Leseprobe: Das unscheinbare Licht

Der Roman ist noch nicht veröffentlicht. Wann das geschieht, steht in den Sternen.  

Es handelt sich um einen religiös kritischen Roman und beschreibt das Leben einer im Raum Saarland/Trier verehrte Heilige. Es ist nicht der übliche Weichkäse, sondern eine kritische Betrachtung des Lebens und der Zeit, in der die Selige lebte.

Umfang: etwas 300 Seiten

 

Arbeitstitel: Das unscheinbare Licht  

© 2012 Günther Drutschmann

1. Fassung: 30. Dezember 2012

2. Fassung: 11. Juni 2013

 

Inhaltsverzeichnis

Prolog                                                                                                                     

1. Bild: Am Anfang war Erziehung                                                            

2. Bild: Das Seminar                                                                                              

3. Bild: Die Lehrerin                                                                                              

4. Bild: Das Kloster – Noviziat                                

5. Bild: Vorstufen zur Heiligkeit                             

6. Bild: Vollendung                                                 

7. Bild: Die Verehrung                                             

Epilog

 

Prolog:

»Es gibt eine kleine Welt der verborgenen Seelen in der Kirche. Aber sie liegt tief unten, und ihre Bewohner werden selten ans Licht gebracht, selbst nicht durch die Ehren der Heiligsprechung. Es ist eine unterirdische Welt, die Diamantgrube der Kirche, aus deren Höhlen ein Stein von wunderbarem Glanz dann und wann herausgenommen wird, um unseren Glauben zu nähren, um und die überreichen, wenn auch verborgenen Wirkungen der Gnade zu offenbaren und zu trösten.«

  • Frederick William Faber 1814 – 1863

 

Im Mai 1918 starb völlig unbeachtet von der Welt in ihrem Kloster an Tuberkolose die fünfundreißigjährige Schwester Blandine Merten. Kurz nach ihrem Tode setzte eine Verehrung ein, die bis heute anhält. Was trieb die Menschen in den vergangenen hundert Jahren dazu, diese unscheinbare Ordensfrau zu verehren, mit ihren Sorgen und Nöten zu ihr zu kommen und um ihre Hilfe und Beistand zu bitten? Ihr Leben verlief scheinbar gleichmäßig, fast langweilig, ohne große Höhen und Tiefen und doch ist sie bis heute nicht vergessen. Selbst in unserer schnelllebigen und oberflächlichen Gesellschaft hat sie ihren Platz, thront scheinbar wie ein rettender Anker in dem unendlichen Meer der stupiden Gleichgültigkeiten. Selbst nüchterne Köpfe, und hierzu zählt sich auch der Autor, die der heutigen Amtskirche sehr kritisch gegenüberstehen, gehören zu ihren glühensten Verehrern. Ich lade Sie ein, liebe Leserin und Leser, mit mir auf Spurensuche zu gehen in eine vergangene Welt, die aber merkwürdigerweise tiefe Spuren in der unsrigen hinterließ.

Dieser Roman ist keine Biografie. Die handelnden Personen agieren in einem historischen Rahmen, den der Autor durch die literarische Form des Romans zu erweitern sucht, sodass Fiktion und Historizität einander ergänzen. Das Werk ist somit eine Fiktion mit biografischen Zügen, die handelnden Personen stehen stellvertretend für Menschen und deren Streben, mit ihrem Leben fertig zu werden. Daher ist es nicht unsere Absicht, diese zu kritisieren, zu bewerten, herabzuwürdigen oder ihr Handeln milde zu belächeln. Wir wollen unsere Heilige vom Staub der Jahrhundertwende befreien, dieser dicke Schicht von schwärmerischen Verzerrungen, salbungsvollen Servilitäten und religiösen Schwärmereien und sehen, welcher Mensch daraus hervortritt.

Das theoretische Rüstzeug über das Leben von Sr. Blandine erhielt der Autor durch das gewissenhafte Studium der einschlägigen Literatur. Besonders drei Schriften können mit guten Gewissen auch heute noch gelesen werden:

1. Schwester Blandine Merten: Die verborgene Gottesbraut von M. Hermenegildis Visarius.

2. Blandine Merten: Unsere Lehrerin von Pater Dr. Gabriel Busch OSB

3.Alles ist mir Himmel: Leben und Botschaft der seligen Blandine Merten von Amseln Grün.

 

1. Bild: Am Anfang war Erziehung.

Es war kurz nach Mitternacht, der Beginn eines neuen Tages, des 16. Mai 1918, kurz vor Pfingsten. Draußen in der Welt lag der Erste Weltkrieg, das große Völkersterben, in den letzten Zügen. Hier in dieser kleinen Welt, der Krankenzelle der todkranken Sr[1]. Blandine lag ebenfalls ein Hauch von Endgültigkeit, von Abschiednehmen. Die junge Schwester ruhte in ihrem reinlichen Bett in der Rückenlage und schaute etwas verwirrt in die Dunkelheit. Eine kleine Kerze brannte auf dem Tisch und verbreitete ein anheimelndes, flackerndes Licht.

Täuschte sie sich, oder wer saß da plötzlich auf dem Stuhl neben ihrem Bett? Das war nicht Mutter[2]  (M) Odilia, die Nachtwache halten sollte, sondern ein etwa dreißigjähriger Mann mit langen Haaren und einem sympathischen Gesicht, ein langes weißes Gewand tragend und Sandalen an den Füßen. Der fremde Gast lächelte ihr zu und nun war es ihr zur Gewissheit geworden: Das konnte nur Jesus sein, der geliebte Meister, daran bestand kein Zweifel mehr, da auch die Hände und Füße Wundmale wie von einer Kreuzigung zeigten. Aber Jesus neben mir sitzend, bin ich schon in der Agonie? Der Fremde schien Gedanken lesen zu können, denn jetzt öffnete er den Mund und begann mit angenehmer Stimme zu sprechen:

»Ich komme in der Gestalt, in der man mich erkennen kann. Du stellst dir mich so vor, also trete ich so auf. Du hast richtig erraten: Ich bin Jesus.«

BLANDINE  Jesus, du persönlich kommst zu mir? Ist es soweit?

JESUS (lachend)  Bald meine Liebe. Wir haben noch etwas Zeit. Wir sollten sie nutzen, um über dein Leben zu sprechen.

BLANDINE  Es war dir geweiht, oh Meister, auf dich vertraute und hoffte ich seit Kindheit an.

JESUS  Dein Umfeld behauptet, dass du eine Heilige bist, von Kindheit an, ohne Fehl und Tadel. Stimmt das? Sagte ich nicht einmal, dass jene den ersten Stein werfen sollten, die frei von Sünde sind?

BLANDINE  Ich habe mein ganzes Leben versucht, dem Idealbild eines vollkommenen Menschen zu entsprechen. Aber ich war nicht fehlerfrei. Auch ich hatte meine Fehler und Schwächen.

JESUS(nickend)  Jede Zeit hat ihre eigenen Wertvorstellungen. In den vergangenen zweitausend Jahren christlicher Kultur wurde viel Wasser in meinen Wein geschüttet. Was heute Recht ist, kann morgen Unrecht sein. Aber es gibt bleibende Kriterien, nach denen sich die Menschen aller Zeiten richten können. Ein Lump bleibt ein Lump und nicht jeder Heilige der heiligen katholischen Kirche war lupenrein. Das Jahrhundert, in das du geboren wurdest, war geprägt von strengen Normen, umgeben von lieblichen Schwärmereien, von Wundern und schrecklichen Verbrechen, die in seinem Gefolge auftraten.

BLANDINE  Ich hatte glühende Verehrer und verletzenden Gegner, die mein Streben nach Vollkommenheit leugneten.

JESUS  Jetzt stellt sich für mich die Frage, weshalb du diesen Lebensweg wähltest? Wurdest du bei deiner Geburt für diesen Weg bestimmt oder machten andere dich dazu, leiteten dich an und wiesen dir die Richtung.

BLANDINE  Gottes Wege sind unergründlich.

JESUS (lachend)  O ja, er hat seinen eigenen Kopf und viele seiner Handlungen sind oft schwer verständlich.

BLANDINE  Du bist doch göttlich, mein Meister.

JESUS  Bin ich das wirklich? Nun gut lassen wir diese Frage einmal so im Raum stehen. Kommen wir auf dein Leben zurück und der Ausgangsfrage, ob dir die Heiligkeit und Engelhaftigkeit in die Wiege gelegt wurden oder anerzogen sind.

(Er wies auf die gegenüberliegende Wand.) Wir wollen mit der Kindheit- und Jugendzeit beginnen.

Und plötzlich sahen die beiden Bilder aus vergangenen Tagen, die sich munter und farbig aneinanderreihten:

 

»Wo ist unser Mariechen?«

Der Ruf des Vaters durchhallte die große Küche, in der sich die große Familie aufzuhalten pflegte. Ein etwa fünfjähriges kleines Mädchen lief freudestrahlend auf ihn zu und sprang in seine Arme. Der Vater wirbelte die Kleine durch die Luft, sodass diese laut aufjauchzte. Die Mutter und die Geschwister sahen lächelnd zu. Auch des Vaters Gesicht strahlte vor Freunde.

»Mariechen ist unser Sonnenschein«, sagte der älteste Bruder Franz, der hinter dem Vater die Küche betrat. »Los Papa, lass mich die Kleine auch mal durch die Luft wirbeln.«

Der Vater hielt inne und übergab das freudestrahlende Kind seinem Sohn, der nun sein Werk fortführte. Eine erneutes Jauchzen und Jubeln erfüllte den Raum.

Wir sehen, dass eine freundliche und aufmunternde Atmosphäre in Mariechens Elternhaus vorherrschte, das Vater Johann Merten vor vielen Jahren in der Schlossstraße zu Düppenweiler im heutigen Saarland liegend erbaute. Johann galt als etwas herber und hölzerner Mann, ein Bauer, der das tägliche Brot für die seinen und sich selbst hart erarbeiten musste. Da er seine Unternehmungen mit Zähigkeit und Sachkunde betrieb, blieb der Erfolg nicht aus und ernährte die zehnköpfige Familie auf das Beste.

»Schluss mit der Vorstellung«, rief nach einiger Zeit die Mutter, »es wird Zeit für das Abendessen. Elise decke den Tisch. Und ihr hört endlich mit dem Lärm auf. Es ist genug.«

»Ach Katharina«, lachte Johann gutmütig, »Mariechen ist eben doch unser Sonnenschein, da hat Franz recht. Gönne uns diesen Spaß.«

»Sicher«, lächelte die Mutter, »aber darüber dürfen wir den Alltag nicht vergessen.«

Franz hatte zwischenzeitlich das Kind auf den Boden gestellt und dieses lief geschwind zur Mutter. »Was ist ein Sonnenschein?«

»Du, du Wildfang«, nickte die Mutter, »und jetzt an den Tisch, bitte sehr.«

Zwischenzeitlich hatte diesen Elise, ein elfjähriges Mädchen, gedeckt. Die große Kinderschar nebst Eltern, dazu Knechte und Mägde, nahmen an dem langen Tisch Platz.

»Mariechen spricht das Tischgebet«, bestimmte die Mutter.

Die Kleine faltete folgsam die Händchen und betete laut und mit klarer Stimme:

   »Komm Herr Jesus, sei unser Gast und siehe, was du uns bescheret hast.«

   »Amen«, bestätigten alle.

Das Essen begann. Gute Hausmannskost kam auf den Tisch. Kartoffeln, ein tüchtiges Stück Wurst und Käse, Brot und Butter. Die Männer tranken ein gutes Glas Bier, die Kinder Milch. Der Tisch war reich gedeckt und alle langten kräftig zu.

   »Heute haben wir ein gutes Stück Arbeit geschafft«, begann Johann, »aber morgen müssen wir feste ran. Nicht wahr Franz?«

   »Sicher Papa«, bestätigte der Sohn.

   »Ich helfe auch mit«, rief Mariechen aufgeregt, »ich bin schon groß.«

   »Ja, ja«, lachte der Vater, »das gäbe was Rechtes. Zum Helfen aber ist bei dir noch Zeit.«

   »Am Sonntag nehme ich dich mit in die Kirche«, nahm die Mutter das Wort, »dann will ich sehen, ob du alles behalten hast, was ich dich lehrte.«

   »Oh ja«, rief Mariechen, » soll ich es dir jetzt zeigen? Ja?«

   »Nein, nein«, beruhigte die Mutter, »es hat Zeit bis Sonntag.«

Die anderen Tischgenossen grinsten verständnisvoll und beteiligten sich an den Gesprächen.

   »Ich kann auch schon Händchen falten«, ließ ein kleines zweijähriges Mädchen wissen, die Tochter einer schon verheirateten Schwester unseres Mariechens.

   »Aber nicht so schön wie ich«, begehrte diese auf.

   »Doch.«

   »Nein!«

   »Doch!«

   »Ruhe auf den billigen Plätzen«, schmunzelte Johann und die anderen lachten.

   »Mariechen und Katchen, es gibt keinen Streit zwischen euch beiden«, mahnte die Mutter.

Und Mariechen stand auf, lief zu der Cousine hin und gab ihr die Hand. Beide lächelten und der Friede war hergestellt. Die Gespräche liefen nun wieder in ruhige Bahnen. Nach einiger Zeit hob Katharina die Tafel auf. Alle standen auf und beteten den »Engel des Herrn«. Johann sprach vor und die anderen nahmen ab. Schnell spulte sich das Gebet ab. Danach ging jeder seiner Beschäftigung nach. Mariechen und Katchen liefen einträchtig in der Küche herum und störten den Abendbetrieb. Aber niemand der Anwesenden nahm ihnen das Übel, ganz im Gegenteil, von allen Seiten flogen aufmunternde Worte hin und her.

   Woher also diese friedliche und freundlichen Atmosphäre im Hause Merten? Vergessen wir nicht, dass diese Geschichte zu einer Zeit spielte, als im kaiserlichen Deutschland zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts Recht und Ordnung über alles gingen. Prügel galt als bewährtes Mittel in der Kindererziehung. Man prügelte die Kinder windelweich und bei Gelegenheit die Ehefrau mit dazu. Daher ist es um so verwunderlicher, dass Johann Merten diesem Prinzip nicht frönte. Die Zeitgenossen beschrieben ihn, wir hörten es bereits, als kernig und gediegen. Gleichzeitig galt sein Hauswesen als Vorbild an christlichen Tugenden. Weibergewäsch, dachte Johann, reden nur dummes Zeug. Mein Vater starb früh und hinterließ mir ein anständiges Erbe. Ich ging acht Jahre in die Schule, große Rosinen habe ich nicht im Kopf, lernte die Landwirtschaft, diente vorschriftsmäßig beim Militär und sah ansonsten zu, das sich mein Erbe nicht in Luft auflöste.

   »Sprichst du mit dir selbst«, fragte plötzlich seine Frau.

   »Nein«, erwiderte dieser etwas steif, »ich dachte eben an das dumme Gerede über unser Hauswesen.«

   »Was willst du?«  meinte Katharina, »wir haben eben einen guten Leumund, sowohl im Dorf als auch im Pfarrhaus.«

Johann zündete sich seine Pfeife an, setzte sich wieder an den Küchentisch. Tochter Elise brachte ihm einen Krug guten Bieres. Sie füllte einen irdenen Humpen ab.

   »Danke mein Kind«, und nahm einen guten Schluck.

Katharina setzte sich mit einem Strickwerk daneben. Am Herd werkelten noch die Mädchen und eine Magd, später verzogen sich alle. Stille lag im Raum.

   »Guter Leumund«, meinte Johann plötzlich, »was ist das?«

   »Wir sind überall gut gelitten und gelten als wohltätiges und christliches Haus.«

   »Das ist dir sehr wichtig«, lächelte Johann, »ich bin auch gottesfürchtig, aber etwas weniger christlich würde uns zu unserem Seelenheil auch reichen. Du verschenkst an die Armen Essen, Kleidung und Geld und giltst als er Engel der armen Seelen.«

   »Alter Knurrhahn«, spottete Katharina, »es geschieht mit deiner Billigung und im Grunde deines Herzens ist es dir recht. Du hältst die Gebote der heiligen katholischen Kirche und Gottes Segen ruht über all deinen und unseren Unternehmungen.«

   »Hm, hm«, Johann zog an seiner Pfeife. Dass sie immer alles etwas zu ihren Gunsten drehen muss. Aber so ist sie, meine Katharina, zwei Jahre jünger als ich, wir haben acht Kinder miteinander. Eine gute Frau, sie hat unser Hauswesen fest im Griff.

   »Hast eben einen besonderen Draht nach oben.«

Katharina lachte, fünfzig Jahre alt und von den vielen Geburten und der harten Arbeit gezeichnet, der man trotz allem eine gewisse Vornehmheit in Wesen und Äußerem nicht absprechen konnte.

   »Du alter Lästerer. Aber es stimmt, das mit dem Draht nach oben. Im Jahr 1844 wurde ich als Fünfjährige bei der Heilig-Rock-Wallfahrt nach Trier von einer Krankheit geheilt. Als der hochwürdige Weihbischof Arnoldi in unserer Gegend weilte, ließ er mich und meine Schwester zu sich rufen, damit wir ihm berichten. Mit einer großen Kutsche wurden wir abgeholt und zurückgebracht.«

   »Kolossal«, höhnte Johann, der die Geschichte zu Genüge kannte.

   »Später wollte ich ins Kloster gehen«, fuhr Katharina unbeirrt fort, »aber meine Eltern waren nicht reich genug, um die Aussteuer für das Kloster zu bezahlen. Das war damals so üblich. Stattdessen heiratete ich dich altes Bauerfossil und bekam einen Stall voll Kinder.«

   »Die Erfüllung der ehelichen Pflichten gehört mit zu einer christlichen Ehe«, erklärte Johann verschmilzt lächelnd.

   »Ihr Männer habt gut reden«, begehrte Katharina auf, »ihr bekommt ja nicht die Kinder.«

   »Reut es dich?«

   »Nein, du bist ein guter Mann, trinkst nicht maßlos, treibst dich nicht in den Kneipen herum und behandelst deine Familie anständig, du alter dickköpfiger Bauernschädel.«

Johann lachte laut auf, stand auf und gab ihr einen Kuss. Ein dummer, liebloser Bauer war er bei Gott nicht, das wusste Katharina sehr genau. Gerade deshalb hatte sie ihn geheiratet.

   »Unser Mariechen, unsere Jüngste, ist doch ein Engel«, meinte sie plötzlich.

   »Sicher, aber…«

   »Was aber?«

   »Du hast alle unsere Kinder im christlichen Glauben erzogen. Bei Mariechen aber gehst du besondere Wege.«

   »Wie das?«

   »Stell dich nicht für dumm dahin, Katharina. Das steht dir nicht.«

   »Du hast recht«, lächelte sie, »ich habe alle Kinder christlich erzogen. Aber Mariechen ist ein besonderer Fall. Sie ist anders als der Rest unserer großen Kinderschar. Sie ist ein Engel, es wurde ihr in die Wiege gelegt.«

   »Katharina, was redest du da!« Johann runzelte die Stirn. »Sie ist ein goldiges Kind, zugegeben, lieb anzuschauen, aber ein Engel? Nein. Du machst sie dazu. Ich habe auch Augen im Kopf und sehe, was da vorgeht. Mariechen besitzt ein liebes Wesen, ist intelligent und strebsam, hat einen guten Kopf, den du in eine bestimmte Richtung lenkst.«

   »Mag sein, dass ich sie etwas forme«, lenkte Katharina ein, »aber ich muss da nicht sehr viel nachhelfen, sie folgt mir von alleine. Ein außergewöhnliches Kind mit außergewöhnlichen Gaben« 

   »Na, na«, knurrte Johann.

   »Doch, es ist so, alter Griesgram. Mariechen hat die Anlagen eines Engels und ich helfe ihr, in dem ich sie in die richtige Richtung lenke. Gott hat unsere Kleine auserwählt, ich bin nur sein ausführendes Werkzeug.«

   »Oh je«, seufzte Johann, »ein Engel in unserer Familie. Das haut den stärksten Ochsen um.«

   Katharina lachte. »Kümmere du dich um deine Kühe und deine Felder. Ich kümmere ich mich um die Kinder und erziehe sie zu anständigen und christlichen Menschen. Und das mit Gottes Segen und Willen.«

   »Amen.«  

 

In den nächsten Tagen bereitete die Mutter ihre Jüngste auf den Besuch der Sonntagsmesse vor. Sie erklärte ihr den Ablauf der heiligen Handlungen.

   »In der Wandlung von Brot und Wein, mein Kind, erscheint uns der liebe Jesus. Da musst du ganz besonders artig sein, deine Hände falten und den Blick zum Altar richten, während der Herr Pfarrer erst das Brot, dann den Kelch erhebt, um die Wandlung zu vollziehen. Verstehst du das?« Mariechen nickte.

   »Dann üben wir jetzt die entsprechenden Haltungen.«

Es dauerte eine Weile, bis Mariechen diese Aufgabe zur Zufriedenheit der Mutter löste.

   In jenen Jahren fand die heilige Messe des Sonntags in einer Behelfskirche statt. Der enge Raum konnte kaum die vielen Menschen fassen. Damals herrschte auch im Kirchenraum eine strikte Ordnung, rechts die Männer, links die Frauen und vorne vor dem Altar die Kinder. So fügte es sich, dass Mariechen an jenem Sonntag eng gedrängt mit den anderen Kindern vor der Kommunionbank saß. Hinter ihr kniete die Lehrerin des Ortes, Fräulein[3] Barbara Genter. Nach kurzer Zeit fiel dieser frommen Frau die vorbildliche Haltung des Kindes auf. Die Kleine war niedlich anzusehen in ihrem schmucken Sonntagskleidchen, den Sonntagshut auf dem Kopf. Mariechen war ein Mädchen mit angenehmen Gesichtszügen, strahlenden Augen, die jeden Menschen freundlich anblickten und einer zarten Figur. Ein Lächeln zierte ihre Lippen und das nahm die meisten Menschen für sie ein, wo immer man ihr begegnete. Einfach gesagt: Ein herziger, liebes Kind.

   Fräulein Genter begann, die Kleine genauer zu beobachten. Ganz besonders fiel ihr auf, wie das Mädchen bei der heiligen Wandlung die Hände faltete, den Blick zur Hostie gerichtet und sich danach ganz langsam an die Brust schlug. Die Lehrerin hatte den Eindruck, als sei dem Kind die Gegenwart Gottes auf dem Altar bewusst geworden. Ist es möglich, dass solch ein kleines Kind eine solche Gotteserfahrung machen kann? Barbara Genter galt als eine tugendhafte und fromme Lehrerin, die ausgezeichnet unterrichtete und trotz aller religiösen Schwärmereien einen klaren Verstand besaß. Den hatte sie jetzt nicht ausgeschaltet, aber das Bild dieses Kindes ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Nach der Messe näherte sie sich Frau Merten und ihrer Tochter. Katharina begrüßte die Lehrerin mit dem gebührenden Respekt.

   »Ihre Kleine«, begann Fräulein Genter und schaute auf Mariechen, »machte soeben in der Kirche großen Eindruck auf mich. Wie kommt das, diese gesammelte Haltung bei einem so kleinen Kind? Wie heißt du Liebes?«

   »Du musst der Frau Lehrerin artig antworten«, mahnte die Mutter.

   »Mariechen«, tönte es freudig, »ich kann schon bis zehn zählen und nächstes Jahr komme ich in die Schule.«

   Barbara Genter lächelte. »So, so, willst du gerne lernen?«

   »Oh ja,und das liebe Jesulein hilft mir dabei, Jeden Tag bete ich mit Mama oder Elise.«

   »Ich erziehe die Mädchen im christlichen Sinne«, ergänzte die Mutter, »und damit kann man nicht früh genug beginnen.«

   »Das ist Recht«, lobte die Lehrerin, »Elise ist auch eine gute Schülerin.«

   »Mama erzählt mir abends vor dem Schlafengehen Geschichten von den sieben Engeln, dem Jesulein und der heiligen Gottesmutter. In einem Büchlein sind auch schöne Bilder zu sehen, die lieben Engelein im Himmel und der böse Teufel in der Hölle. Ich will auch ein Marienkind werden, wenn ich groß bin.« Dabei schaute das Kind treuherzig auf die Erwachsenen.

   Fräulein Genter nickte ernst. »Da bist du auf dem besten Weg, mein Kind. Wer lehrte dich denn so schön beten?«

   »Mama und das Jesuskind«, war die klare Antwort des Kindes.

Katharina wurde etwas unbehaglich, aber die Lehrerin schmunzelte.

   »Das ist Recht, mach weiter so, mein Kind.« Und streichelte ihr aufmunternd über die Wangen.

Elise trat hinzu und nach einer kurzen Begrüßung verabschiedete sich die Lehrerin. Ein merkwürdiges Kind murmelte sie mehrmals, was wird aus dem einmal werden. Na, das werde ich ja sehen, denn in absehbarer Zeit wird sie in meiner Klasse auftauchen. Das Bild des betenden Kindes ging ihr nie mehr aus dem Sinn.

 

Ein Jahr später war es dann so weit, Mariechen wurde eingeschult und kam freudestrahlend in die Klasse von Barbara Genter. Diese hatte alle Mertenkinder unterrichtet und nie gab es Schwierigkeiten mit diesen. Die Kinder waren gut erzogen und bewältigten den Lehrstoff ohne Probleme. In jenen Jahren gingen in den Dorfschulen mehrere Jahrgänge in eine Klasse. Groß und Klein nebeneinander, das stellte eine Herausforderung für die Lehrkraft dar. Aber Fräulein Genter ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen und beherrschte souverän ihre große Schar.  

   1892 erhielt die Pfarrei nach längerer Vakanz einen neuen Pfarrer. Dieser Baptist Pforten, ein Herr in den besten Jahren, stellte eine Besonderheit unter dem Landklerus dar. Hochgebildet besaß er zudem ein außerordentliches pädagogischen Geschick, um Menschen zu begeistern und ihnen das Wort Gottes näher zu bringen. Er sah dem Zeitgeist kritisch in die Augen und versuchte, die ihm anvertrauten Kinder in den rechten Glauben einzuführen. Sein Unterricht gestaltete sich lebhaft und anschaulich, sodass die Schüler begeistert mitzogen. Pfarrer Pforten war zudem ein kritischer Beobachter, dem so schnell nichts entging. Und so fiel ihm im Laufe der Zeit die Schülerin Maria Magdalena Merten auf, ein Mädchen, das stets aufmerksam zuhörte, begeistert mitarbeitete und eifrige Leserin der kleinen Pfarrbücherei war. Und dort traf er eines Tages die nun Zwölfjährige. Das Mädchen grüßte artig und mit großem Respekt. Baptist Pforten war nicht der Mann, der unnahbar in seiner geistlichen Würde umherging, sondern leutselig und jederzeit zu einem guten Gespräch bereit, mit wem auch immer.

   »Na mein Kind, was liest du da?« eröffnete er den Reigen und setzte sich auf einen Stuhl. Er bedeutete Mariechen, sich ebenfalls wieder niederzulassen.

   »Du musst nicht vor mir stehen, während wir uns unterhalten. Setze dich bitte.«

   Das Mädchen tat, wir ihr geheißen. »Fräulein Genter schenkte mir vor kurzem ein Buch, weil ich eine Besorgung für sie tätigte. Es ist von Thomas von Kempen und trägt den Titel Nachfolge Christi

   »Ein schönes Buch«, bemerkte Pforten.

   »Oh ja. Und nun wollte ich in der Bücherei schauen, ob ich mehr über den Autor erfahren kann. Aber leider finde ich nichts. Deshalb lese ich jetzt die Geschichte der Heiligen

   »Es gibt hier keine begleitende Literatur zu Kempen, das würde den Rahmen einer Pfarrbücherei sprengen. Das Buch gefällt dir also?«

   »Ja sehr, Herr Pfarrer.«

   Dieser nickte. »Die Nachfolge Christi ist das Erbauungsbuch der Christenheit, ein Klassiker der Meditation. Eigentlich sehr schwere Kost für ein junges Mädchen.«

   »Ich möchte auch Jesus nachfolgen«, erwiderte Mariechen bescheiden, »mein Leben ihm weihen und für den Glauben leben.«

   »Dann ist das Buch die richtige Anleitung. Lese es mit Bedacht, mein Kind. Hast du schon Berufswünsche? In zwei Jahren ist die Schulzeit für dich zu Ende. Was kommt dann? Haushalt erlernen, Heiraten und Kinder kriegen, wie?«

   »Damit habe ich noch Zeit Hochwürden«, lachte Mariechen und nach einer Minute des Schweigens. »Vielleicht ist das nicht der richtige Weg für mich.«

   »Welchen Weg kann eine Frau in unserer Gesellschaft beschreiten und wo ist ihr Platz«, fragte Pforten, »wohl in erster Linie in der Familie mit der Erziehung der Kinder. Oder Mariechen?«

   »Sicher«, antwortete diese leise, »aber ist das die Nachfolge Christi?«

   »Jeder Weg, der zu Gott führt, ist gut und es gibt viele Wege dorthin«, schmunzelte Pforten, der zu wissen glaubte, wo dem Mädchen der Schuh drückt. »Du bist noch jung und hast Zeit, deine Wahl zu treffen. Lese die Nachfolge nur aufmerksam, vielleicht weist sie dir den Weg. So, ich muss nun weiter. Bleib sitzen mein Kind und auf Wiedersehen.«

   »Auf Wiedersehen Herr Pfarrer.«

Mariechen schaute ihm nachdenklich nach. Dieser alte Fuchs, dachte sie respektlos, weiß genau, in die rechte Kerbe zu schlagen. Heiraten und Kinder kriegen, wie mein Mutter, neun Stück, am laufenden Band. Es ist nicht erstrebenswert für ein Mädchen, als Gebärmaschine missbraucht zu werden. Mama ist doch auch nicht glücklich in ihrer Rolle. Früh verbraucht, das ist das Resultat dieser Geschichte. Außerdem möchte ich nicht, dass mich ein Junge anfasst., das ist nicht mein Ziel. Ich bin ein keusches Mädchen, wie die heiligen Jungfrauen und Martyrerinnen, die für ihren Glauben gemartert und gestorben sind. Ein Leben für Jesus, sich ihm weihen, ja, das kann ich mir vorstellen. Mit einem Mann ins Bett, igitt, nie im Leben. Eine Braut Christi möchte ich sein, unberührt und nur ihm gehören.

 

Einige Tage später traf Pfarrer Pforten die Lehrerin Genter nach seinem Unterricht zu einem kleinen Schwätzchen. Die beiden mochten sich und gegenseitiger Respekt verband ihr Tun zum Wohle der Gemeinde. Da standen sie sich nun gegenüber, in diesem großen Schulraum mit seinen typischen Bankreihen, den großen Pult, dahinter die Tafel, einem Schulschrank und dem obligatorischen Kanonenofen. Das Bild des Papstes und des Kaisers zierte die Wand.

Der Pfarrer, ein jovialer Fünfzigjähriger in Soutane, das Birett auf dem Kopf und die Lehrerin, sittsam gekleidet in schwarz, einem langen Kleid, weiße Rüschenbluse mit einer Brosche, darüber eine Weste, ein silbernes Kreuzchen mit einer Kette um den Hals, das Haar züchtig nach hinten gekämmt und zu einem Knoten komponiert. Das perfekte Bild einer christlichen Lehrerin und Barbara Genter entsprach diesem in äußeren wie im inneren. Von einer weiblichen Lehrperson wurden Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit erwartet und nicht selten waren diese katholischen Lehrerinnen im kaiserlichen Deutschland unverheiratet. Wenn eine Frau schon etwas anderes wählte als Ehe und Familie, so erwartete die Gesellschaft, dass sie sich dementsprechend verhielt und einrichtete.

   »Na Frau Kollegin«, scherzte Pforten, »haben Sie den Schulalltag gut überstanden?«

Fräulein Genter wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick betrat Mariechen die Klasse, um von der Lehrerin einen Auftrag entgegenzunehmen. Erschrocken sah sie auf die beiden Respektspersonen.

   »Komm ruhig Mariechen«, beruhigte die Lehrerin, »hier sind die Noten für deinen Vortrag am Sonntag in der Kirche. Schau sie dir in Ruhe an und wir sprechen morgen darüber.«

   »Ja Fräulein Genter«, sagte das Mädchen schüchtern, machte einen Knicks und verließ schleunigst den Raum.

   Pforten sah ihr nach. »Was wir aus diesem Kind einmal werden,« diese Frage stellte er mehr an sich selbst.

   »Sie hat gute Anlagen«, nahm die Lehrerin den Faden auf. »Sie stammt aus einer ausgezeichneten christlichen Familie.«

   Der Pfarrer nickte. »Ein befreundeter Amtskollege, der die Familie Merten gut kennt, sagte mir einmal, wenn alle Leute in Düppenweiler so wären, wie diese, dann hieße das Dorf nicht Düppenweiler, sondern Liebesweiler.«

   »Das stimmt«, bestätigte Fräulein Genter, »und Mariechen, als die Jüngste der Kinderschar, stellt etwas besonderes dar. Es ist etwas mit dem Mädchen, das ich nur schwer beschreiben kann. In dem Kind liegt etwas Engelhaftes, dazu hat sie einen klugen Kopf, ist sehr intelligent und diszipliniert.« 

   »Sie ist ein Engel, liebe Kollegin, und ich werde sie zur Ersten Heiligen Kommunion führen.«

Plötzlich überzog eine große Stille den nüchternen Raum, in dem soeben viel Heiliges gesprochen wurde. Die Worte Pfortens schwebten darin.

   Fräulein Genter räusperte sich. »Als Fünfjährige fiel sie mir schon ob ihrer gesammelten Haltung auf. Ich war damals tief bewegt und werde dieses schöne Bild nie vergessen. Seither hat mich das Mädchen in ihrer Entwicklung nicht enttäuscht.«

   »Ich denke«, nickte Pforten, »dass die Mutter hier großen Anteil daran hatte und das Kind nach Kräften förderte. Katharina Merten steht in dem Ruf, eine fromme und weise Frau zu sein. Viele holen sich Rat bei ihr. Und wir beide, Sie und ich, tragen ebenfalls dazu bei, das begnadete Kind in eine bestimmte Richtung zu lenken, ihre guten Gaben und Anlagen nutzend und sinnvoll gestaltend.«

   »An welche Richtung denken Sie da, Hochwürden?«

   »An zwei Wege, die aber zu einem Ziel führen. Sollte dieses intelligente und begnadete Wesen in einen Ehestand versinken, die guten Gaben missachtend? Doch sicher nicht. Für Mariechen kommt nur ein Leben infrage, in dem sie ihre Gottverbundenheit, und das setze ich bei ihr voraus, entfalten kann. Ein Ehemann mit seinen Forderungen wäre hier Fehl am Platz. Entweder wird sie eine katholische Lehrerin, denn in diesem Beruf kann sie Spiritualität und Intelligenz verbinden, oder sie geht in ein Kloster, um sich ganz Gott weihen zu können. Das Mädchen ist von Gott ausersehen, in welcher Weise, wird sich zeigen.«

   »Es sind einfache Bauersleute«, gab Fräulein Genter zu bedenken, »ob sie diesen Weg gutheißen werden?«

   »Es sind wohlhabende Leute und die Ausbildung, die ich ins Auge gefasst habe, können sie bezahlen und wird ihnen nicht ungelegen erscheinen. Es sind keine dummen Bauern, die nur ihren engen Horizont kennen und nicht über den eigenen Tellerrand schauen.«

   »Haben Sie konkrete Pläne?«

   »Wir haben noch etwas Zeit«, erwiderte der Pfarrer bedächtig, »Mariechen beendet erst in zwei Jahren die Schule. In Vallendar exsistiert ein privates katholisches Lehrerinnenseminar, das einen exzellenten Ruf besitzt und etwas für unser Kind wäre. Das sollten wir ins Auge fassen und gezielt daraufhin arbeiten. Bis sie das notwendige Aufnahmealter erreicht, kann sie nach der Schulzeit bei Ihnen hospitieren und Lehrer Wagner ist sicher bereit, ihr in Privatstunden das nötige Rüstzeug zu verschaffen. Was halten Sie davon?«

   »Nicht Übel Hochwürden.«

   Pforten nickte zufrieden. »Ich werde in nächster Zeit einmal mit den Eltern darüber sprechen. Je früher wir damit anfangen, um so besser.«

 

In der Schule und zu Hause war die drei Jahre jüngere Nichte Katchen Mariechens beste Freundin. Die junge Tante war stets sehr gut zu dem Mädchen, half ihr mit großer Geduld bei den Schulaufgaben und der häuslichen Arbeit, wobei sie sehr streng auf Sauberkeit und Ordnung achtete. Gleichzeitig widmete sie sich sehr intensiv Katchens jüngeren Geschwistern. Sie lehrte sie die Hände zum Gebet falten und ermahnte sie, recht folgsam zu sein. Sie duldete keinen Zank und Streit zwischen den Geschwistern. 

   Die beiden Freundinnen gingen natürlich zusammen zum Unterricht. In der großen Pause spielten sie ausgelassen mit den anderen Kindern. Plötzlich ertönten laute Stimmen und einige Kinder begannen, sich zu zanken.

   Mariechen sprang zu ihnen hin und rief: »Habt Frieden miteinander, so etwas tut man doch nicht.«

Die Streithähne gehorchten. Ein um ein paar Jahre älteres Mädchen gab jedoch einem jüngeren Kind einen Stoß und lachte laut auf. Die Kleine lief zu Mariechen und versteckte sich hinter ihr. Diese ging furchtlos auf die andere zu.

   »Laß sie in Ruhe, sie hat dir nichts getan.«

   »Oh Mariechen, die Beschützerin von Witwen und Waisen«, höhnte die Angreiferin und einige Mädchen in ihrer Umgebung lachten.

   »Es ist keine große Kunst, Schwächere zu drangsalieren«, stellte Mariechen sachlich fest.

   »Ah, unsere Vorzugsschülerin erteilt uns Weisungen im rechten Verhalten, das Schätzchen der Frau Lehrerin und des Herrn Pfarrers.«

Mariechen trat einen Schritt vor. Die Angreiferin war etwas größer und zwei Jahre älter als sie, ein schönes Mädchen mit langen schwarzen Haaren, einem fein geschnittenen Gesicht, adrett gekleidet. Eigentlich waren sie Nachbarskinder, denn sie wohnten nicht weit auseinander. Aber die beiden Mädchen wurden keine Freundinnen. Sie stellten zwei entgegengesetzte Pole dar und ihre Charaktere waren so unterschiedlich, das keine Gemeinsamkeiten aufkommen ließen. Margit, ein hübsches Mädchen, das seinen Wert kannte, legte viel Augenmerk auf Äußerlichkeiten, war intelligent und schlagfertig, aber auf ihre Art auch fromm und gottesfürchtig. Mariechen kleidete sich schlicht und einfach, fast züchtig, war nicht schön zu nennen im klassischen Sinne, und trug durch ihre strenge Kleidung dazu bei, sich hässlicher zu machen, als es den Tatsachen entsprach. Aber sie strahlte Selbstvertrauen, Stolz und eine natürliche Autorität aus, gepaart mit großer Hilfsbereitschaft, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einem äußerst liebenswürdigen Wesen.

   Die Nachbarin, Frau Baumann, sagte oft zu ihrem Sohn Josef: »Was für ein nettes Kind doch dieses Mariechen ist. Sie grüßt stets so freundlich. Ich würde gerne noch erleben, was aus diesem ungewöhnlichen Kind einmal wird. Sie kommt mir vor wie ein Engel.«

   Dieser Engel stand nun auf dem Schulhof kampfbereit ihrer alten Gegnerin gegenüber. »Ich sage es noch einmal Margit, lass die Kleine in Ruhe.«

   »Von dir lasse ich mir nichts sagen«, tönte es trotzig zurück, »du bist jünger als ich.«

   »Was hat das mit dem Alter zu tun«, fragte Mariechen ruhig.

   »Eine ganze Menge, du falsche Schlange. Macht sich überall wichtig, obwohl es dir nicht zukommt. Als Jüngere vertrittst du die Lehrerin und darfst in der Kirche vorsingen, weil du dich beim Herrn Pfarrer anbiederst.«

   »Mariechen hat eben eine schöne Stimme«, kam ihr ein Junge zur Hilfe, »und sie vertritt die Lehrerin, weil sie die Beste der Klasse ist.«

   »Und ihr ekelhaftes Getue in der Kirche, als ob sie eine Heilige wäre«, ereiferte sich Margit, »kniet da wie die Jungfrau von Orleans und alle sind vernarrt in sie.«

   Der Junge schüttelte den Kopf. »Meine Mutter hält große Stücke auf Mariechen und viele andere auch. Sie ist eben anders und frömmer als wir und das muss man respektieren.«

   »Danke Josef«, sagte Mariechen freundlich, »aber mit Margit werde ich schon alleine fertig.«

   »Was für ein Auflauf?« ertönte es plötzlich hinter ihnen. Unbemerkt war Lehrerin Genter dazu getreten.

   »Oh, nichts besonderes«, erwiderte Mariechen schnell und die anderen zerstreuten sich. Margit warf ihr aber noch einen vergifteten Blick zu. Dir habe ich es gegeben, du falsche Schlange, warte nur ab. Mariechen erwiderte diesen mit ruhiger Mine, so schnell ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen.

 

Einige Tage später vertrat Mariechen die Lehrerin in den letzten beiden Schulstunden. Fräulein Genter hatte jeder Jahrgangsgruppe eine Aufgabe gestellt und Mariechen zur Aufsicht bestimmt. Diese setzte sich ans Pult und die Lehrerin verließ den Raum. Schon bald setzte Unruhe ein, ausgelöst von der Gruppe um Margit. Mariechen bat um Aufmerksamkeit…vergebens. Die Mädchen lachten und scherzten.

   »Wenn nicht bald Ruhe herrscht, muss ich andere Saiten aufziehen«, rief Mariechen. Lautes Gelächter ertönte zur Antwort.

   »Fräulein Genter wünscht, dass eine jede in Ruhe ihre Aufgaben löst. Seid doch vernünftig. Margit!«

   »Du hast mir nichts zu sagen«, tönte diese übermütig und ihr Anhang spendete lauten Beifall.

   »Wenn nicht bald Ruhe herrscht, muss ich die Störerinnen aufschreiben«. Mariechens Geduld neigte sich dem Ende zu.

   »Du traust dich nicht«, erwiderte Margit frech.

Mariechen stand auf und schrieb die Namen der Störerinnen an die Tafel. Daraufhin lief Margit dorthin, stieß sie zur Seite und wollte alles wieder auswischen. In diesem Augenblick erschien Fräulein Genter in der Türe. Sie hatte etwas vergessen und wollte es schnell holen. Jetzt sah sie den Tumult, dann bemerkten sie die Kinder und es herrschte Totenstille.

   »Was ist hier los?« lautete die rhetorische Frage, wohl wissend, was geschehen war.

   »Margit und die anderen hier stören den Unterricht«, erklärte Mariechen mit klarer und fester Stimme.

   »Stimmt das, Margit?«

Diese musste das kleinlaut zugeben. 

   »Wenn ich Mariechen zur Aufsicht bestimme, habt ihr zu gehorchen«, sagte die Lehrerin mit fester Stimme. »Habt ihr mich verstanden?«

Ein langes Ja ertönte.

   »Du auch, Margit?«

   »Ja Fräulein Genter.«

   »Nun gut. Die Störerinnen schreiben einen Aufsatz über den Gehorsam«, sprachs und verließ den Raum. Der Rest der Stunden verlief daraufhin ohne weitere Störungen.

 

Jeden Mittag sandte die Mutter eines ihrer Mädchen mit einem Körbchen voll guten Essens zu Armen und Kranken des Dorfes. Oft absolvierte Mariechen diesen Gang und putzte meist auch noch die Stuben dieser hilfsbedürftigen Menschen. Manchmal begleitete Katchen die Freundin, so wie heute, an diesem schönen Frühlingstag. Sich lebhaft unterhaltend gingen sie Arm in Arm zum Rande des Dorfes. Mariechen erzählte vom Leiden Christi und lehrte die Freundin ein Gebet zu den Armen Seelen.

   »Komm, wir wollen den Heiland begrüßen«, sagte sie plötzlich. als sie an der Kirche vorbeikamen, »er ist sicher wieder alleine.«

Sie betraten die Kirche und knieten vor dem Allerheiligsten nieder. Mariechen schaute sehr gefasst dorthin und es war Katchen, als sähe die Freundin den lieben Jesus. Hernach setzten sie ihren Weg fort. Mariechen nahm den Faden von vorhin wieder auf und sprach vom Kloster und einem gottgeweihten Leben.

   »Herr Pfarrer Pforten erzählte uns letztens von den japanischen Märtyrern, erinnerst du nicht noch daran Katchen?« Diese nickte stumm.

   »Selbst Kinder wurden gekreuzigt«, fuhr Mariechen lebhaft fort, »stell dir mal vor, wir wären in Japan zu diesen Zeit und die Heiden würden uns zwingen, das Kreuz Jesu mit Füßen zu treten. Ich würde es aufhaben, küssen und mich kreuzigen lassen. Es muss sehr schön sein, für den lieben Heiland zu sterben, dann kommen wir in die ewigen Freuden…«

Mariechens Redestrom brach abrupt ab. Ein Hindernis stellte sich ihnen in den Weg. Es waren Margit mit ihrem Anhang.

   Die letzten Worte Mariechens hörend meinte sie.»Als Martyrerin willst du sterben, das kannst du haben. Wir geben dir schon einmal einen Vorgeschmack darauf als Aufgleich für deine Petzerei.« Damit entriss sie Mariechen den Korb und wollte ihn auf einen benachbarten Misthaufen werden. Aber plötzlich erfassten sie zwei starke Hände, die ihr den Korb entwanden und eine kräftige Ohrfeige versetzten, das es nur so knallte. Josef hatte die Szene verfolgt und war den Mädchen nachgegangen, nichts Gutes ahnend. Der dreizehnjährige, schlanke und athletischen Junge besaß nicht nur Kraft, sondern auch Intelligenz und einen gesunden Hausverstand. Seit Kurzem besuchte er das Konvikt[4] in Trier.

   »Macht das ihr fortkommt«, schimpfte er, »und wer Mariechen anrührt, bekommt es mit mir zu tun.« Im Nu waren die Angreiferinnen verschwunden.

   »Danke Josef«, sagte Mariechen freundlich und nahm ihren Korb in Empfang.

   »Gerne geschehen«, grinste dieser und ging seiner Wege. Die beiden Mädchen setzten schweigend den ihrigen fort.

   »Josef ist ein sehr netter Junge«, unterbrach Katchen das Schweigen.

   »Sicher«, antwortete Mariechen nach einer Weile und eine leichte Röte überzog ihr Gesicht.

 

In der folgenden Zeit gingen sich Mariechen und Margit aus dem Wege. Eines Nachmittags trafen sich eine Schar Kinder zum Spielen, zu denen sich später Margit und ihre Getreuen gesellten.

   »Lasst uns den Obstbaum von Frau Seiler plündern, die alte Hexe hat es verdient. Verscheucht uns immer.« Alle stimmten freudig zu, denn die alte Frau war im Dorf nicht beliebt. Mariechen hatte Bedenken, traute sich aber nicht, dagegen zu reden, um nicht als Spielverderberin dazustehen. So stürzte die Mädchenschar in den Garten der armen Frau und plünderte den einzigen Apfelbaum im wahrsten Sinne des Wortes leer. Diese Heldentat hatte Folgen, denn die alten Frau beschwerte sich beim Pfarrer und nannte die Namen der beteiligten Kinder. Pforten, der solche Späße nicht sonderlich liebte, hielt der Klasse eine gehörige Predigt, knallte den Rädelsführerinnen ordentlich eines zwischen die Ohren und informierte die Eltern.

   Katharina war entsetzt, als sie das hörte, und nahm sich sogleich ihre Tochter vor. »Wir haben so viele Obstbäume hinter dem Haus und Körbeweise Obst. Du stiehlst es einer armen Frau von ihrem einzigen Baum. Was für eine Heldentat. Schäm dich.«

   »Ich wollte da nicht mitmachen«, erwiderte Mariechen zerknirscht, »aber die anderen wollten und ich keine Außenseiterin sein.«

   »War wieder diese schreckliche Margit dabei?«

Mariechen nickte mit dem Kopf.

   »Sie ist doch sonst nicht dein Vorbild.«

   »Ich wollte nach der Schulgeschichte nicht zurückstehen.«

   »Wenn Margit in die Mosel springt, springst du dann nach?« rief Katharina erregt.

   »Nein Mama.«

   »Ich denke, du weißt, was zu tun ist. Morgen gehst du mit einem großen Korb Obst zu Frau Seiler und entschuldigst dich in deinem und unserem Namen für die Missetat.«

   »Ja Mama.«

 

Am nächsten Nachmittag trat Mariechen mit einem großen Korb beladen schweren Herzens den Gang nach Canossa[5] an. Katchen begleitete das Mädchen, obwohl sie nicht bei dem Spektakel dabei war. Aber als gute Freundin wollte sie Mariechen beistehen, freu nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

   Endlich erreichten sie den Dorfrand und sahen die letzten Häuser.

   »Und wenn sie uns verhext«, flüsterte Katchen schüchtern.

   »Unsinn«, erwiderte Mariechen resolut.    

An einem verfallenen Häuschen blieben sie stehen. Mariechen klopfte beherzt an und nach einiger Zeit öffnete eine alte Frau.

   Sie sah die beiden Mädchen erstaunt an und bemerkte kurz angebunden. »Ach, die beiden Merten Mädchen.«

   »Ja Frau Seiler«, nahm Mariechen das Wort, »ich bringe Ihnen einen Korb mit Obst und einem schönes Gruß von meiner Mutter. Es tut mir sehr leid, dass ich bei der Plünderung Ihres Obstbaumes mittat. Ich bereue diesen Frevel und es soll auch nie wieder vorkommen.«

   Die alte Frau lächelte ob der ehrlichen Worte. »Kommt herein, wenn ich auch nicht zu schäbig bin.«

Die beiden Mädchen folgten der Einladung und betraten das Haus. Die Frau führte sie durch einen schmalen Flur in ein dunkles Zimmer, ohne Zweifel die Küche. Die Mädchen waren betroffen ob der Armut, die dort herrschte: Ein alter Herd, auf dem ein Topf stand, daneben ein schäbiger Küchenschrank, ein roher Tisch mit vier Stühlen, ein altes Sofa und am Fenster alte Gardinen.

   »Setzt euch«, sagte Frau Seiler und die Mädchen gehorchten. Eine kleine schwarze Katze beäugte die Besucherinnen misstrauisch, ließ sich aber nicht von ihrem Sofaplatz vertreiben.

   »Deine Mutter ist eine gute Frau«, meinte die alte Frau und zeigte auf den Korb, den Mariechen auf den Tisch gestellt hatte, »und ich danke ihr sehr für diese guten Gaben. Ja, ja, wenn man alt wird und niemanden mehr hat. Ich werde im Dorf als Hexe verschrien, aber ich sah bessere Tage. Als mein Mann und meine Söhne noch lebten. Alle tot.«

   »Es gibt keine Hexen«, stellte Mariechen sachlich fest, »das ist finsterster Aberglauben, sagt der Herr Pfarrer immer. Es tut mir leid, dass ich mich zu dieser dummen Tat hinreißen ließ. Vor Gott sind alle Menschen gleich, da gibt es kein hoch oder tief. Darf ich Ihnen helfen? Ich könnte die Stuben putzen oder draußen vor dem Haus Ordnung machen.«

   Ehe Frau Seiler etwas erwidern konnte, rief Mariechen. »Los Katchen, fangen wir an. Ich kehre hier und du vor dem Haus.« Sprachs und begann sogleich mit der Arbeit. Nach gut eineinhalb Stunden beendeten sie ihr frommes Werk und verabschiedeten sich artig von der alten Frau. Später ging Mariechen regelmäßig zu ihr, um zu helfen. Traf sie die alten Frau im Dorf, so versäumte das Mädchen nie, diese freundlich und mit besonderer Hochachtung zu grüßen.

 

Im Spätherbst dieses ereignisreichen Jahres saßen eines Nachmittags Katharina, Mariechen und Schwester Elise in der Küche am Tisch. Die Mutter und Elise waren mit Nähzeug beschäftigt, während Mariechen eifrig in einem Buch las. Die große Küche strahlte eine besondere, gut bürgerliche, halbstädtische Gediegenheit aus: der große Herd, blank geputzt, ebenso die Töpfe und Pfannen an der Wand, ein großer Küchenschrank, der massive Tisch nebst Stühlen. Auf einer Kommode standen ein Marienbild und davor frische Blumen, an den Fenstern reinliche Gardinen. Die große Standuhr tickte mit lautem Schlagwerk, dann schlug es vier Uhr. Eine Petroleumlampe spendete ein anheimelndes Licht.

   Katharina blickte auf. »Bald ist es Zeit für das Abendessen. Elise stelle schon einmal die Kartoffeln auf.«

Das große schlanke, achtzehnjährige Mädchen verstand sich auf solche Aufgaben, denn sie unterstützte die Mutter tatkräftig in dem großen Haushalt. Nach Erledigung des Auftrages widmete sie sich wieder dem Nähzeug. Eine graue Katze blinzelte müde neben dem Herd und gähnte herzhaft.  

   »Was liest du da Mariechen«, fragte Elise.

   »Im Katechismus über die heiligen Sakramente, speziell der Ehe.«

   »Ein interessantes Thema«, nickte die Mutter, »ihr seit beide im heiratsfähigen Alter, Mariechen bald, Elise mittendrin.«

   »Ich habe es damit nicht eilig«, erwiderte die ältere Schwester mit Gleichmut, »warum auch?«

   »Als ich so alt war wie du, war ich schon verheiratet und schwanger.«

   »Die christliche Ehe ist ein heiliges Gut«, warf Mariechen ein, »wachset und mehret euch. Aber ich habe es auch damit nicht eilig. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich anstreben.«

   Katharina nickte bedächtig. »Ich wollte seinerzeit ins Kloster gehen, aber es wurde nichts daraus, wie ihr ja wisst. Für Mädchen in meiner Zeit war das die einzige Alternative zur Ehe.«

   »Ist es denn heute anders«, fragte Mariechen.

   »Etwas schon, mein Liebling. Heute besteht theoretisch die Möglichkeit, einen anderen Weg zu wählen. Schon das ihr in die Schule gehen dürft, war nicht immer selbstverständlich. Übrigens, Pfarrer Pforten sprach letzthin mit uns darüber. Es ist da eine Sache…«

   »Ich möchte dem lieben Heiland dienen«, erklärte Mariechen leise, »aber für das Kloster fühle ich mich noch nicht reif genug. Ich möchte zudem selbstständig sein, mein Leben auf Gott ausrichten und es selbst in die Hand nehmen.«

   »Hm, das sind moderne Ansichten«, lächelte Katharina, »was machst du aber, wenn eine Junge dich gerne hätte oder du…«

   »Das glaube ich nicht«, fiel ihr Mariechen ins Wort, »oh nein, meine Tugend ist mir heilig und nur Jesus hat Platz in meinem Herzen. Wenn ich mir vorstelle, dass ein Junge mich anfasst…« Sie schüttelte heftig den Kopf und Elise nickte beifällig, wenn auch etwas wehmütig.

   »Ich hatte mal einen Burschen gerne«, erklärte sie zaghaft, »aber dann nahm er eine andere.«

   »Nur die reine wahre Liebe zählt«, bemerkte Mariechen, »vom lieben Heiland geliebt zu werden. Klara von Assisi war in ihrer Jugend ein außergewöhnlich schönes Mädchen. Aber sie wusste sehr früh, was sie nicht wollte, nämlich einen nach Pferdeschweiß riechenden Ehemann, der sie im Bett mit derben Griffen holte.«

   »Was redest du da Kind«, wunderte sich die Mutter, »und was weißt du von diesen Dingen.«

   »So viel, liebe Mama, um das nicht zu wollen.«

   »Was sind das für Reden? Woher diese Gedanken?«

   »Mama, für deine Generation gab es nur Küche, Kinder, Kirche. Was sind wir Frauen denn in einer solchen Gesellschaft Wert?«

   »Es ist gottgegeben«, meinte die Mutter, »und unsere vornehmste Aufgabe ist das Kinderkriegen.« Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie fortfuhr, »die Ehe kann eine fürchterliche Belastung werden. Ich hatte große Glück, mit eurem Vater lässt sich gut leben, er ist nicht gewalttätig, trinkt nicht und treibt sich nicht in den Kneipen herum. Aber die ehelichen Pflichten nahm er sehr ernst. Die vielen Kinder und jede Geburt ein Risiko.«

   »Eben«, warf Mariechen ein, »ich mag auch Kinder, aber es müssen nicht unbedingt die eigenen sein.«

   Die Mutter nickte leicht mit dem Kopf und schien mit den Gedanken in weiter Ferne. Ich wollte ins Kloster und landete im Bett. Meine Ideale gingen verloren. Meine Jüngste ist ein Engel und es bietet sich ihr die Chance, ein anderes Leben als ich führen zu können. Das muss ich nach Kräften fördern. Vielleicht gelingt ihr das, was mir versagt blieb. Schon früh erkannte ich ihre einzigartigen Anlagen und lenkte sie sanft in die richtige Richtung. Mein Engelchen kann nicht mit einem Mann ins Bett gehen, unfassbar.

   Mariechen sinnierte, ich weiß, wie die Kinder entstehen. Fräulein Genter erklärte es mir und warnte mich zugleich, den Pfad der Tugend nicht zu verlassen. Warum auch? Ich liebe nur Jesus alleine und der wird mich nicht unzüchtig anfassen. Es ist eine reine und klare Liebe, die einzig wirkliche, ohne körperliche Berührungen. Des Meisters Braut möchte ich sein, mir in seinem reinen Gottesherzen ein Nestchen bauen. Außerdem liebe ich unsere heilige Mutter Kirche. Ihre Riten und Handlungen erwärmen mir das Herz. Da ist kein Platz für einen begierlichen Jungen, der mich aufs Bett wirft, um sich gütlich zu tun. Ich kleide mich züchtig und einfach, mache mein Äußeres betont hässlich, damit ich keinem Burschen gefalle.

Es ist da allerdings eine Sache…nun ja und außerdem…

   Elise hingegen dachte, dass sie schon gewollt habe. Den sie mochte und begehrte, strafte sie mit Nichtachtung. Dann besser keiner, als irgendein Mittelmaß.

   Katharina riss die beiden aus ihren Gedanken. »Ich sagte meinen Mädchen immer, dass sie nie vergessen dürfen, wer sie sind, eine Merten und keine dahergelaufene Bauernmagd. Wir sind angesehen Leute und können stolz darauf sein. Vergesst das niemals. Und gebt euch nicht jedem erstbesten Dahergelaufenen hin. Verstanden ihr beiden?«

   »Sicher Mama«, lachten die Mädchen, »das ist nicht unsere Absicht.

 

   Die Erste Heilige Kommunion Mariechens rückte näher. In jener Zeit durften die Kinder erst mit dreizehn oder vierzehn Jahren zum ersten Mal an den Tisch des Herren. Erst einige Jahre später änderte der Papst diese Regelungen.

Jetzt plante man, unmittelbar nach der Ersten Heiligen Kommunion die Firmung zu spenden. Hierfür zuständig zeichnete der zuständige Bischof oder Weihbischof der Diözese. Sie fand nicht jedes Jahr statt, sondern punktuell gemeinsam mit Jugendlichen aus den Nachbarpfarreien. Da beide Ereignisse nun fast zeitgleich stattfanden, musste mit den Vorbereitungen sehr früh begonnen werden. 

   Baptist Pforten nahm sich persönlich dieser Angelegenheit an und erteilte eigenhändig den Kommunions- und Firmunterricht. Ihm zur Seite standen der Kaplan und die Pfarrschwester. Mehrere Male in der Woche trafen sich die Aspiranten zum Unterricht, entweder in einem Raum der Schule oder in der neu erbauten Kirche, das Werk des betriebenen und energischen Pfarrers. Als Unterrichtsmaterial dienten spezielle Hefte, das Gebetbuch, die Bibel und der Katechismus.

 

Mariechen war ein eifriges Kommunionkind, das gierig das alte und große mystische Wissen der Kirche aufnahm. Besonders beeindruckte sie die Wandlung von Brot und Wein in der heiligen Messe und die Teilhabe am Tisch des Herren, die auch bald für sie möglich würde. In der geweihten und gewandelten Hostie kam Jesus zu den Seinen, so das Abendmahlversprechen den Aposteln gegenüber. Die Jahrhundertwende war die Zeit der Herz-Jesu-Verehrung und der Anbetung der geweihten Hostie in der Monstranz[6]. Der Empfang der heiligen Kommunion knüpfte man an strenge Regeln, die Reinheit des Herzens durch die Beichte und absolute Nüchternheit vom Vorabend an. Es war in dieser Zeit nicht üblich, bei jeder heiligen Messe zur Kommunion zu gehen, ganz im Gegenteil, der Klerus riet sogar ausdrücklich davon ab. Nur eine unbefleckte Seele sollte den Herrn empfangen dürfen.

   »Der Mensch von seiner Geburt an mit der Erbsünde belastet«, erklärte Baptist Pforten in einer Vorbereitungsstunde seiner mehr oder weniger aufmerksamen Zuhörerschaft. »Durch die Taufe werden wir Mitglieder der Gemeinschaft der Heiligen Kirche. Ihre Gnaden lassen uns die Verderbnis überwinden, Gnaden, die Jesus uns durch seinen Tod schenkte, denn er starb für unsere Sünden. Ohne unser Verdienst wird uns alle Schuld vergeben, weil Christus am Kreuz unsere Sünden tilgte. Was also bewirkt Christus in der Taufe? Wer weiß es?«

   Mariechen hob den Finger. Pforten lächelte. »Sonst keiner? Also Mariechen, dann sage du es uns.«

   Diese stand auf. »In der Taufe nimmt Jesus alle Sünden und Sündenstrafen von uns weg und schenkt und das Gnadenleben und viele andere Gnaden.«

   Der Pfarrer nickte. »Sehr schön und nun, was ist die Erbsünde?«

Mariechen erhob erneut den Finger.

   »Sonst keiner außer Mariechen?« knurrte Pforten ungehalten, »was für eine träge Bande. Ihr nehmt das Ganze nicht ernst genug, will mir scheinen.« Er seufzte tief. »Heiden und Sünder, haben andere Dinge im Kopf. Also gut, Mariechen, dann sage du es uns.«

  »Die ersten Menschen wollten Gott gleich sein«, spulte diese ab, »und aßen deshalb die verbotene Frucht. Diese Sünde von Adam und Eva nennt man Erbsünde. Durch sie verloren die ersten Menschen das Gnadenleben und die besonderen Gaben des Paradies. Weil Adam als Haupt der ganzen Menschheit sündigte, gehen diese Schulden auf alle seine Nachkommen über. Das nennt man Erbsünde oder Erbschuld.«

   »Sehr fein mein Kind«, lobte Pforten das Mädchen, »nehmt euch ein Beispiel an ihr, ihr Heidenkinder und lernt besser eueren Katechismus. Das nächste Mal höre ich auch von anderen die Antwort. Wie stehen wir bei der Firmung da, wenn der Hochwürdige Herr Bischof examiniert und nur Mariechen die Antworten weiß.«

   »Er wird denken, dass sie eine Streberin ist«, tönte eine Mädchenstimme.

   Der Pfarrer grinste. »Liebe Margit, besser eine Streberin als eine faule Heidin. Außerdem gehört es sich nicht, in die Klasse zu rufen. Und dann, du müsstest die Antworten wissen, denn du warst schon zur Ersten Heiligen Kommunion. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Haben wir uns verstanden?«

   »Ja Hochwürden«, erwiderte das Mädchen mit hochrotem Kopf. Die meisten Anwesenden grinsten.

   »Ich möchte noch etwas zu Adam und Eva, den ersten Menschen in der Bibel sagen«, fuhr Pforten fort. »Unser Jahrhundert steht unter dem Primat der Wissenschaft. Gerade die Naturwissenschaften nehmen hier einen besonderen Platz ein. Sie geraten mit ihren Erkenntnissen in einen Konflikt zu den Aussagen der Bibel. Ein gewisser Darwin behauptet, der Mensch sei ein Glied in einer Evolutionsskette. Grob gesprochen: Der Mensch stammt vom Affen ab.« Pforten hielt einen Moment inne und grinste. »Wenn man das Verhalten einiger Menschen sieht, könnte man es fast glauben.« Schallendes Gelächter.

Mariechen hob den Finger.

   »Ja?«

   »In der Bibel steht aber, dass wir von Adam und Eva abstammen und Gott in sieben Tagen die Welt erschuf. Die Heilige Schrift ist Gottes Wort – oder?«

   »Man muss nicht alles glauben, was da geschrieben steht«, warf Margit ein, »die biblischen Schriftsteller sprachen oft in Beispielen und Bildern, um es den Menschen verständlich zu machen.«

   »Abgesehen davon, Margit, dass du wieder ungefragt hineingeredet hast, zeugt deine Antwort von kritischem Verstand«, bemerkte der Pfarrer trocken. »Mariechen hingegen vertritt die Position des unbedingten Glaubens. Ihr seit zwei entgegengesetzte Pole, so wie es in der Welt diskutiert wird. Was haben wir über den Glauben und die kirchliche Autorität gelernt, Mariechen?« 

   »Wir müssen alles glauben, was Gott offenbarte«, das Mädchen stand unverzüglich auf und antwortete sicher und mit fester Stimme. »Wir glauben alles was Gott offenbarte, weil er die ewige Wahrheit ist. Er kann nicht irren und nicht lügen. Was er uns offenbarte, lehrt uns die heilige Kirche. Diese richtet sich in ihrer Lehre nach der Heiligen Schrift und den mündlichen Überlieferungen. Das Alte Testament enthält Geschichtsbücher, Lehrbücher und prophetischen Bücher. Die Heilige Schrift und die mündlichen Überlieferungen sind die beiden Quellen unseres Glaubens. Unter dem Beistand des Heiligen Geistes bewahrt die Kirche sie unverfälscht und richtet sich in ihrer Lehre nach ihnen.«

   »Sehr gut Mariechen. Das sind unsere Grundpfeiler, an denen wir nicht zu rütteln haben. Aber die Welt ist nicht statisch, sie bleibt nicht stehen. Was heute wahr ist, kann morgen aufgrund neuer Erkenntnisse angezweifelt werden. Es liegt daher in der Hand der heiligen Kirche, diese Entwicklungen zu erkennen und sich neuen Herausforderungen zu stellen, so die Auseinandersetzungen mit den Naturwissenschaften. Wir hausen heute auch nicht mehr in Höhlen und kämpfen mit Bären, wie die Menschen der Steinzeit.« Lautes Gelächter der Mädchen und Jungen erfüllte den Raum. Pforten ließ die Heiterkeit abklingen und fuhr fort. »Wir müssen uns den Erkenntnissen der Naturwissenschaften stellen. Adam und Eva stehen stellvertretend für den Beginn der Menschheit. Das war dem biblischen Schriftsteller wichtig und er setzte es in den historischen Rahmen, den er in seiner Zeit zur Verfügung hatte.  Es war ihm wichtig, die beginnende Partnerschaft zwischen dem unendlichen Gott und den von ihm erschaffenen Geschöpfen aufzuzeigen. Deshalb sind beide Positionen gut und richtig, die von Mariechen und die von Margit. So, das wäre genug für heute. Wir singen zum Abschluss ein schönes Marienlied. Mariechen stimme bitte Salve Regina an.«

Das Mädchen stand auf und tat wir ihm geheißen. Die ganze Klasse stimmte freudig mit ein.

   »Na, du Neunmalkluge«, spottete Margit später auf der Straße, »deine Schleimereien haben dir heute nichts genutzt.« Und lief weiter, bevor die Angesprochene reagieren konnte: Hoffentlich verschwindet diese Stänkerin bald. Angeblich möchte sie Lehrerin werden. Die armen Kinder, die sie später unterrichtet. Auf jeden Fall bin ich diese Unruhestifterin bald los. Warum gibt es solche Menschen, die weder mit sich noch mit anderen in Frieden leben können. Ich suche mit keinem Streit, möchte mit allen gut sein und niemandem wehtun. Werde ich diese Vorsätze im Leben durchhalten können? Mariechen seufzte tief. Sie betrat die leere Kirche und kniete vor dem Tabernakel nieder, um zu beten. Plötzlich war es ihr, als höre sie eine freundliche Stimme.

   »Ich bin Gott, der die Israeliten auf ihrem Weg in das gelobte Land begleitete, auch wenn sie nicht durch das Rote Meer zogen. Das ist eine fromme Mär. Ich sorgte mich um die Menschen und so sorge ich auch für dich, auf deinem Weg in das himmlische Vaterland. Ich werde dich erleuchten und heiligen, dich vor dem bösen Feind schützen und mit dem Himmelsbrot nähren. Ich führe dich liebevoll und gebe dir alles, was du auf dem Weg ins Himmelreich benötigst.«

   Mariechen erinnerte sich froh des Liedes, das sie kürzlich lernte. Mit ihrer schönen klaren Stimme stimmte sie die ersten Verse an. »Lobet den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,

der dir Gesundheit verliehen, dich freudig geleitet.

In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.«

 

Der Tag der Ersten Heiligen Kommunion stand unmittelbar bevor und mit aller größten Sorgfalt hatte sich Mariechen darauf vorbereitet. Alle Gebete der Liturgie kannte sie auswendig, ebenso den Katechismus und große Teile der Heiligen Schrift. Für den großen Tag selbst erbat sie sich von der Mutter ein ganz einfaches Kleid. Den Abend vor dem großen Ereignis verbrachte sie betend und ganz in sich versunken. Hatte Gott nicht zu ihr gesprochen? Keiner in der Familie wagte es, sie zu stören. Alle spürten das Besondere in ihr.

   Johann Merten kommentierte das so.»Meinst du nicht Katharina, dass unser Mariechen hier nicht ein wenig übertreibt?«

   »Du alter Bauernschädel«, konterte die Mutter, »erkennst nicht die große Gnade, die uns durch dieses Kind geschenkt wurde.«

   Der Vater schmunzelte verschlagen. »Du willst sie als Engelchen, das ist dein Sinnen und Trachten seit Mariechen auf der Welt ist. Du förderst ihren Hang zu einem geistigen Leben. Was wird aber wirklich aus diesem Kinde werden«

   »Laß das Gottes Sorge sein und kümmere dich um deine Landwirtschaft. Um die heiligen Dinge kümmere ich mich.«

   »Amen.«

   Nun war der große Tag endlich da. In aller Frühe stand Mariechen auf, um betend und gesammelt dieses wichtige Ereignis zu beginnen. Sodann kleidete sie sich an, nahm die schöne Kommunionkerze in die Hand und machte sich mit Katchen auf den Weg. Der Rest der großen Familie kam später nach. Im Pfarrhaus sammelten sich die Kommunionkinder und warteten aufgeregt auf den Beginn der Feier. Schwatzend stand man da, nur Mariechen war still und in sich gekehrt. Endlich erschien die Pfarrschwester und ordnete den Zug, in dem die Jugendlichen paarweise in einer Prozession den Weg zur Kirche antraten. Diese war überfüllt und beim Eintritt der handelnden Personen begann die Orgel festlich zu brausen, alle erhoben sich und sahen dem schönen Zug nach, voran die Kommunionkinder, dahinter die Messdiener und hernach die Zelebranten. Die Jugendlichen nahmen die ihnen reservierten Plätzen ein, während die Messdiener und die Priester den Altarraum betraten. Die Feier konnte beginnen.

   Mariechen hatte ihren Platz in der letzten Reihe mit gutem Blick zum Organisten und Kirchenchor. Es oblag ihr als besondere Auszeichnung, mit ihrer schönen Stimme einige besonders schöne Lieder anzustimmen, die der Chor übernahm und später die ganze Gemeinde miteinbezog. Alle Augen richteten sich in diesem Augenblick auf sie, die ruhig und gefasst ihre Aufgabe erledigte. Katharina, die etwa in der Mitte der Kirche Platz fand, war sehr stolz auf die Tochter, stieß mehrmals den neben ihr sitzenden Ehemann an und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

Johann schmunzelte vielsagend, aber man spürte auch den Stolz in seinem Gesicht. Etwas weiter hinten saß Margit, und ihr Gesicht drückte Wut und Hass aus.

   Auf den bald folgenden ersten Gang zum Tisch des Herren bereiteten sich unsere Jugendlichen besonders dadurch vor, dass sie andächtig die heilige Messe mitfeierten. Zuerst vereinigten sie sich im Gebet mit Christus und hörten gläubig seine Worte. Danach prüften sie demütig ihr Herz, vereinigten sich mit dem großen Lob- und Dankgebet der Kirche und brachten sich mit Christus ganz dem Vater dar. Vor der heiligen Kommunion riefen sie Christus, das Lamm Gottes, um Erbarmen an. Ein Augenblick der Stille trat ein. Schon trat der Priester mit dem Kelch, in dem die geweihten Hostien lagen, an die Kommunionbank. Paarweise knieten die Kommunionkinder nieder und empfingen zum ersten Mal das Brot des Herrn, welches Pfarrer Pforten ihnen behutsam auf die Zunge legte. Zurückgekehrt auf ihre Plätze knieten sie nieder, um in stiller Anbetung mit dem nun empfangenen Herrn Zwiesprache zu halten. seine geheiligte Anwesenheit zu erfahren.

   Mariechen kniete kerzengerade und mit geschlossenen Augen auf ihrem Platz in der Kirchenbank, ein wunderbar erbauliches Bild der Sammlung und Versunkenheit. Ihr Innerstes war ganz Hingabe und Gebet. Ihr innere Stimme bat.

   »Oh lieber Jesus, wie bin ich froh, dich empfangen zu haben.«

   »Ein frohes Gotteskind sieht der Allmächtige mit Wohlgefallen«, antwortete ihr eine Stimme. »Ich habe dich erwählt und werde dein ganzes Leben ein Auge auf dich haben. Was immer du tust, es ist deine freie Entscheidung, aber ich gebe dir die Gewissheit, immer bei dir und auf seiner Seite zu stehen.«

   »Ich möchte mich dir ganz hingeben und weihen. Ich möchte eine Braut Christi werden«, erwiderte Mariechen freudig.

   »Wie du dein Leben einrichtest, überlasse ich dir. Tue das, was du für richtig hältst und mit deinem Gewissen vereinbaren kannst. Ich bin der Herr dein Gott. Ich liebe dich von Ewigkeit her, ich liebte dich schon, ehe du es konntest. Der Evangelist Johannes sagte: Die Liebe Gottes ist dadurch unter uns gekommen, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn leben. Gott ist die Liebe, und wer in seiner Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. Das ist doch sehr hübsch gesagt, etwas schwülstig vielleicht, aber im Kern die Wahrheit. Nur muss man fragen, was der gute Herr Prophet unter Liebe verstand. Da gibt es unzählige Auffassungen. Du mein Kind muss in deinem Leben herausfinden, was sie dir bedeutet und danach leben.«

   »Ich will dich von ganzem Herzen lieben«, frohlockte Mariechen und wurde im selben Augenblick abrupt  aus ihrer göttlichen Versunkenheit geweckt. Ihre Nachbarin stieß sie mit dem Arm an, man erwartete den Einsatz für das Abschlusslied. Der Dirigent schaute ungeduldig zu ihr hinüber.

   Mariechen war sofort hellwach und mit ihrer klaren Stimme stimmte sie das Lied: »Großer Gott wir loben dich…« an, das von Orgel, Chor und Gemeinde zu einem gewaltigen Gesang anschwoll, der bis zur Kirchendecke stieg. Eine machtvolle Demonstration der Größe Gottes und seiner heiligen Kirche. Zugleich endete damit diese wunderbare Feier. Priester und Messdiener zogen in geordneter Prozession in die Sakristei und im Kirchenraum begannen die Leute, aufzubrechen.   

   »Alte Schlafmütze«, raunte Margit der verhassten Gegnerin in einem unbemerkten Augenblick zu, » verpast fast deinen Auftritt. Warst wohl etwas eingenickt in deiner zur Schau gestellten Frömmigkeit.« Aber ehe Mariechen etwas erwidern konnte, war das Mädchen schon verschwunden.

   An diesem heiligen Tag muss ich mir von dieser Stänkerin die Suppe nicht versalzen lassen, dachte Mariechen respektlos und wurde draußen von ihrer zahlreichen Familie umringt. Alle beglückwünschten sie und die Mutter überreichen ihr mit Tränen in den Augen das schöne Gebetbuch, das sie nun ihr eigen nennen durfte. Man schwatzte und redete durcheinander. So bemerkte man nicht sogleich, dass sich eine ältere Frau der Ansammlung näherte. Die Frau war recht armselig gekleidet und manch honoriger Kirchenbesucher in seinem Sonntagsstaat schaute missbilligend auf sie herab. Die Alte ließ sich nicht beirren und letztendlich stand sie vor unserem Kommunionkind.

   »Zu deinem heutigen Ehrentag schenke ich dir etwas«, begann die alte Frau, »das mir sehr kostbar ist. Du sollst es haben, weil du ein liebes und von Gott gesegnetes Kind bist.« Im selben Augenblick überreichte sie einen wunderbaren Rosenkranz aus Elfenbein, mit einem herrlichen silbernen Kreuz, sehr kunstvoll gearbeitet. Ein Kleinod, ohne Zweifel. Dazu ein kleines Täschchen aus echtem Leder.

   »Das kann ich nicht annehmen Frau Seiler«, rief Mariechen bestürzt, »es ist ein zu wertvolles Stück.«

   »Doch doch, mein Kind«, wehrte die Frau ab, »du sollst es haben, weil du so lieb und gut zu mir warst. Der Rosenkranz ist ein altes Familienerbstück aus besseren Tagen, aber die Familie gibt es nicht mehr. Es wurde vom Heiligen Vater geweiht und du wirst ihm alle Ehre bereiten.« Sprachs und bevor sich die Umstehenden von der Überraschung erholten konnten, war sie verschwunden.

   »Nein, so etwas«, Katharina fand als Erste zur Sprache zurück, »nein, das ist kaum zu glauben. Was soll man dazu sagen?«

   »Lass mal«,erwiderte Johann ruhig, »das Geschenk kommt von Herzen. Und es wird unser Mariechen immer daran erinnern, dass man keine verbotenen Äpfel pflückt und sich von anderen Nichtsnutzen mitziehen lässt.«

   »Johann, also, ich muss schon bitten!«

   »Papa hat recht«, kam ihm die Tochter zur Hilfe, »und es ist mir zudem eine Mahnung, keinen Menschen nur ob seines Standes niedrig zu achten.«

Die Mutter nickte, warf aber ihrem Mann einen strengen Blick zu. Dieser zwinkerte mit dem rechten Augen und mahnte zum baldigen Aufbruch. Ein ordentliches Mittagessen wartete auf die Familie und ihre Gäste. Bei aller Heiligkeit sollte nun der Magen zu seinem Recht kommen.

 

Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samaria das Wort Gottes angenommen habe, sandten sie Petrus und Johannes zu ihnen. Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen des Herrn Jesus Christus. Nun legten sie ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist, so zu lesen in der Apostelgeschichte.

   Die Heilige Schrift berichtet, dass schon die Apostel firmten. In den ersten christlichen Jahrhunderten wurde die Firmung gewöhnlich gleich nach der Taufe gespendet. Darum wird sie bei der Aufzählung der Sakramente gleich nach der Taufe genannt. Sie wird gewöhnlich vom Bischof gespendet. Der Papst kann jedoch die Vollmacht zum firmen auch einem Priester übertragen.

   Zu Beginn der Firmung steigt der Bischof die Stufen des Altars hinaus und wendet sich den Firmlingen zu. Diese knien nieder; der Bischof streckt über sie die Hände aus und ruft den Heiligen Geist mit seinen sieben Gaben auf sie herab: den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit, sowie den Geist der Furcht des Herren. Dann legt der Bischof jedem Einzelnen die rechte Hand auf das Haupt und zeichnet ihm mit Chrisam[7] ein Kreuz auf die Stirn. Dabei spricht er:

   »Ich bezeichne dich mit dem Zeichen des Kreuzes und stärke dich mit dem Chrisam des Heils, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.«

Nach der Salbung betet der Bischof über alle Firmlinge, der Heilige Geist möge in ihnen das begonnene Werk vollenden. Dann spendet er ihnen seinen Segen.

 

Die Firmung Mariechens, ihrer Gegnerin Margit, sowie Josef und andere Jugendliche aus Düppenweiler fand neun Tage nach der Ersten Heiligen Kommunion in der Pfarrkirche zu Reimsbach statt. In diesem Jahr 1896 war der Ort dazu erkoren, die Firmung auszurichten. Die Handlung selbst nahm Weihbischof Schrod von Trier vor.

   Nach dem Firmakt versammelten sich alle Firmlinge im Altarraum vor dem Sessel des Bischofs. Die maßgeblichen Ortspfarrer standen hinter ihm. Was nun folgen sollte, war eine Examination der Firmlinge, um ihr Wissen zu prüfen. Weihbischof Schrod sah sich in Ruhe die Firmlinge an. Nach einer Weile begann er mit ruhiger Stimme, die erste Frage zu stellen.

   »Wer sind die Vorsteher der Kirche?«

   Einige Finger erhoben sich. Schrod wies auf Josef. »Die Vorsteher der Kirche sind der Papst und die Bischöfe.«

   »Gut, mein Sohn. Der Name des Heiligen Vaters?«

   »Leo XIII.«, antwortete Margit.

   »Richtig, mein Kind. Welche Würde hat der Papst?«

   Dieses Mal zeigten nur wenige Finger auf. Dem Bischof fiel ein Mädchen auf, das sich bisher bei jeder Frage gemeldet hatte. »Nun mein Kind«, und wies auf sie.

   »Der Papst ist der Nachfolger des heiligen Petrus, des Stellvertreters Christi auf Erden und das sichtbare Oberhaupt der Kirche«, erklärte Mariechen mit klarer und fester Stimme. Der Bischof nickte ihr freundlich zu und stellte die nächste Frage, dann weitere. Und wieder beobachtete er, dass beständig jenes Kind den Finger hob.

   »Wer ist dieses Mädchen«, fragte er schließlich seinen Sekretär.

   Das ist meine Stunde, dachte Pfarrer Pforten, der nicht weit entfernt vom Stuhl des Bischofs stand und alle mithören konnte. »Sie ist mein Pfarrkind, Euere Eminenz«, sagte er geistesgegenwärtig.

   »Ah; Pforten. Na, da wundere ich mich nicht mehr. Einem so ausgezeichneten Pfarrherrn entspringen ausgezeichnete Pfarrkinder.«

   »Zu viel der Ehre«, säuselte Pforten geschmeichelt.

   »Ja, ja«, nickte der Bischof versonnen, »fahren wir mit der Visitation fort. »Welches ist die wichtigste Aufgabe der Kirche?« Nur Mariechen zeigte auf.

   »Diese Schleimerin«, flüsterte Margit ihrer Nachbarin zu, »macht sich wieder wichtig. Hat sehr wahrscheinlich den gesamten Katechismus auswendig gelernt.« Ein vorwurfsvoller Blick des Pfarrers ließ sie jedoch verstummen. Inzwischen hatte Mariechen die Frage zur Zufriedenheit des Bischofs beantwortet. Es folgten weitere Fragen, wobei der Bischofs lächelnd bemerkte, dass sein besonderer Liebling stets die Hand hob und mitunter alleine die Antwort wusste. Ein außergewöhnliches Mädchen dachte der hohe Herr und winkte im gleichen Augenblick Pfarrer Pforten zu sich.

   »Das Examinieren ist zu Ende. Ich bin sehr zufrieden. Stellen Sie mir bitte Ihr eifriges Pfarrkind vor.«

Der Pfarrer ließ sich das nicht zweimal sagen, ging zu Mariechen und geleitete sie zum Stuhl des Bischofs. Dieser nickte freundlich.

   »Nur ein Kind konnte alle meine Fragen beantworten und das kommt aus Düppenweiler. Wie ist das möglich? Woher stammt dein umfangreiches Wissen?«

   »Sie ist die Beste in der Klasse, Eminenz«, nahm Pforten das Wort, »und dem geistlichen Leben sehr zugewandt.«

   »Oh ja«, bestätigte Mariechen lebhaft, »die heilige Kirche ist mein großes Vorbild und ihr möchte ich dienen.« Die Umstehenden hörten respektvoll und ehrerbietig zu, nur Margit verdrehte die Augen.

   Der Bischof lächelte milde und zustimmend. »Das ist sehr schön und ich lobe ausdrücklich deinen Fleiß und Eifer. Ich wünsche dir alle Gute für die Zukunft und das du deinen Vorsätzen immer treu bleibst.« Danach segnete er das Mädchen, das sich mit einem Ringkuss von dem hohen Herrn verabschiedete. Die Feier nahm jetzt rasch ihr Ende und die Versammlung begann, sich aufzulösen.

   Etwas später empfing Arnoldi im Pfarrhaus die anwesenden Pfarrer und wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu einem kleinen Stehimbiss. Man reichte gute Getränke und Rauchwerk. Der Bischof trank einen Schluck des guten Moselweines und rauchte eine Zigarre dazu. Er winkte Pfarrer Pforten zu sich, den er sehr schätzte. Die Sache mit Mariechen beschäftigen Eminenz noch immer und so begann er nach einigen einführenden Worten.

   »Sie haben da ein Kleinod in Ihrer Pfarre, lieber Freund, dessen sollten Sie sich bewusst sein. Dafür habe ich einen Blick.«

   »Oh ja«, bestätigte Pforten lebhaft, »Maria ist ein Engel und mir war es vergönnt, sie zur Ersten Heiligen Kommunion und zur Firmung zu geleiten.«

   »Dann sollten Sie auch in Zukunft ein waches Auge auf dieses begabte und begnadete Kind haben«, nickte der Bischof ernst, »unsere heilige Mutter Kirche müsste sie in ihre Obhut nehmen, damit sie nicht von ihrem Weg abkommt.«

   »Ich werde alles tun, Eminenz, was in meinen Kräften liegt.«

Bischof Arnoldi nickte wohlwollend und zufrieden.

 

Zwischenzeitlich war Mariechen zu den ihren zurückgekehrt, die sie mit Stolz empfing, ob des Lobes und der Bevorzugung durch den Bischof. Man gratulierte ihr und alle redeten glücklich durcheinander. Josef trat hinzu, reichte ihr die Hand und beglückwünschte sie zu diesem schönen Erfolg. Das Mädchen dankte lächelnd und errötete leicht. Auf der Heimfahrt in dem schönen Gefährt des Vaters sinnierte sie träumerisch: Was für ein schöner Tag das heute ist und wie erhaben die Feier. Der Bischof lobte und zeichnete mich vor allen Firmlingen aus, worüber ich sehr stolz bin. Natürlich darf ich das nicht nach außen zeigen, denn es ist eine Sünde gegen den lieben Gott. Ihm will ich dienen und gefallen, nicht unbedingt den Menschen. Wie lieb von Josef, mich zu beglückwünschen, aber…nun ja… Nein, es darf nicht sein, ich liebe nur Gott und niemanden anders, eine würdige Braut Christi. Wie vereinbart sich das mit profanem Verlangen nach weltlichen Genüssen?

   Zur gleichen Zeit begab sich Margit auf den Heimweg, umgeben von ihrer Familie. Das Mädchen war einsilbig und rechte Freude wollte bei ihr nicht aufkommen: Diese ekelhafte Schleimerin, muss sich immer in den Vordergrund spielen. Ich war genau so gut in der Schule und hätte auch die Fragen des Bischofs beantworten können. Aber sie zeigte sofort auf, sobald die Frage gestellt war. Nichts als Theater, was sie da treibt, Ihre Gelehrsamkeit, Frömmigkeit, Tugendleben, alles nur Schau, auf Affekthascherei aus. Sie ist die Klügste, Frömmste und Vollkommenste. Ständig lungert sie um den Pfarrer und die Lehrerin herum. Andere bekommen erst gar keine Chance, müssen hinten Anstehen und nehmen, was uns das vornehme Fräulein gnädig übrig lässt. Margot seufzte tief: Nun gut, wir werden noch sehen. Ich beginne nun die Ausbildung im Lehrerinnenseminar zu Vallendar. So werde ich die fade Ziege nicht mehr sehen müssen. Sollten sich unsere Wege je wieder kreuzen, dann Gnade ihr Gott. Der zahlte ich es heim.

   Unser Josef dachte an diesem Tag, dass der Heilige Geist nun hoffentlich über ihn käme, damit er ihm in der Schule helfe. Die Anforderungen des Gymnasiums waren hoch und er musste sich mächtig anstrengen: Dabei möchte ich Förster werden, wozu brauche ich da Latein? Aber für die Forstakademie benötige ich das Abitur. Seufz. Ich schaffe das schon. Schade, dass man Mariechen nicht haben kann. Sie ist ein nettes Mädchen, aber so engelhaft und vornehm. Viel zu fein für mich ungehobelten Bauerntölpel. Er erschauderte einen Moment bei diesem Gedanken: Gar nicht anrühren dürfte man solch ein Geschöpf.

 

Die Zeit schritt weiter fort, und ehe man sich versah, rückte Mariechens Schulentlassung näher und die Frage der Berufswahl. Lehrerin wollte sie werden, wie ihre Förderin und großes Vorbild, Fräulein Genter. Mariechen hatte schon mit dieser und der Mutter gesprochen, die sie beide in ihrem Wunsch bestätigten.  Ein Hindernis stellte der Vater dar, der von diesen Plänen nicht sehr begeistert war. Zwar schmeichelten ihm die guten Noten und der Ruf seines Mariechens, die noch immer sein Lieblingskind war. Aber studieren, wofür das? Eine Frau gehört in die Familie, das war seine Meinung.

   Hier nun musste stärkeres Geschütz aufgefahren werden und so sprach die Lehrerin im Einverständnis mit Mariechens Mutter mit Pfarrer Pforten. Dieser sollte kraft seiner Autorität die Festung nehmen und Johann Mertens Widerstand brechen. Kein übler Plan das, ohne Zweifel. Baptist Pforten erklärte sich sofort bereit, hieran mitzuwirken und eines schönen Abends erschien er als Gast bei der Familie Merten. Er wurde mit Ehrerbietung empfangen und nun saß man im Wohnzimmer auf bequemen Sesseln, ein guter Tropfen Moselwein kam auf den Tisch. Der Pfarrer rauchte eine Zigarre, Johann die Pfeife und neben Katharina lag das Strickzeug. Pforten rekelte sich etwas in seinem Sessel zurecht und betrachtete die gediegene, altdeutsche Einrichtung des mittelgroßen Raumes: Die bequemen Sesseln, der massive Eichentisch mit den passenden Stühlen, das Bild des Papstes und des Bischofs an der Wand. Eine große Petroleumlampe spendete ein helles Licht, ein wunderbarer Teppich auf dem Boden. Die Einrichtung des Raumes zeugte von Geschmack, das war klar, als Tempel der Bürgerlichkeit geschont und nur selten benutzt. Auf einem lang gezogenen Büffet stand eine Statue der Muttergottes von Lourdes, davor zwei lange Kerzen in sehr schönen, silberbeschlagenen Leuchtern und frische Blumen.

   Pforten nahm einen Schluck Wein und räusperte sich. »Also, ihr könnt euch denken, was der Grund meines Besuches ist.« Eine kurze Pause, danach fuhr er mit Bedacht fort, »es geht im die Berufswahl eueres Mariechens. Die Lehrerin machte mich darauf aufmerksam, aber ich wusste es auch, denn ich habe ein waches Auge auf das Mädchen. Der hochwürdige Herr Bischof trug es mir anlässlich der Firmung auf, ihr wisst schon. Sie möchte Lehrerin werden, ohne Zweifel ein sehr schönes Berufsziel. Was habt ihr dagegen Johann? Fehlt es am Geld für die Ausbildung? Das kann ich nicht glauben, oder doch? Heraus mit der Sprache.«

   »Nein, nein Hochwürden«, wehrte Johann ab, »am Geld fehlt es nicht. Aber ein Mädchen sollte die Hauswirtschaft erlernen und mit einem guten Mann eine christliche Ehe gründen, ist meine Meinung.« Er schüttelte missbilligend den Kopf. »Studieren, so ein neumodisches Zeug. Wir sind eine alte Bauernfamilie und nie war ein Studierter unter uns.«

   »Sei doch nicht so stur Johann«, ereiferte sich Katharina, »es geschieht alles nur zu Mariechens Bestem.«

   »Das sehe ich auch so«, pflichtete Pforten ihr bei, »was Johann da sagte, ist gut christlicher Standpunkt. Aber manchmal geht die Vorsehung andere Wege. Mariechen ist begabt, das wissen wir alle, und es wäre eine Sünde, das nicht zu fördern. Außerdem ist es der Wunsch des Mädchens, und den sollten wir auf jeden Fall respektieren.«

   »Seit wann haben Kinder denn Wünsche zu äußern«, fragte Johann bärbeißig.

   »Die Zeiten ändern sich mein Freund.« Der Pfarrer grinste, »heute dürfen Frauen einen Beruf erlernen, Mädchen gehen auf das Gymnasium und die Universität. Warum in Gottes Namen sollte euer Mariechen nicht den Weg gehen dürfen, der ihr zusagt?«

   »Hm, hm«, Johann trank einen Schluck Wein und zog an seiner Pfeife. Ganz sicher war es sich nach den Ausführungen des Pfarrers nicht mehr. Die Festung begann zu wanken.

   Pforten spürte das und legte nach. »Hört her, wir wollen da Ganze von der praktischen Seite sehen. Mariechen ist fast vierzehn, das Aufnahmealter beträgt sechzehn. Wir haben somit zwei Jahre Zeit, um sie auf das Seminar vorzubereiten. Ich schlage übrigens die Lehrerinnenausbildungsstätte in Vallendar vor, ein vorzügliches, gut katholisches Institut. Ein Mädchen unserer Gemeinde ist bereits dort und um so schöner wäre es, wenn Mariechen folgen würde. Das Schulgeld ist allerdings recht hoch, aber hier könnten eventuell die Pfarrgemeinde oder das Bistum helfen. Wie steht`s?«   

   »Am Schulgeld scheitert es nicht«, warf Katharina ein, »das bringen wir auf. Was Johann?«

Dieser nickte stumm und saß in seinem Sessel wir ein geschlagener Feldherr, von den Argumenten erdrückt.

   »Aber wie geht es weiter Herr Pfarrer«, fragte Katharina.

   »Ich kümmere mich um die Anmeldung in Vallendar. In der Zwischenzeit wird Mariechen in der Klasse von Fräulein Genter hospitieren. Dabei lernt sie sehr viel. Im letzten Jahr vor der Aufnahme sollte Lehrer Schneider sie intensiv darauf vorbereiten, ihr sozusagen den letzten theoretischen Schliff geben. Ich sprach bereits mit ihm und er ist einverstanden. Er verlangt nur wenig Schulgeld, ein wahrhaft christlicher Mann und vorzüglicher Lehrer. Ihr seht also Johann, es ist alles geregelt. Es fehlt nur noch euere Zustimmung. Die möchte ich jetzt mit nach Hause nehmen. Gebt euch einen Stoß und schlagt ein.«

   Johann knurrte noch etwas herum, aber ein strafender Blick seiner Frau belehrte ihn eines besseren und er stimmte schließlich zähneknirschend zu. Kurz darauf brach der Pfarrer auf. Nachdem er sich verabschiedet hatte, kehrte das Ehepaar ins Wohnzimmer zurück. Schweigen lastete auf der Atmosphäre. Johann zog an seiner Zigarre und Katharina schien mit dem Strickzeug beschäftigt.

   »Gefällt dir wohl nicht, das Ganze«, durchbrach sie schließlich das Schweigen, das ihr unerträglich wurde, »was willst du eigentlich? Alles geschieht zu Mariechens Bestem und auch unserem Ansehen im Dorf schadet es nicht, ganz im Gegenteil.

   Johann räusperte sich kurz: »Das weiß ich auch, aber musste das wirklich sein?«

   »Was musste sein«, fragte Katharina spitz, »du tust so, als stünde der Weltenuntergang bevor.«

   »Die Richtung passt mir nicht«, knurrte Johann und nahm einen Schluck Wein, »es gäbe für Mariechen auch einen anderen Weg. Aber das willst du nicht. Von frühster Kindheit an beeinflusst du sie in eine bestimmte Richtung. Was dir verschlossen blieb, soll sie richten. Was soll das dumme Gerede von Engeln und Heiligen? Du drängst es ihr auf und formst sie nach deinen Vorstellungen. Schon bei Elise leistete du Vorarbeiten, beeinflusste sie  in eine bestimmte Richtung, aber bei Mariechen drehst du völlig auf. Sie hat nicht die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden, weil ihr Weiber ihr all das dumme Zeug von Bevorzugungen himmlischer Mächte einredet. Jetzt ist es zu spät, die Weichen sind gestellt, ob mir das passt oder nicht. Ob aber Mariechen in diesem Weg glücklich wird, wage ich zu bezweifeln, aber das interessiert dich nicht weiter. Unser Püppchen wird eine Heilige, nur das ist dir wichtig.«

   Katharina hörte aufmerksam zu. Es war selten, dass sich Johann so ausführlich äußerte: »Sei friedlich. Es stimmt, dass ich Mariechen von früh an in eine bestimmte Richtung lenkte. Aber sie machte es mir sehr leicht, nahm nicht nur alles willig auf, sondern schien darauf zu warten. Das Religiöse wurde ihr in die Wiege gelegt, da musste ich nicht viel nachhelfen.  Sie ist ein von Gott bevorzugter Mensch und daher kann ihr weiterer Lebensweg auch nur in eine bestimmte Richtung gehen.«

   »Mariechen ist ehrgeizig und stolz«, erwiderte der Vater, »und wurde von uns allen sehr verwöhnt. Es schmeichelt ihrem Ehrgeiz, nun in diese Richtung gehen zu können. Den anderen Lebensweg nimmt sie nicht wahr und sieht nicht die Möglichkeiten, ihr Leben anders zu gestalten.«

   »Wir sind ein christliches Haus, lieber Johann«, lächelte Katharina milde, »wir sind fromm und mildtätig in vorzüglicher Weise. Das prägte unser Mariechen zusammen mit den ihr verliehenen guten Gaben. Was willst du? Sie ist sehr gut in der Schule und liebt die Bücher.«

   »Woher sie das nur hat?« knurrte Johann, aber gleichzeitig breitete sich ein Grinsen über seinem Gesicht aus: »Vielleicht hat der Pfarrer Recht. Die Zeiten haben sich geändert. Ich gehöre der Alten an, da waren die Karten klar verteilt. Wo wird das alles noch hinführen? Frauen an der Universität. Vielleicht wollt ihr auch wählen gehen. Oder Reichskanzler werden, wie? Brr.«

   »Gottes Wege sind unergründlich«, erklärte Katharina lächelnd, »wir müssen uns seinem Ratschluss beugen.«

   »So sei es«, seufzte Johann ergeben und trank sein Weinglas leer. Überzeugt war er nicht davon, aber er beschloss, als unwilliger Vater, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

 

Es war beschlossene Sache. Mariechen sollte den Beruf einer Volksschullehrerin ergreifen. Nach der Schulentlassung zu Ostern hospitierte die Vierzehnjährige in der Klasse von Fräulein Genter und lernte unter ihrer Anleitung, den Unterricht zu gestalten und zu leiten. Des Weiteren half sie der Mutter bei deren caritativem Wirken und bekam selbst ein tief greifendes Gespür dafür. Zeit des Lebens galten ihre besondere Aufmerksamkeit den Armen, Kranken und Ausgestoßenen der Gesellschaft.

   Mariechens Charakter prägte sich weiter aus. Es war die große Zeit der Herz-Jesu-Frömmigkeit, die Menschen faszinierten die Gegenwart Jesu in der geweihten Hostie. In der Wandlung stieg Gott selbst zu ihnen herab und das verinnerlichte Mariechens besonders stark. Der inneren Strenge folgte die äußere Form. In ihrer Kleidung züchtig, wirkten ihre Gesichtszüge streng und beherrscht. Sie zeugten von der Klarheit ihres Geistes, der Aufrichtigkeit ihres Wesens, aber auch von großer Selbstbeherrschung und Strenge gegen sich selbst.

   Die beiden Vorbereitungsjahre gaben Mariechen Zeit genug, ihr Leben nach dem auszurichten, was sie anstrebte – die Nachfolge Christi. Der geistliche Einfluss Pfortens und der Lehrerin Genter, sowie das Studium frommer Schriften, vervollständigten diese Entwicklung. Den hier eingeschlagenen Weg, das dürfen wir heute schon sagen, wird Mariechen nie mehr verlassen. Eine Alternative hierzu ließ sie nicht mehr zu.

   Gemäß Pfortens weiser Lebensplanung übernahm Lehrer Schneider im zweiten Jahr die Vorbereitung auf die Prüfungen zur Aufnahme in das Lehrerinnenseminar zu Vallendar. Zwei weitere Mitschüler, ein junges Mädchen und ein junger Mann, vervollständigten die kleine Klasse.

   »Die Anforderungen sind hoch«, pflegte Lehrer Schneider zu sagen, »egal, ob auf einem privaten oder staatlichen Seminar. Wir müssen uns mächtig ranhalten, um den Stoff zu bewältigen. Mariechen möchte nach Vallendar, Karl nach Trier und Hildegard nach Mainz. Drei verschiedene Seminare, aber überall die gleichen hohen Anforderungen. An die Arbeit meine Herrschaften.« Und er gab ihnen mächtig zu tun. Mariechen erledigte das Pensum mit ihrer gewohnten Gründlichkeit und erzielte sehr gute Ergebnisse. Aber sie musste sich mächtig anstrengen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Katchen, ihre bewährte Freundin, bekam sie in dieser Zeit nur wenig zu sehen.

 

Eines Nachmittags kamen die beiden Freundinnen von einem barmherzigen Gang zu armen Leuten am Haus von Frau Seiler vorbei. Diese stand in ihrem kleinen Gärtchen und suchte die Stare zu verjagen, die sich an den guten Gaben der Natur gütlich taten.

   »Guten Tag Frau Seiler«, grüßten die beiden freundlich.

   »Guten Tag ihr Mädchen«, erwiderte die alten Frau den Gruß und schaute die Besucherinnen freundlich an. »Na, Mariechen, wann ist es so weit? Wann gehst du in die weite Welt?«

   »Ach Frau Seiler, es ist noch etwas Zeit. Im Februar nächsten Jahres ist die Aufnahmeprüfung in Vallendar.«

   »Das sind noch vier Monate. Du wirst deiner Familie und unserem Dorf alle Ehre machen, davon bin ich überzeugt. Aber bleibe, wie du bist. Und lass dich nicht von diesen fremden Leuten verderben.« Frau Seiler nickte ernst mit dem Kopf und ihre kleine Katze miaute zustimmend.

   Mariechen lächelte: »Sicher nicht, ich bleibe mir immer treu. Bevor ich wegfahre, komme ich mich von Ihnen verabschieden.«

   »Mach das, mein Kind.«

Die beiden Mädchen knicksten und setzten ihren Weg fort.

   »Es ist doch schrecklich weit von hier«, begann Katchen, »wirst du kein Heimweh nach uns bekommen?«

   »Natürlich. Ihr werdet mir alle fehlen, Mama, Papa, die Geschwister und du. Aber es muss sein.«

   »Warum«, fragte Katchen plötzlich, »du musst doch nicht da hin. Es gibt sicher einen anderen Weg. Warum machst du es dir so schwer?«

   »Wie meinst du das?«

   Katchen wurde plötzlich verlegen: »Nun ja, ich kenne dich gut. Wir waren viel zusammen. Ich lernte viel von dir, aber…«

   »Was aber?«

   »Nun, das mit den Jungen. Und so…« Katchen wurde rot vor Verlegenheit.

   »Das kommt für mich nicht infrage«, erklärte Mariechen resolut, «auf keinen Fall. Ich möchte eine katholische Lehrerin werden, und denen ist das Heiraten untersagt. Es ist mein Weg, den ich wählte. Ich möchte Christus nachfolgen, er ist mein Vorbild und Führer, auf ihn vertraue und setze ich, in seinem Herzen möchte ich wohnen, von ihm geliebt werden. Eine Braut Christi möchte ich werden, nun ihn und unsere heilige Mutter Kirche lieben. Aber der Weg ist noch weit bis dahin.«

   »Wieso«, fragte Katchen naiv, »du lebst doch heute schon vorbildlich. Unsere Nachbarn sprechen voll Ehrfurcht von dir und sagen: Mariechen ist immer freundlich, bescheiden und sittsam, schon immer still, abgeklärt, sanft, wohltuend, vornehm in Haltung und Benehmen.«

   Mariechen lachte laut auf: »Hör auf Katchen, soviel Weißkäse bringt  mich ja um.«

   Diese stutzte und stimmte dann in das Gelächter mit ein: »Aber es ist wahr Mariechen, so reden die Leute über dich.«

   »Und deshalb darf ich sie auch nicht enttäuschen und einen profanen Lebensweg einschlagen. Man erwartete das Besondere von mir, das Heilige. Ich möchte das auch. Ich will tugendhaft leben, ohne Fehl und Tadel, ohne Sünde, perfekt sein, meiner Natur keine Befriedigung gönnen, mich abtöten und für Jesus leiden, zu seiner Ehre und Verherrlichung. Das wird nicht einfach werden, denn ich habe auch Gefühle und Bedürfnisse, bin stolz und empfindlich. Das werde ich alles dem lieben Jesus aufopfern. Die Leute sagen, dass ich ein Engel bin und genau das ist mein Ziel, engelhaft zu sein, mutig und ohne Sünde, eine Heilige der heiligen Kirche. Die Heiligen lieben Jesus mit einer ganz besonderen Glut und das strebe ich an. Es fällt einem nicht in den Schoß, sondern muss hart erarbeitet werden. Dazu bin ich von ganzem Herzen bereit und so muss ich meine Familie verlassen, an der ich so hänge. Es ist das erste große Opfer, das ich Jesus bringe, um durch ihn verherrlicht zu werden.«

   Katchen erschauderte: »Dafür wählst du einen so schweren Weg?«

   Mariechen überlegte einen Augenblick: »Der Weg zu Gott kann nicht schwer genug sein. Ich strebe neben der Heiligung ein zweites Ziel an: Ich möchte den armen, kranken und ausgestoßenen Menschen helfen, ihr Los ertragen zu können. Die Eltern wiesen mir den Weg und zeigten mir von Kindheit an, solche Menschen nicht zu vergessen. Es ist vieles nicht in Ordnung in unserer Gesellschaft, Da sind die Reichen, der Adel und das Großbürgertum auf der einen Seite, die alles besitzen und dann die Arbeiter, kleinen Handwerker, Tagelöhner und Bauern, die viele Mäuler zu stopfen und wenig auf dem Tisch haben. Jesus sprach schon die Armen selig, den ihrer gehört das Himmelreich. Durch sie gelangen wir dorthin und das ist mein Weg.«

   »Was meinst du damit, Adel und Großbürgertum«, fragte Katchen verwirrt, »ich verstehe nichts davon.«

   »Die Güter dieser Welt sind ungerecht verteilt«, erwiderte Mariechen, »was glaubst du treibt die armen Leute in die Fänge der Sozialdemokratie? Ein Mann namens Karl Marx, übrigens in Trier geboren, hat dazu viel gesagt und die Mächtigen fürchten ihn wie der Teufel das Weihwasser.«

   »Aber Mariechen«, rief Katchen außer sich, »du versündigst dich gegen die heilige Ordnung, gegen den Kaiser und die heilige Kirche.«

   »Das sicher nicht«, beruhigte die Freundin, »ich möchte mich nur um die Armen kümmern, von Politik verstehe ich auch nicht viel und an der Weltenordnung rüttele ich erst recht nicht. Das steht mir nicht zu.«

   »Dann ist es gut«, seufzte Katchen erleichtert und Arm in Arm spazierten die Freundinnen weiter.

 

 Der Tag der Aufnahmeprüfung war für Anfang Februar festgelegt worden. Eine Reise dorthin, nach Vallendar an den Rhein, stellte für Mariechen eine Besonderheit dar. Mit dem Zug nach Trier und von dort bis Koblenz, das bedeutete stundenlanges Bahnfahren. Die Moselstrecke von Koblenz nach Trier war erst gegen Ende der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts fertiggestellt worden. Trier und das Hinterland, die letzten Zipfel der preußischen Rheinprovinz, wurden von je her von Berlin stiefmütterlich behandelt. Ein Grund lag in der mehrheitlich katholischen Bevölkerung, die er protestantischen preußischen Obrigkeit immer schon verdächtig erschien. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Kulturkampf nur wenige Jahre zurücklag. Man misstraute sich gegenseitig und hatte guten Grund dazu.

  Mariechen wollte die lange Reise nicht alleine unternehmen und so fuhr die ältere Schwester Elise mit. Sie erreichten am frühen Nachmittag ihr Ziel und wurden im Gästehaus des Seminars freundlich empfangen. Man gab ihnen ein schönes Zimmer, denn zwei Übernachtungen waren vorgesehen. Am nächsten Morgen standen die Prüfungen an. Die beiden hatten Zeit und schlenderten später im Garten herum.

   Plötzlich ertönte eine Stimme: »Ist es denn die Möglichkeit, die Schleimerin ist hier. Das gibt es doch nicht.«

Die Mädchen drehten sich um und erblickten – Margit.

   »Du hier«, entfuhr es Mariechen.

   »Was dagegen«, tönte es kriegerisch zurück.

   »Das geht dich einen Dreck an«, ergriff Elise energisch das Wort, »du hast das hier nicht gepachtet. Scher dich zum Teufel oder ich gebe dir eines auf die Ohren, du unverschämtes Luder.« Gleichzeitig trat sie einen guten Schritt nach vorne.  

   Margit erkannte die Situation und nahm reiß aus: »Wir sprechen uns noch«, rief sie von Weitem.«

   »Gerne«, höhnte Elise, »du kennst meine Adresse.«

   »War es klug, sie so zu reizen«, fragte Mariechen leise.

   »Auf einen groben Klotz gehört ein grober Deckel«, erklärte Elise seelenruhig, »außerdem fing sie an.«

   Mariechen nickte: »Das ausgerechnet sie hier ist. Und keiner in Düppenweiler sagte mir das. Pfarrer Pforten und Lehrer Schneider wussten es sicherlich.«

   »Sie wollten dich nicht beunruhigen.«

   »Das wird hier für mich nicht leicht werden.«

   »Vor der musst du keine Angst haben«, erklärte Elise und legte beruhigend ihre Hand auf die Schulter der Schwester, »große Klappe und nichts dahinter. Hau ihr am Anfang auf die Ohren, dann ist sie schnell ruhig.«

   »Aber Elise, was redest du da. Ich bin gegen jede Gewalt und möchte mit allen Menschen in Frieden leben.«

   »Mit der ist das nur möglich, wenn du von vorneherein die Fronten klärst. Es gibt Menschen, die keinen Frieden halten können und zu dieser Spezies zählt sie.«

   »Gerade mit solchen Menschen auszukommen ist ein gottesfürchtiges Werk.«

   »Na ja«, knurrte Elise, »wenn du meinst.«

   Am nächsten Vormittag fanden die schriftlichen Prüfungen statt. Am späten Nachmittag stand das Ergebnis fest und Mariechen bestand mit der Note sehr gut. Die Prüfungskommission lobte die ausgezeichnete Arbeit des Mädchens, was dieses mit Stolz erfüllte.

   »Wir freuen uns auf dein Kommen im April«, gab man ihr mit auf den Weg und die Schwestern traten glücklich die Heimreise an. Zu Hause nahmen alle das Ergebnis mit Stolz und Genugtuung auf, man hatte nichts anderes von Mariechen erwartet. Margit wird mir das Leben in der Marienau schwer machen, dachte diese etwas wehmütig, das ist der Wermutstropfen an der ganzen Sache. Aber ich bin fest entschlossen, mich durchzubeißen. Ich kenne mein Ziel und weiß, in welche Richtung ich gehen muss.

 

   Der Tag des Abschieds rückte immer näher. Es wurde gepackt und gerichtet. Je näher das Ereignis rückte, desto beklommener wurde Mariechen. Sie ließ es sich nicht anmerken und unterdrückte tapfer diese melancholischen Stimmungsanwandlungen. Gewissenhaft absolvierte sie alle Abschiedsbesuche, die man ihr auftrug, beim Pfarrer, Lehrerin Genter und Lehrer Schneider, der ob ihres vorzüglichen Prüfungsergebnisses besonders stolz auf sie war.

   Den letzten Besuch machte Mariechen einen Tag vor der Abreise bei Frau Seiler. Sie saßen in der ärmlichen Küche und die alte Frau legte ihr einige schöne Äpfel in den Korb.

   »Aber nein, Frau Seiler. Die sind so schön. Sie müssen sie essen.«

   »Nein«, lächelte diese, »sie sind für dich. Mit Äpfeln lernten wir uns kennen und diese hier sollen dich an mich erinnern, da in der Fremde. Du bist ein gutes Mädchen mit einem großen Herz für uns arme Leute. Laß dich dort nicht verbiegen. Die feinen und vornehmen Menschen denken nur an sich und weniger an die anderen.«

   »Ich lasse mich nicht verbiegen, Frau Seiler, ganz bestimmt nicht.«

   »Du hast viele gute Gaben Mariechen, aber glaube einer alten Frau. Deine Stärke liegt in deinem Tun und nicht in dem, was du an Gelehrsamkeit aufbringen wirst. Das verborgene Tun, die Hilfe, die du armen und notleidenden Menschen schenkst, werden dich einst zu größerem Ruhm und Verehrung führen. Das kannst du mir glauben.«

   »Ich möchte nur Lehrerin werden, sonst nichts.«

   »Aus dir kann viel werden liebes Kind, wenn du es richtig anstellst und dich nicht beirren lässt. Im Einsatz für andere Menschen liegt deine Größe und es ist durchaus möglich, dass du nicht in Vergessenheit geraten wirst, wie es den meisten Menschen ergeht. Deine Größe wirkt im Verborgenen, im Unscheinbaren, Alltäglichen und die Menschen werden vertrauensvoll zu dir aufschauen.«

   »Ach, Frau Seiler.«

   »Wir wurden Freundinnen, obwohl uns Welten trennen. Du kommst aus einer der angesehensten Familien des Ortes und ich bin die ärmste Frau im Dorf. Was uns zusammenführte, war die Barmherzigkeit.«

   »Am Anfang stand die Plünderung ihres Obstbaumes«, wandte Mariechen ein.

   »Du warst die Einzige, die sich entschuldigte.«

   Das Mädchen lachte: »Um bei der Wahrheit zu bleiben. Mama half da mächtig nach.«

   Die alte Frau lächelte: »Es bleibt dabei, mein Kind. Ich werde deine Freundschaft beim Allmächtigen Schöpfer in die Waagschale werfen, wenn ich tot bin. Und der Herr wird mich erhören, weil du sein bevorzugtes und begnadetes Kind bist.«

   Mariechen stand auf und gab der Frau die Hand: »Alles liegt in Gottes Hand. Vielen Dank für die Äpfel, sie werden ein Zeichen aus der Heimat sein. Den schönen Rosenkranz, den sie mir zur Ersten Heiligen Kommunion schenkten, halte ich in Ehren. Somit vergesse ich sie nie.«

   »Lebe wohl Mariechen und alles Gute auf deinem Weg.«

 

Die Bilder an der Zellenwand erloschen.

JESUS            (rekelt sich etwas auf dem harten Stuhl) Nun? Das waren die Bilder aus der Kindheit und Jugend. Haben sie dir gefallen?

BLANDINE  Sie waren sehr schön und entlockten mir manche Träne.

JESUS            Kommen wir zu der Ausgangsfrage zurück. War es Erziehung oder wurde dir die Bevorzugung des Himmels in die Wiege gelegt?

BLANDINE (nachdenklich)  Sicher war da viel Erziehung, wer könnte das leugnen. Mama, Pfarrer Pforten und Fräulein Genter. Sie lenkten mich in eine bestimmte Richtung.

JESUS  Deine Mutter besaß auf dich großen Einfluss und stellte sehr früh die Weichen. Glaubst du, dass auch ein anderer Weg zu Gott geführt hätte?

BLANDIE  Wie meinst du das?

JESUS  Die Offiziellen der katholischen Kirche behaupten stets, dass nur ihr Weg der Selbstverleugnung zu Gott führt und verweisen gerne auf mich. Aber ich forderte nie, dass die Kleriker und Ordensleute zölibatär leben müssen. Falls du dich erinnerst: Ich lebte mit Maria Magdalena zusammen und wir spielten nicht Murmeln miteinander. Oder man warf mir vor, mit Sündern und Zöllnern zu essen und zu trinken. Ich verlangte von niemand, Opfer zu bringen, um die Liebe Gottes zu erlangen. Die Leidensphilosophie deiner Zeit ist nicht durch mich autorisiert.

BLANDINE (flehendlich) Aber du littest doch für unsere Sünden und starbst am Kreuz, damit wir von der Erbsünde befreit sind.

JESUS (ungehalten)  Wer sagt denn das? Pfaffengeschwätz von kranken Gehirnen, alle miteinander. Kein Mensch wurde und ist so geboren, alle kommen unbelastet auf diese Erde. Es stimmt, ich litt unsagbar am Kreuz, aber der Grund lag darin, dass ich Gerechtigkeit einforderte und mich gegen die Unterdrückung meines Volkes durch die Römer wandte.

BLANDINE  Dann waren alle meine Lebensopfer umsonst und mein Weg sinnlos. 

JESUS  Nein, das sicher nicht. Ich sagte dir bereits, dass jede Zeit ihre eigene Sichtweise hat. Die deine stellte das Leiden in den Mittelpunkt. Leiden läutert die Seele und führ zu Gott oder er prüft die Seinen durch das Leiden. Schwer verständlich das alles. Eigentlich ist das nicht logisch, geradezu irrational. Warum sollte Leiden zu Gott führen? Nur deshalb, weil ich gegen die Römer kämpfte und starb? Dahinter steckt etwas anderes. Der heiligen Kirche passte der kämpferische Bezug meines Leidens nicht, das Aufbegehren gegen die Obrigkeit. Diese Rolle hatte sie sich ja zwischenzeitlich angeeignet. Also nahm man meinem Tod den aufrührerischen Stachel. Aber wir kommen vom Thema ab. Erziehung zur Heiligkeit, gibt es das?  Stand sie bei dir am Anfang, oder auch Gottes Ruf?

BLANDINE  Ich hätte ja auch gegen diese heilige Erziehung resistent sein  und einen anderen Weg wählen können.

JESUS (lächelnd)  Ich sehe mit Freunden, dass du langsam verstehst. Sagen wir es einmal so. Gott hat dich berufen und die anderen halfen kräftig nach. Ein guter Teil deiner dir schon früh zugesprochenen Engelhaftigkeit oder Heiligkeit war anerzogen und später eingeübt. Es sollte dein spezieller Weg zu Gott sein.

BLANDINE  Wie meinst du das?

JESUS  Die heilige katholische Kirche hört das nicht gerne, aber auch eine verheiratete Frau kann heiligmäßig leben. So wäre für dich auch dieser Weg möglich gewesen, den du sehr früh kategorisch ausschlosst. Allerdings ließest du eine klein Hintertüre offen.

BLANDINE Und welche?

JESUS  Du wurdest Lehrerin und hattest die dir anvertrauten Kinder sehr gerne. Etwas Weiblichkeit hast du zugelassen, bei der sonst rigorosen Verleugnung derselben. Deine Mutter arbeitete perfekt. Was sie nicht erreichte, übertrug sie auf dich, was sie verachtete, prägte sie dir ein.

BLANDINE  Du urteilst sehr hart. 

JESUS  Nein, ich stelle nur sachlich fest. Ich betätige mich als Psychologe, die beginnende Ersatzreligion in deiner Zeit. Laß uns hier eine kleine Pause einlegen, bevor wir zum nächsten Bild schreiten. Etwas trockene Luft hier, wie? Hast du nicht zufällig ein Glas Wein zur Erfrischung?

BLANDINE  Leider nicht, Meister.

JESUS  Macht nichts. Ich besorge uns etwas.

Sprachs, erhob sich und hielt die rechte Hand über den Tisch. Und siehe da, eine gute Flasche Moselwein und zwei Gläser standen darauf. Jesus schenkte ein und reichte ein Glas Blandine, die es etwas verlegen annahm. Der Meister prostete ihr zu und nahm einen tüchtigen Schluck des guten Weines.

JESUS  Das tat gut. Fahren wir fort. Es ist da noch eine Auffälligkeit, meine Liebe. Dein Elternhaus wird als christlich und liebevoll beschrieben. Deine Zeit war geprägt durch die sogenannte Schwarze Pädagogik. Man verlangte unbedingten Gehorsam und prügelte es den Kindern erbarmungslos ein. Dein Vater galt als gediegen und kernig, vielleicht eine schöne Umschreibung für hart und streng. In deinem Elternhaus sollen entgegen dem Zeitgeist Liebe und Verständnis vorgeherrscht haben. Entweder lügen die Chronisten und beschönigten nachträglich die Situation, oder…?

BLANDINE  Ich stand als Lehrerin immer auf dem Standpunkt, dass Schläge als pädagogisches Mittel völlig untauglich sind und wandte sie nur selten an.

JESUS  In diesem Punkt warst du deiner Zeit weit voraus. Überlassen wir es der Nachwelt, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Genießen wir den guten Wein und die kleine Pause.

 

 

 

2. Bild: Das Seminar

 

JESUS  Wir wollen dieses Bild auch unter dem Blickwinkel der Erziehung betrachten, aber die Frage der Lebensplanung nicht vergessen.

BLANDINE  Warum ist das so wichtig?

JESUS  Die Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts sehen die Dinge nüchterner als die zu Beginn des zwanzigsten. Sie wollen wissen, wie sich eine Persönlichkeit entwickelte. Religiöse Schwärmereinen sind da nicht gefragt.

BLANDINE  Aber da bin ich doch längst vergessen.

JESUS (lächelnd) Das glaube ich nicht. Das ist das Außergewöhnliche an deiner Geschichte. Deine Zeit war geprägt von religiösen Schwärmereinen und äußerster Brutalität, die sich in diesem Krieg entlud. Ich kann dir heute schon sagen, dass es noch viel Schlimmer kommen wird. Die Menschen des einundzwanzigsten  Jahrhunderts kennen diese Schrecken und suchen ihr Heil in oberflächlichen Vergnügungen. Gott und die Kirchen spielen beim überwiegenden Teil der westlichen Bevölkerung keine Rolle mehr. Aber trotz aller Modernität kommen in diesem Jahrhundert Menschen zu deinem Grab, um zu beten und Hilfe von dir zu erbitten. Warum?

BLANDINE  Ich weiß es nicht. Vielleicht sind sie den Überfluss satt und suchen Halt und Stütze bei mir unscheinbaren Ordensfrau. Wohl kaum anzunehmen? Oder?   

JESUS  Möglich ist alles. Wir stellen da erst einmal zurück. Kommen wir auf Vallendar zurück. Du erhieltest dort eine gute Ausbildung und zugleich formte sich dein Charakter endgültig zu dem, was du später darstellst. Laß uns schauen, wie das vonstattenging.  

   Jesus wies wieder mit der rechten Hand auf die gegenüberliegende Wand, an der sich erneut Bilder aufbauten.

 

Mariechen, nun fast sechszehnjährig, saß Anfang April im Zugabteil zweiter Klasse und fuhr zu ihrem neuen Wirkungskreis. In wenigen Tagen sollte die Ausbildung im Seminar beginnen. Sie war alleine in dem Abteil und saß gemütlich in den Sitzen, während draußen die schöne Mosellandschaft an ihr vorüberzog. Mariechen schaute wehmütig hinaus und geriet ins Träumen. Der Abschied von der Familie fiel ihr nicht leicht. Noch nie in ihrem jungen Leben war sie von der Familie getrennt. Und nun so weit von zu Hause entfernt. Aus dem überschaubaren und vertrauten Kreis des Heimatdorfes war sie bestenfalls zu einer benachbarten Kirche gekommen oder vielleicht nach Trier. Mariechen runzelte die Stirne: Ich war in Lebach und Saarlouis, dort wohnt mein Bruder Franz mit seiner Familie. Aber immer war ich mit meinen Leuten zusammen. Wie traurig gestaltete sich der Abschied am Bahnhof von Beckingen. Man stand wartend herum und suchten in nichtssagenden Gesprächen die Traurigkeit des Augenblicks zu überspielen.

   »Sei brav mein Kind«, sagte Papa schließlich, als der Zug angekündigt wurde, »und mache uns Ehre auch dort im Seminar. Bleibe, wie du bist und lass dich von den Studierten nicht verbiegen.«

   »Was redest du da Johann«, ereiferte sich Katharina, »stell dich nicht wie ein dummer Bauer an. Unser Mariechen kommt in ganz neue Verhältnisse und sie darf lernen, um Lehrerin zu werden. Das ist eine große Ehre für unsere Familie.«

   Der Zug lief im Bahnhof ein, ein Händedruck, ein Abschiedskuss, das Gepäck im Abteil verstaut, leere Handlungen. Mariechen stand am Fenster und winkte, während die Lok anzog. Tränen standen ihr in den Augen und ihr Herz war von unstillbarem Schmerz erfüllt. Das Gefühl der unendlichen Traurigkeit wollte nicht weichen. Jetzt schon überfiel sie ein untröstliches Heimweh. Warum tue ich mir das an, fragte sie sich plötzlich. Muss das wirklich sein? Vielleicht hat Papa recht, er war immer gegen diese Wahl. Mariechen überlegte einen Augenblick: Doch, es muss sein, damit ich den angefangenen Weg fortsetzen kann. Werde ich es schaffen, den hohen Anforderungen gerecht werden? Und dann diese schreckliche Margit, die mir mit Sicherheit das Leben schwer machen wird. Aber ich werde mein Bestes geben und mit Gottes Hilfe gelingt alles.  

   Unter all diesen Gedanken und Stimmungen erreichte sie schließlich Koblenz. Am Bahnhof wartete ein Hausknecht des Seminars mit einem Pferdefuhrwerk. Er lud Mariechens Gepäck auf seinen Wagen, das Mädchen setzte sich neben ihn auf die Bank, und los ging die Fahrt. Viel gesprochen wurde nicht, warum auch.

   Das Lehrerinnenseminar lag in Schönstadt, einem Stadtteil von Vallendar am Rhein. Die Stadt gehörte zum preußischen Regierungsbezirk und Landkreis Koblenz. Noch nicht lange, erst seit 1856, besaß sie die Stadtrechte und zählte jetzt circa viertausenddreihundert Einwohner. Es gab Zigarren, Pfeifen, Terrakotten, Tuch und Schaumweinfabrikationen, dazu Wein, Obst, Tonhandel und Schiffart.

   Das Pensionat und Lehrerinnenseminar Marienau war im alten gräflichen wittgensteinschen Schloss untergebracht. 1887 wurde es von Fräulein Wolter, einer Cousine der beiden ersten Erzäbte von Beuron, gegründet. Sie war zudem eine Freundin der Kaiserin, ansonsten wäre es ihr im protestantischen Preußen schwergefallen, diese Ausbildungsstätte zu errichten und zu leiten. Das Lehrerinnenseminar stellte eine Sonderform der Lehrerausbildung um die Jahrhundertwende dar, als Schulen noch nach Geschlechtern getrennt waren und die Ausbildung für Volksschullehrer nicht an Universitäten, sondern in speziellen Seminaren erfolgte.

   Anna Wolter galt als tatkräftig mit einem Hang zur religiösen Schwärmerei, gepaart allerdings mit einem wachen, scharfen Verstand und einem guten pädagogischen Geschick. Ihre Anstalt verzeichnete einen guten Ruf, hielt doch die Leiterin bei aller religiösen Grundeinstellung und streng orthodoxem Katholizismus auf pädagogische Qualität.

   In einer Jubliäumszeitschrift konnte man im August 1888 Folgendes lesen: Das Haus wurde an Maria Himmelfahrt bezogen und eingeweiht. Trefflich wählte die Vorsteherin, Fräulein Anna Wolter, den Namen des Hauses. Im Schatten der kunstvollen alten Türme des ehemaligen Augustinerklosters Schönstatt, das der Muttergottes geweiht war, gelegen, umgeben von lachenden Auen, war sie eine echte Marienau. Fräulein Wolter erblickte aber auch in Maria die beste Patronin ihres Hauses, weil die Gottesmutter nächst dem Ideal christlicher Erzieher, Jesus Christus, ihr als das vollendete Muster einer katholischen Lehrerin erschien.

 

Nach ihrer Ankunft begab sich Mariechen sofort in das Büro der Vorsteherin. Im Vorzimmer wartete sie einen Augenblick, dann bat Fräulein Wolter die neue Schülerin, hereinzukommen, gab ihr freundlich die Hand und bot ihr einen Platz auf einem kleinen Sofa an.

   »Nun mein Kind, ich freue mich, dass du gut hier bei uns angekommen bist und begrüße dich sehr herzlich in unserer Anstalt. Möge die Zeit segensreich für dich sein und dir zur weiteren geistigen- und menschlichen Entwicklung dienen. Ich hoffe das sehr, denn deine Zeugnisse und das Ergebnis der Aufnahmeprüfung geben Anlass zu großen Hoffnungen. Neuankömmlinge werden bei uns von einer älteren Mitschülerin, Patin genannt, in die Haus- und Seminarordnung eingewiesen.« Fräulein Wolter unterbrach sich und ging zur Türe, um mit einem jungen Mädchen zurück zu kehren. Mariechen erhob sich sofort.

   »Das ist Rosa, sie besucht den Mittelkurs und wird dich in alles einweisen. Und nun Gott befohlen.«

Die Mädchen gaben sich artig die Hand und verließen danach das Büro.

   »Ich zeige dir zuerst, wo du schläfst«, erklärte das Mädchen, das ein nettes Gesicht und eine schlanke Figur besaß, züchtig gekleidet im Stile dieser Epoche und dem, was man von einer zukünftigen katholischen Lehrerin erwartete. »Wir sind ungefähr sechzig Mädchen im Haus und gliedern uns in Unter-, Mittel-, und Obergruppe. Die beiden Ersten schlafen in zwei Schlafsälen, die Obergruppe zu je zweien in einem Zimmer. Der Aufenthalt im Schlafsaal ist nur zum Schlafen erlaubt, ansonsten halten wir uns in den Aufenthalts- und Schulräumen auf, die wir in der unterrichtsfreien Zeit zum Studieren nutzen. Wir sind da.«

   Sie betraten einen großen Raum, in dem ungefähr zwanzig Betten standen. Daneben ein Nachttisch und ein großer Schrank. Rosa zeigte der neuen Schülerin ihr Bett, neben dem bereits ihre Koffer standen.

   »Auspacken kannst du später. Ich zeige dir jetzt die anderen Räume. Wie wirst du gerufen? Ich bin die Rosa.«

   »Zu Hause nennen mich alle Mariechen.«

   »Wie goldig«, lachte das Mädchen, »aber nun komm. Bis zum Mittagessen haben wir noch eine Stunde Zeit. Das reicht, um dir das Wichtigste zu zeigen.«

Mariechen, etwas kleiner und schmächtiger als ihre Begleitung, lief nun schüchtern hinter der Führerin her. Sie besichtigten den großen Speisesaal, die Unterrichtsräume, Musikzimmer, die große Aula, die Aufenthaltszimmer, Waschgelegenheiten, die Turnhalle und die schöne Hauskapelle. Hier fühlte sich Mariechen sofort sehr wohl, kniete vor dem Tabernakel nieder, bekreuzigte sich und sprach ein kleines Gebet. Rosa schaute sie etwas zweifelnd an. Die Neue hatte so etwas, was war es nur? Eine gewisse Vornehmheit gepaart mit Schüchternheit. Dabei stammt sie aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen. Aber da war noch etwas anderes. Aber was?   

   Als sie vor der Kapellentüre standen, rief Rosa plötzlich: »Das ist es«, und schlug sich mit der Hand auf die Stirne.

   »Was«, fragte Mariechen verwirrt.

   »Ach, nichts Wichtiges«, lächelte Rosa, denn sie wollte sich gegenüber der Neuen nicht blamieren. Aber sie wusste nun, woran diese sie erinnerte – an ein Engelchen. Hätte sie Flügel, dachte das Mädchen respektlos, flöge sie weg und nach Hause. Das Heimweh steht ihr im Gesicht geschrieben. Na, da muss sie durch, ist uns allen so gegangen.

   Am Ende des Rundgangs standen sie wieder vor dem ersten Schlafsaal. Eine Glocke läutete. Mariechen schaute ihre Begleiterin fragend an.

   »Es läutet zum Unterrichtsende«, erklärte Rosa, »komm, wir gehen in den Speisesaal. Deine Gruppe belegt eigene Tische und jeder hat mal Tischdienst.«

   Hurtig hasteten die beiden Mädchen in den Speisesaal. Rosa zog Mariechen zu einem Tisch, an dem drei Mädchen etwas unsicher standen. Mariechen gesellte sich nun zu ihnen und nickte schüchtern zur Begrüßung.

   »Bei Tisch wird nicht gesprochen«, erklärte Rosa schnell, »wir essen und lauschen der Tischlesung, entweder aus der Bibel oder einem erbaulichen Buch. Nach dem Essen hole ich euch wieder ab, ich bin für euch vier die Patin.« Und verschwand zu ihrer Gruppe.

   Eine junge Frau trat auf unsere kleine Schar zu: »Ich bin Fräulein Grabert und Präfektin der Untergruppe. Ich heiße euch herzlich willkommen. Wir sprechen uns später.« Sie ging an einen etwas querstehenden länglichen Tisch, an dem nun die Vorsteherin, der Hausgeistliche, das Lehrerkollegium und die drei Präfektinnen Platz nahmen.

   Fräulein Wolter nahm das Wort: »Ich begrüße ganz herzlich unsere neuen Mitschülerinnen des Unterkurses. Wir alle wollen uns bemühen, ihnen den Einstieg in unser Institut so einfach wie möglich zu machen. So, und nun sprechen wir das Tischgebet.«

   Ein junges Mädchen am Nebentisch betete vor und die anderen nahmen ab. Danach begann das Essen, welches von den Tischdiensten aufgetragen wurde. An einem großen Pult am Ende des Raumes begann eine Seminaristin mit der geistlichen Lesung.

   Unsere vier Neuen aßen schweigend und beäugten einander vorsichtig, während sie der Lesung lauschten. Geschwind spulte sich die Mahlzeit ab, einfache Hausmannskost und durchaus genießbar. Plötzlich ertönte eine Tischglocke. Alle standen auf und ein junges Mädchen sprach ein kurzes Dankgebet. Danach löste sich die Versammlung auf und jeder ging seiner Wege. Unsere Neuen standen etwas unsicher herum.

   »Ah, unsere Schleimerin«, tönte es plötzlich und Margit stand neben ihnen. »Hast du doch hierhin gefunden? Aber das sage ich dir gleich, du hast dich unterzuordnen. Hier gibt es keine Vorzugsbehandlungen.«

Mariechen wurde rot im Gesicht, aber bevor sie etwas erwidern konnte, mischte sich ihre blonde Tischnachbarin, ein sehr hübsches, schlankes Mädchen mit einem Engelgesicht, ein.

   »Ist das eine Begrüßung? Bilde dir hier nichts ein, nur weil du etwas länger als wir hier bist. Laß sie in Ruhe, sonst helfe ich dir beim Abgang.«

In diesem Augenblick erschien die Präfektin mit Rosa, sodass Margit schnell das Weite suchte.

   »Ich heiße Angelika«, sagte das resolute Blondchen schnell, »und du?«

   »Mariechen.«

   »Ich bin die Katharina, und ich die Johanna«, schlossen sich die beiden anderen Tischgenossinen an. In diesem Augenblick knüpften die vier Mädchen einen Freundschaftsbund, den die Präfektin mit geschultem Auge erkannte und guthieß.

   »Wir sehen uns später im Wohnzimmer der Untergruppe«, sagte sie freundlich und entschwand.

   »Kennst du die Margit«, fragte Rosa verwundert.

   »Wir stammen aus demselben Dorf, aber Freundinnen sind wir nicht«, erklärte Mariechen trocken.

   »Das sieht man«, lachte Rosa und die anderen stimmen mit ein, »aber tröste dich, meine auch nicht. Sie ist sitzen geblieben und nun leider in meinem Mittelkurs. Ich halte sie mir vom Leib. Und nun kommt, damit wir rechtzeitig im Wohnzimmer sind.«

   »Danke Angelika«, sagte Mariechen schüchtern.

   »Ach was«, wehrte diese ab und legte ihren Arm um Mariechen. »Auf gute Freundschaft uns allen vier. Denen werden wir es schon zeigen.«

Lachend und schwatzend begab man sich zum Wohnzimmer der Untergruppe. In dem mittelgroßen Raum standen Sessel und ein Tisch, mit Zeitungen darauf, nebst Stühlen. An einer Wand befand sich ein Buffet, an der gegenüberliegenden hingen Bilder des Papstes Leo XIII. und Kaiser Wilhelm II. Auf dem Buffet stand eine Statue der Muttergottes von Lourdes nebst Kerzen und Blumen. Ein Klavier zierte den Raum. Unsere vier Freundinnen suchten sich eine schöne Sitzgelegenheit und warteten der Dinge, die kommen sollten. Fräulein Grabert betrat den Raum und musterte die Anwesenden. Plötzliche Stille trat ein, die Mädchen schauten erwartungsvoll zur Präfektin hin.

   »Also«, begann diese, »ich begrüße euch noch einmal sehr herzlich als neue Mitglieder der Untergruppe und hoffe, dass wir gut miteinander auskommen werden. Als Präfektin vertrete ich eure Eltern und bin Ansprechpartnerin für alle Belange hier im Pensionat, wie auch im Seminar. Scheut euch also nicht, zu mir zu kommen, wenn ihr etwas auf dem Herzen habt. Ich erwarte von, dass ihr euch an die Regeln des Hauses haltet. Eine jede von euch erhält nun eine gedruckte Ausgabe der Hausordnung und ich bitte euch, diese gut zu lesen und zu respektieren. Darauf legen wir hier den größten Wert. Rosa erkläre uns nun kurz den Tagesablauf.«

   »Also, Wecken ist um halb sieben. Um sieben Uhr Betrachtung in der Hauskapelle, dienstags und freitags eine heilige Messe, anschließend Frühstück. Der Unterricht beginnt um halb neun und endet um ein Uhr. Danach Mittagsessen und Pause. Um drei können Veranstaltungen sein, ansonsten Studium, unterbrochen von der Kaffeepause um fünf Uhr. Um halb sieben Abendessen, danach eine halbstündige Betrachtung oder Andacht in der Hauskapelle. Anschließend Rekreation, ab neun Uhr Fertigmachen zum Schlafen und spätestens um zehn  ist Nachruhe in den Schlafsälen. Sonntags ist die heilige Messe um zehn Uhr.«

   »Danke Rosa«, nahm Fräulein Grabert das Wort, »morgen beginnt für euch der Unterricht. Heute könnt ihr euere Sachen einräumen und euch hier im Haus etwas umsehen. Dann noch etwas: Ich schätze Offenheit und Ehrlichkeit und mag kein Gerede. Wenn etwas nicht so ist, wie ihr denkt, nur frei heraus. Kommt damit zu mir. Haben wir uns verstanden?«

   »Ja, Fräulein Grabert«, tönte es von allen Seiten.

Die junge Frau sah zufrieden in die Runde: Scheinen in Ordnung zu sein, die Mädchen, so auf den ersten Blick. Mal sehen, wie sie sich entwickeln.«

   »Zur Feier des Tages gibt es nun heiße Schokolade und Kuchen«, verkündete sie jetzt lächelnd, »Rosa, sage bitte in der Küche Bescheid, dass sie die Sachen heraufbringen.«

Diese lief los und kehrte ein wenig später mit einer Küchenhilfe zurück, die einen großen Essenswagen schob, auf dem allerlei Köstlichkeiten einladend standen. Schnell war alles verteilt und die Gesellschaft ließ es sich gut schmecken. Die Atmosphäre lockerte sich spürbar und war ganz im Sinne der Pädagogin. Strenge Schulzucht ja, aber bitte mit einem Häubchen Sahne.

 

   Eine gute Stunde später löste sich die Versammlung auf und alle zerstreuten sich. Unsere vier neuen Freundinnen strebten mit Genehmigung der Präfektin dem Schlafsaal an, um ihre Sachen auszupacken und einzuräumen. Es stellte sich heraus, dass sie ihre Betten in unmittelbarer Nähe zueinander hatten, Angelika sogar neben Mariechen. Das freute beide und sie unterhielten sich lebhaft, während sie ihre Sachen verstauten. Lebhaft betraf allerdings mehr Angelika, während Mariechen still zuhörte und ab und zu etwas einwarf. Sie erzählten von ihrem bisherigen Leben.

   »Du bist noch sehr jung, Mariechen«, sagte Angelika plötzlich.

   »Im Juli werde ich sechzehn.«

   »Ich bin neunzehn«, erwiderte Angelika lebhaft, »habe mein Abitur in Berlin gemacht.«

   »Und dann verirrst du dich in die Provinz«, wunderte sich Johanna, die ihr Bett links von Mariechen hatte.

   »Meine Eltern wollten das so«, gab Angelika freimütig zu, »Fräulein Wolter ist als Freundin der Kaiserin auch in unseren Kreisen bekannt. Ich möchte Lehrerin werden, später vielleicht für das höhere Lehramt.« Sie lächelte, »wenn ich es schaffe, versteht sich. Die Anforderungen sollen ziemlich hoch sein, denn Fräulein Wolter legt bei aller religiösen Ausrichtung großen Wert auf Qualität.«

   »Wie ist eigentlich dein Nachname, Angelika«, Mariechen kam ein Verdacht.

   »von Bülow«, antwortete diese etwas unbestimmt.

   »Sonst nichts weiter«, forschte Mariechen lächelnd.

   »Du bist mir eine«, lachte Angelika, »es stimmt, da kommt noch was. Also, genau gesprochen: Gräfin von Bülow. Aber auf diesen Zusatz lege ich keinen Wert.«

   »Eine Adlige bist du«, sagte Mariechen versonnen, »dann trennen uns Welten. Ich stamme aus einer Bauernfamilie.«

   »Ach was«, lachte die Blonde, »ich kenne keinen Standesdünkel. Du machst auf mich einen feinen und vornehmen Eindruck. Du hattest eine gute Erziehung. Stimmts?«

   »Du bist ja eine Revoluzzerin«, grinste Johanna, »eine verkappte Sozialdemokratin. Laß das nicht Fräulein Wolter hören, sie ist eine Freundin der Kaiserin und legt viel Wert auf Etikette.«

   »Vor Gott sind alle Menschen gleich«, warf Mariechen zaghaft ein, »wir Menschen bauen die gesellschaftlichen Schranken auf.«

   »Noch eine Revolutionärin«, stöhnte Johanna auf und alle lachten.

   »Lassen wir das Thema«, beendete Angelika die Diskussion, »los, wir schauen uns noch etwas das Haus und die Umgebung an. Ist doch jetzt die beste Gelegenheit dazu.«

   »Du sprichst gar kein Berliner Dialekt«, stellte Mariechen sachlich fest.

   »Und du kein Bauernplatt«, konterte Angelika schlagfertig.

   »Wir sprechen zu Hause hochdeutsch, Mama will das so. Wenn es allerdings nach Papa ginge…«, Mariechen schmunzelte bei diesem Gedanken.

   »Siehst du, wir sind doch ebenbürtig«, erklärte Angelika gönnerhaft, »und nun los, lasst uns die neue Heimat erkunden.»

   Zu sechst zogen sie los, denn zwei weitere Mädchen schlossen sich ihnen an. Sie verbrachten den Nachmittag mit Herumstöbern und lernten sich gleichzeitig besser kennen. Später folgte das Abendbrot und die Andacht, danach gemütliches Beisammensein im Wohnzimmer.

   Gegen acht Uhr verschwand Mariechen leise und suchte die Hauskapelle auf. Der große Raum lag im halbdunkel, das Ewige Licht am Altar und einige Kerzen bei den Statuen der Mutter Gottes und des heiligen Antonius von Padua brannten. Mariechen kniete sich an die Kommunionbank und begann zu beten, die Augen starr auf den Tabernakel gerichtet. So bemerkte sie nicht, dass einige Zeit später eine weitere Person die Kapelle betrat, Fräulein Wolter, die abends ihren Rundgang absolvierte, um nach dem Rechten zu schauen. Sie fand zu ihrem großen Erstaunen unser Mariechen hier vor. Die Haltung des Mädchens imponierte ihr und sie schaute lange dorthin, als betrachte sie ein Bild. Das war es auch, ein heiliges, anrührendes dazu, dieses im Gebet versunkene junge Mädchen. Das hatte sie bisher unter ihren Schülerinnen noch nicht erlebt, diese Versunkenheit und Sammlung: Diese Neue da, die hat so etwas, fiel mir sofort auf. Aber vielleicht ist alles nur Fassade? Ich behalte sie in der nächsten Zeit im Auge. Stören werde ich sie jetzt nicht. Und leise verließ die Leiterin der Anstalt den Raum. Zehn Minuten später folgte ihr Mariechen, die den stillen Gast nicht bemerkt hatte. Pünktlich um zehn Uhr lag sie im Bett. Lange konnte sie nicht einschlafen, die neuen Eindrücke des Tages beschäftigten sie. Dann dachte sie an zu Hause und brennendes Heimweh stieg in ihr auf. Es dauerte eine ganze Weile, bis die in einen unruhigen Schlaf fiel.

 

Das Kreischen einer elektrischen Klingel ertönte durch das ganze Haus. Mariechen erwachte aus einem unruhigen Schlummer. Wo war sie? Sie setzte sich im Bett auf. Ach ja, im Seminar. Schnell stand sie auf, kniete vor dem Bett nieder und sprach ein Gebet. Angelika, ihre Bettnachbarin, schaute mit verschlafenen Augen zu.

   »Los, beeilt euch«, ertönte die Stimme der Schlafsaalältesten, die darauf zu achten hatte, dass alle aufstanden und pünktlich zu den Veranstaltungen kamen. Man wählte sie gestern Abend im Wohnzimmer der Untergruppe, ebenso die Tischdienste. Mariechen und Angelika meldeten sich für das Frühstück.

   »Also los«, rief diese nun, »komm Mariechen, wir müssen uns beeilen.«

Die Angerufene beendete ihr Gebet und spurtete hinter der Freundin in den Waschsaal. Dort herrschte im Moment ein großes Gedränge.

   »Ich stehe morgen früh eine halbe Stunde früher auf«, bemerkte Mariechen.

   »Was, noch früher«, knurrte Angelika, »wo ist die Zofe?«

   »Ha, ha«, lachte Johanna anzüglich.

Sie beeilten sich mit der Toilette, zogen ihre züchtigen Kleider an. Angelikas blonde Lockenpracht verschwand hinter einem großen Knoten. Es ist eine Schande, dachte diese respektlos.

   Pünktlich um sieben Uhr waren alle in der Hauskapelle, der Gottesdienst begann, zum Schuljahrbeginn besonders festlich. Das erfreute Mariechen sehr. Nach dem Frühstück noch schnell die Schulmappe geholt und das ganze Seminar fand sich in der großen Aula ein.

   Fräulein Wolter hielt eine kleine Ansprach und begrüßte offiziell die neuen Schülerinnen als Mitglieder des Instituts. Gleichzeitig stellte sie das Lehrerkollegium vor. Hernach rief sie jede mit Namen auf, die Aufgerufene stand kurz auf und machte eine kleine Verbeugung. Ein Lied beendete die schlichte Feier.

   Die Mädchen verschwanden in den Klassenräumen und der Alltag begann. In Mariechens Klasse übernahm die Klassenlehrerin die ersten Stunden, das übliche Kennenlernen und Vorstellen begann aufs Neue. Die Lehrerin schien nicht übel zu sein, sie erklärte den Mädchen bestimmte Abläufe und Besonderheit, sodass die Stunde wie im Flug verging.

   Die nächste Doppelstunde schloss sich an, dieses Mal gemeinsam mit dem Mittelkurs. Dafür begab man sich in einen größeren Raum. Kurz darauf erschien der Lehrer, Professor Dr. Honorius Linsenbart. Die ersten Eindrücke und Augenblicke sind oft entscheidend und beim Anblick des Lehrers fingen einige Mädchen an zu kichern.

   »Was soll das alberne Getue, mäh«, tadelte der Professor streng und stieg aufs Podest, um sich vor sein Pult zu stellen, »ich erwarte volle Konzentration und Aufmerksamkeit, mäh.«

   Einige Mädchen konnten nur noch sehr mühsam das Lachen unterdrücken. Was gab den Anlass zur Heiterkeit? Professor Linsenbart sah aus, als ob er aus den fliegenden Blättern entlaufen wäre. Um die fünfzig, mittelgroß und spindeldürr, angetan mit einer schwarzen Hose, einem ebensolchen langen Bratenrock, eine graue Weste darunter, die große Krawatte geschlungen und den hohen Stehkragen. Das Gesicht zierte ein Spitzbärtchen, schütteres Haar und strahlte Ernst und Strenge aus. Er sprach leicht meckernd wie eine Ziege und viele mähs zierten seine Rede. Er verlangte von seinen Schülerinnen absolute Aufmerksamkeit, wobei der Ernst des Unterrichts mehr auf der Seite des Professors lag. Er unterrichtete Geschichte und Erdkunde und der Unterhaltungswert seiner Vorlesungen war nicht zu überschätzen. Aber er konnte sehr unangenehm werden, wenn er sich geringschätzig oder der Lächerlichkeit preisgegeben sah.

   »Mäh, mäh«, tönte es plötzlich von irgendwo.

   »Wer war das, mäh?«

Eisige Stille umhüllte den Raum, wie das bei solchen rhetorischen Fragen üblich ist.

   »So viele Freiwillige«, grinste der Professor, »schön, dann gebe ich euch allen eine wunderbare schriftliche Aufgabe für die nächste Stunde auf.« Und diktierte ihnen ein saftiges Thema. Danach fuhr er im Unterricht fort, der nicht sehr mitreißend, eher trocken und spröde aufgebaut war. Die Schulglocke beendete diese bemerkenswerte Stunde. Nachdem Linsenbart die Klassen verlassen hatte, herrschte fragendes Schweigen.

   »War das wirklich notwendig?« fragte Angelika wütend in die Stille.

   »Was geht das dich an«, konterte Margit.

   »Eine ganze Menge, du blödes Stück«, kochte Angelika, »wegen dir haben wir schon am ersten Tag eine Strafarbeit. Ich habe nicht üble Lust, dir deine dämliche Visage zurecht zu biegen.«

   Margit wollte etwas erwidern, wurde aber von einem Mädchen der Mittelgruppe zur Seite gedrängt: »Die Blonde hat Recht. Wir kennen Honorius sehr genau. Er kann sehr unangenehm werden und versteht keinen Spaß. Halte dich in Zukunft zurück, Margit, denn ich habe keine Lust, wegen dir Strafarbeiten anzufertigen, auch wenn mir Linsenbart nicht passt. Denk daran, er sitzt am längeren Hebel.«

   »Das finde ich auch«, ergänzte Mariechen, »es war nicht sehr schön, ihn in der ersten Stunde zu provozieren.«

   »Natürlich unsere Schleimerin«, höhnte Margit.

   »Halte den Mund«, rief Angelika. Weiter kam sie nicht, denn die nächste Lehrerin betrat den Raum. Nach deren Stunde trennten sich die Gruppen wieder und der weitere Unterricht fand in den jeweiligen Klassenräumen statt.

 

So verging der Vormittag und alle freuten sich, als das Mittagessen auf dem Tisch stand. Nach der Mittagspause suchten sie erneut die Klassenräume auf, um die Hausaufgaben zu erledigen und zu studieren. Zuvor aber schlüpfte Mariechen in die Hauskapelle, um vor dem Tabernakel still zu beten. Angelika wunderte sich über dieses Verhalten, sagte aber nichts.

   Als Mariechen die Kapelle verließ, stand plötzlich Margit neben ihr. Sie schien auf sie gewartet zu haben.

   »Na Schleimerin«, grinste sie boshaft, »spielst schon wieder die Heilige. Wie früher in Düppenweiler. Nur dass dir hier keiner zuschaut oder dich bewundert.«

   »Warum bist du so boshaft zu mir«, fragte Mariechen mit ruhiger Stimme, »ich habe dir nichts getan. Jeder muss seinen Weg gehen, also lass mich in Ruhe. Ich benötige kein Publikum für meine Frömmigkeit.«

   »Den Teufel werde ich«, schimpfte Margit, »willst allen die Schau stehlen. Ich habe dich schon lange durchschaut. Hier werde ich dir die Tour vermasseln, das kannst du glauben.«

Mariechen wollte weggehen, aber die andere versperrte den Weg. Margit war ein schlankes, gut gebautes und sehr hübsches Mädchen und einen Kopf größer als ihre Widersacherin.

   »Wollen wir uns vor der Hauskapelle prügeln«, sagte Mariechen ruhig, »das ist wohl nicht der richtige Ort. Ich kann dir im Schlafsaal die Visage zurecht biegen, wenn du unbedingt willst. «

   »Bravo«, tönte eine Stimme. In ihren hitzigen Diskussionen bemerkten sie nicht die Anwesenheit der Leiterin. »Noch einmal bravo. Ist das eine Art, Unstimmigkeiten zu erledigen?

   »Nein Fräulein Wolter«, erklärte Mariechen schuldbewusst

   »Was ist mit euch beiden? Kommen aus demselben Dorf und verstehen sich nicht.«

   »Sie spielt die Heilige«, schimpfte Margit, »ihre Frömmigkeit ist Fassade, sie möchte sich nun wichtig machen.«

   »Das stimmt nicht«, verteidigte sich Mariechen, »ich versuche, nach den Gesetzen Gottes zu leben. Ich möchte niemandem gefallen. Ich suche meinen Weg in der Nachfolge Christi.«

   »Hm, hm«, Fräulein Wolter sah die beiden nachdenklich an.

   »Dass ich nicht lache«, höhnte Margit, »ich bin auch religiös und achte die Gebote unseres Herren. Aber ich mache keinen solchen Wind darum. In meinem Heimatdorf halten viele sie für einen Engel und religiöse Schwärmer umgeben sie mit dem Geruch der Heiligkeit. Das ist Blasphemie.«

   »Immer mit der Ruhe Margit«, lächelte die Leiterin, »wir wollen das hier nicht ausdiskutieren. Eure Zwistigkeiten stören den Frieden und die Atmosphäre des Instituts. Das kann ich nicht dulden. Gebt euch jetzt die Hand und haltet in Zukunft Frieden. Das erwarte ich von euch. Verstanden.«

Die Mädchen nickten und gaben sich mehr oder weniger zerknirscht die Hand.

   »Ihr könnt gehen«, beendete Fräulein Wolter die Szene und die beiden entfernten sich rasch. Die Leiterin sah ihnen gedankenvoll nach: Was ist das für eine Sache? Schon wieder dieses Mädchen. Heilige pflegen im Himmel zu wohnen und nicht auf der Erde. In diesem Alter sind Mädchen schwierig und alles andere als heilig. Ich tendiere ein klein wenig dazu, Margit recht zu geben, andererseits hat dieses Mariechen etwas Engelhaftes an sich. In ihrem Charakter, das spüre ich, liegt etwas besonderes. Man muss sie weiter beobachten, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

   Mariechen kehrte schnell in ihr Klassenzimmer zurück und begann mit den Hausaufgaben.

   »Wo warst du«, fragte Angelika leise.

   »In der Hauskapelle.«

   »Schon wieder.«

   »Ruhe«, ertönte die Stimme der Kursältesten, »während des Studiums herrscht Schweigen.«

   »Angeberin«, knurrte Angelika.

   Mariechen erledigte die Hausaufgaben und die Strafarbeit mit der gleichen Sorgfalt, wie seinerzeit zu Hause. Um fünf Uhr ging sie mit den anderen zum Kaffee, danach schlüpfte sie für eine viertel Stunde in die Hauskapelle zum Gebet und studierte bis zum Abendessen weiter.  Jetzt saß sie fast alleine im Klassenzimmer, denn die anderen vergnügten sich nach dem Kaffee mit in ihren Augen interessanteren Dingen. Nach dem Abendessen folgte die Andacht in der Hauskapelle, an der sich Mariechen herzlich erfreute. Später traf man sich im Wohnzimmer, um zu lesen, zu reden oder zu musizieren.

   Mariechen nahm ein Buch mit, setzte sich in einen der gemütlichen Sessel und begann zu lesen. Die Welt um sie herum versank.

   Angelika spielte etwas auf dem Klavier, hielt plötzlich inne und meinte: »Mariechen, spielst du auch ein Instrument?«

   Diese schreckte auf: »Was? Ach so, ja, etwas Geige. Und viele behaupten, dass ich eine schöne Singstimme habe.«

   »Hm, dann sing uns doch mal etwas vor. Wie wäre es mit Am Brunnen vor dem Tore. Kennst du es?«

   »Natürlich«, lachte Mariechen, »wer kennt dieses schöne Lied nicht.«

   »Na, dann los«, erwiderte Angelika und stimmte die ersten Töne auf dem Klavier an. Mariechen nahm mit ihrer schönen Stimme ab und sang das sehr bekannte Lied. Die beiden waren so eifrig bei der Sache, dass sie den Eintritt der Leiterin und der Präfektin nicht bemerkten. Diese gaben den andren ein Zeichen, sitzen zu bleiben, und setzen sich auf freie Plätze, um zuzuhören. Nach Beendigung der Darbietung applaudierten sie. Angelika und Mariechen schreckten auf, aber Fräulein Wolter machte begütigende Zeichen der Zustimmung:

   »Das war sehr schön, wirklich, ihr beiden. Kennt ihr das Lied Salve regina

Die Musikerinnen nickten.

   »Schön, dann lasst es mal hören.«

Angelika stimmte auf dem Klavier die ersten Takte an, die von Mariechen übernommen wurden, und präsentierten dieses sehr schöne und stimmungsvolle Marienlied. Als sie endigten, erscholl lebhafter Beifall.

   »Sehr schön, wunderbar und wie ergreifend interpretiert«, rief Fräulein Wolter begeistert und zur Präfektin gewandt: »Da haben wir ja großes Glück, nicht war Fräulein Grabert. « Diese nickte.

   »Angelika, du spielst in Zukunft die Orgel, uns fehlt nämlich ein Organist und du Mariechen, stimmst die Lieder an. Ich habe da so meine Ideen zur festlichen Gestaltung des Gottesdienstes. Wir sprechen in den nächsten Tagen darüber. Schön, wirklich allerliebst«, schwärmte die Leiterin und gab beiden Künstlerinnen die Hand. Kurz darauf verließen die Frauen den Raum.

   Angelika fand als Erste ihre Sprache wieder: »Na, da haben wir was schönes angerichtet.« Und sah lächelnd zu den anderen hin. Diese lachten zustimmend.

   »Ist doch was Schönes«, grinste Johanna, »los Angelika, spiel einen flotten Walzer. Zur Feier des Tages tanzen wir. Auf geht’s Mädels, nur keine falsche Bescheidenheit.«

Angelika lachte laut auf und griff beherzt in die Tasten. Sie spielte mit viel Temperament einen Walzer von Johann Strauss. Alle tanzten mehr oder weniger gut dazu, auch Mariechen, die von Johanna geschnappt wurde. Es herrschte ein toller Lärm, die Musik und das Lachen der Mädchen, dass keine den erneuten Eintritt der Präfektin bemerkte. Diese schaute eine Weile schmunzelnd dem fröhlichen Treiben zu. Endlich ging sie zum Klavier und meinte:

   »Ich glaube, jetzt ist es genug.«

Angelika hörte erschrocken mit dem Spielen auf, die Tänzerinnen erstarrten. Fräulein Grabert legte begütigend die Hand auf ihre Schulter.

   »Ich gönne euch den Spaß, aber der Lärm könnte die anderen stören. Wirklich gut gespielt Angelika, aber wir wollen nicht übertreiben. Woher kannst du so gut spielen?«

   »Ich hatte sehr früh Klavierunterricht, Fräulein Grabert.«

   Diese nickte: »Ich denke, wir machen langsam Feierabend. Morgen ist früh Tag. Bitte räumt hier auf und dann in die Betten. Gute Nacht miteinander.«

   »Gute Nacht Fräulein Grabert«, tönte es vielstimmig zurück.

   Schnell war die Ordnung wiederhergestellt und man begab sich zu den Schlafräumen. Mariechen schlüpfte noch schnell zur Hauskapelle, um einige Minuten still vor dem Tabernakel zu beten. Danach erreichte sie rechtzeitig den Schlafsaal und lag einige Zeit später in ihrem Bett. Aber sie konnte wieder lange nicht einschlafen. Die Bilder des Tages beschäftigen sie und der graue Zwerg Heimweh setzte sich an ihr Bett und schnürte ihr die Kehle zu. Tausendfach sah sie die Bilder der Heimat in sich aufsteigen, schön und klar, sodass Tränen über die Wangen liefen. Wie gerne wäre sie jetzt dort, bei Mama, Papa und den Geschwistern. Nach einiger Zeit fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Erst als der Morgen graute, verließ Zwerg Heimweh das Bett, um sich pünktlich am Abend wieder einzufinden.

 

Einige Wochen waren ins Land gegangen und Alltag stellte sich ein. Das Leben im Seminar und Pensionat ging seinen geregelten Gang. Man kannte sich nun schon besser und das Leben floss in einer gewissen Gleichförmigkeit dahin.

   Die Schule bereitete unserem Mariechen keine Schwierigkeiten, sie arbeitete fleißig und konzentriert, sodass sie gute Noten erzielte. Man war zufrieden mit ihr, zumal sie aufgrund ihres zurückhaltenden und stillen Wesens keine Schwierigkeiten bereitete. Sie versuchte, ihren spirituellen Weg zu finden und erfüllte die religiösen Übungen mit sehr großen Interesse und Engagement. Pünktlich bei jeder Veranstaltung, ob Messe, Andacht oder Betrachtung, wurde die Hauskapelle ihr Lieblingsort, um im Gebet Gott zu finden. Da Mariechen ansonsten keine Spielverderberin war, sahen ihre Mitschülerinnen über ihre strenge religiöse Ausrichtung wohlwollend hinweg.

   Eines Tages gegen Ende Mai sagte Angelika nach dem Unterricht zu Mariechen: »Was ist mit dir? Du magerst total ab.«

Diese schaute sie mit großen Augen an. Inzwischen leerte sich das Klassenzimmer und sie waren alleine. Angelika setzte sich in eine Bank und zog die Freundin neben sich.

   »Ich weiß, warum du so leidest. Du hast starkes Heimweh. Das schnürt dir die Kehle zu. Mir kannst du es ruhig sagen. Ich sehe genau, was mit dir los ist.«

   »Ach, es ist nichts«, hauchte Mariechen, »mach dir um mich keine Sorgen. Ich opfere das alles dem lieben Jesus auf und leide täglich für ihn.«

   »Dann sollte der liebe Jesus aufpassen, dass du nicht verhungerst. Wenn du so weiter machst, bist du schneller bei ihm, als dir lieb ist. Askese schön und gut, aber du gehst zu weit. Höre auf deine gute Freundin und besinne dich.«

   Mariechen lächelte: Ich passe schon auf und danke schön für deine Sorge.«

Angelika lächelte ebenfalls und legte den Arm um sie. Zusammen verließen sie den Raum. Angelika schien den Beteuerungen der Freundin nicht recht zu trauen. Sie war ein aufgewecktes Mädchen mit einem klaren Verstand, keck und mit Mutterwitz gesegnet. So schnell ließ sie sich weder einschüchtern nach abweisen.

   Am Nachmittag suchte sie eine Gelegenheit, mit Fräulein Wolter zu sprechen.

   »Was gibt es Angelika«, fragte diese freundlich, denn sie schätzte das Mädchen sehr.

   »Es ist wegen Maria Merten. Ich weiß nicht, ob sie es schon bemerkten, aber sie magert total ab. Sie isst nur sehr wenig, weil sie Heimweh hat. Abends liegt sie im Bett und weint. Sie hat große Sehnsucht nach ihrer Familie und zudem kommt sie mit dem hier manchmal rauen Ton nicht zurecht, denn sie ist sehr empfindsam.«

   Fräulein Wolter sah die Schülerin mit großen Augen an: »Was redest du da? Angelika! Abgemagert, ein Mädchen meines Hauses? Und keiner bemerkt es.«

   »Mariechen gehört zu den Stillen im Lande«, erklärte Angelika begütigend, »sie hält sich sehr zurück, um nicht aufzufallen. Sie ist empfindsam und stolz, die Eingewöhnung fällt ihr sehr schwer. Zudem verstehen einige ihr Verhalten nicht.«

   »Wie meinst du das, Angelika?«

   »Mariechen ist sehr fromm, sehr eifrig in allen religiösen Dingen und dem Streben nach Vollkommenheit. Das kommt nicht bei jedem hier gut an.«

   »Hm, hm«, murmelte die Leiterin nachdenklich, »es stimmt, was du da sagst mein Kind. Maria ist vorbildlich im religiösen Streben und ich nehme ihre schöne Stimme und ihren Eifer gerne für unsere Zwecke in Anspruch. Aber manchmal überfallen mich Zweifel…, nun ja, wie dem auch sei, es ist gut Angelika, dass du mich darauf aufmerksam machtest. Hier muss sofort gehandelt werden. Unser Hausarzt, Sanitätsrat Lindemann, wird sie gründlich untersuchen.

   Einige Tage später erfolgte die Untersuchung, deren Ergebnis lautete, dass bei Mariechen ein Magengeschwür vorlag. Der Arzt verordnete eine strenge Diät, die von ihr gewissenhaft eingehalten wurde. Die Anordnungen kamen ihr recht, begünstigten sie doch ihr Streben nach Vollkommenheit und Abtötung der menschlichen Natur. Angelika empfand diese Entwicklung mit Unbehagen, sah sie doch klarer die Ursachen des Übels. Aber ihr waren Grenzen gesetzt und so gab sie auf, in dieser Sache weiter tätig zu sein.

   »Man kann einen Menschen nicht zu seinem Glück zwingen«, sagte sie eines Tages zu Johanna, «wenn Mariechen sich selbst zerstören möchte, auch wenn die Absichten lauter sind, sollte man sie nicht daran hindern. Sie ist alt genug, um zu wissen, was sie tut.« Die Freundin nickte zustimmend.

 

Das Jahr schritt weiter fort, die Sommerferien lagen hinter den Seminaristinnen. In dieser Ferienzeit erholte sich Mariechen sichtlich und sah kräftiger und gesünder aus. Das Heimweh trat in den Hintergrund und sie fand sich im Lehrbetrieb und Pensionat nun besser zurecht.

   Der Schulalltag brachte Höhen und Tiefen, Licht und Schatten. Eines der Letzteren war Professor Linsenbart. Die Zusammenarbeit mit ihm gestaltete sich für die Mädchen nach wie vor problematisch. Sein altmodischer, trockener Gelehrtenstil passte den meisten nicht. Mit der Zeit avancierte er zum unbeliebtesten Lehrer der Klasse. So fiel es Margit nicht schwer, weiter gegen ihn zu hetzen.

   Eines Morgens, vor dem Unterricht, sagte sie laut und vernehmlich: »Mädels, hört mal her. Heute wollen wir Honorius ärgern, dass er platzt. Alle ohne Ausnahme müssen mitmachen.«

   »Was hast du vor, Margit«, tönte es von allen Seiten.

   Diese lächelte verschmitzt: »Ich habe da eine Idee. Wir werden einen Spruch an die Tafel schreiben, über den er sich schwarz ärgern wird.«

   »Was soll das bringen«, fragte Angelika trocken.

   »Wir werden unseren Spaß mit ihm haben«, grinste Margit unverschämt.

   »Ich finde es nicht in Ordnung, Herrn Professor Linsenbart so zu ärgern«, wandte Mariechen leise ein, »es gehört sich nicht und ist obendrein respektlos.«

   »Natürlich, unsere Tugendwächterin«, höhnte Margit, »hat Angst vor diesem alten Fossil. Keiner außer dir kann ihn leiden. Du willst dich ja nur wieder ins rechte Licht rücken. Bei der Sache müssen alle mitmachen und keine darf petzen.«

   »Ich schließe mich nicht aus«, verteidigte sich Mariechen, »und eine Petze bin ich schon gar nicht. Aber ich halte die Sache nicht für in Ordnung. Der Professor ist ein älterer Mann, etwas verschroben sicher, und er kommt mit dem Heute nicht mehr so zurecht. Dafür müssen wir ihn aber nicht so reizen und lächerlich machen. Das ist unmoralisch und menschlich verwerflich. Und dann Margit, denke an die Äpfel von Frau Seiler. Ich werde mich nie wieder von dir zu einer Dummheit verführen lassen, das kannst du dir hinter die Ohren schreiben.«

Angelika sah die Freundin mit bewunderten Blicken an: Unser Mariechen, sieh einmal an. Sie wird flügge.

   »Papperlapapp«, spottete hingegen Margit, die inzwischen fast alle in der Klasse überzeugen konnte. Sie ging an die große Tafel und schrieb mit verdrehter Handschrift: In allen Untugenden der Schüler hat der Lehrer den Grund in sich selbst zu suchen.

   »Oh, was für ein philosophischer Satz und welche große Lebensweisheit«, höhnte Angelika und die anderen lachten. Die Schulglocke beendete den Spaß. Alle setzten sich erwartungsvoll auf ihre Plätze und unterdrücktes Kichern erfüllte den Raum. Nach einiger Zeit erschien der Lehrer. Er bemerkte die Unruhe und schloss die Türe. Dann erblickte er die Schrift an der Tafel, trat vor sie hin und studierte sie ausgiebig. Die Mädchen platzten vor Ungeduld und konnten den Beginn des Spektakels kaum erwarten.

   Linsenbart drehte sich langsam um und schaute nachdenklich in den Klassenraum.

   »Wer war das, mäh«, fragte er schließlich grinsend, »von wem stammt diese großartige pädagogische Lebensweisheit, mäh?«

Stille überzog den Raum. Verwunderung bei den Mädchen, diese Reaktion hatten sie nicht erwartet.

   »Mäh, noch einmal, wer war das«, fragte Linsenbart mit ruhiger Stimme.

Schweigen.

   »Ihr jungen Dinger haltet euch wohl für besonders schlau«, spottete der Professor, »denkt, euch gehöre die Welt und lacht über mich als vertrotteltes Fossil, mäh. Nur gut. Maria Merten, wer war das?«

   Die Angesprochene stand mit hochrotem Gesicht auf: »Ich weiß es nicht, Herr Professor.«

   Linsenbart sah sie eine Weile an: Mäh, setzen. Wenn keine von euch den Mut hat, sich zu melden, werde ich Fräulein Wolter informieren.« Sprachs, und verließ den Klassenraum, eine verstörte Klasse zurücklassend. Einige Minuten später kehrte er mit der Leiterin zurück. Diese besah den Schaden und grinste innerlich: Diese Mädchenbande – der arme Linsenbart.

   »Wer war das?« knurrte sie einige Augenblicke später.

Großes Schweigen erfüllte nach wie vor den Raum.

   Fräulein Wolter grinste: »So viele Freiwillige? Nun gut, da ihr alle stumm geworden seid, werde ich euren Geist, der solch erbauliches hervorbrachte, weitere Nahrung zu teil werden lassen. Zur Strafe schreibt ihr acht Tage lang jeden Tag einen Aufsatz.«

Jammervolles Aufstöhnen.

   »Keine Widerrede. Das, was ihr da treibt, ist Meuterei. Ich werde die Ordnung wieder herstellen und euch Respekt und Gehorsam gegenüber dem Lehrkörper lehren. Was ist das? Ihr wollt Lehrerinnen werden und benehmt euch wie kleine Kinder. Das Thema des Aufsatzes gebe ich Euch jeweils in der letzten Stunde bekannt.«

Damit drehte sich Fräulein Wolter um und verließ die Klasse, die wie eine geschlagene Armee wirkte.

   »Ja, ja, liebe Kinder«, höhnte Linsenbart, »wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, mäh. Ich finde es nur bedauerlich, dass auch charakterlich untadelige Schülerinnen bei diesem Unsinn mitmachen.» Dabei bedachte er Mariechen mit einem strengen Blick. Diese errötete und erschauderte in ihrem Innersten. Auch die schönste Stunde hat mal ihr Ende. Die Schulglocke läutete und Linsenbart verließ fröhlich pfeifend den Raum. In dieser Verfassung sahen sie ihren Lehrer noch nie. Als er draußen war, saßen alle wie versteinert da.

   Angelika, unsere kesse Berlinerin, löste die Spannung: »Na toll«, höhnte sie, »wunderbarer Einfall, was haben wir gelacht. Wer hat nun wen bis zum Platzen geärgert? Auf jeden Fall allen Respekt vor Mariechen. Sie hielt dem größten Druck stand.«

Die anderen nickten und einige klopften der Gelobten anerkennend auf die Schulter. Selbst Margit musste das in diesem Augenblick einsehen. Sie verhielt sich ohne hin sehr zurückhaltend, fürchtete sie doch die Rache der anderen.

 

Einige Zeit später traf Mariechen den Professor nachmittags auf dem Flur zur Hauskapelle. Sie grüßte artig und Linsenbart nickte ihr freundlich zu.

   »Maria«, sagte er plötzlich, »hast du einen Augenblick Zeit? Ich habe mit dir zu sprechen, mäh.« Dabei zog er sie in ein leeres Musikzimmer. Er setzte sich auf einen Stuhl und deutete ihr mit einer Handbewegung an, das gleiche zu tun. Was will er von mir, dachte Mariechen erschrocken, in dem sie sich setzte.

   »Was ich dir zu sagen habe, steht in Zusammenhang mit der Affaire, die sich vor kurzem in deiner Klasse abspielte. Keine Angst, ich möchte von dir nicht die Namen der Anstifterinnen hören. Ich kann mir denken, wer es war, mäh.«

   »Ich war gegen diese Aktion«, sagte Mariechen leise.

   »Trotzdem hast du die Strafarbeiten mitgemacht?«

   »Ich wollte mich nicht ausschließen, Herr Professor.«

   Dieser nickte: »Das glaube ich dir. Es ist so, dass mir euer dämlicher Spruch zu denken gab. Vielleicht habt ihr Recht, ich stamme aus einer anderen Zeit, der vor Anno siebzig. Ich diente dem alten Königreich Preußen, unserem König Wilhelm I. Ich wurde zur komischen Figur, weil ich mich nicht mehr ändern wollte. Daher auch meine meckernde Aussprache, mäh, das war nicht immer so.«

   »Aber Herr Professor«, wandte Mariechen ein.

   Linsenbart winkte müde ab: »Laß mal mein Kind, du meinst es gut. Bei all dem Unsinn, den die Klasse mit mir anstellte, machtest du nicht mit. Du arbeitetest immer aufmerksam und gut mit. Für mich wird es Zeit, aufzuhören. Ich werde meine Lehrtätigkeit zum Ende des Schuljahrs einstellen.« Er seufzte und fügte an. »Auf das mäh verzichte ich mal, was?«

Mariechen schaute den alten Mann erschüttert an. Was sollte sie dazu sagen?

   »Was ist los mit dir, Maria Merten«, fragte dieser plötzlich, »du bist hier eine Außenseiterin, so wie ich. Man sagt, du wärest sehr fromm. Wie das?« Er überlegte einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Mäh, das kann ich mir gut vorstellen. Du strahlst so etwas in deiner stillen Demut aus, ja, das ist es, einen Zug von Klarheit, Unberührtheit und Heiligkeit. Geht dein religiöses Streben in diese Richtung?«

   »Oh nein«, rief Mariechen erschrocken, »wo denken Sie hin. Ich bin tief religiös, das stimmt, und ich liebe unsere heilige Mutter Kirche. Ich strebe nach Vollkommenheit und Seelenreinheit. Aber ich maße mir nicht an, zu Ehren der Altäre erhoben zu werden.«

   »Du bist zu bescheiden, liebes Kind«, lächelte der Professor, »ich könnte mir jedenfalls vorstellen, zu dir zu beten. Es ist Blasphemie, ich weiß, aber es bereitet mir keine Schwierigkeiten, so zu denken. Wenn du diesen Weg gehen willst, wird es sehr schwer für dich werden. Man wird dir viele Steine in den Weg legen und dich meist gründlich missverstehen. Hat dir das bisher noch niemand gesagt?«

   »Doch Herr Professor, eine alte Frau in unserem Dorf.«

   »Siehst du«, meinte Linsenbart und erhob sich, »ich sehe das nicht alleine so. Ich wünsche dir für den kommenden Lebensweg Kraft und Stärke.« Dann gab er Mariechen die Hand und setzte seinen hohen Hut auf.

   »Danke Herr Professor, und Gottes Segen.«

   »Danke mein Kind, ich danke dir dafür«, verbeugte sich kurz und verließ den Raum. Mariechen schaute ihm gedankenvoll nach und seine Worte blieben lange in ihrem Gedächtnis haften. Mäh. Mäh.

 

Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen, die Adventszeit begann. An einem trüben Dezembermorgen ließ die Leiterin Mariechen rufen: Was will sie von mir? Holt mich mitten aus dem Unterricht. Und einen Augenblick später: Es ist etwas Schlimmes.

   »Setz dich mein Kind«, sagte Fräulein Wolter sanft und wies ihr einen Platz auf der Couch des Arbeitszimmers zu. Sie selbst setzte sich auf einen der Sessel: »Ich habe dir eine traurige Mitteilung zu machen. Dein Vater ist nach kurzer Krankheit gestorben. Das Telegramm ruft dich zur Beerdigung nach Hause.«

   »Papa«, erwiderte Mariechen tonlos, »Gott habe ihn selig. Er war ein guter Mensch und Vater.«

   »Du kannst heute noch fahren«, erklärte die Leiterin nachsichtig, »richte deine Sachen und unser Hausknecht bringt dich zur Bahn nach Koblenz. Um Viertel vor eins geht ein Zug nach Trier, den erreichst du spielend. Ich werde deiner Familie die Ankunft telegrafieren. Benötigst du Hilfe?«

   »Nein, vielen Dank Fräulein Wolter«. Mariechen hatte sich wieder gefangen und Farbe kam in ihr Gesicht. »Ich schaffe das schon. Ich packe sofort.«

   »Die Küche gibt dir belegte Brote mit, ich habe das bereits veranlasst. Ich weiß, dass dich der Verlust des Vaters sehr trifft, aber denke daran, dass wir uns die Todesstunde nicht aussuchen können. Alles liegt in Gottes Hand.«

   »Papa war immer gut zu mir«, erwiderte Mariechen leise, »Gott sei seiner Seele gnädig.«

   »Wir werden morgen in der heiligen Messe für ihn beten. Und nun Gott befohlen und meine aufrichtige Anteilnahme an deine Familie.«

   »Vielen Dank Fräulein Wolter.« Mariechen knickste höflich und verließ den Raum. Erst jetzt ließ sie ihren Tränen freien Lauf: Der gute Papa. Er war gegen meine Ausbildung gewesen und sah meinen Weg mit kritischen Augen. Aber er ließ mich gewähren, nahm niemals Einfluss und legte mir keine Steine in den Weg.

 

Bei der Beerdigung des Landwirts Johann Merten waren viele Leute zugegen, denn er war zeit seines Lebens hoch geachtet und angesehen. Viele Reden wurden an seinem Grab gehalten. Ja, ja, der Johann, achtundsechzig wurde er alt und führte bis zum Schluss seine Landwirtschaft mit kluger Hand. Alles im Leben schien ihm gelungen, er konnte am Ende seines Lebens auf eine reiche Ernte herabblicken. Das kann nicht jeder von sich sagen.

   In diesen Tagen war man mit so vielen Dingen beschäftigt, dass man von Mariechen, der Jüngsten der großen Kinderschar, kaum Notiz nahm. Herrin ihrer Zeit, nutzte sie diese auf ihre Weise, man sah sie viel in der Pfarrkirche bei der heiligen Messe, aber auch in stiller Andacht versunken. Hier nahm niemand Anstoß daran, oder zweifelte in hämischer Manier ihre Frömmigkeit an. Hier durfte sie sich selbst sein und zur Kräftigung von Seele und Körper unternahm sie lange Spaziergänge. Auf dem Rückweg eines solchen machte sie eines Nachmittags Halt bei dem Häuschen von Frau Seiler, klopfte an ward herzlich empfangen.

Die alte Frau freute sich über diesen Besuch und so schwatzte man einige Zeit über vielerlei.

   »Nun, wie sieht es auch Mariechen? Alles zum Besten? Das scheint mir nicht zu sein. Du bist so abgemagert und siehst krank aus. Die Luft dort oben bekommt dir nicht.«

   »Ach Frau Seiler«, Mariechen schaute etwas wehmütig, »das ist ein weites Feld. Sicher, es läuft nicht alles rund. In der Schule habe ich keine Probleme, aber im Pensionat sehen mich einige als Sonderling und machen sich über mich lustig oder zweifeln die Echtheit meiner Frömmigkeit an. Margit ist übrigens auch hier.«

   »Was, ausgerechnet die?«

   »Leider. Die Leiterin, Fräulein Wolter, schwankt auch hin und her, zwischen Ablehnung und Zustimmung. Kürzlich machte sie gegenüber anderen eine Bemerkung, sie habe Zweifel an der Echtheit meines Charakters. Das verletzte mich sehr und ich vergoss bittere Tränen darüber. Ich habe noch immer Heimweh nach hier, wo man mich so nimmt, wie ich bin und mir keine Falschheit unterstellt.«

   Frau Seiler nickte: »Hier bist du geboren und deine Familie steht in hohem Ansehen. In der Fremde muss du dir das erst erkämpfen.«

   »Es gibt Mädchen, die mich glühend verteidigen und solche, die mich ablehnen und lächerlich machen. Ich möchte doch niemanden etwas Böses, sondern nur meinen eigenen Weg gehen.«

   »Es wird immer Menschen geben, die auf andere neidisch sind…«

   »Schön Frau Seiler, wenn es sich um die Schule handelt, verstehe ich das. Eine nicht geringe Anzahl von Mitschülerinnen bezeichnen mich als Streberin. Meine guten Noten sind ihnen ein Dorn im Auge. Damit kann ich leben. Aber das mein geistiger Weg ständig infrage gestellt wird, tut mir weh und beleidigt mich. Selbst die Leiterin zweifelt an mir, obwohl sie mich zu allen möglichen Veranstaltungen auftreten lässt, also vorbeten und vorsingen.«

   »Glaubst du, dass dein Weg richtig ist?«

   Mariechen überlegte einen Augenblick: »Die Religion wurde mir in die Wiege gelegt. Ich bin gerne fromm. Ich liebe und verehre die heilige Mutter Kirche mit ihrer langen Tradition, die Feierlichkeit und Erhabenheit der Feste, die Herrlichkeit der Anwesenheit Jesu in der heiligen Messe, die feierliche Liturgie. Ich möchte eine Dienerin Gottes werden in dem Streben nach reinster und absoluter Vollkommenheit, in der Reinheit der Seele, im Mysterium Gottes zu den Menschen. Ich lese mit Eifer die heiligen Schriften unserer Kirche, das Leben der Heiligen, die mir Vorbild und Stütze sind. Ich möchte eindringen in die Geheimnisse unseres Glaubens, um Gott zu dienen und zu verherrlichen. Ich möchte ihn lieben, wie es nur die Heiligen können. Und ich möchte den Menschen dienen und helfen, deshalb werde ich Lehrerin, um den Kindern ein wahrhaft christliches Leben zu lehren. Nicht auf große Taten kommt es an, sondern auf die Dinge, die im Verborgenen wirken. Ich bleibe still und zurückgezogen, möchte wenig auffallen, suche nicht Anerkennung oder Lob. All das, mein Streben nach absoluter Vollkommenheit zum höheren Lobe des Herrn, wird missverstanden, umgedeutet oder ins Gegenteil verkehrt. Ich möchte für Jesus leben, leiden, sterben und konsequent diesen Weg gehen, ohne mich ständig rechtfertigen zu müssen.«

   »Da haben wir ja einiges gehört«, meinte die alte Frau bedächtig, »du hast viel vor. Ich sagte die früher schon, dass es für dich nicht leicht wird. Man legt dir Steine in den Weg.«

   »Hier in Düppenweiler taten das nur wenige«, seufzte Mariechen, »deshalb habe ich so viel Heimweh nach hier.«

   Frau Seiler nickte verständnisvoll: »Wenn du einen Weg konsequent gehst, und nicht nach rechts und links schaust, wird den Neidern irgendwann die Luft ausgehen. Gute Menschen müssen vieles erdulden. Gegen das Heimweh hilft nur eines: Du musst dich der Realität dieses gelehrten Hauses stellen, in dem du lebst. Du darfst nicht zurückschauen in die kleine Welt des Dorfes, sondern musst den Herausforderungen feste ins Auge sehen. Schlage dieser Margit doch mal eines kräftig auf ihr böses Maul. Das hilft. Manche Menschen verstehen nur diese Sprache.«

   Mariechen lachte laut auf: »Das wäre etwas, aber ich bin zu schüchtern, zu friedliebend und körperlich zu schwach. Außerdem ist sie nicht die Einzige, die gegen mich ist. Ich sagte es bereits, auch die Leiterin zweifelt an der Echtheit meiner Frömmigkeit.«

   »Du darfst dich nicht einschüchtern lassen«, entgegnete Frau Seiler, »Sprich sie direkt darauf an. Es ist dein gutes Recht. Wer hintenherum redet, hat etwas zu verbergen. Du musst zu dir stehen, dann verschwindet das Heimweh, denn damit stellst du dich dem Leben.«

   »Woher wissen Sie das alles«, fragte Mariechen verwundert.

   »Das sind Lebenserfahrungen, mein Kind. Im Laufe des Lebens wird einem sehr viel Wasser in den Wein gegossen. Ich hatte bessere Tage, aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir.«

   »Gott liebt alle Menschen.«

   »Aber er bevorzugt die einen und lässt die anderen im Dreck liegen.«

   »Das ist nicht Gottes Schuld, sondern der Menschen«, rief Mariechen erregt, »wir müssen immer wieder an die große Liebe Gottes glauben, die in seinem Herzen für uns schlägt. Die Menschen schaffen die Ungerechtigkeiten dieser Welt durch ihren Hass, Neid und Raffgier.«

   »Schon möglich«, sagte die alte Frau etwas unsicher, »ich bin verbittert und sehe alles in diesem Licht. Bewahre dir deinen Glauben und lass dich nicht vom Weg abbringen. Wenn aber nichts mehr geht, so kehre hierhin zurück. Noch ist es nicht zu spät für eine Änderung deiner Lebensziele.«

   »Ich möchte aber nichts daran ändern«, lächelte Mariechen, »übrigens, ich halte ihren Rosenkranz in hohen Ehren.«

   »Sehr schön. Bete viel zur Gottesmutter, die hilft immer. Ansonsten kann ich dir nur immer wieder raten, den eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu gehen. Ich sagte es bereits: Deine Größe liegt in der Hilfe, die du deinen Nächsten gewährst und dein Wirken im Verborgenen.«

 

Im April des folgenden Jahres wurde Mariechen mit einem guten Zeugnis in die Mittelstufe versetzt. Sie fühlte sich jetzt etwas freier und sicherer, auch das Heimweh verschwand langsam. Aber es gelang ihr nicht, sich gegen Margit und ihrer Clique durchzusetzen, die ihr nach wie vor das Leben schwer machten.

   Der Mai ist in der Kirche traditionell der Marienmonat. Mariechen half tatkräftig beim Aufbau eines schönes Altärchens zu Ehren der Muttergottes mit und nahm eifrig an den Andachten teil. Die Leiterin sah dies mit Wohlwollen, was Margit natürlich ein Dorn im Auge war. Sie ließ keine Gelegenheit aus, das Mädchen zu quälen.

   Mariechen hielt sich in diesem Maitagen in jeder freien Minute in der Kapelle auf, um zu beten und meditieren. Als sie diese eines Nachmittags verlies, lauerten Margit und ihr Anhang sie auf. Sie überhäuften sie mit Spott und Hohn:

   »Deine Frömmigkeit ist nicht echt«, sangen sie ausgelassen und tanzten um sie herum.

   »Du wirst nie eine gute Lehrerin werden, du Weichei mit deiner stillen Zurückhaltung. Als Lehrerin muss man zuschlagen können, du schwächliches Huhn.«

War das ein Johlen und Brüllen, die Bande schien alle Zügel abzuwerfen und die Situation wurde langsam bedrohlich. Mariechen ängstigte sich sehr, als sie plötzlich eine innere Stimme hörte, die klar und deutlich sagte: »Was ängstigt du dich vor diesen entfesselten Frauenzimmern. Schlag der Anführerin eines ordentlich aufs Maul.«

   »Aber Jesus sagtest du nicht, dass man die linke Backe hinhalten soll, wenn man auf die rechte geschlagen wurde?«

   »Es steht aber auch geschrieben, dass der Meister mit einem Strick die Geldwechsel aus dem Tempel vertrieb und ihre Tische umwarf. «

War das Jesus, der zu ihr sprach? Jetzt erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Frau Seiler. Eine ungeheuere Wut stieg in dem Mädchen auf, denn sie gedachte all der Beleidigung und Kränkungen der letzten Jahre, die sie von ihrer Gegnerin erhalten hatte. Mit einem Male stürzte sie sich auf die umhertanzende Margit und verpasste ihr zwei schallende Ohrfeigen.

   »Die sind für dich als Zeichen meiner Lehrbefähigung«, rief Mariechen mit blitzenden Augen, »wenn du mehr benötigst, sage es nur, ich gebe freimütig weitere. Ihr anderen Feiglinge könnt euch gleich mitbedienen.«

Eine plötzliche Stille trat ein, die Mädchen standen wie versteinert da. War dies das stille Mariechen, das sie bisher kannten? Diese blickte entsetzt auf. Was habe ich getan, und ehe man sich versah, lief sie davon. Sie eilte verbotenerweise in den Schlafsaal und warf sich schluchzend aufs Bett: Ich habe die Hand gegen eine andere erhoben und damit eine schwere Sünde begangen. Gerade ich, die nach der höchsten Vollkommenheit strebt. Was tue ich nur? Die Worte von Frau Seiler zur Gradlinigkeit kamen ihr plötzlich in den Sinn. So stand sie auf, trocknete die Tränen und ging geradewegs zum Büro der Leiterin. Sie wagte es, an der Türe zu klopfen.

   »Herein«, ertönte es freundlich, »was gibt es Maria?« Dabei sah sie das Mädchen prüfend an. Irgend etwas schien nicht in Ordnung.

   »Ich habe Margit zwei Ohrfeigen versetzt«, brach es aus Mariechen hervor, »es ist eine Sünde und außerdem gegen die Schulordnung. Ich erwarte meine gerechte Strafe.«

   Die Leiterin sah das Mädchen entgeistert an: »Was hast du getan?«

   »Margit geohrfeigt.«

   »Und warum?«

   »Sie lauerte mich mit ihrem Anhang an der Kapelle auf und umtanzten mich johlend. Ein richtiger Hexensabbat, es war schlimm. Dann ging der Zorn mit mir durch. Er ist ein schlechter Ratgeber, ich weiß es.«

   Fräulein Wolter hielt einen Moment inne, dann lachte sie laut auf: »Komm Maria, setze und beruhige dich.« Damit drückte sie das Mädchen aufs Sofa. »Natürlich dulde ich hier keine Handgreiflichkeiten. Aber in deinem Fall war es Notwehr, liebes Kind.« Damit stand sie auf, ging an einen Schrank und kehrte mit einer schönen Flasche und zwei Gläsern zurück: »Ein Gläschen Portwein wird dir gut tun und dich beruhigen. Keine Widerrede, du Streiterin Gottes.«  Sie schenkte die Gläschen voll, setzte sich auf einen Sessel und beide nahmen einen guten Schluck.

   Nach einer Weile meinte die Leiterin: »Ich zweifelte auch an der Echtheit deiner Frömmigkeit, aber nun sehe ich das anders. Wer für seinen Glauben gegen eine Übermacht kämpft, steht hinter der Sache, die er verteidigt.« Fräulein Wolter überlegte einen Augenblick, stand schließlich auf und ging zu ihrem Schreibtisch. Sie kramte etwas herum und kehrte mit einem gebundenen Heftchen zurück.

   »Ich glaube, das hier ist etwas für dich«, erklärte sie lächelnd und übergab Mariechen das Druckwerk, »lese es aufmerksam, dann bringt es dir sicher Gewinn. Es sind die Aufzeichnungen einer jungen, erst vor wenigen Jahren verstorbenen, französischen Karmeliterin.«

   »Vielen Dank Fräulein Wolter«, rief Mariechen begeistert.

   »Bitte sehr. Das mit Margit regele ich, verlass dich darauf. So, nun trink aus und dann Gott befohlen.«

   Mariechen gehorchte und verließ das Büro. Etwas später zitierte die Leiterin Margit zu sich und machte ihr unmissverständlich klar, dass sie sofort von der Anstalt verwiesen werde, sollte sich dieses Vorkommen noch einmal wiederholen. Das gelte auch für ihren Anhang.

   »Ich habe mir euer Verhalten lange genug angeschaut«, schloss sie ihre Rede, »ich dulde nicht, dass ihr auf diese Weise Unruhe in meine Anstalt bringt. Bei der kleinsten Verfehlung fliegt ihr raus, alle. Verstanden?«

Margit bestätigte das zähneknirschend, wagte aber keine Widerrede, da sie den Ernst der Lage erfasste. Damit hörten die Quälereien gegen Mariechen schlagartig auf. Ein Jahr später verließ sie das Seminar, um als Lehrerin tätig zu werden.

   Mariechen weinte ihr keine Träne nach, sondern meinte einmal kurz zu Angelika: »Die armen Kinder, die sie als Lehrerin aushalten müssen.« Die Freundin nickte zustimmend und freute sich, dass die Krise des Heimwehs überwunden war.

   Am Abend dieses ereignisreichen Tages zog sich Mariechen in das gemütliche Wohnzimmer der Mittelgruppe zurück und begann, das Büchlein zu studieren, das sie von Fräulein Wolter erhalten hatte. Während sie las, eröffnete sich ihr ein neuer Horizont. Was gab es hier so Aufregendes zu entdecken? Die Geschichte einer Seele war von der 1897 im Alter von vierundzwanzig Jahren verstorbenen Karmeliterin Therese Martin geschrieben worden. Jetzt, drei Jahre später, begann langsam der Siegeszug der Verstorbenen, deren schlichte Schrift zum größten katholischen Bestseller des zwanzigsten Jahrhunderts werden und ihrer Verfasserin den Stand der Heiligkeit und glühenden Verehrung einbringen sollte. Wer war diese Therese Martin, die später von Lisieux genant wurde?

 

Therese wurde am 2. Januar 1873 in Alecon geboren. Ihr Vater Louis wollte Mönch werden, die Mutter Zeline Guerin Nonne. Beide erreichten ihr Ziel nicht auf direktem Weg. Louis wurde Uhrmacher, Zeline lernte das Spitzenhandwerk und wurde eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Ein Beichtvater kam auf die Idee, den verhinderten Mönch und die verhinderte Nonne zusammenzuführen. Sie heirateten und bekamen neun Kinder, von denen die fünf Mädchen überlebten, die alle später Nonnen wurden. Vater Louis galt als religiöser Schwärmer, gutmütig und willensschwach, die Mutter sehr energisch und schwer depressiv. Ihr Leitgedanke waren die Frömmigkeit und die Verachtung der Welt, welches sie an die Töchter weitergab. Der Martinische Haushalt entwickelte sich zu einem Familienkloster, der ganze Tagesablauf geprägt von gemeinsamen Gebetsübungen und Wettbewerbe der Tugendhaftigkeit.

   Therese war die letzte der Kinderschar, wurde behütet, verwöhnt von einer ansonsten nicht sehr gefühlsbetonten Mutter und wuchs recht unbeschwert auf. Sehr früh zeichnete sie sich durch Aufgeschlossenheit und Intelligenz aus. Als Fünfjährige starb die Mutter und das bedeutete ein schwerer Schlag für das Mädchen. Die Familie zog nach Lisieux um, wo Isidor Guerin, der Bruder der verstorbenen Mutter und reicher Apotheker, wohnte. Er galt zudem als Wortführer der konservativen katholischen Liga. Hier hörte Therese die seiner Meinung nach Krankheiten der Zeit: Freimaurer, Juden und Nihilisten. Isidor besaß großen Einfluss auf die Familie Martin, da der Vater schwach war. Therese erwählte sich die älteren Schwestern als Ersatzmutter, die aber nach und nach in den benachbarten Karmel eintraten. In diesem Kloster schaltete Isidor nach seinem Willen, denn es war finanziell abhängig von ihm. Durch den ständigen Wechsel der Bezugspersonen wurde Therese seelisch krank. Die Heilung geschah durch zwei Wunder, zu Pfingsten und Weihnachten, an denen sie Marienerscheinungen hatte. Als die letzte Schwester ebenfalls ins Kloster entschwand, erwuchs in der nun Fünfzehnjährigen der Wunsch, auch Karmeliterin zu werden. Nach vielen Schwierigkeiten, Domherr, Bischof und Papst mussten überwunden werden, trat sie als Sechszehnjährige am 9. April 1888 in den Karmel ein. Im Kloster überfielen sie nach einiger Zeit schwere Depressionen und Glaubenszweifel, die sie zu überwinden suchte. Eine ihrer Schwestern war inzwischen zur Oberin aufgestiegen. Sie veranlasste die an Schwindsucht erkrankte Therese, kurz vor ihrem Tode eine kleine Schrift zu verfassen: Die Geschichte einer Seele. Das Originalmanuskript bearbeitete die Oberin später in der Weise, dass man getrost von Manipulationen größeren Ausmaßes sprechen kann. Dem Siegeszug der inzwischen verstorbenen Therese tat dies keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, sie wurde die größte Heilige des 20. Jahrhunderts. Therese starb aufgrund der hygienischen Verhältnisse, das Kloster war ohne Heizung, am 30. September 1897 als Vierundzwanzigjährige an galoppierender Schwindsucht.  

   Was beinhaltet nun die Geschichte einer Seele? In dem blumenreichen verkitchenden Stil der Zeit erzählte Therese ihre besondere Beziehung zu Jesus. Sie verglich sich mit einer kleinen Blume, die Jesus pflügte, und in dieser Tonart geht es über viele Seiten. Klein, lieb und zerbrechlich sind die Attribute, die diese Welt beherrschen. Man muss aufpassen, um diese zerbrechliche Welt nicht zu zertreten. Es ist eine schwindsüchtige Welt, brav sein wie ein Gänseblümchen und den Fahrstuhl zum Himmelreich drücken.

   »Nach meinem Tode werde ich Rosen auf die Erde regnen lassen«, verkündete Therese. Was kam, war der Erste Weltkrieg, aber das tat ihrer Popularität keinen Abbruch. Mit ihrem Bild auf die Gewehrkolben geklebt, zogen Tausende französischer Soldaten in den Tod. Überall setzte nach ihrem Tode die Verehrung ein, tatkräftig unterstützt von ihren älteren Schwestern, die den Verkitschungszirkus erst recht in Schwung brachten. Die Amtskirche spiele mit und es entstand in diesem armseligen Lisieux ein gewaltiger Wallfahrtskomplex. Therese ruht in der großen Basilika in einem gläsernen Sarg, vergleichbar mit Schneewitschen. Es entstand ein völlig verzerrtes Bild der Heiligen, das erst Jahrzehnte später korrigiert wurde. Wer an einem objektiven Bild von Therese interessiert ist, möge die Bücher von Jean- Francois Six lesen.

   An diesem Abend im Wohnzimmer der Mittelgruppe faszinierte unser Mariechen das Geschriebene sehr. Sie fühlte sich instinktiv dieser jungen Frau verbunden und fühlte sich verstanden. Hier wurde ihr eigenes Streben bestätigt und auf eine Grundlage gestellt. Hatte sie nicht die gleichen mystischen Erfahrungen wie Therese gemacht? Und ging ihr Streben nach Gott wie sie seit frühester Kindheit auf den Meister zu? Sie könnten Schwestern im geliebten Jesulein sein. In diesem Augenblick wusste Mariechen, dass ihr Weg der richtige war. Keiner würde sie hier mehr beeinflussen können und sie nahm sich vor, ihn konsequent bis zum Ende zu gehen.

 

   Im Herbst kündigte der Bischof von Trier, Michael Korum, seinen Besuch in der Marienau an. Dort zeigte man sich sehr geschmeichelt, denn der Bischof stand in hohem Ansehen. Korum war ein klar denkender, intelligenter Hirte, der es nach dem Kulturkampf mit der preußischen Obrigkeit aufgenommen hatte und ihr widerstand. Er verteidigte eine eigene Meinung gegenüber jedermann, ob Papst oder Kaiser und ließ sich von niemandem beirren. Er stellte eine große Seltenheit im damaligen deutschen Episkopat dar. Der Bischof kannte keine Berührungsängste oder Standesdünkel, ging gerade auf die einfachen Leute zu und war bei Klerus und Kirchenvolk sehr beliebt.

   Fräulein Wolter zeigte sich in diesen Tagen sehr aufgeregt und verfasste ein schönes Gedicht zu Ehren des Bischofs. Mariechen sollte es vortragen, da sie eine schöne und klare Stimme besaß. Die Verhältnisse zwischen den beiden hatten sich grundlegend gewandelt. Die Leiterin erkannte nun die Vorzüge des Mädchens und ließ keine Gelegenheit aus, diese hervorzuheben.     

   So sagte sie eines Tages zu einer neuen Schülerin: »So, mein Kind, ich gebe dir als Patin einen Engel an die Seite.« Dieser Engel war unser Mariechen, Es wurde Fräulein Wolter immer klarer, welchen Schatz ihr anvertraut und wie tief und echt Mariechens frommes Streben nach Vollkommenheit war.

   »Sie ist ein Engel«, pflegte sie zu sagen, »Gott gebe, was aus ihr wird. Etwas Hohes, Erhabenes, sicher.«

   Endlich nahte der große Tag und alle im Seminar und Pensionat waren sehr aufgeregt. Der Empfang des Bischofs erfolgte in der Aula in Anwesenheit aller Schülerinnen und des Lehrerkollegiums. Der Chor sang zu Ehren des hohen Herrn ein Begrüßungslied, danach sprach Fräulein Wolter einige Worte, die der Bischof freundlich erwiderte. In seiner Begleitung weilte auch Weihbischof Schrod und beide geistlichen Herren hörten aufmerksam dem Gedicht zu, dass Mariechen mit großer Sicherheit vortrug. Während des Vortrags überlegte der Weihbischof, woher ihm dieses Mädchen wohl bekannt sei. Als Mariechen endete, bedankte sich Bischof Korum mit anerkennenden Worten.

   »Ich habe es«, rief Weihbischof Schrod mit einem Mal.

   »Was lieber Mitbruder«, fragte Korum neugierig.

   »Jetzt weiß ich, woher ich die junge Dame kenne, die uns gerade dieses schöne Gedicht vortrug. Ja, ja, unverkennbar,. bei der Firmung in Reimsbach vor einigen Jahren. Sie war der einzige Firmling, der bei der Examination alle Fragen beantworten konnte. Wie war doch gleich Ihr Name?«

   »Maria Merten, Eminenz«, nahm Fräulein Wolter das Wort, »sie gehört hier zu meinen besten Schülerinnen. Außerdem ist sie vorbildlich in ihrem geistlichen Streben.« Bei diesen Worten zuckte es schmerzlich in Margits Gesicht. Sie war seinerzeit auch bei der Firmung anwesend, aber keiner erinnerte sich an sie.

   »Das glaube ich gerne«, nickte Schrod lächelnd, »schon damals schien es mir so, als ob etwas Außergewöhnliches in dem Mädchen steckt. Mache weiter so und nutze die Gaben, die Gott dir schenkt.«

Bischof Korum nickte zustimmend, und nach dem vorgeschriebenen Ringkuss segnete er sie. Kurz danach erfolgte der Rundgang der hohen Gäste durch das Haus, an dem sich ein Imbiss mit dem Lehrkörper anschloss.

   Mariechen war sehr glücklich und die ungekrönte Königin des Tages. Die meisten Mitschülerinnen freuten sich mit ihr und die Neider wagten es nicht, offen gegen sie zu opponieren. Eines Tages bekomme ich dich, du falsche Schlange, dachte Margit zähneknirschend, dann Gnade dir Gott. Kein Papst oder Bischof wird dir dann helfen können.

 

Die Zeit schritt voran und wieder war ein Jahr ins Land gegangen. Mariechen gehörte nun der Obergruppe an und sollte im nächsten Jahr das Examen ablegen. Der Gedanken daran bereitete ihr keine Sorgen, denn sie war noch immer eine ausgezeichnete Schülerin. Inzwischen genoss sie das uneingeschränkte Vertrauen der Leiterin.

   »Sie ist eine Perle«, sagte diese zu Honorius Linsenbart, der sie in diesen Tagen besuchte, »und ich schätze mich glücklich, sie in meinem Institut zu haben.«

   »Ganz recht, mäh. Sie ist etwas Besonderes. Jesus preist die selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. Bei Maria Merten habe ich oft den Eindruck, dass in ihrem Innersten Klarheit herrscht, die dazu befähigt, zu höheren Erkenntnissen zu gelanden. Man wird sehen, ob sie sich in dieser Richtung weiterentwickelt.«

   »Das glaube ich schon«, nickte Fräulein Wolter, »sie wird ihren Weg konsequent gehen. Und wir beide werden sagen können, dabei gewesen zu sein.«

   »Darauf bin ich sehr stolz, mäh.«

   Wir sehen, dass Mariechen in der Wertschätzung gewaltig nach oben stieg. War ein Lehrer krank, so bestimmt Fräulein Wolter sie zur Aushilfe.

   »Mariechen«, seufzte ihre Freundin Angelika nach einer solchen Vertretungsstunde, »du bist strenger als Dr. Wagner selbst.«

   »Das macht nichts«, verteidigte sie Johanna, »Mariechen ist toll vorbereitet und gestaltet den Unterricht frisch und anschaulich. Wisst ihr noch, wie diese schreckliche Margit ihr vorwarf, sie werde nie eine gute Lehrerin, da sie zu weich sei.«

   »Davon bemerkte ich eben nichts«, knurrte Angelika, »wenn du nicht meine Freundin wärst…« Die Umstehenden lachten und die beiden stimmten mit ein.

   »Ich mache euch einen Vorschlag«, sagte Mariechen, »ich zensiere eure schriftlichen Arbeiten und ihr meinen Unterricht. Dann ist allen genüge getan. Was meint ihr?« Die Mädchen stimmten begeistert diesem Vorschlag zu.

 

Wenige Tage später erfuhren alle, dass sich die Kaiserin Augusta Viktoria zu einem Besuch angesagt hatte. Sie war eine Freundin von Anna Wolter aus fernen Tagen. Diese Freundschaft hielt trotz der Konfessions- und Standesunterschiede schon viele Jahrzehnte. Und so hatte die Kaiserin beschlossen, ihre alte Freundin zu besuchen, die sie sehr schätzte. Wie beim Besuch des Bischofs wurde das ganze Haus auf Vordermann gebracht.

   Am Besuchstag standen alle in ihrem besten Sonntagsstaat bereit, die Kaiserin zu begrüßen. In der mit Blumen, kleinen Tannenbäumchen und fahnengeschmückten Aula erwartete man den hohen Besuch. Endlich fuhr der Wagen der hohen Frau heran und Anna Wolter begrüßte sie ehrerbietig:

   »Ich freue mich Majestät, dass Sie mein Haus mit Ihrer Anwesenheit beehren.«

   »Aber Anna«, lächelte die Kaiserin und hob die tief knicksende Leiterin auf. »Warum so förmlich. Wir sind Freundinnen aus alten Tagen. Die Majestät lassen wir mal sein.«

Anna lächelte stolz, während die Kaiserin sie umarmte. Die Umherstehenden erschauderten ob dieser Vertrauensseligkeit. Augusta Viktoria war im Volke sehr beliebt, ihre natürliche mütterliche Ausstrahlung gewann die Herzen der Untertanen im Nu. Zudem stellte sie die perfekt Landesmutter dar, die sich sehr um soziale Belange kümmerte. In der Zwischenzeit hatten alle die Aula betreten. Der Chor sang und hernach begrüßte Fräulein Wolter noch einmal die Kaiserin. Es machte großen Eindruck auf die Anwesenden, dass sie dabei die vertrauliche Namensanrede mit dem Du verband. Die Kaiserin dankte mit herzlichen Worten und schaute sich dabei interessiert um. Was sie sah, gefiel ihr anscheinend.

   Auf einen Wink der Leiterin trat Mariechen vor die hohe Frau, vollführte einen vollendeten Hofknicks und trat an das Klavier, an dem Angelika saß. Ein kurzes Kopfnicken, dann griff diese in die Tasten und stimmte das Lied Ännchen von Tharau an, das von Mariechen übernommen und mit großer Sicherheit vorgetragen wurde.  Nach diesem gelungenen Vortrag prasselte der Applaus, und die Kaiserin bat die beiden Mädchen zu sich, um sich für die Darbietung zu bedanken und überreichte jeder eine schöne Anstecknadel. Angelika und Mariechen nahmen das Geschenk mit glühenden Wangen in Empfang.

   Kurz darauf brach die Gesellschaft zu einem Rundgang durch das Haus auf.  Die Chormitglieder und unsere beiden Solistinnen blieben alleine in der Aula zurück. Angelika und Mariechen tuschelten miteinander und gingen dann zum Dirigenten, der mit einigen Chormitgliedern sprach.

   »Herr Professor Ambrosius«, begann Mariechen, »wir haben uns überlegt, dass diese Anstecknadeln auch Ihnen und dem Chor zustehen. Wir überreichen Ihnen eine davon als Anerkennung und Danke für Ihre Hilfe. Meine Freundin und ich teilen uns die andere.« Angelika nickte zustimmend.

   »Das ist sehr lieb von euch«, sagte der Dirigent gerührt und nahm das Präsent entgegen. Gleichzeitig rief er seine Leute zusammen. »Kommt mal her. Mariechen und Angelika schenken uns eine der von der Kaiserin erhaltenen Anstecknadeln. Das ist eine sehr noble Geste.«

   »Ach was«, lachte Angelika, »unter Künstlern ist so etwas selbstverständlich.« Die Umstehenden lachten herzlich.

   Der Professor nickte: »Dann sollten wir uns jetzt im Speisesaal einen guten Platz sichern, um zusammen auf diese Freundschaft einen guten Tropfen zu trinken.« Damit zeigten sich alle einverstanden und man begab sich zu Tisch, um das Gesagte in die Tat umzusetzen. Ein wenig später erschien die Kaiserin mit Gefolge und man setzte sich zur Mahlzeit nieder, die ohne Verzögerung aufgetragen wurde. Beim Nachtisch äußerte der hohe Gast den Wunsch, die beiden Mädchen mögen noch etwas zum Besten geben, es habe ihr so gut gefallen. Fräulein Wolter übermittelte den Wunsch und setzte sie damit in Verlegenheit. Was sollte man singen?

   »Nehmt das Salve Regina«, schlug der Dirigent vor, »und wir als Chor unterstützen euch.«

Angelika und Mariechen nickten zustimmend, knicksten vor der Kaiserin, die ihnen huldvoll zulächelte. Sie nahmen ihre Plätze ein. Die Mitglieder des Chors gruppierten sich um sie herum. Ein kurzes Nicken, dann schlug Angelika die ersten Töne an. Mariechen sang das schöne Marienlied, wobei der Chor hospitierte. Die Kaiserin war von dem Gebotenen sehr ergriffen und applaudierte am Ende begeistert. Fräulein Wolter strahle vor Stolz.

   »Sehr schön«, rief Augusta Viktoria begeistert, »liebe Kinder, wie ergreifend diese Darbietung. Sie haben mir damit eine große Freude bereitet. Auch wenn ich nicht Ihrer Konfession angehöre, berührt mich dieses Lied sehr.«

Auf einen Wink hin traten Mariechen und Angelika an den Tisch der hohen Frau, die aufstand und ihnen herzlich die Hände schüttelte.

   »Vielen Dank Majestät, für diese hohe Ehre«, nahm Mariechen das Wort, »aber der Chor und unser Dirigent haben viel zum Gelingen unserer Darbietungen beigetragen. Herr Professor Ambrosius übte viel und intensiv mit uns.«

   Die Leiterin hatte zwischenzeitlich den Dirigenten herangewunken, der nun seinerseits von der Kaiserin gelobt und mit einer Medaille geehrt wurde. Augusta Viktoria sprach noch einmal ihren tief empfundenen Dank aus und danach durften unsere drei stolz und glücklich zu ihren Plätzen zurückkehren. Eine halbe Stunde später verließ die Kaiserin den Raum, um noch ein Stündchen mit ihrer Freundin alleine zu sein.

   Der Speisesaal leerte sich langsam, nur unsere Chormitglieder saßen auf ihren Plätzen und und unterhielten sich lebhaft. Was für ein Tag und welche Ehre und Auszeichnung für sie alle.

   Plötzlich erschien der Adjutant der Kaiserin, grüßte militärisch und sagte: »Ich bitte Fräulein Merten zu ihrer Majestät.« Mariechen schaute überrascht zu ihm hin, dann stand sie auf und folgte ihm.

   Die Kaiserin und Fräulein Wolter saßen im Wohnzimmer der Leiterin beim gemütlichen Kaffee. Man plauderte, als Augusta Viktoria plötzlich meinte:

   »Was ist das mit dem Mädchen, das so schön sang? Wie war ihr Name?«

   »Maria Merten. Du hast sehr richtig beobachtet. Dieses Mädchen ist etwas Besonderes, sehr fromm und gottesfürchtig. Aber da ist noch mehr. Die Klarheit ihres Charakters zeichnet sie aus und ich sagte einmal schwärmerisch: Sie ist ein Engel.«

   »Ja, sie hat etwas engelhaftes, Anna. Es ist etwas Außergewöhnliches in der Ausstrahlung.«

   In diesem Augenblick klopfte es leise an der Türe und Mariechen trat ein. Die Kaiserin winkte sie zu sich: »Komm her mein Kind. Du hast mich mit deinem Gesang sehr erfreut. Gott gebe, dass du auch in Zukunft die Menschen damit glücklich machen kannst.«

   »Vielen Dank Majestät«, erwiderte Mariechen leise und mit geröteten Wangen, »aber mein Ziel ist es, den Menschen zu helfen, die in Not und Verzweiflung sind. Und den Kindern, um sie auf den rechten Lebensweg zu führen.«

   Die Kaiserin nickte wohlwollend: »Du bist noch sehr jung und doch kommst du mir gefestigt und klar vor.«

   »Das ist Marias größte Charaktereigenschaft«, warf Fräulein Wolter ein, »sie ist achtzehn Jahre alt und erwachsener als manch ältere hier.«

   »Das glaube ich gerne und ich habe noch eine kleine Bitte an dich, mein Kind. Singe mir noch einmal das schöne Marienlied vor. Es ist so ergreifend und berührt meine Seele.«

   »Gerne Majestät«, sagte Mariechen, während Fräulein Wolter sich ans Klavier setzte und die ersten Noten intonierte. Danach begann sie zu spielen und Mariechen sang mit klarer, reiner Stimme das Salve Regina. Die Kaiserin hörte aufmerksam zu, dabei beobachtete sie das Mädchen sehr genau. Man konnte es nicht leugnen, eine Ergriffenheit überwältigte sie ob der Darbietung und Haltung der Sängerin. Nach Beendigung des Liedes stand sie auf und ging auf Mariechen zu.

   »Vielen Dank für das schöne Lied. Du hast mir damit sehr viel Freude gemacht. Keinen Hofknicks bitte.« Sie reichte dem Mädchen die Hand. »Bete für mich, denn ich glaube, dass Gott dir sehr wohlgesonnen ist. Ich werde dich nicht vergessen. Auf Wiedersehen mein Kind und nochmals Danke für alles.«

   Als Mariechen gegangen war, saßen die beiden Frauen noch einige Zeit in Gedanken versunken still beieinander. Es schien so, als wollte keine sprechen. Nach einiger Zeit bemerkte die Kaiserin: »Ich glaube Anna, dass du Recht hast. Die Kleine hat etwas Engelhaftes. Wir Protestanten kennen bekanntlich keine Heiligenverehrung. Sonst würde ich behaupten, eine Heilige gesehen zu haben. Was meinst du?«

   Das denke ich auch Augusta«, antwortete diese versonnen, »es sind gute Anlagen vorhanden. Das Leben wird zeigen, ob sie sich entwickelnd können. Ich für meinen Teil tue alles, um ihr die Wege zu ebnen.«  

   »Das glaube ich gerne«, lächelte die Kaiserin, »ich komme von dem Gedanken nicht los, in ihr eine Fürsprecherin bei Gott zu haben.«

 

Die Osterferien im darauffolgenden Jahr sollten für Mariechen die Letzten im Seminar sein. Die Ausbildung schritt ihrem Ende entgegen und für den Herbst stand das Abschlussexamen an. Mariechen war noch immer eine gute Schülerin, und so konnte sie dem Ende mit Gelassenheit entgegensehen. Trotzdem nahm sie ihre Bücher mit in die Ferien und lernte fleißig. Die Kunde vom erfolgreichen Besuch des Bischofs und der Kaiserin drang bis in ihr Heimatdorf und erfüllte alle mit Stolz. Ja, unser Mariechen, macht uns alle Ehre, sie wird es noch weit bringen in der Welt. Und bald wird sie eine gestrenge Frau Lehrerin sein.

   Mariechen lächele über diese Lobesreden und blieb, wie sie war, still und bescheiden. Zuhause vermisste sie den Vater und um so enger schloss sie sich der Mutter an, zu der sie seit Kindertagen ein inniges Verhältnis besaß. Mit Schwester Elise, die den Haushalt führte, verstand sie sich ebenfalls gut. Sie bedauerte es sehr, dass ihre alte Vertraute, Frau Seiler, gestorben war. Sie besuchte oft das bescheidene Grab und bete für die Verstorbene: Sie fehlt mir sehr, ging es Mariechen durch den Kopf, wir waren so unterschiedlichen Menschen und doch gute Freundinnen. Was wiederum beweist, dass Standesdünkel zwischen die Menschen um die schönsten Dinge des Lebens bringen kann: Die echte und aufrichtige Freundschaft.

   Die meiste Zeit jedoch verbrachte Mariechen hinter ihren Büchern.

   »Du lernst und lernst«, seufzte Katchen, ihre Freundin aus Kindertagen, »dabei kannst du doch schon alles.«

   »Man kann nie genug lernen«, erwiderte Mariechen lächelnd.

   »Ich bin froh, dass die Schule vorbei ist«, seufzte die sechzehnjährige Katchen, »ich lerne die Hauswirtschaft und Nähen. Hoffentlich finde ich einen guten Mann.«

   »Hast du schon einen Jungen im Auge«, fragte die Freundin neugierig.

   »Jaa«, erwiderte Katchen gedehnt, »den jungen vom Waldnerhof. Wir haben einige Male miteinander getanzt und…«

   »Und was? Mir kannst du es ruhig sagen. Ich verrate dich nicht.«

   »Das weiß ich. Also, wir haben uns geküsst. Aber sage es niemand.«

   »Das versteht sich von selbst«, antwortete Mariechen und mehr zu sich selbst, »es muss ein sehr schönes Gefühl sein, aber ich entsage es mir.«

   »Warum«, fragte Katchen naiv.

   Mariechen überlegte einen Augenblick: »Weil es nicht mein Weg ist. Nicht die körperliche Liebe strebe ich an, sondern die göttliche. Ich warte darauf, dass der Meister zu mir kommt, denn nur ihn liebe ich. Liebe, welch ein großes Wort. Die Heiligen lieben ihn mit ihrer eigenen himmlischen Glut.  Ich werde sie nie verstehen, nie begreifen, so unendlich groß ist sie. In der Glut des Leidens erfahren wir Gottes Liebe, Leiden und Liebe gehören zusammen.«

   »Was redest du da«, fragte Katchen verwundert, »warum soll ich leiden, um einen Menschen lieben zu können?«

   »Das verstehst du nicht«, erklärte Mariechen nachsichtig, »Leiden löst von den irdischen Dingen und macht frei für die himmlische Liebe Gottes. Leiden läutert die Seele und macht sie bereit für Gottes unerschöpfliche Liebe.«

   »Möglich«, knurrte Katchen, »aber ich verstehe es trotzdem nicht. Wenn ich einen Jungen gerne habe, dann möchte ich nicht leiden, sondern ihn küssen und seine Zuneigung spüren.«

   »Ich sagte dir schon, dass wir nicht das Gleiche meinen. Lass es gut sein Katchen. Ich wünsche dir, dass du mit deinem Freund glücklich wirst. Jeder auf den Platz, auf den Gott ihn gestellt hat.«

   »Du bist zu intelligent für mich«, seufzte Katchen ergeben, »aber vielleicht hast du Recht. Warten wir es ab.«

   Die Ferien neigten sich dem Ende entgegen und Mariechen packte ihre Sachen. Sie verspürte eine innere Unruhe, ohne den Grund nennen zu können. Der Abschied von der Mutter fiel ihr besonders schwer. Sie umarmte sie mehrmals, und als sie endlich im Zug saß, war es ihr, als ob in ihrem Innersten unendliche Traurigkeit und Verlassenheit aufstiegen. Sie drückte sich fester in den Sitz und sah die schöne Mosellandschaft an sich vorübergleiten, während ihr Herz voll Trauer und Tränen in den Augen standen. Ein Erbarmen ohne Ende ergriff sie und wollte sie nicht mehr loslassen. Erst in Vallendar in der vertrauten Umgebung des Seminars löste sich die Spannung.

 

   An einem Vormittag gegen Ende April rief die Leiterin Mariechen zu sich. Auf dem Weg zu ihr wusste das Mädchen, dass etwas sehr schmerzhaftes geschehen war. Nein, es war ihr Gewissheit, den Grund zu kennen.

   Bevor Fräulein Wolter ihr ein Telegramm aushändigte, sagte sie schnell: »Ich weiß, was es beinhaltet. Meine Mutter ist gestorben.« Tränen liefen über das Gesicht.

   »Setzt dich mein Kind«, sagte die Leiterin mitfühlend und drückte sie auf die Couch. Sie selbst setzte sich in den gegenüberstehenden Sessel. Ein Augenblick der Stille trat ein.  

   »Woher wusstest du, dass deine Mutter gestorben ist?«

   » Ich träumte es letzte Nacht«, schluchzte Mariechen, »und sah das Sterbezimmer und die Menschen darin, hörte was gesprochen wurde und die letzten Worte der Mutter. Alles war so klar, so deutlich. Als ich erwachte, wollte ich es nicht glauben, obwohl mein Innerstes das Gegenteil sprach. Arme Mama. Als ich mich nach den Ferien von ihr verabschiedete, spürte ich, dass wir uns nicht mehr sehen würden, ein Abschied ohne Wiederkehr. Mama wusste es sicher auch. Eines ist tröstlich: Der Tod war barmherzig, sie litt nicht viel und ging schnell in die ewigen Herrlichkeiten. Gott sei ihrer Seele gnädig. Ich werde sie sehr vermissen. Erst Papa und nun sie.«

   »Das glaube ich gerne, mein armes Kind. Jetzt gehe und packe deine Sachen. Angelika soll dir helfen. Wir werden sehen, dass du den nächsten Zug noch erreichen kannst.«

   Mariechen nickte und verließ den Raum. Im Schlafsaal wartete Angelika und half ihr, die Sachen zu packen. Mariechen sah noch immer leichenblass aus. Die Freundin machte sich große Sorgen um sie.

   »Ich werde dich zum Bahnhof begleiten«, erklärte sie resolut, »und keine Widerrede. In diesem Zustand lasse ich dich nicht alleine. Am liebsten würde ich dich bis Düppenweiler begleiten, um sicherzugehen, dass du mir unterwegs nicht zusammenklappst.«

   »Das ist lieb von dir Angelika«, hauchte Mariechen, »aber ich schaffe das schon. Die Aufregung setzt mir im Moment heftig zu. Wenn ich im Zug bin, wird es sich legen.«

   »Hoffentlich.«

   Endlich war alles gerichtet und der Hausdiener brachte das Gepäck zum Wagen. Fräulein Wolter begleitete die Mädchen bis dorthin:

   »Pass gut auf sie auf, Angelika und setzte sie sicher in den Zug.«

   »Aber klar, Fräulein Wolter.«

   Diese nickte zustimmend: »Dann Gott befohlen Mariechen und meine Kondolenz an deine Familie.«

   »Vielen Dank Fräulein Wolter, für alles«, hauchte Mariechen.

   Der Wagen zog an und los ging die Fahrt. Fräulein Wolter sah ihnen nachdenklich nach, dann ging sie in den Speisesaal. Sie stand noch sehr unter den vergangenen Eindrücken und irgendetwas beschäftige sie. Nach dem Tischgebet blieb sie stehen und bat um Aufmerksamkeit:

   »Die Mutter von Maria Merten ist gestorben. Dieses Ereignis ertrug sie gottergeben. Ich habe kaum einen jungen Menschen mit dieser Seelenstärke gefunden. Maria ist eine Heilige, sie trägt den Verlust wie Maria unter dem Kreuze.«

   Am Bahnhof in Koblenz mussten die Freundinnen noch etwas warten. Die Zeit schien kaum zu vergehen. Wehmut lag über ihnen. Angelika hielt es nicht mehr aus:

   »Ich mache mir große Sorgen um dich. Hoffentlich kommst du gesund zurück. Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl, kaum zu beschreiben.«

   »Aber Angelika, natürlich komme ich zurück. Wir wollen doch im Mai zusammen das Examen machen.«

   »Das ist es ja«, stieß diese hervor, »ich glaube, dass wir uns nicht mehr wiedersehen. Du warst in diesen drei Jahren meine beste Freundin, ohne deine Hilfe wäre ich nicht soweit gekommen. Und so kurz vor dem Ende werden wir getrennt.«

Dicke Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie Mariechen umarmte. In diesem Augenblick lief der Zug ein. Der Hausdiener verstaute das Gepäck im Abteil, die Mädchen umarmten sich noch einmal, und Mariechen entschwand im Wagen. Die Lok zog an. Tränenüberströmt winkte sie der Freundin als letzten Gruß. Auch sie wusste, dass sie sich nicht mehr wiedersehen würden.

 

Die Beerdigung der Mutter lag hinter ihr, aber Mariechen kehrte nicht ins Seminar zurück. Sie wurde krank und lag die ersten Tage mit Nervenfieber im Bett. Schwester Elise pflegte sie hingebungsvoll. Mariechen war kaum ansprechbar und Schlimmeres stand zu befürchten. Nach ungefähr zehn Tagen besserte sich plötzlich der Zustand. Nun aber trat etwas auf, dass man als Seelenfinsternis bezeichnen könnte. Der Arzt war ratlos, was dagegen tun. Die Psychologie lag in dieser Zeit noch in den Anfängen. Mariechen verließ das Bett und nahm am Alltag der Familie teil. Aber sie wirkte abwesend und in sich selbst zurückgezogen, hatte kaum Appetit und sprach nur wenig. Elise machte sich große Sorgen um die kleine Schwester, ohne ihr wirklich helfen zu können.

   Mariechen ging sehr oft zum Grab der Eltern und setzte sich auf eine nicht weit entfernt gelegene Bank. Hier überblickte sie die Gräber, auch das von Frau Seiler. Wie schön muss es sein, dachte sie in diesen Augenblicken, wenn man tot ist. Man braucht sich um nichts mehr zu kümmern: Warum bist du so früh von dieser Welt gegangen, Mama, und lässt mich hier alleine zurück. Ich brauche dich doch, denn ich bin noch so jung, um alleine auf der Welt zu sein. Es ist so dunkel um mich herum, ich fühle nichts mehr. Bin ich noch unter den Lebenden? Ich habe Angst vor dem Leben, das ich nun ohne deine Hilfe meistern muss. Ich habe so an dir gehangen. Beten kann ich nicht mehr, Gott ist so fern. Warum hört mich keiner? Stille drang an ihr Ohr, kein Laut, keine Menschenseele sprach zu ihr.

   Mariechen stand auf und ging seufzend nach Hause. Entgegen ihren früheren Gewohnheiten half sie nicht im Haushalt, sondern suchte sofort ihr Zimmer auf, setzte sich auf einen Stuhl und starrte die Wand an. Nur zu den Mahlzeiten verlies sie den Raum. Die Familie war ratlos.

   »Du musst dich wieder dem Leben zuwenden«, sagte Elise eines Morgens nach dem Frühstück, als sie für einige Zeit alleine in der Küche waren.

   »Warum?« Mariechen sah sie mit leeren Augen an. »Es bringt doch nichts.«

   »Warum gibst du dich auf«, erwiderte Elise, »du hast doch noch so viel vor.«

   »Was denn?«

   »Welch eine Frage«, ereiferte sich die Schwester, »du bist noch so jung und das Leben liegt vor dir.«

   »Für mich nicht mehr. Ich sehe überhaupt nichts mehr. Alles ist leer.«

   Elise schüttelte energisch den Kopf: »Willst du alles aufs Spiel setzen, was du bisher erreicht hast? Was ist mit deinem Examen?«

   »Welches Examen?«

Elise erschauderte. Gegen so viel Unvernunft war nicht anzukommen: Ich könnte mich auch mit der Katze unterhalten, dachte sie resigniert, die hört mir aufmerksamer zu als unser Mariechen. Ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Wenn sie so weitermacht, landet sie früher oder später in einer geschlossenen Anstalt. Lange geht das nicht mehr gut.

   Elise, die Fünfundzwanzigjährige, eine schlanke Frau mit einem etwas strengen Gesicht, gutmütig, aber auch energisch, ein wenig altjüngferlich schon, war nicht der Mensch, der mit seiner Meinung hinter den Beg hielt. Sie kleidete sich einfach und schlicht und war sich sicher, keinen Mann mehr zu ehelichen. Nein, sie wollte das auch nicht. Der Tod der Mutter, deren Haushalt sie bisher führte, zwang sie, sich über ihre weitere Zukunft Gedanken zu machen. Hier im Elternhaus, das von einem jüngeren verheirateten Geschwisterteil übernommen wurde, war sicher bald kein Platz mehr für sie. Bestenfalls als billige Arbeitskraft. Aber daran war ihr auf Dauer nicht gelegen. Elises Begabungen lagen in der praktischen Hauswirtschaft und in der Pflege von kranken Menschen. Hatte sie nicht Vater und Mutter gepflegt?  Sie schien es versäumt zu haben, aus dem letzteren berufliches Kapital zu schlagen und sah jetzt keine Möglichkeit mehr, das zu ändern. Als sehr mitfühlender Mensch ging ihr das Schicksal der jüngeren Schwester sehr nahe. Elise glaubte zu wissen, wo Mariechen der Schuh drückte. Plötzlich überfiel sie ein Gedanke. Ich werde ihr die Mutter ersetzen. Sollte sie Lehrerin werden, so Gott will, werde ich ihr den Haushalt führen und für sie sorgen. Damit ist sie nicht alleine und wird wieder Mut fassen und ich habe eine Aufgabe.

   Nachmittags ging Elise in Mariechens Zimmer, da diese nicht wie gewohnt ihren Spaziergang absolviert hatte. Sie lag auf dem Bett, die Augen geschlossen und ihr Anblick erinnerte an eine mittelalterliche Königin auf ihrem Katafalk. Elise erschrak, denn das Bild erinnerte an den Tod. Der Anblick war erschreckend und anrührend zugleich. Aber das durfte nicht sein. Elise wollte sie nicht bei den Toten belassen, sondern ins Leben zurückführen. Resolut rüttelte sie daher das Mädchen, bis sie die Augen öffnete.

   »Du hast heute Nachmittag keinen Spaziergang unternommen.«

   »Wozu das?« hauchte Mariechen, »es ist alles sinnlos.«

   »Sinnlos ist gar nichts«, erwiderte Elise, nahm einen Stuhl und setzte sich neben das Bett. »Hör zu, so geht das nicht weiter. Du leidest unter dem Verlust von Mama. Das tue ich auch, denn sie war unsere Mutter, falls du das vergessen hast. Ich will nicht zu dir sagen: Reiß dich zusammen, dafür ist das alles zu tragisch. Aber das Leben geht weiter. Eine Generation stirbt und macht der nächsten Platz. So ist der Lauf des Lebens, den wir nicht ändern können. Mama ist von uns gegangen. Du warst ihr Sonnenschein, auf dich baute und vertraute sie. Sie war so stolz darüber, dass du Lehrerin wirst, und sehnte den Tag des Examens herbei. Noch zuletzt sprach sie von dir. Und was machst du?  Wirfst deine guten Gaben in den Dreck und bemitleidest dich selbst. Mama wollte, dass du ein Marienkind wirst, das warst du in ihren Augen und du setzt alles aufs Spiel.«

   »Hör auf Elise«, schrie Mariechen und hielt sich die Ohren zu, während Tränen über die Wangen liefen.

   »Warum willst du deine guten Gaben wegwerfen«, fuhr Elise unbarmherzig fort, »du bist sehr feinfühlig, mitfühlend, sensibel und hilfsbereit. Du bist dazu berufen, anderen Menschen in der Not zu helfen. Willst du dich vor dieser Verantwortung drücken? Bitte schön tue, was du willst. An Schicksalsschlägen wird unser Leben reich sein. Aber man wächst mit der Aufgabe. Du bist sehr verantwortungsbewusst, dann stehe auch dazu. Im Gebet findest du Kraft und Hilfe. Damit kannst du zur Abwechslung mal beginnen, als in Selbstmitleid zu zerfließen. Übrigens, es gibt Kinder, denen es weit schlimmer ergeht als dir, die ihre Eltern verloren und keine Geschwister mehr haben.« 

   Damit stand Elise auf und verließ das Zimmer. Sie wusste, dass sie der Schwester mächtig zugesetzt hatte. Aber hier half nur eine Schocktherapie, um sie aus ihrer selbst gewählten Enge zu befreien.

   Mariechen lag unterdessen still auf dem Bett, während die Tränen über ihre Wangen liefen. Die Worte Elises hingen im Raum. Sie schloss die Augen, und als sie diese nach einigen Minuten wieder öffnete, stand die Mutter neben ihrem Bett.

   »Meine arme Kleine«, sagte sie mit leiser Stimme, »warum grämst du dich so. Mir geht es hier sehr gut. Meine Zeit auf Erden war um, die deine ist es noch nicht. Elise hatte in ihrer direkten Art recht: Wirf nicht deine guten Gaben weg. Gott schaut auf dich, denn er liebt dich, eine Bevorzugte des Himmels.«

   »Mama«, rief Mariechen in größter Aufregung, »Mama.« Und griff mit beiden Händen nach ihr. Aber da war niemand mehr, das Zimmer schien leer. Sie ließ sich zurück aufs Bett fallen und schloss die Augen: Es war Mama gewesen, das war klar, darüber gab es keine Zweifel. Eine Bevorzugte es Himmels soll ich sein, du lieber Gott, wie könnte ich das und wie kläglich habe ich bisher versagt. Sie überlegte einen Augenblick: »Oh Jesus, verzeihe mir bitte meine Schwäche. Es tut mir leid, dass ich dich in meinem Schmerz vergaß. Aber nun stehe ich auf, um mich an die Arbeit zu machen. Eine große Aufgabe wartet auf mich und ich möchte den Herrn nicht enttäuschen.« Damit sprang sie auf, zog sich Schuhe und die Jacke an und verließ eilends das Haus, ohne nach rechts und links zu schauen. Elise sah ihr verwundert nach: Was ist denn in die gefahren?

   Mariechen lief in die Kirche und kniete vor dem Tabernakel nieder: »Jesus, ich werde mich meiner Verantwortung stellen. Sollte ich wirklich eine Bevorzugte des Himmels sein, gebe ich meine ganze Kraft, um mich dieses Ehrentitels würdig zu erweisen. Ich weiß, dass ich dabei nicht auf Rosen gebettet werde, sondern Leid und Elend erfahre. Deine Liebe gibt mir die Kraft dazu. Opfer sind die Brennstoffe der Liebe, sie wächst dadurch und verlangt mehr Nahrung. Sich selbst hassen und verleugnen, ohne jede andre fühlbare Stütze, ohne Halt und Trost, weder von Gott noch den Menschen, das ist schwer, sehr schwer. So schwer diese Prüfung auch ist, so notwendig ist sie. Nur so wird die Seele geläutert und geht ein in die reine Liebe.«

   »Übernimm dich nicht«, sagte eine klare Stimme, »es reicht, wenn du zu mir stehst.«

   »Das werde ich o Jesus«, jubilierte Mariechen voll Freunde, »aus ganzem Herzen und ganzer Seele.«

Wie leicht doch alles jetzt war, das Bedrückende und Schwere schien von ihren Schultern genommen. Den Ehrentitel Bevorzugte des Himmels wollte sie sich verdienen, auch unter Einsatz des Lebens. Damit bekam ihr Leben wieder Richtung und Ziel und die Depressionen verschwanden. Mariechen stand auf, leicht und heiter wie der schöne Frühlingstag und verließ mit freudigem Herzen die Kirche. Sie hatte Gewissheit, und diese würde sie in ihrem weiteren Leben nicht mehr verlassen.

   Zuhause angekommen trat sie fröhlich in die Küche, in der Elise mit einer Schwester arbeitete »Kann ich helfen«, rief sie und lachte über das ganze Gesicht.«

   Elise schaute sie misstrauisch an: »Was ist denn in dich gefahren? Eben noch zu Tode betrübt und jetzt jubilierend wie ein Vögelchen. Du hast doch nicht etwa…?«

   Mariechen lachte aus vollem Hals und umarmte die Schwester: »Oh nein Elise, sicher nicht. Ich fühle mich so frei und unbeschwert, dank seiner Hilfe, liebes Schwesterlein.«

   Elise tippte sich an die Stirne: »Ich weiß nicht, ob bei dir da oben alles richtig tickt. Aber was solls. Wir brauchen hier keine Hilfe. Geh lieber wieder an deine Bücher, wenn du etwas Sinnvolles tun willst.«

   »Ja sicher«, rief Mariechen ausgelassen, »und ich schreibe heute noch Angelika, damit sie mir die restlichen Unterlagen schickt. Im Herbst mache ich das Examen, ganz klar.«

Elise lächelte. Anscheinend war bei der Kleinen der Groschen gefallen. Meine Therapie hat gewirkt. Ich kenne mich da besser aus als die medizinischen Quacksalber. Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen.

   Nach dem Abendessen werkelte sie noch alleine in der Küche herum, Mariechen gesellte sich zu ihr. Elise sah sie prüfend an: »Alles in Ordnung bei dir?«

   »Oh ja, ich fühle mich wieder besser. Es geht aufwärts.«

   »Wunderbar«, nickte Elise und setzte sich zu ihr an den großen Tisch, «dann höre mir bitte zu. Ich habe so meine Gedanken über die Zukunft. Die Eltern sind tot und damit erlischt das elterliche Hauswesen. Früher oder später bin ich hier überflüssig.« Mariechen wollte etwas erwidern, aber Elise winkte ab. »Laß mal, es ist so. Ich habe da eine Idee. Im Herbst machst du das Examen und danach bekommst du sicher eine Stelle. Ich gehe mit dir und werde dir den Haushalt führen. Du bist nicht alleine und ich habe eine Aufgabe. Was hältst du davon?«

   Mariechen schaute die Schwester mit großen Augen an, dann aber stand sie auf und umarmte sie ausgelassen: »Mensch Elise«, rief sie freudig, »das ist die Lösung aller unserer Probleme.«

   »Sicher«, strahlte diese, stand auf und kehrte nach einer Weile mit einer Flasche Wein und Gläser zurück. Sie öffnete diese und schenkte ein:

   »Auf unser Zusammensein«, sagte sie, während sie das Glas erhob.

Mariechen stieß freudig mit ihr an und besiegelte den Bund für die nächsten Jahre.

   In den folgenden Wochen erholte sie sich immer mehr. Die Krise war überwunden, und sie ging gestärkt aus ihr hervor. Mariechen war erwachsen geworden und bereit, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.

 

Die Bilder an der Wand erloschen. Blandine lag still in ihrem Bett, tief ergriffen von dem, was sie gerade gesehen hatte. Oh wie lange lag das zurück? Jesus erriet die Gedanken und lächelte. Er ließ ihr ein wenig Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten.

JESUS Da haben wir ja viel gesehen und gehört. Ich denke, dass die Jahre im Seminar für deine charakterliche Ausbildung die Wichtigsten waren. Hier stelltest du die Weichen für das spätere Leben.

BLANDINE Meinst du?

JESUS Therese von Lisieux beeinflusste dich sehr. Sie gab deinem Streben Richtung und Ziel. Aber warum gingst du nach der großen Krise nicht sofort in einen katholischen Orden, wie dein großes Vorbild Therese?

BLANDINE Ich wollte meine Ausbildung beenden und einen Beruf ergreifen.

JESUS Sehr ungewöhnlich für ein Mädchen damals. Die meisten suchten ihr Heil im häuslichen Bereich. Du warst in diesem Punkt deiner Zeit weit voraus, eine moderne junge Frau.

BLANDINE Schon möglich. Täusche ich mich da, aber du sprichst nicht sonderlich begeistert von Therese von Lisieux.

JESUS Sie war keine Heilige, sondern eine bemitleidenswerte, arme, junge Frau, schwer depressiv und unglücklich. Am Ende des 19. Jahrhundertes, im sicheren Bollwerk des Karmels, verlor sie ihren Glauben. Ihre ältere Schwester manipuliere die schriftlichen Zeugnisse und wird den Heiligenbetrieb mächtig ankurbeln. Unter dem frommen Kitsch wurde ihr armes Schwesterlein begraben.

BLANDINE Aber die Wunder, die ihr zugeschrieben werden und die ungeheure Verehrung, die man ihr entgegenbringt.

JESUS Wunder, was ein Wort. Den Menschen fehlt der rechte Glaube, daher verlangen sie ständig danach. Vieles, was man über ihre Wundertaten berichtet, ist überzogen, verfälscht und der Wunsch ist der Vater des Gedankens.

BLANDINE (lächelnd) Und Lourdes?

JESUS (lächelnd) Meine liebe Blandine, du vermischst Äpfel mit Birnen. Das Mirakel von Lourdes steht auf einem völlig anderen Sockel.

BLANDINE Aber die himmlischen Mächte…

JESUS Bernadette Soubirous hatte Marienerscheinungen, während Therese im Kloster den Glauben verlor. Nur durch die unverschämten Manipulationen ihrer Schwester geriet sie in den Geruch der Heiligkeit.

BLANDINE Das weiß heute aber noch niemand.

JESUS Es wird auch noch lange dauern, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Und dann werden viele sie nicht glauben. Die Amtskirche schon gar nicht, denn sie ist ja unfehlbar und ein einmal gesprochenes Urteil bleibt bestehen, auch wenn es sich um einen Irrtum handelt.

BLANDINE Was hat das mit mir zu tun?

JESUS Deine Kindheitsgeschichte gleicht in vielen Punkten der von Therese. Allerdings gings du dann einen anderen Weg. Ich sagte es bereits: Du warst deiner Zeit in einigen Dingen weit voraus. Das gilt auch für deine soziale Einstellung.

BLANDINE Das wurde mir in die Wiege gelegt. Schon meine Eltern übten sich in den Werken der Barmherzigkeit. Ist das nicht eine christliche Tugend und Verpflichtung? Sagtest du nicht in der Bergpredigt: Selig die Armen, denn ihrer gehört das Himmelreich.

JESUS (lachend) Die Armen im Geiste, die Einfältigen und Einfachen. Die wurden von der heiligen Kirche im Laufe der Jahrhunderte im Stich gelassen und mit diesem Zitat auf das Jenseits verwiesen. Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts ging an der Kirche vorbei, nicht umsonst entstanden Sozialismus und Kommunismus.

BLANDINE Von Politik verstehe ich nichts. Ich wollte möglichst vielen Menschen helfen und ihre Not lindern.

JESUS Das glaube ich dir. Wir wollen sehen, wie sich das weiterentwickelte. Machen wir eine kleine Pause, bevor wir fortfahren.   

 

Ende der Leseprobe

Eine weitere umfangreiche Leseprobe befindet sich auf: www.neobooks.com