nicht gerne, der Papa. Richard störte das nicht weiter, sondern er ging zu dem kleinen Kindertisch zurück, auf dem er seine Spielzeugautos ausgebreitet hatte. Diese kleinen Wickingautos[5] waren sein ganzer Stolz. Jetzt bemerkte er aber, dass seine kleine Schwester Toni eines davor gepackt hatte und begann, die Reifen samt Achsen aus den Verankerungen der kleinen Fahrzeuge zu reißen.

   Mit einem lauten Schrei entriss er ihr den Wagen: »Was machst du da Toni. Jetzt ist es kaputt.«

Anstatt schuldbewusst das Feld zu räumen, begann die kleine Schwester, laut zu schreien. Sofort war Klärchen zur Stelle und gab Richard eine schallende Ohrfeige.

   »Warum kriege ich sie«, heulte er los, »Toni hat doch mein schönes Wickingauto kaputtgemacht.«

   »Jetzt wird er auch noch frech«, keuchte Klärchen und gab dem Jungen eine weitere feste Ohrfeige. »Geh sofort aus dem Zimmer. Soviel Ungezogenheit ist kaum zu ertragen.«

   Heulend verließ Richard den Raum und sah, wie die kleine Schwester sich an den Vater kuschelte und hämisch zu dem Bruder hinschaute. Max sah wohlgefällig auf sie herab.

   »Der Junge wird immer frecher. Du musst ihn dir mal gründlich vorknöpfen Max.

   »Ja, ja«, knurrte dieser. Kurz darauf beendete Max den Nachmittagskaffee und rauchte eine Zigarette. Klärchen schaute ihn an. Sie waren nun acht Jahre verheiratet und er hat sein Äußeres kaum verändert. Mit seinen dreiunddreißig Jahren sieht er noch immer sehr jugendlich aus. Ich bin fünf Jahre älter und in diesen Jahren stark gealtert, außerdem verlor ich meine schlanke Linie. Das gefällt ihm nicht. Eine alte Frau mit einem jungen Mann, raunen unsere Freunde und Bekannte hinter unserem Rücken. Das hier ist meine dritte Schwangerschaft und die hinterlässt halt Spuren. Männer sind Schweine, sie wollen nur eines. Er will sich an mir austoben und das möchte ich nicht. Was soll man mit einem solchen Mann anfangen? Mein im Krieg gefallener Verlobte Rudolf war der einzige Mann von Format. Max kommt nicht im Entferntesten an ihn heran. Aber ich werde mir nie eingestehen, die falsche Wahl getroffen zu haben. Wozu auch, als alter Jungfer wollte ich auch nicht sterben. Nach außen werden wir immer das verliebte Ehepaar spielen. Aber Max, alles lässt er mich machen, an mir bleibt alles hängen. Die Hausarbeit, die Kindererziehung, die Sorgen. Und dann die Eltern. Natürlich wollte ich mich nicht von Mama trennen. Aber alles hat zwei Seiten. Meine Geschwister kommen oft zu den Eltern zu Besuch. Die alte Tradition des gemeinsamen sonntäglichen Mittagessens ist ungebrochen. Die Arbeit habe ich damit und wir werden bei solchen Gelegenheiten an die Wand gedrückt. Max hält sich da geschickt heraus. Warum hat er dem Jungen nicht eine hinter die Ohren gehauen? Gut, wir haben ein eisernes Prinzip: Nie vor den Kindern streiten. »Seufz«. Das Leben ist nicht leicht …

   Max rauchte mit Behagen seine Zigarette. Eine Frau muss im Bett dem Mann zu Willen sein. Was ich da von ihr möchte, gibt sie mir nur ungenügend. Sie war und ist eine Nazizicke. Es ist schon eine Schande, dass sie ihre gute Figur verlor. Warum soll ich den Jungen prügeln. Kindererziehung ist Frauensache, das ist doch klar.

   Richard hatte sich zu den Großeltern geflüchtet und Anna tröstete den Jungen. Später kehrte er reumütig zu den Seinen zurück. Was hätte er auch sonst tun sollen?

   Der Tag neigte sich zu Ende. Nach dem Abendessen brachte Klärchen die Kinder ins Bett. Richard schlief nicht gleich ein, sondern dachte, wozu denn Mädchen gut seien. Warum habe ich nicht einen kleinen Bruder? Hoffentlich wird es jetzt einer.

   Max und Klärchen saßen später alleine in der Küche. Das Radio spielte leise Musik. Klärchen zündete sich eine Zigarette an und begann, in einem Buch zu lesen. Lesen war ihre Leidenschaft und auch dafür hatte ihr Ehemann wenig Verständnis. Unnützer Zeitvertreib. Ich lese den Lesezirkel, denn da sind immer heiße Frauen drin. Was in diesen Zeitschriften steht, reicht mir als Lesestoff völlig aus. Ein Buch, warum? Igitt.

   Max begann, ein Paar Schuhe neu zu besohlen. Das war seine Welt, die des Handwerks und hierin erwies er sich als absoluter Spitzenmann. Es gab kaum eine handwerkliche Tätigkeit, die er nicht ausführen konnte. Der gelernte Feinmechaniker hatte sich in den letzten Jahren zum Fernmeldetechniker hochgearbeitet. Aber er konnte noch viel mehr: Schreiner, Schlosser, Anstreicher und Tapezierer, Klempner, Schuster und Elektriker. Bei Max kam noch etwas hinzu. Neben seinem großen handwerklichen Geschick arbeitete er mit Intelligenz und Köpfchen.  Er gab nicht das landläufige Bild eines Handwerkers her, der feste in die Hände spukte mit der  Bierflasche am Hals. Hätte er die Möglichkeit gehabt, dann wäre aus ihm ein guter Ingenieur oder technischer Akademiker geworden. Er hätte mit Schwarzarbeit ein Vermögen verdienen können. Das jedoch lehnte er ab: »Ich arbeite für meine Firma und mache mir dort müde.« Wenn er nach Dienst noch handwerklich tätig war, dann nie für Geld. Es waren ausschließlich Freundschaftsdienste für engere Verwandte oder Freunde. Klärchens Familie sah auf ihn herab, den kleinen Arbeiter, aber sein handwerkliches Genie schätzten sie sehr und nahmen ihn gerne und oft in Anspruch.

   Max beendete seine Schusterei und rauchte noch eine Zigarette: »Gehen wir bald ins Bett. Morgen ist früh Tag.« Klärchen nickte zustimmend.

 

Am nächsten Morgen stand Richard pünktlich an der Kirche. Er sah Joachim die Straße herunterlaufen. Sie begrüßten sich freundschaftlich und warteten zusammen.

   »Wo ist Rosi«, fragte Richard schließlich mit gerunzelter Stirn. Er war an absolute Pünktlichkeit gewöhnt. Die Mama duldete auch in diesem Punkt keine Nachlässigkeiten. »Wenn sie nicht gleich kommt, gehen wir. Wir kommen sonst zu spät.«

   Plötzlich kam Rosi mit ihrer Mutter angelaufen. Das schwarzgelockte Mädchen mit den lustigen Zöpfen und dem hübschen Gesichtchen war ein langsames, sehr schüchternes Kind. Sie wurde von der sehr tatkräftigen Mutter angetrieben.

   Richard nahm Rosi entschlossen bei der Hand und zu dritt zogen sie los. Der Junge hatte Erfahrungen mit solchen Dingen, musste er doch stets seine kleine Schwester Antonia hinter sich herziehen. Neben ihm ging der schon recht große und schlanke Joachim mit seinem intelligenten, etwas spitzbübischen Gesicht. Pünktlich erreichten sie die Schule.

   Die Schulglocke läutete und die Kinder stellten sich paarweise vor dem Pavillon auf. Richard und Joachim standen zusammen, dahinter Christian und Rosi. Auf einen Wink der Lehrerin betraten alle geordnet die Klasse.

   Der Schulalltag begann. Richard tat sich in den ersten Tagen mit dem Eingewöhnen schwer. Das lag auch daran, dass er auf neue Situation meist sehr zögerlich reagierte. Er wollte Gewohntes bewahren und sah Neuem nicht immer wohlwollend entgegen. Außerdem trauerte er seinen Freund aus dem Kindergarten nach. Warum wurden sie getrennt. Nur weil er in einer anderen Pfarrei wohnte. Wer sollte das verstehen?  Zeitweise schien es ihm, als ob er nicht alles erfasste, was die Lehrerin sagte. Dann kam er sich ganz verloren vor. Einmal sollten sie Zeitungen und eine Schwere mitbringen. Richard hatte die Sache bei sich, konnte aber nichts damit anfangen und saß verloren davor.  Joachim sah das und half ihm ein bisschen, denn er war spontaner und die Eingewöhnung fiel ihm leichter. Richard nahm die Hilfe dankbar an und das festigte ihre Freundschaft. Nach einigen Tagen waren sie unzertrennlich. Bald hatte Richard die Anfangsschwierigkeiten überwunden und begann, mit großem Eifer bei der Sache zu sein.

   Der Dritte im Bunde war Christian und gegen dieses Triumvirat war nur schwer anzukommen. Die Lehrerin sah das, aber sie ließ es zu, da die Jungen sich sehr gut ergänzten. Allerdings bestand sie darauf, dass sie die schüchterne Rosi mit einbezogen. Die Jungen gehorchten ohne Murren.

   Für Rosi wurde das zum Segen, denn ohne die Drei wäre sie in diesem ersten Jahr untergegangen. Jeden Mittag im ersten Viertel des Schuljahres, den Gott werden ließ, kam gegen vierzehn Uhr Frau Ahorn zu Richard und erfragte die Hausaufgaben. Rosi brachte sie nie vollständig nach Hause, oftmals vergaß sie diese völlig. Die Mutter notierte alles von Richard und übte zu Hause eisern mit ihrer Tochter, um sie auf das allgemeine Klassenniveau zu bringen, nein, noch viel mehr darüber hinaus.

   Richard schrieb immer ganz korrekt und vollständig die täglichen Aufgaben auf. Eines Tages beim Mittagstisch meinte er: »Ich muss gleich die Uffgaben machen.«

   »Was ist das für ein Wort«, fragte Anna pikiert. »Das heißt Aufgaben mein Junge. Wo hast du diese Ausdrucksweise her?«

   »Natürlich in der Schule aufgeschnappt«, erwiderte die Mutter stirnrunzelnd. Und mit lauter Stimme fortfahrend: »Richard, denke immer daran, dass wir hier nur Hochdeutsch sprechen. Hier gibt es kein Moselplatt.«

   »Ja Mama, ja Oma«, sagte der Junge kleinlaut, »es ist mir so herausgerutscht.«

   »Schon gut mein Junge«, Anna nickte ihm begütigend zu.

   Nach dem Essen begann Richard sofort mit den Aufgaben. Die Kinder des ersten Schuljahres schrieben mit einem Griffel auf eine Schiefertafel in DIN A4 Format. So schrieb der Junge die Tafel voll. Der Mutter war das nicht gut genug und so wischte sie die vollgeschriebene Tafel wieder aus. Anlässe dazu gab es genug: Ein kleiner Fehler im Text, ein verschmierter Buchstabe oder die Schrift entsprach nicht ihren Vorstellungen. Richard war entsetzt.

   »Es war doch sehr schön geschrieben«, schluchzte er.

   »Aber nicht schön genug«, ertönte es hart und drohend zurück.

   Richard seufzte und schweren Herzens begann er von vorne. Aber auch dieser Versuch war der Mutter nicht gut genug und sie wischte resolut alles wieder aus. Der Junge sollte zu peinlicher Sauberkeit und Korrektheit erzogen werden.

   Richard begann, lautstark zu protestieren. Klärchen verlor sofort die Nerven und begann, mit allem auf ihn einzuprügeln, was ihr unter die Hände kam: Teppichklopfer, Kochlöffel oder eine lange elektrische Verlängerungsschnur. Das Geschrei des Jungen tönte bis in Annas Küche. Diese schüttelte den Kopf:

   »Was macht Klärchen nur mit dem Jungen«, pflegte sie in solchen Augenblicken zu sagen und schaute ihren Mann an, der am Küchentisch die Zeitung las. »Warum ist sie so streng und unbarmherzig mit ihm, lässt ihm nichts durchgehen? Der Junge schreibt doch so schön.«

   Michaels Geist befand sich in diesen Tagen schon oft auf Abwegen. In lichten Momenten aber erwiderte er stirnrunzelnd: »Erinnerst du dich noch an das Gespräch mit Peter, als wir in den Staaten waren? Und die Befürchtungen, die wir äußerten.«

   »Natürlich«, Anna nickte heftig mit dem Kopf. »Sie versündigt sich an dem Kind. Sie verlangt sehr viel von dem Jungen, viel zu viel. Und wird ungeduldig, wenn er nicht gleich pariert. Sie verlangt mehr von ihm, als sie selbst je in ihrer Schulzeit leistete. Die Geburt des dritten Kindes, der kleinen Renate, überfordert sie mehr als sie sich selbst eingestehen will. Richard ist ihr Ablassventil.«

   »Wie meinst du das«, Michael sah von seiner Zeitung auf.

   »Wie ich es sage. Der Junge ist ein guter Schüler und gehört zum oberen Drittel der Klasse. Das betonte die Lehrerin beim letzten Elternabend. Aber Klärchen schikaniert ihn weiter mit ihren überzogenen Forderungen. Wie lautet das Sprichwort: Schlage den Esel, wenn du seinen Herrn nicht treffen kannst. Es ist immer das bequemste, den Frust an Wehrlosen auszulassen. Das führt zu nichts.«

   »Was können wir tun?«

   Erneut ertönte lautes Geschrei zu den beiden hinüber. Anna stand mit einem Ruck auf: »Ich gehe jetzt rüber und beende das Drama.« Sprachs und setzte ihr Vorhaben sofort in die Tat um. Solche Szenen wiederholten sich oft in der ersten Hälfte des Schuljahres. Anna war daher stets genötigt, einzugreifen, um Schlimmeres zu verhüten.

   Wenn Richard seine Aufgaben glücklich überstanden hatte, durfte er zum Spielen. Regelmäßig kam er sich mit seinen zwei Freunden zusammen. Sie trafen sich oft bei Christian und Richard ging dort sehr gerne hin: »Dort ist es sehr schön und ruhig. Keiner mault mit mir. Seine Mama ist echt lieb. Christian hat ein eigenes Zimmer und muss nicht wie ich mit allen in der Küche spielen, vor allem meinen dummen Schwestern. Er hat viele Wickingautos und keine Schwester macht sie ihm kaputt. Er hat noch einen kleineren Bruder, der ist in Ordnung und wir lassen ihn mitspielen. Warum gibt es Mädchen?« Die Freunde wussten es nicht.

   »Ich kann euch leider nicht zu mir einladen«, erklärte Richard an einem solchen Tage. »Bei uns ist es zu eng.«

   »Macht nichts Ritschi«, sagte Christian und legte ihm die Hand auf die Schulter, »dafür haben wir hier genug Platz. Nicht wahr Joachim?«

   »Na klar, und bei uns im Hof können wir auch gut spielen.« Alle drei Jungen grinsten. Man hatte sich verstanden und sie waren halt wirklich gute Freunde.

   Christians Mutter, eine feine und liebenswürdige Frau, sagte oft zu ihrem Mann: »Ich sehe es gerne, wenn der kleine Richard zum Spielen kommt. Ich mag den Jungen, er ist ein feiner intelligenter Kopf. Sie passen gut zusammen, Christian und er.«

   »Er kommt aus einem guten Elternhaus«, bestätigte der Vater. »Ich kannte seinen Onkel Peter gut.«

   Es waren reiche Leute, diese Mortens, aber sie zeigten diesen Reichtum nicht. Im Gegenteil, sie verkehrten freundlich und ohne Dünkel mit allen ihren Mitmenschen. Die Mutter überlegte einen Augenblick: »Die Familie muss sich glaube ich sehr einschränken. Vor dem Kriege ging es ihnen auch wesentlich besser. Steckten allerdings feste drinn, damals.«

   »Wer war das nicht«, erklärte der Vater großmütig und lächelte seiner Frau zu. 

 

An einem Vormittag im ersten Schulmonat stand das Fach Turnen auf dem Stundenplan. Richard konnte sich nicht viel darunter vorstellen. Er war unsportlich, ein wenig steif und lebte nach der Devise: In der Ruhe liegt die Kraft. Warum sich unnütz anstrengen. Seine beiden Freunde waren etwas sportlicher. Also zogen sie an diesem Vormittag ihr Turnzeug an, kurze Hose, weißes Hemd und dazu Turnschuhe.

   Alle Kinder liefen in der neuen Turnhalle herum, sprangen mehr oder weniger lustig umher. Richard schaute misstrauisch auf die Turngeräte. Wozu die wohl gut waren? Von der Decke hingen Seile herunter, an denen große Holzringe befestigt waren. Als Erstes musste sich jedes Kind daran hängen und hin und her schaukeln. Das machte allen Spaß und auch Richard tat mit Vergnügen mit.

   Jetzt änderte die Lehrerin die Übungsfolge. Zwei größere Mädchen, die als Hilfspersonen eingeteilt waren, stellten sich rechts und links neben die Ringe. Frau Thal selbst hielt das Höhenverstellbarkeitsseil fest. Die Kinder wurden aufgefordert, sich einzeln mit den Füßen in die Ringe zu stellen und sich aufrecht stehend hochziehen zu lassen. Danach sollten sie hin und her schaukeln.

   Eigentlich eine sehr gefährliche Übung, denn wie leicht konnten einem Kind die Beine auseinanderknicken und sich damit schwer verletzen. Die Gefährlichkeit wurde nicht dadurch gemildert, dass die beiden Mädchen an den Seiten Hilfestellungen leisteten.

   Die Kinder spürten die Gefährlichkeit des Ganzen. Eines nach dem anderen absolvierte mehr oder weniger ängstlich die Übung. Richard sah mit Grausen zu und bekam Angst. Er fühlte sich nicht in der Lage, diese Übung zu absolvieren. Dazu bin ich viel zu steif, ging es ihm durch den Kopf. Was soll ich nur tun, bald bin ich dran.

   Er ließ viele Kinder vor, aber irgendwann war er an der Reihe. Standhaft weigerte er sich, auf die Ringe zu steigen. Die Mädchen redeten ihm gut zu, vergebens, denn seine Angst wurde immer größer. Frau Thal verlor schließlich die Geduld und befahl den Mädchen, ihn auf die Ringe zu stellen. Richard geriet in Panik, Todesängste umfingen ihn und er schrie laut. Die anderen Kinder standen mit großen Augen daneben.

   Jetzt erkannte die Lehrerin, dass sie zu weit gegangen war: »Astrid, Monika, lasst ihn los.«

   Weinend lief Richard aus der Turnhalle. Die anderen Kinder lachten: »Angsthase«, tönte es laut hinter ihm her.

   Christian Morten kochte vor Wut: »Da gibt es nichts zu lachen«, rief er aufgebracht. »Es gibt Kinder, die Angst vor der Höhe haben.«

   »Er ist trotzdem ein Hosenscheißer«, rief ein großer starker Jungen mit einer ausgesprochen unsympathischen Visage.

   Christian stellte sich drohend vor den als Rabauke und brutal verschrienen: »Ich gebe dir eins auf deinen dummen Mund«, erwiderte er trocken, »dann erkennst du, was Angst ist.«

   Joachim trat finster neben den Freund und meinte drohend: »Dir geben wir es, du Großmaul.«

   »Schluss jetzt ihr drei«, rief die Lehrerin. »Astrid, übernimm die Aufsicht.« Damit verließ sie die Turnhalle. Im Umkleideraum fand sie den völlig verängstigten und aufgelösten Jungen in einer Ecke am Boden kauernd. Sie hob ihn auf und beide setzten sich auf eine Bank.

   »Geht es wieder Richard? Du musst keine Angst mehr haben.« Und legte den Arm um ihn. Christian und Joachim erschienen. Sie hatten verbotenerweise die Turnhalle verlassen, denn sie sorgten sich sehr um ihren Freund.

   Frau Thal sah die beiden prüfend an: »Christian, was sind das für Sachen, sich während der Turnstunde prügeln zu wollen.«

   »Er hätte es verdient gehabt«, erwiderte dieser trocken. »Richard ist unser Freund und wir dulden nicht, dass man ihn auslacht. Er ist kein Angsthase. Es war mutig, es nicht zu tun.«

   Die Lehrerin grinste und nickte leicht. Sie konnte diese drei Jungen wirklich gut leiden. So gab sie Christian einen freundschaftlichen Stoß: »Ein Schelm bist du trotzdem. Was hättest du gemacht, wenn der starke Koloss dich angegriffen hätte?«

   »Ihm eins auf die Ohren gegeben«, schoss es aus dem Jungen heraus. »Ich sehe zwar nicht so aus, aber den schaffe ich allemal.«

   »Außerdem hätte ich Christian geholfen«, sekundierte Joachim.

   Frau Thal lachte laut: »Freundschaft ist eine schöne Sache. Ihr drei steht erst am Beginn eueres Lebens, aber behaltet diese Tatsache als wichtige Lehre für eueren weiteren Lebensweg.« Dabei nickte sie aufmunternd: »Nun gut. Joachim, du gehst jetzt mit Richard nach Hause. Die Stunde in ohnehin bald zu Ende.« Damit stand sie auf, nahm Christian freundschaftlich bei der Hand und beide verließen den Raum. »Bis morgen Ritschi«, rief dieser den zurückgebliebenen nach.

   Joachim und Richard zogen sich schweigend um und verließen danach den Raum. Draußen legte Joachim den Arm um den Freund: »Mach dir nichts draus, das ist bald vergessen. Ich hatte auch Angst vor den Seilen.«       

   »Aber du bist hinausgestiegen«, schluchzte Richard. »Selbst die langsame Rosi schaffte das. Jetzt bin ich für alle ein Feigling.«

   »Ach was«, Joachim machte eine abwertende Geste mit dem Arm. »Du hattest Mut, das nicht zu machen. Ich bin der Feigling, denn ich hatte auch Angst. Das, was mir machen sollten, war gefährlich.«

   Richard lächelte zum ersten Mal. Überzeugt war er nicht. Der Freund wollte ihn nur trösten. An der Kirche trennten sie sich und er ging schweren Herzens nach Hause. Dort erzählte er nichts von dem peinlichen Vorfall. Mama würde es nicht glauben wollen und vielleicht bekäme ich noch Prügel für meine Feigheit. Auch wenn Joachim mich trösten will, ich bin ein Feigling, ein Angsthase.

   Nachmittags ging er mit der Mutter in die Stadt. Auf der Straße begegneten sie einem Mädchen aus seiner Klasse, das auch mit seiner Mama unterwegs war. Die Mitschülerin erkannte ihn und lachte ihn aus. Klärchen bemerkte nichts davon, aber Richard schämte sich sehr.

   Am nächsten Morgen wollte er nicht zur Schule gehen. Aber das ging natürlich nicht. So trödelte er entgegen seiner Gewohnheit noch etwas herum. Aber die Zeit schritt weiter voran und schließlich trat er mit Joachim und Rosi den Weg an. Beide ließen sich nichts anmerken wegen des gestrigen Vorfalls.

   Als sie an den Pavillon kamen, begannen einige Kinder zu lachen. Christian, Joachim und zwei kleine Mädchen, die sich in den letzten Tagen unseren Freunden angeschlossen hatten, wollten losgehen, um den Lachern auf den Mund zu hauen. Frau Thal verhinderte durch ihr Erscheinen weiteres Ungemach.

   In der Klasse setzte sich Richard gedrückt auf seinen Platz. Er traute sich kaum, aufzuschauen. Nach dem Schulgebet, das jeden Tag ein anderes Kind sprach, erklärte die Lehrerin der Klasse mit sehr ernstem Nachdruck:

   »Ich dulde es nicht, dass unser Richard wegen des gestrigen Vorfalls von euch ausgelacht wird. Einige von euch hatten auch Angst, aber nicht den Mut, sich dem zu widersetzen. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein, das steht schon in der Bibel. Der Spaß ist nun endgültig zu Ende. Wenn ich jetzt noch jemand deswegen herumalbern sehe, erhält von mir zur Erinnerung eine saftige Strafarbeit. Haben wir uns verstanden?«

   »Ja Frau Thal«, tönte es vielstimmig zurück.«

   Damit war die Angelegenheit von Stund an erledigt. Keiner wagte es mehr, Richard auszulachen und so geriet die peinliche Angelegenheit schnell in Vergessenheit.

   Richard beugt sich zu Geist Anna hinüber, während sie die Bilder betrachten:  »Der verehrten Lehrerin verzieh ich den Vorfall, obwohl ich ihn nie mehr vergaß. Dem Sport hingegen verzieh ich das nicht. Damit war ich fertig. Bis heute kann ich dem nichts abgewinnen. Außer für Schwimmen, das ich liebte und perfekt beherrschte, war ich für keine weitere Sportart mehr zu begeistern.«

   Geist Anna nickt verständnisvoll: »Auch wenn du die Lehrerin sehr gerne mochtest, es bleibt eine böse Geschichte und ein schlechter Geschmack übrig.« 

 

Jeden Samstagnachmittag war in der Familie Badetag. Das kleine Badezimmer wurde eingeheizt, der große elektrische Wasserbeuler eingeschalter und nacheinander die Kinder gebadet.

   Richard kam als Erster dran. Er war nicht wasserscheu und so saß er in der Wanne und planschte vergnügt in dem warmen Wasser herum. Nun erschien die Mutter und begann, ihm die Haare zu waschen, danach den Oberkörper, Beine und Füße. Jetzt erfasste sie den Penis und schob die Vorhaut zurück. Sie nahm eine kleine Bürste und begann, die Eichel einzuseifen und hernach mit der harten Bürste zu bearbeiten.

   Richard protestierte wie immer laut: »Aua, aua, das tut weh.«

   »Nicht so wehleidig bitte«, entgegnete die Mutter ungerührt und befühlte mit der Hand die kleine Eichel. »Du weißt, dass es notwenig ist.«

   »Ich kann das doch auch schon selbst«, protestierte Richard.

   »Eben nicht«, konterte die Mutter, »das hier muss ganz sauber sein, es dürfen sich keine Ablagerungen bilden, die sich entzünden können. Du weißt es doch, als ganz kleiner Junge war das alles verklebt und musste vom Kinderarzt in der Praxis gelöst werden.»

   Richard überlegte einen Augenblick: »Ich weiß noch ganz genau…«

   »Was weißt du«, fuhr die Mutter dazwischen.

   »Wir fuhren mit dem Obus zum Onkel Doktor. Und da hielten mich zwei Mädchen fest und der Doktor zog an mir und es tat unheimlich weh.«

   »So, so«, Klärchen schaute den Jungen eindringlich an. »Dann also bitte nicht so wehleidig, es ist zu deinem Besten. Oder willst du deswegen noch einmal in die Praxis?«

   »Nein, nein«, wehrte Richard lebhaft ab und ließ gottergeben die weitere Prozedur über sich ergehen.

   Richards Halbjahreszeugnis fiel hervorragend aus. Die Eltern lobten ihn nicht, sondern die Mutter kritisierte kleinlich an ihm herum. Bei dem darauf folgenden Elternsprechtag beklagte sie sich bei der Lehrerin: »Er macht nur das, was du ihm an Aufgaben gibst. Er ist nicht bereit, mehr zu tun.«

   »Das ist völlig richtig Klärchen«, entgegnete die Freundin. »Ich gebe den Kindern immer ein exakt berechnetes Pensum auf und möchte sehen, ob sie meinen Anweisungen verstehen. Ich möchte ausdrücklich nicht, dass sie mehr machen.«

   »Die Rosi übt doppelt so viel wie Richard.«

   »Erstens hat sie es auch nötig«, lächelte Frau Thal, »und nebenbei bemerkt denke ich, dass die Mutter das Kind überfordert. Dein Richard ist ein intelligenter Junge mit einem sehr guten Gedächtnis und einer schnellen Auffassungsgabe. Er hat die Fähigkeit, einmal Erlerntes blitzschnell umzusetzen. Zudem ist er fleißig und willig, es ist gut mit ihm umzugehen. Du musst dir um ihn wirklich keine Sorgen machen.«

   »Meinst du wirklich«, fragte Klärchen zweifelnd.

   »Sicher. Es ist heute noch zu früh, um vorherzusagen, was aus dem Jungen wird. Aber er hat diese hervorragenden Anlagen und daraus lässt sich für sein weiteres Leben viel drausmachen. Man wird sehen.«  Nach diesem Gespräch lockerte die Mutter etwas die Zügel.

   Das Schuljahr neigte sich langsam dem Ende entgegen. Richard konnte jetzt schon sehr gut lesen, schreiben und rechnen. Er erhielt ein sehr schönes Zeugnis.

   Die Mutter meinte dazu: »Du musst dich noch mehr anstrengen.«

   Richard entgegnete nichts dazu. Etwas belastete seine Seele. Sein Freund Christian zog mit seiner Familie in ein anderes Viertel der Stadt. Damit verbunden war der Schulwechsel. Den drei Jungen fiel der Abschied sichtlich schwer.

   »Vielleicht können wir uns doch noch sehen«, sagte Christian beim Abschied. Aber sie wussten, dass dies nicht der Fall war. Sein neues Viertel lag viel zu weit von ihnen entfernt. Guter Christian, er war mein bester Freund und nun ist er fort. Zum Glück habe ich noch Joachim. Dieser dachte ähnlich.

 

Eines Mittags sagte Richard beim Essen: »Wir behalten Frau Thal nicht im zweiten Schuljahr. Das ist ungerecht. Warum?«

   Klärchen nickte zustimmend: »Ja, es ist wirklich schade, dass ihr sie verliert, Sie wird versetzt, da sie in St. Petrus wohnt. Sie war wirklich eine sehr gute Lehrerin. Aber im Moment geht an deiner Schule sowieso alles Drunter und Drüber.«

   »Was sind das für Affairs«, bemerkte Anna ärgerlich.

   »In unserer Stadt ist ein Schulstreit ausgebrochen«, erklärte Klärchen stirnrunzelnd. »Die Evangelischen wollen eine eigene Schule haben und haben sich die Zionsbergschule ausgesucht.«

   »Wie trefflich«, spottete Anna, »und so bescheiden, diese Protestanten. Wollen die schönste Schule der Stadt haben.«

   »Was sind Protestanten«, wollte Richard nun wissen.

   »Gottlose Gesellen, vom rechten Glauben abgekommene.«

   »Ach Mutter, seufzte Klärchen, »auf den höheren Schulen sind alle Konfessionen zusammen, nur in den Volksschulen legt man Wert auf absoluten Trennungen. Da die Katholischen, und hier muss jede Pfarrgemeinde eine Schule habe, dann die Evangelischen und die Heiligen der letzten Tage. Verrückt das Ganze. Unter Adolf wurden wir alle zusammen unterrichtet.«

   »Wer war Adolf«, fragte Richard sofort.

   »Ein schlimmer Mann«, erwiderte die Mutter, »aber unter ihm herrschte Ordnung. Da wagte keiner, aufzumucken. Jetzt sabbeln alle durcheinander und machen sich wichtig.«

   »Ihr wart doch vor kurzem auf einer Elternversammlung«, meinte Anna, »und schient euch doch einig zu sein.»

   »Das ist es ja«, ereiferte sich Klärchen. »Auf der Versammlung waren die Eltern von St. Johannes, Petrus und die Evangelischen. Wir waren uns alle einig, dass unsere Kinder gemeinsam die Schule besuchen sollten. Aber den Bonzen passte das nicht, den Oberen von uns und von den anderen. Das dumme Volk wird ja bei solchen Anlässen nicht gefragt. Besser, gefragt wurden wir schon, aber das Ergebnis gefiel den hohen Herrchen nicht. Daher bekommen die Evangelischen die schöne Zionsbergschule und wir gucken in die Röhre.«

   »Damit tun sich die Protestanten keinen Gefallen«, kommentierte Anna. »Das vergiftet das Klima zwischen den Konfessionen auf nicht absehbare Zeit.«

   »Das stimmt, aber es hilft uns jetzt auch nicht. Die Volksschule St. Johannes erhält zwei getrennte Gebäude. Das zweite und dritte Schuljahr zieht in ein altes Gebäude an der alten Wache. Hausherr ist die Kirche der Heiligen der letzten Tage.«

   »Oh wie sinnig«, höhnte Anna, »was mit den Protestanten nicht möglich war, geht jetzt mit diesen Sektierern.«

   »Oh ja«, seufzte Klärchen, »das vierte bis sechste Schuljahr zieht in ein baufälliges Gebäude nicht weit von unserer Kirche. Den beiden Pfarreien wird ein Schulneubau in Aussicht gestellt, der in spätestens vier Jahren fertig sein soll.«

   »Wer´s glaubt, wird selig«, knurrte Anna.

   Wie dem auch sei, begann Richard sein zweites Schuljahr im Schulgebäude der Heiligen der letzten Tage. Fräulein Hilpert, die neue Lehrerin, war eine liebe und gütige Frau im Pensionsalter. Sie erinnert mich an Großmutter Anna, schoss es Richard durch den Kopf, als er sie zum ersten Mal sah.

   »Sehr schmeichelhaft für mich«, lacht Geist Anna amüsiert.

   »Sie war schon in Ordnung, aber für uns zu alt«, bemerkt Richard kopfnickend, »trotzdem konnte ich sie gut leiden.«

   Fräulein Hilpert war den Anforderungen nicht mehr gewachsen, aber in diesen Jahren herrschte akuter Lehrermangel. Eine kleine Person in altmodischen Kleidern, die Haare zu einem Knoten nach hinten zusammengebunden, das Gesicht Güte und Langmut ausstrahlend. Zudem war sie sehr fromm. In der ersten Stunde bei ihr lernten die Kinder das schöne Kirchenlied: Meerstern ich dich grüße. Richard war sehr beeindruckt davon. Langsam führte das alte Fräulein die Kinder in religiöse Themen ein, denn die erste heilige Kommunion stand in diesem Schuljahr an. Auch hier hörte der Junge sehr aufmerksam zu. Die Lehrerin verlangte viel weniger als Frau Thal und Richard wurde den Anforderungen spielend gerecht.   

   Einiges Tages eröffnete ihm sein Freund Joachim, mit dem er täglich den kurzen Weg zur Schule ging, mit dem er viel zusammen war, mit dem er sich so wunderbar verstand, dass die Familie beabsichtige, aus der Gegend weg zu ziehen.

   »Meine Eltern haben ein Haus in einem anderen Viertel gekauft«, sagte Joachim leise, »bei uns ist kein Platz mehr.«

   »Wir haben auch keinen Platz zu Hause und ziehen doch nicht weg«, entgegnete Richard trotzig. »Was mache ich ohne dich?« Dabei schauten sie sich traurig an.

   Sie waren nach Christians Weggang noch unzertrennlicher geworden und ergänzten sich wunderbar. Zwei fantasiebegabte Jungen, die sich stundenlang Geschichten erzählen konnten.

   »Mit wem lese ich dann mein schönes neues Märchenbuch weiter«. fragte Richard verzweiflet. »Mensch Joachim, das geht doch nicht.«

   Der Freund wusste keinen Rat: »Wir werden da nicht gefragt. Unsere Eltern entscheiden darüber.«

   »Das ist gemein«, knurrte Richard. »Wann wird das Schreckliche sein?«

   »Nach den großen Ferien im Sommer.«

   Später beim Abendessen in der Küche sagte Richard plötzlich: »Joachim zieht im Sommer weg. Können wir nicht auch in sein neues Viertel ziehen. Dann können wir zusammenbleiben.«

   Alle schauten ihn mit großen Augen an. Da saß die Familie in einer festen Tischordnung: Der Vater an der Längsseite neben dem Fenster, Richard an der Stirnseite, ihm gegenüber Antonia und die Mutter mit Renate in ihrem hohen Stühlchen schräg daneben. 

   »So, so«, sagte die Mutter.

   »Joachim sagt, sie hätten keinen Platz mehr«, nahm Richard den Faden wieder auf. »Wir haben doch auch keinen Platz.«

   »Dann musst du dir andere Eltern suchen«, ereiferte sich Klärchen

   Richard sah sie verständnislos an: »Warum? Ich will doch nur weiter mit Joachim zusammen sein. Er ist mein bester Freund.«

   »Kinderwillen ist Kälberdreck«, erwiderte die Mutter, »und jetzt Schluss damit.«

   »Ich will aber, dass er bleibt«, sagte Richard trotzig.

   »Hörst du jetzt auf damit.«

   »Warum?«

   »Darum, du unverschämter Bengel.« Bei den letzten Worten sprang Klärchen auf und gab dem Jungen zwei ordentlichen Ohrfeigen, sodass es mächtig knallte.  

   Richard heulte los: »Ihr seit gemein…» Weiter kam er nicht.

   Die Mutter schrie: »Max lässt du das zu. Tu doch endlich etwas!«

 Damit nahm die beiden Mädchen und zog sie aus dem Zimmer, während Max den Jungen packte, über sein Knie legte, und feste drauflosschlug. Die Schreie des Kindes hallten bis zu Annas Küche. Diese trat auf den Flur und sah Klärchen mit den Kindern.

   »Muss das sein«, fragte sie pikiert. »Wollt ihr ihn totschlagen? Was sind das für Sachen.«

   Die Worte brachten Klärchen wieder zur Besinnung und sie trat in die Küche, um das Drama zu beenden. Sie packte den Jungen und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Dort zog sie ihn aus und warf ihn auf die Couch, in der er seit einiger Zeit schlief. Wortlos löschte sie das Licht.

   Richard weinte noch eine Weile still vor sich hin, dann schlief er erschöpft ein. Zwischenzeitlich hatte die Mutter die beiden Mädchen ebenfalls ins Bett gebracht. Sie betrat die Küche und setzte sich an den Tisch, nahm sich eine Zigarette und rauchte.

   Max tat es ihr gleich, aber etwas schien ihn zu beschäftigen: »Eigentlich schade, dass der kleine Joachim wegzieht. Gute Familie, ich kenne seinen Vater und Großvater gut.«

   »Ach was«, fuhr Klärchen auf. »Er wird neue Freunde finden. Ein unverschämter frecher Bengel. Dem werde ich es zeigen. Den Eltern zu widersprechen. Wo gibt es so was. Mein Vater war ein harten Mann und wir hätten uns nicht getraut,

so zu sprechen.«

   Geist Anna schaut missbilligend auf den Bildschirm: »Das waren andere Zeiten. Außerdem hatte Mine den Mut, dem Vater zu widersprechen. Richards Vergehen war in dieser Hinsicht völlig harmlos.«

   »Ein Kind galt in dieser Zeit nicht viel, in der ein Menschenleben auch nicht viel Wert war. Eine durch die Nazis und den Krieg verrohte Generation«, kommentiert Richard stirnrunzelnd.

    »Der Junge hat trotzdem irgendwie recht«, nahm Max den Faden wieder auf. »Bei uns hier ist es sehr beengt. Der Junge schläft im Wohnzimmer auf der Couch und wir vier drängen uns im Schlafzimmer. Wir leben mehr als beengt.«

   »Ich kann Mama nicht alleine lassen. Gerade jetzt, wo Papa bei den Brüdern ist. Irgendwann bekommen wir schon mehr Platz. Ich ziehe hier nicht weg.«

   »Schon gut Klärchen«, beruhigte Max. »Wir könnten uns das finanziell auch nur sehr schwer leisten.«

   »Eben«, bestätigte sie und nickte mit dem Kopf.

Das genügt als erster Eindruck für diese Szene. Jetzt noch eine kurze Leseprobe zur zweiten Szene

Jugendtage

 

In der Abenddämmerung sitzen zwei Personen in einem kleinen Hotelzimmer. Sie schweigen und sind in Gedanken versunken. Die bisher gesehenen Bilder müssen erst verdaut werden. Schließlich erhebt sich Richard seufzend, nimmt seine beiden Stöcke und geht langsam auf Zehenspitzen im Zimmer auf und ab. Geist Anna schaut ihm zu.

   »Ich weiß, was du sagen willst«, sagt Richard und setzt sich wieder in seinen Sessel. »Lassen wir das lieber. Aber mich interessiert doch, weshalb du hier bist. Hat das einen höheren Sinn? Gibt es den überhaupt noch. Warum lässt man mich nicht in Ruhe und in diesem Zimmer verrecken?«

   »Jeder ist für sein Handeln verantwortlich«, erwidert Geist Anna. »Ich bin hier, um dir zu helfen.«

   »Für mich kommt jede Hilfe zu spät«.

   »Das glaube ich nicht.«

   Richard nickt stumpf und schaut sein Glas an: »Ich hatte viele gute Chancen, aber letztendlich stand ich auf verlorenem Posten. Alles was wir eben sahen oder noch sehen werden ist, im Grunde Makulatur. Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Und sie auszusprechen, bleibt mir versagt.«

   Geist Anna sieht ihn freundlich an: »Im Nachhinein sind wir alle schlauer. Man kann auch zwischen den Zeilen sprechen. Außerdem müssen die Leute nicht alles wissen. Keiner verpflichtet dich, sich vor ihnen auszuziehen. Du bist schon mutig genug, sie diese Einblicke tun zu lassen.«

   Richard schüttelt energisch den Kopf. »Nein, nein, ich hatte von Anfang an und zu keinem Zeitpunkt eine Chance, ein normales Leben führen zu können.«   

   »Vielleicht tust du noch während der Betrachtungen Einsichten, die dir weiterhelfen können.«

   Richard lächelt müde: »Schon vor gut zwanzig Jahren tat ich weitreichende Einsichten. Geholfen hat es mir aber in keinster Weise.«

   Geist Anna lächelt und schnippt mit den Fingern. Plötzlich stehen eine kleine Statue des heiligen Antonius von Padua und ein Muttergottesbild in einem Hufeisenrahmen auf dem Tisch.

   Richard lächelt trübe: »Was sollen sie mir sagen«

   »Das nicht alles falsch war in deinem Leben und noch nicht alles verloren ist. Die beiden beschützten mich und meine Familie und sie beschützen dich. Du hast sie doch dein Leben lang verehrt.«

   »Ich war der befreundete Gegner der heiligen Kirche«, grinst Richard und nimmt einen guten Schluck aus seinem Glas. »Nun sind wir also schon zu viert in diesem Raum.« Seufzt. »Kommen noch mehr?«

   »Nein«, lacht Geist Anna. »Wir sollten aber nun weitermachen. Laß sehen, wie es weitergeht.« Dabei schnippt sie wieder mit den Fingern und im Fernseher tauchen neue farbige Bilder auf.

 

Ende Januar veranstaltete die Volksschule St. Johannes einen Elternsprechtag. Klärchen liebte solche Veranstaltungen nicht, ging aber hin, da die Schule es verlangte. Ihr Mann Max drückte sich wie immer.

   In einem nüchternen Klassenzimmer saß sie nun dem Lehrer gegenüber: »Na Klärchen«, sagte dieser freundlich und lächelte, »lange nicht gesehen.» Lehrer Denker, um die sechzig, schlank mit einem intelligenten Gesicht, betreut die fünfte Klasse, in die Richard nun seit letzten Ostern ging.

   »Das kann man wohl sagen«, erwiderte Klärchen höflich.

   »Weißt du noch, wie dir der Priem eine Ohrfeige verpasste, weil du mit deiner jüdischen Freundin gesprochen hast. Hast du eigentlich noch mal etwas von Hanneli Silberstein[1] gehört?«

   Klärchen wurde hochrot im Gesicht und Tränen stiegen ihr hoch: »Nein Herr Denker.« Und nun kam sie sich vor, wie das zwölfjährige Mädchen im Jahre 1933, das mit seinem Lehrer sprach. »Papa war nach dem Krieg in Amerika und traf dort seinen alten Hauptmann Dr. Silberstein. Es scheint ihnen sehr gut zu gehen.«

   Denker seufzte: »Das waren noch Zeiten. Priem, der zweihundertprozentige, Ritterkreuzträger, hatte nach dem Krieg keine Schwierigkeiten. Er machte Karriere und seine braune Vergangenheit wurde übersehen. Ich war bei Kriegsende Rektor, wurde zurückgestuft und konnte noch froh sein, dass sie mich nicht hinauswarfen.«

   Klärchen nickte verständnisvoll: »Sie waren immer gut zu mir. Es erging Ihnen wie Papa, den man nach dem Krieg denunzierte.«

   »Dein Vater war ein Ehrenmann. Aber da können wir direkt den Bogen zu seinem Enkel spannen.«

   »Richard hat viel von ihm.«

   »In gewisser Weise ja. Er hätte das Zeug für das Gymnasium.«

   »Das auf keinen Fall«, rief Klärchen aufgebracht.

   »Seine Leistungen sind ganz ordentlich. Überlege es dir, ob du ihn wenigsten auf die Realschule schickst. Bedenke aber, dass dort in den ersten Jahren mehr verlangt wird als auf der Realschule. Aber Richard kann es schaffen.  Er ist sehr gut in Deutsch und Geschichte. Er kann sich ausgezeichnet ausdrücken, ein Erbe deines Vaters. Anmeldeschluss ist Ende Februar. Ich trage ihn schon mal für die Realschule ein. Er wäre eine Schande, sein Talent zu vergeuden.« Was für Talente der Junge schon hat, dachte Klärchen und nach einigem Hin und her war sie mit der Vorgehensweise einverstanden. Kurz darauf verabschiedete sie sich von ihrem alten Lehrer.

   »Ach der Richard Dieckmann«, sagte Denker einige Tage später zu einem Kollegen. »Das ist kein schlechter Schüler. Aber irgend etwas stimmt nicht mit dem Jungen. Er ist intelligent, aber er lernt nur, was ihn wirklich interessiert. Wenn er keine Lust hat, tut er einfach nichts. Man kann ihn allerdings gut motivieren. Er ist nicht faul, aber es fehlt ihm an Grundvertrauen. Für diese Proletenschule hier ist er zudem viel zu sensibel. Er ist wie ein Schilf im Wind und treibt mal da und mal dort hin.«

   »Wie meinen Sie das Herr Kollege?«

   »So einer kann alles erreichen oder nichts. Das Leben wird entscheiden, nach welcher Richtung er tendiert.«

   An einem Nachmittag Anfang März sagte die Mutter eher beiläufig zu dem elfjährigen Richard, als sie auf dem Weg in die Innenstadt waren: »Am ersten April gehst du auf die Realschule. Ich habe dich dort angemeldet. Eigentlich wollte ich nicht. Aber deine Großmutter und Lehrer Denker ließen nicht locker. Der Junge muss auf die höhere Schule, sagte Mama immer. Außerdem kommst du dadurch endlich in geregelte Schulverhältnisse. Das hier ist ja nicht mehr auszuhalten. Jedes Schuljahr ein neuer Lehrer, ständige Standortwechsel und das soziale Umfeld ist alles andere als gut. Ab dem siebten Schuljahr müsstest du wieder die Schule wechseln, und dort soll es noch schlimmer zugehen als hier bei uns.«

   »Realschule«, staunte Richard, der alle weiterführenden Pläne inzwischen aufgegeben hatte. »Warum nicht. Detlef und Jürgen Leber gehen auch dorthin.«

   »Na bitte. Dann bist du nicht alleine.«

   Einige Minuten später: »Wer ist Jürgen Leber?«

   »Er wohnt nicht weit weg von uns.«

   »Nun gut«, murmelte Klärchen zufrieden.

 

Am ersten April fuhr die Mutter von Jürgen die drei Jungen in ihrem schönen großen Opel Kapitän zur Realschule. Diese bot in jenen Jahren ein trauriges Bild, ein heruntergekommener alter baufälliger Kasten. Diesem Zustand entsprechend war die Lehrerschaft, das sollte Richard sehr bald zu spüren bekommen. Das Lehrerkollegium bestand fast ausschließlich aus pädagogischen Flaschen und Nieten. Noch hatte die 68er Bewegung nicht stattgefunden, die viele dieser Stilblüten und schlimmen braunen Zossen hinwegspülte. 

   Jetzt an diesem Aprilvormittag warteten viele neue Schüler auf den Start in das neue Schulleben. Es waren so viele in diesem Jahr, dass man drei Klassen einrichten musste. Dafür reichte allerdings der Platz in dem abrissreifen Gebäude nicht aus. Eine Klasse wurde deshalb in ein etwa zehn Gehminuten entferntes Gebäude einer Volksschule ausgelagert. Richard und sein neuer Freund Jürgen befanden sich mit etwa fünfzig anderen Schülern unter den Auserwählten und gingen mit ihrem neuen Klassenlehrer den Weg dorthin. 

   Dort angekommen drückten sie sich in die Schulbänke, die nach alter Ordnung in Reihen aufgestellt waren. Somit konnten sie ihren neuen Klassenlehrer begutachten, ein etwas dreißigjähriger untersetzter Mann mit Bürstenhaarschnitt.

   »Mein Name ist Bauer«, stellte er sich schließlich vor. »Wie ihr schon wisst, bin ich euer Klassenlehrer und unterrichte Mathematik.«

   »Sein Name war Programm«, mault Gast Richard. »Ein launenhafter, unausgeglichener und unberechenbarer Mensch.«

   »Pst«, mahnt Geist Anna lächelnd.

   »Ich werde euch jetzt dem Namen nach zusammensetzen und zwar alphabetisch. Fangen wir an.« Und Bauer begann, die Namen herunterzurasseln. Richard kam neben einen Jungen zusetzen, der schlank und sportlich mit einem intelligenten Gesicht erschien.

   »Ich heiße Rolf und du?«

   »Richard«, erwiderte dieser leise.

   »Lass uns Freunde sein«, meinte Rolf und streckte aufmunternd seine Hand hin. Richard schlug begeistert ein.

   Nach der Umsetzaktion konnte alle nach Hause gehen und waren sehr froh, den ersten Tag überstanden zu haben. Zu Hause fragte Anna: »Wie war es Junge?«

   »Gut«, erwiderte Richard und machte ein zufriedenes Gesicht dazu.

   Am nächsten Morgen ging er mit Jürgen den kurzen Weg zur Schule. Im Klassenzimmer setzte er sich auf seinen Platz und unterhielt sich etwas mit seinem neuen Schulkameraden. Dann erschien der Klassenlehrer und der Unterricht begann. Bauer brachte nicht viel Neues und Richard kam gut mit.

   In der nächsten Stunden erschien ein großer Mann, legte seine Tasche auf den Tisch und meinte mit lauter Stimme: »Ich bin der Lehrer Witzel und gebe Erdkunde. Setzt euch.« Danach schlug er das Klassenbuch auf und studierte die Namen. Plötzlich stutzte er, schaute in die Klasse, dann ins Buch: »Wer von euch ist Richard Dieckmann?«

   Richard zuckte zusammen, dann stand er leichenblass auf und stammelte: »Ich«.

   Witzel sah auf: »Komm mal nach vorne.« Richard tat wie geheißen, wobei sein neuer Freund Rolf ihm mitleidsvoll nachsah. Was wollte der Typ von ihm?

   »So so, du bist also der kleine Dieckmann«, Witzel sah ihn nun freundlich an. »Keine Angst, ich fresse dich nicht.«

   »Das könnte man aber fast meinen«, tönte es von hinten.

   »Wer war das?«

   Ein großer schlanker Junge erhob sich. » Ich Herr Witzel.«

   »Name?«

   »Christian Czacko.«

   »Hast Mut mein Junge, das gefällt mir. Setzt dich. Also Richard, es ist nichts schlimmes. Ich kannte deinen Großvater sehr gut, was ein Filou. Ein mutiger Mann, damals im Dritten Reich. Es war da eine Sache in der Reichskristallnacht… Aber das ist noch zu früh. Ich hoffe, du bist ihm ähnlich, allerdings nicht von der Statur, das sehe ich jetzt schon. Du kannst dich setzen.«

   Erleichtert ging Richard auf seinen Platz zurück. In der großen Pause bedankte er sich bei dem Jungen. »Ach was«, wehrte Czacko ab, »das ist nicht der Rede wert.«

   »Das war ganz schön mutig«, erwiderte Rolf.

   »Man darf sich nicht alles bieten lassen.«

   »So ist es«, grinste Rolf. Die drei Jungen schlossen an diesem Tag einen Freundschaftsbund, der lange halten sollte.

   Beim Mittagessen fragte Richard plötzlich: »Was war mit Großvater Dieckmann in der Reichskristallnacht?«

   »Wie kommst du denn darauf«, fragte Klärchen verwundert.

   »Unser Erdkundelehrer sprach mich darauf an.«

   »Das ist nichts für kleine Jungs.«

 

In den nächsten Tagen lernten die Jungen auch die anderen Lehrer kennen. Richard fand sie alle auf den ersten Blick nicht schlecht. In der Schule herrschte Ordnung und der Unterricht fiel nicht dauernd aus wie in der Volksschule. Vor allem aber gefielen ihm seine Mitschüler. Schnell wuchs die Klasse zu einer Gemeinschaft zusammen. Die Jungen stammten alle aus denselben sozialen Schichten, unterer Mittelstand oder guter Mittelstand dominierten. Asoziale Schlägertypen fehlten vollständig. Die Jungen kamen ohne Ausnahme gut mit einander aus. Gerade das schätzte Richard nach den bösen Erfahrungen der Volksschule sehr.

   Am dritten Schultag betrat in der zweiten Stunde ein Lehrer die Klasse. Er musterte kurz die Schülerschar und meinte dann wohlwollend: »Guten Tag, ich bin der Lehrer Alexander Jahn. Ich werde euch in Deutsch und Geschichte unterrichten. Ihr könnt euch setzen. Und bitte mit etwas weniger Lautstärke. Wir sind hier unter zivilisierten Menschen.« Sofort herrschte absolute Stille. 

   Richard sah interessiert zu dem Lehrer hin. Der schien etwas so alt wie sein Vater zu sein, ein schlanker, mittelgroßer Mann mit einem intelligenten ausgesprochen sympathischen Gesicht. An wen erinnert der mich, dachte der Junge. Ja, jetzt weiß ich es, er sieht aus wie der verstorbene amerikanischen Präsident J.F. Kennedy, den ich sehr verehre.   

   Jahn stellte sich vor die Klasse: »Wie ich es bereits sagte, unterrichte ich hier Deutsch und Geschichte. Ich erwarte absolute Aufmerksamkeit von euch. Ich stelle hohe Anforderungen. Die üblichen Schülermätzchen könnt ihr bei mir lassen. Das zieht nicht bei mir. Ich weiß, wie man die Lehrer veralbern kann und bin ganz gerne zu einem Späßchen bereit. Aber alles mit Maß und Ziel. Ich lasse mir nicht auf dem Kopf herumtanzen, das könnt ihr mir glauben. Krieg oder Frieden. Wenn einer bei Klassenarbeiten glaubt, pfuschen oder abschreiben zu müssen, so ist er auf dem Holzweg. Ich kenne alle Tricks und Schliche noch von meiner Schulzeit her und habe nichts vergessen. Bei mir wird nichts gelingen. Das klingt wie aus der Feuerzangenbowle, ist es aber nicht.«

   Jahn sah auf einen Jungen, der den Finger hob: »Ja bitte?«

   »Und wenn der Trick gut und neu ist?«

   »Bitte gerne«, lachte Jahn herzhaft, so dass die Klasse mit einfiel. »Du kannst es gerne versuchen. Wie ist dein Name?«

   »Christian Czacko«

   »Gut Czacko, nur frisch heraus. Das gefällt mir. Du kannst dich setzen.« Was dieser grinsend tat.

   »So Jungs, jetzt stellt sich jeder kurz vor. Wo ihr wohnt, den Beruf der Eltern und von welcher Schule ihr kommt. Wir beginnen hier vorne.«

   Es wurde eine lustige Vorstellungsrunde. Ein Junge meinte: »Ich wohne auf Mariahof. Von dem neuen Stadtteil sagen die Leute, nun ja…«

   »Du kannst es ruhig sagen«, unterbrach ihn Jahn. »Die Leute nennen es das Känguruviertel. Dort dort wohnen, sollen nichts im Beutel haben, aber große Sprünge machen. Übrigens, ich wohne auch dort.« Die Klasse lachte schallend.

   Richard war sehr aufgeregt und als er an die Reihe kam, fing er an zu stottern. Rolf half ihm aus der Verlegenheit heraus, in dem er ihm einige Stichworte zuflüsterte. Jahn sah das mit Wohlwollen. Da haben sich in kurzer Zeit schon zwei Freunde gefunden.

   Gast Richard lächelt verständnisvoll: »Alexander Kahn stellte eine Ausnahme in dieser dunklen Zeit dar. Er war ein wirklich guter und menschlicher Pädagoge und Lehrer. Er hatte es nicht nötig, im Unterricht zu schreien, toben oder zu schlagen. Jahn besaß eine natürliche Autorität und wenn er in die Klasse kam, trat unverzüglich Stille ein. Er besaß die Fähigkeit, auch langweilige Sachverhalte wie die Grammatik, spannend zu vermitteln. Am Beginn des Schuljahrs musste er eine gewaltige Aufräumarbeit bewältigen. Alle Jungen hier waren gezeichnet vom Schulkampf jener Jahre. Jahn begann in Deutsch praktisch bei Null. In den ersten drei Jahren gab es für uns nur Grammatik bis zum Umfallen. Ich konnte die Lehrbücher auswendig. Jahn legte damit die Grundlagen zur Beherrschung der Sprache und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Ich verehrte diesen Lehrer von Anfang an sehr und er wurde mir zum Vorbild und Richtschnur meines Denkens. Ich verglich ihn oft mit Dr. Brett aus der Feuerzangenbowle. Sehen wir einmal von der Braunfärbung ab, was ich damals noch nicht wusste, so war dieser im Film frisch und unverkrampft unter all den verstaubten Lehrertypen. Genauso wie auf der Realschule.  Was den Geschichtsunterricht angeht, so werde ich später berichten.«

   In der nächsten Stunde betrat ein weiterer neuer Lehrer die Klasse. Er schien um die sechzig zu sein, hinkte und benutzte einen Stock. Später erfuhren die Jungen, dass er ein Bein im Krieg verloren hatte. Jetzt stellte er sich vor die Klasse und sagte mit lauter, etwas königsberger Dialekt gefärbter Militärstimme: »Ich bin der Oberlehrer Wilhelm Barnowski und unterrichte bei euch Musik.«

   »Oh je«, stöhnte Czacko leise, »ein Baraskopf.«

   »Was ist da hinten«, rief Barnowski, der anscheinend ein ausgezeichnete Gehör besaß. »Bei mir herrscht Ruhe, es wird nicht geflunkert. Du da, steh mal auf.« Damit zeigte er auf Richard. Dieser erhob sich sofort leichenblass. Czacko wollte etwas einwerfen, aber Barnowski donnerte los. »Hast du geschwätzt, du?  Ihr werdet euch an mir die Finger verbrennen. Los, sage sofort die C-Dur Tonleiter auf. Aber schnell.«

   Richard hatte sich gefasst und ratterte das Geforderte herunter. Damit legte sich der Zorn des Oberlehrers. Er schaute den Jungen freundlich an: »Sehr schön du, dein Name.«

   »Richard Dieckmann,  Herr Oberlehrer«, erwiderte Richard stramm und laut.

   Barnowski sah ihn bewundernd an. »Wirklich sehr gut mein Junge. Ich schreibe dir eine gute Note an. Kannst du Notenlesen?«

   »Ja, Herr Oberlehrer.«

   »Sehr schön. Setz dich mein Sohn.«

   Damit war die Krise überwunden und der Unterricht spulte sich weiter ab. Später in der Pause meine Czacko. »Danke Richard, das du mich nicht verraten hast. Du scheinst ihm zu gefallen. Trafst instinktiv den richtigen Ton. Das ist einer der letzten von Anno 14/18.«

   Rolf, der auch dabeistand, lachte: »Pass auf Czacko, mit dem ist nicht zu spaßen. Der wirft dir noch eines Tages seinen Stock ins Kreuz.«    

   »Den werde ich schon auffangen, zur gegebenen Zeit, knurrte Czacko. Die Jungen lachten.

   In der vierten Schulwoche stand plötzlich Turnen auf dem Stundenplan. Richard konnte nicht viel damit anfangen. Nach dem misslungenen Start im ersten Schuljahr stand er diesem Fach sehr kritisch gegenüber. Allerdings wurde es auf der Volksschule nur sporadisch und nicht kontinuierlich unterrichtet.

   »Was für ein Unsinn«, empört sich Gast Richard. »Sport kann man nicht unterrichten. Entweder man hat es drauf, oder man hat es nicht. Und ich hatte es nicht, war unsportlich und steif.«

   Zum Sportunterricht war eine vorschriftsgemäße Bekleidung Pflicht: kurze gelbe Hose, weißes Hemd und blauweiße Turnschuhe. In diesem Outfit begaben sich die neuen Schüler ins Moselstadion, wo in den Sommermonaten der Unterricht stattfand.

   Als Richard den Turnlehrer zum ersten Mal sah, wusste er sofort, was dieser darstellte: ein riesengroßer Arschloch. Und er ahnte, dass er von nun an durch eine Hölle gehen würde. Dieses freischwebende Arschloch hieß Shandor Ferencz, ein stämmiger Jugoslawe um die vierzig mit einer ausgesprochen unsympathischen Visage. Hauptamtlich trainierte er einen damals sehr bekannten und erfolgreichen Fußballverein und zum Dank dafür durfte er auch als Sportlehrer an einigen höheren Schule arbeiten. Mit den entsprechenden Prüfungen nahm man es damals nicht so genau.

   Am ersten Unterrichtstag, der immer nachmittags stattfand, scheuchte er die Jungen mit den Worten über den Platz: »In Jugoslavia schlagen schon kleine Kinder Flip Flop und ihr fettes Schweine könnt euch kaum bewegen.« Richard wusste, dass dies hauptsächlich ihm galt und er hatte große Angst vor ihm.

   »Was seid ihr für lasche Typen. Und ihr wollen deutsches Jungen sein«, höhnte er mehr als einmal.

   Sein Lieblingsfach war Fußball, davon verstand er wohl am meisten. Infolgedessen wurde häufig gespielt und in diesem Fach geprüft. Die Jungen mussten sich paarweise Pässe zu spielen. Rolf wurde mit Richard geprüft. Rolf war ein guter Fußballer und wollte seinem Freund helfen. Aber es ging daneben, Richard bekam eine fünf und Rolf eine eins.

   Draußen vor dem Stadium meinte er nach der Stunde: »Gräme dich nicht alter Freund. Dafür bist du in anderen Fächern viel besser als ich. Sport ist nicht alles.«

   »Das kann der gut sagen, der gut darin ist«, meinte Richard bitter. »Diesen Oberidioten werde ich nun das ganze Schuljahr ertragen müssen. So einer ist mir noch nie untergekommen.«

   »Mir auch nicht«, bemerkte Czacko, der hinzu getreten war. »Richard, warum strengst du dich dann noch so an. Diese Wildsau honoriert es doch nicht und verhöhnt dich noch dazu.«

   »Mein Vater will das so. Die fünf in Turnen ist ihm ein Dorn im Auge. Er redet wie dieses Arschloch, ein deutscher Jungen und so. Was immer darunter zu verstehen ist.«

   »Armer Junge«, erwiderte Czacko mitleidsvoll und zwinkerte mit den Augen. »Das bringt doch alles nichts. Für dieses wild gewordene Fußballpferd bist du unwertes Leben. Dabei bist du ein prima Kamerad und hast Grips im Kopf, mehr als dieses jugoslawische Arschloch. Die Note in Turnen zählt nicht auf dem Zeugnis, sie ist völlig wertlos. Ich habe mich erkundigt. Eines Tages, wenn ich größer und stärker bin, werde ich diesem Arsch in die Fresse hausen.«

   Rolf grinste: »Dann musst du aber noch mächtig zulegen Czacko. Sonst macht der dich fertig.« Dieser lachte und schlug Rolf kameradschaftlich auf die Schulter: »Stimmt, aber kommt Zeit, kommt Kraft. Dieses faschistische Schwein werde ich eines Tages doch erwischen,«

   »Wieso faschistisch? Wie kommst du darauf«, fragte Richard verwundert.

   »Das fragst ausgerechnet du, unser Star in Geschichte. Siehst du nicht, das der von gestern übrig geblieben ist, genau so wie der Musikteufel Barnowski, der Erdkundeteufel Witzel und einige andere auch. Nazischweine und Dreckskerle, die uns da erziehen.«

   »Ruhig Blut Czacko«, meinte Rolf etwas zögerlich. »Meinst du nicht, dass du ein bischen übertreibst.« Und grinsend: »Du bist und bleibst ein Anarchist.« Die drei Jungen lachten.

   »Ein merkwürdiges Gespräch für zwölf und dreizehnjährige Jungen«, bemerkt Geist Anna.

   »In diesem Alter beginnt man aufzuwachen und seine Umwelt mit neuen Augen zu sehen«, erwidert Gast Richard. Anna nickt zustimmend.

   Sein jugendliches Ich grübelte unterdessen: »Vielleicht hat Czacko Recht. Sie passen in die Bilder jener noch nicht so fernen Zeit. Im Geschichtsbuch ist eine interessante Geschichte darüber, und…»

   Rolf unterbrach ihn lachend: »Typisch unser Ritschi. Wir sind noch gar nicht auf diesen Seiten. Er kennt jetzt schon das Geschichtsbuch auswendig und Jahn lobt ihn dafür immer wieder. » Jetzt lachten alle drei und begannen, vergnügt den Nachhauseweg anzutreten.

   Es stimmte, das Geschichtsbuch hatte es Richard angetan. Er las stundenlang darin und begann, sich sehr für dieses Fach zu interessieren. Neben Deutsch wurde es im Laufe der Zeit sein Leib- und Magenfach.

   Eines Tages beim Mittagessen meinte Richard plötzlich: »Mama, was war das mit den Juden?«

   »Was soll schon mit denen gewesen sein.«

   »In meinem Geschichtsbuch steht etwas über die Geschwister Scholl. In einem Ferienlager der HJ sagte Inge Scholl, das alles nicht so schlimm wäre, wenn das mit den Juden nicht sei. War war denn mit denen?«

   Klärchen schaute ihre Mutter fragend an. Anna dachte, dass die Tochter ruhig an dem Thema zappeln sollte. »Dafür bist du noch zu jung«, sagte Klärchen schließlich nach einer Kunstpause. »Das habt ihr doch gar nicht auf. Warum liest du so weit vor in dem Buch?«

   »Es interessiert mich.«

   Die Mutter schüttelte missbilligend den Kopf: »Lerne das, was ihr aufhabt und frage nicht so ein dummes Zeug.«

   Als Anna und Klärchen später alleine waren, der Frager machte in der Küche der Großmutter die Hausaufgaben, meinte diese: »Lange wirst du den Jungen damit nicht ruhig stellen können. Er ist der würdige Enkel seines Großvaters.«

   Klärchen seufzte lächelnd: »Das glaube ich auch.« 

   Zwei Tage später rief Lehrer Jahn Richard im Geschichtsunterricht auf: »Nun Dieckmann, trete vor die Klasse und erzähle uns etwas über Friedrich den Großen.«

   Richard tat wie ihm geheißen und spulte die Geschichte ab. Er hatte sie bereits unzählige Male gelesen. Flüssig hüpfte das Schifflein über die Wellen. Alles er endete, nickte ihm der Lehrer wohlwollend zu: »Sehr schön Dieckmann, gut gelernt.«

   »Ich hätte da noch ein Frage Herr Jahn.«

   »Ja bitte.«

   »Was ist das für eine Geschichte mit den Juden?«

   Jahn sah den Jungen verwundert an: »Wie kommst du denn darauf?«

   »Im Geschichtsbuch steht eine Geschichte über die Geschwister Scholl«, berichtete Richard eifrig, »aber ich verstehe das nicht.«

   Jahn sah den Jungen mit ernstem Gesicht an: »Das ist noch etwas zu früh für dich mein Junge. Es gab in Deutschland eine Zeit, die noch nicht so lange zurückliegt, da wurden Menschen wegen einer Religionszugehörigkeit oder Rassentheorie müsste man besser sagen, ermordet. Es führt jetzt zu weit, um näher darauf einzugehen. Warte noch etwas, dann wirst du es verstehen.« Er lächelte: »Du interessierst dich für Geschichte. Stimmts?«

   »Ja Herr Kahn.«

   »Das ist sehr schön. Ich bemerkte es bereits. Dein Vortrag eben war eine zwei plus.« Und zur Klasse gewandt: »Dass mir keiner von euch auf die Idee kommt, den Jungen als Streber anzusehen. Ihm gefällt halt Geschichte, anderen hier wohl weniger. Nicht wahr Czacko.«

   Dieser stand grinsend auf: »Ach Herr Jahn, jeder hat so sein Los.« Der Lehrer lachte laut auf. »Aber unser Richard ist kein Streber«, fuhr Czacko fort, »das wissen wir alle.« Die anderen Schüler nickten zustimmend. Jahn sah sie zufrieden an. Die Klasse ist in Ordnung, trotz ihres idiotischen Klassenlehrers. Nun ja, was will man machen. Es gibt viel ärgerliche Dinge auf dieser Welt, auch unfähige Lehrer.

   »Ein guter Lehrer der Jahn«, bemerkt Gast Richard, »der beste.«

 

Das Halbjahreszeugnis spiegelte Richards gute Leistungen wider. Ohne Frage gehörte er zum gehobenen Drittel der Klasse. Danach aber brach der nun zwölfjährige plötzlich ein. Was war geschehen?

   Eingeleitet wurde diese Entwicklung im Fach Mathematik. Bisher hatte Richard dort gute Leistungen gezeigt und die Klassenarbeiten recht gut geschrieben. Der Lehrer lobte die Sauberkeit in seinen Heften.

   Eines Tages, bei einer Aufgabenkontrolle, herrschte Bauer den Jungen an: »Warum sind die Ergebnisse nicht doppelt unterstrichen?« Richard schaute ihn entsetzt an, denn das hatte er nicht erwartet. »Antworte Bursche«, schrie nun der Lehrer ungehalten.

   Richards Kehlte war wie zugeschnürt. Rolf rettete die Situation, in dem er beherzt antwortete: »Er hat es vergessen.« Bauer schaute ihn kurz an und ging weiter, eine Spur der Verwüstungen hinter sich ziehend.

   »Mensch Richard«, sagte Rolf in der Pause. »Warum hast du ihm nicht geantwortet?«

   »Ich war so erschrocken und dann fing er auch gleich an zu schreien.«

   Rolf lächelte gutmütig: »Das ist eine Luftnummer. Vor dem musst du keine Angst haben.«

   Richard grinste wehmütig: »Das kann der gut sagen, der mutig ist. Trotzdem Danke Rolf. Nimm die Buntstifte, die du so gerne hast.«

   Der Junge schüttelte energisch den Kopf: »Das muss nicht sein. Du bist mein Freund.«

   »Trotzdem.«

   Richard vergaß das Erlebnis nicht. Der Mathelehrer war bei ihm unten durch. Kurze Zeit spät begann unser Freund, eine ganze Serie schlechter Klassenarbeiten in diesem Fach zu schreiben. Lehrer Bauer blieb das nicht verborgen und er rätselte, wie ein guter Schüler so absacken konnte.

   »Es war nicht nur dieser cholerische Mathelehrer«, knurrt Gast Richard. »Die Unterstützung durch das Elternhaus fehlte. Keiner zeigte mir, wie man richtig und anspruchsvoll lernt. Das kapierte ich erst viel später auf der Universität. Jetzt hier erledigte ich meine Aufgaben gewissenhaft und so gut ich konnte. Mama konnte mir nicht mehr viel helfen, ihre Kenntnisse gingen bis zur Quarta[2] und waren schließlich erschöpft.«

   »Bei uns zu Hause sah es auch nicht besonders aus«, ergänzt Geist Anna. »Ich bekam einen leichten Schlaganfall und benötigte auf einmal mehr Hilfe. Die beiden Mädchen waren inzwischen schulpflichtig und beanspruchten der Mutter Unterstützung. So konnte sie sich nicht mehr so intensiv mit dir beschäftigen. In diesen Jahren war sie mit den häuslichen Pflichten überfordert.«

   »Ja, und da war da noch mein Vater«, grinst Gast Richard teuflisch.

   Eines Sonntagsnachmittags im Herbst versuchte sich Richard an seinen Mathematikaufgaben. Er verstand sie aber nicht. Der Vater sollte helfen. Doch seine Erklärungen verstand der Junge ebenfalls nicht. Eine Katastrophe bahnte sich an, zumal sich das Verhältnis von Vater und Sohn in der letzten Zeit rapide verschlechtert hatte.

   Max wurde ungeduldig, danach wütend und plötzlich brüllte er los: »Du Idiot, du Versager, warum kapierst du es nicht. Ich habe es dir nun schon so oft erklärt. Pass besser auf.«

   »Ich verstehe es aber nicht«, heulte Richard los.

   »Das muss man verstehen«, schrie Max außer sich und gab dem Jungen einige kräftige Ohrfeigen. »Wenn du zu blöde bist, kommst du zurück auf die Volksschule.«

   »Ich will aber nicht zurück«, rief Richard in höchster Not.

   »Verstehst du es nicht, weil du immer fetter wirst«, tobte der Vater. »Friss nicht soviel, dann werden auch deine Noten in Turnen besser. Es ist eine Schande, so dick zu sein.«

   »Dafür kann ich nichts«, heulte Richard. »Ich habe halt Hunger.«

   »Ach was«, herrschte Max ihn an, »das ist fehlende Willensstärke, du fettes Schwein. Weihnachten bekommst du kein neues Fahrrad.«

   »Du hast es aber versprochen«, begehrte der Junge auf und erhielt prompt weitere Ohrfeigen.

   »Wie redest du mit mir, du unverschämter Bengel«, brüllte Max. »Ich schlag dich gleich tot, du unwertes Leben, du Kretin.«

   Wer weiß, was an diesem Sonntag geschehen wäre. Die Kirchenglocken brachten die Rettung. Sie läuteten zur Abendandacht, die Richard zu dienen hatte. Klärchen packte ihn nun energisch und zog ihn ins Badezimmer. Mit einem kalten Waschlappen wusch sie ihm das verheulte Gesicht ab. Dann lief er los.

   Während der Andacht überlegte Richard, was zu tun wäre. Er wird mich totschlagen. Auf diese Hilfe kann ich verzichten. Und auf die Volksschule gehe ich nicht mehr zurück. Ich sage ihn später, dass ich die Aufgabe jetzt verstanden habe, dann lässt er mich in Ruhe. Ich frage ihn nie mehr wieder.

   Nach der Andacht setzte Richard sein Vorhaben in die Tat um und der Friede war notdürftig wieder hergestellt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wurde dadurch allerdings nicht besser.

   Einige Tage später meinte die Mutter beim Mittagessen etwas pikiert: »Warum treibst du dich so viel auf der Straße herum. Kein Wunder, dass du da nichts lernst. Und wenn dein Vater dir helfen will, wirst du frech.« 

   »Er hat doch angefangen«, verteidigte sich Richard. »Außerdem bin ich für ihn sowieso nur ein fetter Trottel.«

   »Was sind das für Reden«, entrüstete sich die Mutter.

   »Es ist aber doch die Wahrheit. Die Mädchen greift er nicht so an. Die sind ja auch schlank.« Antonia grinste und Renate schaute den Bruder verständnislos an.

   »Unverschämter Kerl«, schrie Klärchen, sprang auf, ergriff die Verlängerungsschnur und begann, auf den Jungen einzuschlagen: »Dir werde ich es zeigen, so frech und anmaßend über die Eltern zu reden.«

   Richard ergriff die Schnur und zog sie mit einem Ruck der Mutter weg. Ohne Zweifel, er begann kräftig zu werden. Klärchen war außer sich. »Das sage ich deinem Vater«, schrie sie, »dann kannst du was erleben.«

   »Beruhige dich«, mahnte die Großmutter.

   »Außer Prügeln könnt ihr nichts«, seufzte Richard und legte die Schnur auf den Tisch. »Hier hast du sie wieder, schlag zu und schlag mich endlich tot. Wenn du es nicht tust, wird es Papa heute Abend erledigen. Dann ist wenigsten Ruhe.«

   Klärchen erstarrte und sah ihre Mutter leichenblass an. Gleichzeitig beruhigte sie sich: »Was redest du da? Wer will dich totschlagen? Antonia und Renate, geht ins Zimmer.« Die Mädchen verschwanden schnell und wortlos.

   »In der Gruppe bin ich der fette Trottel, der nicht Fußballern kann. Papa bin ich ein Gräuel, weil ich zu dick bin. Immer meckert ihr an mir herum. Das Fahrrad bekomme ich auch nicht zu Weihnachten. Ich weiß nicht, warum ich in Mathe lauter fünfen schreibe. Aber nichts darf ich und alles mache ich falsch.«

   Klärchen hörte schweigend zu: »Geh in dein Zimmer«, sagte sie schließlich, »und mache deine Hausaufgaben.« Richard verzog sich sofort.

   Die Zurückgebliebenen sagten kein Wort. Schweigen lastet auf der Küche. »Was soll man davon halten Mama«, fragte Klärchen schließlich nach einer Weile und zündete sich eine Zigarette an.

   »Hört endlich auf, den Jungen zu schlagen. Das bringt doch nichts. Außerdem hat er Recht. Die Wahrheit ist immer unbequem. Er ist kein Kind mehr. Außerdem sagte ich es dir schon einmal: Dein Max ist ein Prolet.«

   »Ach Mama«, seufzte Klärchen.

   Im Kinderzimmer setzte sich Richard an sein Klapppult und begann zu lesen. Es war recht beengt in diesem Zimmer, drei Betten davon Doppelhochbett, zwei kleine Tischchen und Richards kleines Pult, dazu ein Kleiderschrank.

   Die Mädchen sahen den Bruder an: »Was klotzt ihr so blöde, ihr dummen Petzen. Ich weiß genau, dass ihr mich bei den Eltern verpetzt.«

   »Das stimmt nicht«, widersprach die neunjährige Antonia heftig. Sie war schlank und dem Vater nachgeschlagen. Außerdem war sie eine gute Schülerin. Mit ihr gab es keine Probleme. Sie war der Liebling von Max.

   »Stimmt doch«, tönte Richard zurück.

   »Sei nicht böse«, flüsterte die sechsjährige Renate, wie Richard mehr der Mutter nachgeschlagen. Ein braves ruhiges Mädchen mit einem lieben Gesichtchen. Jetzt versuchte sie, den Bruder zu streicheln. Der jedoch war nicht in der Gnade Gottes und polterte: »Lasst mich in Ruhe. Mädchen sind zu nichts gut. Ich gehe jetzt zur Großmutter in die Küche und erledige dort meine Aufgaben.«

   Abends erwartete Richard das große Donnerwetter. Bei besonderen Anlässen pflegte der Vater ihn dann ordentlich durchzuprügeln. Aber alles blieb ruhig. Der Junge dachte, dass er seinen Teil sicher noch abbekommen würde und wartete ab. Nichts geschah. Die Bettgehzeit nahte. Er las noch etwas im Bett und zog sich danach die Decke über den Kopf. Nichts mehr sehen und hören wollen. Schade, dass Bärli nicht mehr bei mir ist. Ich vermisse ihn sehr. Und schlief schließlich ein.

   Die Eltern saßen zur selben Zeit alleine im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Es lief eine todlangweilige Sendung mit Professor Grzimek, das reinste Schlafmittel. Auf dem von Max gebauten schönen Wohnzimmertisch standen Cola und Nüsse für Klärchen, Apfelsaft für Max. Beide rauchten.

   »Es gab heute wieder Ärger mit Richard«, sagte Klärchen plötzlich.

   »Was denn schon wieder?«

   »Er war frech und aufsässig. Ich wollte ihn durchprügeln und da nahm er mir doch die Schnur ab. Er wird stark der Junge. Er bekommt die Statur von Papa.«

   »Er ist ein fetter Trottel.«

   »Sag nicht immer so was. Ich bin mit der Jahren auch auseinander gegangen. Und das passt dir auch nicht.«

   Max wurde das Thema unbequem. Hier tat Ablenkung not. »Das ist ja wohl die Höhe«, entrüstete er sich, »den knöpfe ich mir morgen vor. Da kann er was erleben.«

   Klärchen schüttelte angewidert den Kopf: »Ach hör auf. Der Junge wird in nächsten Jahr dreizehn. Wie lange willst du ihn schlagen?«

   »In dem Alter bekam ich noch Prügel von meinem Vater.«

   »Das stimmt nicht. Mit dreizehn warst du in der HJ und dein Vater hatte keine Möglichkeit, das zu verhindern, obwohl er strikt dagegen war. In unserer Jugend bestimmte die Partei, wo es lang ging und nicht die Eltern. Das hast du wohl vergessen.«

   »Worauf willst du hinaus«, fragte Max verunsichert.

   »Richard schlägt mir nach, meiner Familie. Sowohl äußerlich als auch innerlich. Er liest gerne, ist ein Bücherwurm und hasst den Sport. Das passt dir nicht. Nach deinen komischen Vorstellung muss der Junge Handwerker werden und so aussehen wie du und dein Bruder in der Jugend, schlank wie und so weiter. Heil mein Führer. Alles andere ist unwertes Leben und muss vergast werden. Weil dein Vater und dein Großvater Handwerker waren, muss es der Junge auch sein. Meine Vorfahren waren halt kleine Beamte und in diese Richtung entwickelt sich der Junge. Du willst ihn nicht mehr, hast ihn längst abgeschrieben. Er kann tun was er will, er wird es dir nie Recht machen. Den Mädchen lasst du alles durchgehen, weil sie deinem Schönheitsideal entsprechen. An Richard lässt du deine Wut aus und so verdirbst du den Jungen schon vor der Zeit. Er ist ein guter Junge, sonst hätte er dir schon längst in die Schnauze gehauen.«

   »Das sollte er mal wagen«, knurrte Max verstimmt.

   »Aus Kinder werden Leute. Warte es nur ab. In wenigen Jahren hat er mehr Kraft als du und dann Gnade dir Gott.« Klärchen überlegte einen Augenblick. »Aber du hast Glück. Das wird er nie tun, denn dafür ist er zu gut. Er ist schwierig, das gebe ich zu, aber gutmütig.  An dem Jungen sind Fehler genug gemacht worden. Auch von mir. Jedenfalls ist ab sofort Schluss mit der Prügelei und ich höre auch nicht mehr von dir irgendeine Bemerkung über seine Figur. Außerdem bekommt der Junge zu Weihnachten das versprochene Fahrrad. Klar?«

   Max schien nicht sehr überzeugt, aber da Klärchen alles in sehr bestimmenden Ton hervorbrachte, wagte er keinen großen Widerstand. Sie würde dadurch nur noch zorniger werden. Seine Welt war eine andere: Bücherwürmer, Zwerge, Zigeuner, Krüppel und fette Schweine sind mir zum Kotzen. Ein Junge muss rank und schlank sein, dazu sportlich und athletisch. Wie hieß es früher, flink wie ein Windhund und so. In dem Punkt hat Klärchen Recht. Gut, das mit dem Führer ging daneben. Aber sonst. Wir waren die deutsche Jungend und eroberten die Welt. Einen solchen fetten Versager hätten wir in unseren Reihen nicht geduldet, unwertes Leben. Und er beschloss, als unwilliger Vater den Dingen ihren Lauf zu lassen.

   »Ich weiß nicht, was er hat«, mault Gast Richard. »In dieser Zeit war ich überhaupt nicht fett. Ich war kräftig, aber nicht dick, allerdings steif und unsportlich. Du hattest Recht Großmutter, er war ein Prolet. Was er allerdings wirklich dachte und wofür er wirklich stand, blieb mir immer schleierhaft. Er bekam ja nie das Maul auf.«

   »So ist es«, bestätigt Geist Anna grimmig.

   Klärchen zog an ihrer Zigarette. Max hängt nur deshalb an den Mädchen, weil sie schlank sind und seinen männlichen Vorstellungen entsprechen. Er ist und bleibt kleinkariert und engstirnig. Mama hat Recht, er ist ein Prolet. Männer sind Schweine, ich kann es nicht oft genug wiederholen.

   An einem Vormittag Anfang Dezember sagte der Klassenlehrer zu Richard, als er die Klassenarbeitshefte zurückgab: »Wieder eine Fünf, Dieckmann. Ich verstehe das nicht. Du machst alle Hausaufgaben richtig, aber in den Arbeiten versagst du völlig. Deine Wege sind richtig, aber die Ergebnisse sind falsch. Was ist das?«

   »Ich weiß es nicht«. Richard stand mit gesenktem Kopf neben der Bank. Plötzlich schoss Rolf ein Gedanke durch den Kopf. Er hob den Finger.

   »Ja Rolf«, knurrte Bauer, »was ist?«

   »Vielleicht sieht Richard die Zahlen an der Tafel nicht richtig und braucht eine Brille.«

   Der Lehrer starrte den Jungen entgeistert an: »Mensch Rolf, das könnte es sein.« Und zu Richard gewandt: »Sage deinen Eltern, dass sie unverzüglich mit dir zum Augenarzt gehen. Verstanden.«

   »Ja Herr Bauer.« Als er sich wieder setzte, gab Rolf ihm einen freundschaftlichen Stoß. Beide grinsten.

   Klärchen staunte nicht schlecht, als Richard ihr beim Mittagessen die Neuigkeit übermittelte. »Das könnte zutreffen«, meinte sie schließlich. »Ich trage auch ein Brille. Nun gut, wenn der Lehrer es will. Gehen wir zum Augenarzt.«

   Schnell setzten sie das Vorhaben in die Tat um. Beim Arzt stellte sich heraus, dass Richard wirklich eine Brille benötigte. Und wen wunderte es, dass er bei der nächsten Klassenarbeit eine Drei schrieb. Bauer nickte bedächtig: »Das war es also. Leider zu spät mein Freund. Im Versetzungszeugnis muss ich dir leider eine Fünf geben. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass du im nächsten Halbjahr wieder zu den Guten zählst. Verstanden Dieckmann?« Dabei blinzelte ihn streng an.

   »Jawohl Herr Bauer«, antwortete Richard prompt. Er hatte inzwischen gelernt, mit diesem Mann umzugehen. Rolf grinste verständnisvoll.

   »Uff, war das eine Geschichte«, stöhnt Gast Richard auf. »Von da an ging es in der Schule wieder besser. Zudem bekamen wir in der Quinta[3] einen neuen Turnlehrer, der mehr Verständnis für mich hatte und mir sogar eine Vier auf den Zeugnissen gab.«

   »Ja, ja, was für eine verrückte Zeit«, bestätigt Geist Anna kopfschüttelnd.

Ende des Leseteils

 

Auszug aus dem 2. Akt: Befreiungs- und Wanderjahre

Da sitzt er nun, unser Gast Richard und schaut trübselig in den Nachmittag hinein. Aufseufzend erhebt er sich, nimmt seine Stöcke und geht mühsam auf Zehenspitzen in Strümpfen mit Noppen, das linke Bein geschient, der stark verkrümmte Fuß in der Schiene ruhend, im Raum herum. Er dreht sich um und schaut auf den Tisch. Die Großmutter hatte den Wein vergessen, mehrere Flaschen eines guten Tropfens vermehrten Richards Getränkelager. Mir sollte es recht sein, dachte er, so muss ich nicht um Nachschub bangen. Wer wird der nächste Geist sein?
   Schließlich beendet er seine Wanderungen und setzt sich wieder in seinen Sessel. Er schenkt sich ein Glas des guten Weines ein und zündet sich ein Zigarillo an. Nachdenklich beginnt er zu rauchen. Es ist völlig still im Raum.
   Als Richard wieder aufschaut, sitzt ein jungen Mann in dem Sessel gegenüber. Dieser Besucher ist ungefähr dreißig Jahre alt, schlank, gut gekleidet mit einem intelligenten Gesicht, Hornbrille. Plötzlich geht ein Strahlen über Richards Gesicht. Natürlich, jetzt weiß er, wer der Geist ist.
   »So sieht man sich wieder alter Freund«, sagt dieser mit angenehmer Stimme.
   »Herr Pater Meinhardt«, erwiderte  Gast Richard lächelnd. »Das ist eine angenehme Überraschung. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Gut schaun sie aus für einen, der schon bald vierzig Jahre tot ist.«
   »Ich schließe mich der Rede meiner Vorgängerin an. Du siehst mich in der Gestalt, in der du mich sehen möchtest oder in der du mich in Erinnerung hast. Im Jenseits spielt das Aussehen keine Rolle mehr. Übrigens, sage Du zu mir und Ludger.«
   »Mit dem größten Vergnügen. Ich hielt auf Sie, pardon du, immer große Stücke. Ihr Unfalltod damals traf uns alle schwer. Ich habe dich nie vergessen.«
   »Das ehrt dich sehr mein Freund.  Ich sehe, dass du ein umfangreiches Getränkelager angelegt hast. Ich füge dem eine Kiste guten Bieres und zwei Flaschen besten Korns dazu. Wir im Ruhrpott bevorzugten diese Getränke.« Und siehe da, ein Kasten und die Flaschen standen neben bzw. auf dem Tisch. Geist Ludger schenkte sich ein Glas Bier ein, dann Korn für sie beide. »Na, dann Prost.« Das ließ sich Richard nicht zweimal sagen und tat ihm gleich.
   Geist Ludger zündete sich eine Zigarette an: »Sehr angenehm, die irdischen Genüsse, das muss ich sagen. Aber nun wollen wir keine Zeit verlieren. Ich begleite dich in diesem Akt in drei Szenen. Lass uns beginnen, die Zeit drängt.« Er schaute auf den Fernseher und plötzlich erschienen wieder bunte Bilder, die sich zu einer Geschichte zusammensetzten.


Auszug aus dem 3. Akt: Licht und Schatten

Da saß er nun, unser Gast Richard, und starrte in die Leere. Sein letzter Besucher hatte einen schönen Kasten Bier und zwei Flaschen Korn stehen lassen. Richard hangelt sich aus dem Sessel, nimmt einen Stock und trägt in der anderen Hand das Stamperl ins Bad. Er spült es gründlich und kehrt mit dem sauberen Glas zurück. Nachdem er es abgestellt hatte, nimmt er seinen zweiten Stock und wandert mühevoll, das linke Bein und der verkrümmte Fuß in eine Schiene mit Gehbügel gebettet, der rechte auf Zehenspitzen, im Zimmer auf und ab. Das eben Gesehene beschäftigt ihn mehr, als er sich eingestehen möchte. Die farbigen Bilder aus vergangenen Tagen bedrängen sein Herz. Was so hoffnungsvoll begann, wie sollte es enden? Hatte er zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens eine reale Chance gehabt?   


   Aufseufzend lässt er sich schließlich in seinem Sessel nieder und schließt die Augen. Oh diese Füße, sie sind stark geschwollen und verkrümmt, besonders der linke, die Schmerzen kaum auszuhalten. Das ist auch so eine Geschichte. Meine Behinderung. Als Richard die Augen wieder öffnet, sitzt ihm gegenüber ein neuer Geist. Ein breites Lächeln gleitet über sein Gesicht: »Onkel Peter(*FN* vgl. Schuld ohne Reue: Peter Trotz*FN*), wer hätte das gedacht. Du bist mir herzlich willkommen.«

   Der so herzliche Begrüßte lacht fröhlich, ein etwa fünfzigjähriger mittelgroßer stämmiger Mann mit einem breiten offenen Gesicht. Seine Kleidung verrät die Nationalität – Amerikaner. »Yes my Boy, nun bin ich an der Reihe. Konnte dich immer sehr gut leiden. Ob ich dir helfen kann, i dont know. Wollen es miteinander versuchen.« Und plötzlich stehen zwei Flaschen besten Whiskys auf dem Tisch, dazu ein breites Glas mit viel Eis. »So hast du es immer geliebt«, lacht Richard amüsiert.
   Geist Peter schüttet einen guten Schluck des edlen Tropfens ins Glas, probiert und zündet sich anschließend eine Zigarette an: »Okay, lets beginning. Dieser dritte Akt mit seinen drei Szenen ist entscheidend und ich bin dankbar, sie dir zeigen zu dürfen. Ob ich dir darüber hinaus aber eine große Hilfe bin, wage ich zu bezweifeln. Dafür kannte ich dich nicht gut genug.«
   »Das macht nichts. Es kommt nicht darauf an, ob du mich gut kanntest, sondern dass du mich verstanden hast. Ich habe dich zeit meines Lebens bewundert. Auch wenn du selten nach Deutschland kamst, so betrachtete ich dich als Vorbild als Vaterersatz. Außerdem gefiel mir an dir, dass du stets offen für neue Ideen und Meinungen warst. Du zeigtest mehr Interessen an mir als mein Vater und im Gegensatz zu ihm glaubtest du an mich.«
   Geist Peter wehrt lachend ab: »Zu viel der Ehre, mein Freund.«
   »Nein, nein, das war wirklich so. Du galtest mir als Respektsperson und Vorbild. Außerdem bist du als Einziger in der Familie nicht vorbelastet für die Sauereien, die im Dritten Reich angestellt wurden und für die später keiner die Verantwortung übernehmen wollte. Gerade das Dritte Reich steht Pate für mein Leben.«
   »Das glaube ich dir. Lass uns nun mit der Vorstellung beginnen.« Peter hob ein wenig die Hand, und der Fernseher begann erneut, bunte Bilder zu produzieren.
  

Ende der Leseprobe.

Eine weitere umfangreiche Leseprobe befindet sich auf: www.neobooks.com

 

[1] vgl. Roman: Schuld ohne Reue

[2] vgl. Anna Trotz aus »Schuld ohne Reue«

[3] Das Schuljahr begann in diesen Jahren im April

[4] vgl. Roman: Schuld ohne Reue

[5] bekannte Spielzeugmarke für Modellautos

[6] Bund von Teilnehmern des Ersten Weltkrieges

[7] vgl. Roman : Schuld ohne Reue

[8] vgl. Roman: Schuld ohne Reue

[9] Abk. für Hitlerjugend

[10] vgl: Schuld ohne Reue

[11] alte Bezeichnung für eine Jahrgangsstufe der höheren Schule

[12] Quinta: zweite Klasse der höheren Schule

[13] letzte Klasse der Realschule

[14] Außerparlamentarische Opposition

[15] siehe »Schuld ohne Reue«