Leseprobe: Der heilige Geldschrank

1. Fassung: 1.12.2014

3. Fassung: 31.12.2015

von Günther Drutschmann

für mein Egelchen Ellen

Der Roman  beschreibt kritisch das Leben eines unbekannten Trierer Bürgers, der im Ruf der Heiligkeit steht.

Der Roman ist nicht veröffentlicht.

 

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

1. Kapitel: In der Johanneskirche

2. Kapitel: Das Jahr 1848 

3. Kapitel: Vor den Bismarckschen Kriegen 

4. Kapitel: Krieg, der Vater aller Dinge  

5. Kapitel: Hochmut kommt vor dem Fall: Der Streiter für den Glauben.

6. Kapitel: Jahre der Bürgerlichkeit: 

7. Kapitel: Der Abgeordnete 

8. Kapitel: Vor dem großen Krieg 

9. Kapitel: Das große Sterben 

10. Kapitel: Abgesang

 

Text:

Vorwort

Der Roman schildert das Leben eines im Geruch der Heiligkeit stehenden Mystikers. Ich bemühe mich, das Leben eines Menschen in all seinen Facetten zu zeigen und zu ergründen, warum er so handelte. Es sind nicht die üblichen Heiligenmärchen mit überzogenen Verklärungen. Dabei stand das Wirken eines unbekannten Trierer Lokalheiligen Pate. Das bedeutet aber nicht, dass die im Roman beschriebenen Personen und Handlungen tatsächlich stattfanden. Sie stehen stellvertretend für Menschen in einer bewegten Zeit. Der Rest ist schriftstellerische Freiheit.

Alles in diesem Buch geschriebene ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind nur in ihrer Stellvertreterfunktion zu sehen. Wer dennoch Vergleich anstellt und Parallelen zieht, ist es selber schuld.

 Im Gedenken an meine am 4. September 2014 plötzlich verstorbene Ehefrau Ellen

 

1. Kapitel: In der Johanneskirche

 

   "Halodrio Fährmann", rief eine Stimme an den dunklen Ufern des Styx. "Hol über."

Ein großer Kahn kam langsam herangeglitten, fast lautlos. Ein Riese mit einem von wind- und wettergegerbten Gesicht stand darauf und steuerte mit einem langen hölzernen Stecken das unheimliche Gefährt. "Was willst du", brummte der Alte.

   "Hinübersetzen, was denn sonst."

   "Für gewöhnlich geht die Fahrt nur in eine Richtung", erwiderte der Fährmann unwillig. "Wer bist du und wer gibt dir das Recht, diese Reise anzutreten?"

   "Im Leben nannte ich mich Bonifatius Tugendsam, von allen Boni gerufen. Ich habe einen Auftrag erhalten, von allerhöchster Stelle."

   "So, so, von allerhöchster Stelle", grinste der Fährmann.

   "Komm schon Charon", drängte Boni. "Lass dich nicht solange bitten. Ich habe es eilig, meine MIssion kann nicht warten, bis du dich besonnen hast."

Zwischenzeitlich war der Kahn nahe an das Ufer gelangt. Der Fährmann winkte. Boni, ein großer breitschuldriger Mann mit einem strengen Gesicht mit Vollbart und schütterem Haar, so um die fünfzig, sprang leichtfüßig auf das Gefährt und setzte sich auf eine Bank. Der Fährmann war im Begriff abzulegen, aber lautes Rufen hielt ihn zurück: "Charon, hallo, warte einen Moment. Ich komme auch mit."

   "Heute scheint viel Volk unterwegs zu sein und alle in die falsche Richtung. Hast du auch eine wichtige MIssion zu erfüllen? Was wollt ihr zwei Friedhofsgespenster in der Welt der Lebenden?"

Der mittelgroße Mann mit einem gewaltigen Vollbart und langen Haaren sah mit wildem Gesichtsausdruck auf den Fährmann: "Das geht dich einen Dreck an, du altes Gerippe. Ich habe vor dir keine Angst", und setzte sich neben Boni. "Gestatten. Karl. Kennen wir uns?"

   Boni schüttelte den Kopf: "Das glaube ich nicht. Wir beide haben nur eines gemeinsam - unsere Geburtsstadt Trier."

   Karl lachte: "Das stimmt allerdings Landsmann. Ich denke, wir streben das gleiche Ziel an. Was führt dich in die alte Heimat Sportsfreund?"

   "Ein Jubiläum."

Der Kahn hatte inzwischen abgelegt und glitt auf den dunklen Wassern des Styx. Charon lachte: "Da sind ja die richtigen zusammen. Der Pfaffenfresser und Bürgerschreck mit dem Pfaffenspeichellecker und Geldsack. Eine illustere Gesellschaft."

   Boni grinste: "Ich habe nie vor den Priestern gedienert."

   "Und ich wollte kein Bürgerschreck sein, entstammte ich doch aus dem Bürgertum und liebte sehr den Luxus."

Charon lachte so sehr, dass er beinahe aus dem Kahn gefallen wäre: "Ihr seit mir zwei ganz ausgebuffte Hallodris." Karl und Boni grinsten sich an.

Der Kahn glitt unterdessen weiter, dichte Nebelschwaden stiegen aus dunklen Wassern auf. Der Strom war unendlich lang und so breit, dass sie kein Ufer mehr sehen konnten. Die Bordlaterne verbreitete ein fahles, unheimliches Licht. Ab und zu blitzte es über ihren Köpfen kurz auf, Schatten tanzten einen Augenblick vor ihren Augen und wurden sofort wieder vom Nebel verhüllt.

Unsere Fahrgäste schien das nicht weiter zu stören. Sie daßen ruhig und entspannt nebeneinander auf der Holzbank.

   "Ein Jubiläum, so so", sagte Karl plötzlich. "Was gibt es für dich zu feiern?"

   "Meinen hundertsten Todestag", erwiderte Boni trocken. "Ich starb im Dezember 1918 und beging die Fahrt mit diesem Friedhofsgespenst da vorne."

   "Selber eins", knurrte Charon.

   "Ein heiliger Mann wie du fährt mit einem heidnischen Todesboten", wunderte sich Karl. "Ich dachte, der wäre nur für Leute wie mich da."

   "Tja mein Lieber. Wenn das so einfach wäre. Als ich einst ein großer Gelehrter war, dacht ich..."

   "Ihr beide seit Hohlköüfe", fuhr Charon dazwischen. "Ihr führtet eure Mitmenschen an der Nase herum."

   "Oh, der weise alte Mann", höhnte Karl. "Halts Maul. Deine Meinung ist nicht gefragt."

Der Kahn zog indes weiter und plötzlich veränderte sich die Umgebung. Ein Ufer kam in Sichtweite. Lichter blitzten auf, helle Straßen und befestigte Böschungen. Jetzt erkannte man Häuser. Lärm drang an der Reisenden Ohr. Man war am Ziel.

   "Ihr könnt aussteigen", sagte Charon finster und legte am Ufer an. "Ihr kennt euch hier ja aus. Ich hole euch zur festgesetzten Zeit wieder ab. Macht zwei Gulden."

   "Diese Währung gibt es hier heute nicht mehr", lachte Boni und gab dem Alten zwei Silberstücke. "Das Geld dieser Leute ist so weich wie Butter, es schmilzt dir in der Hand. Einen schönen Abend noch lieber Charon."

   "Haut bloß ab ihr beiden Friedhofsgespenster", knurrte der Alte

Die lachten und betraten einen gepflegten Uferweg, während der Kahn langsam ihren Blicken entschwand.

Unsere beiden Reisenden schienen sich hier wirklich gut auszukennen. Zielstrebig überquerten sie die Moseluferstraße und gelangten auf einen großen Platz. "Hier war ich mal zuhause", sagte Boni wehmütig.

Sie gingen weiter und standen nach kurzer Zeit vor einer großen Kirche. Boni nickte und erklärte mit bewegten Stimme: "Die gute alte Johanneskirche. Ich bin nun wirklich zu Hause."

   "Die stand zu meiner Zeit aber noch nicht hier", erwiderte Karl.

   Boni nickte: "Du, mein lieber Karl, starbst 1883. Diese Kirche wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Wollen wir hineingehen?"

   "Warum nicht", lachte Karl. "Es kostet ja nichts."

Sie betraten die Kirche, die jetzt um Mitternacht still und dunkel dalag. Im Altarraum brannte das Ewige Licht. Sie gingen durch den Mittelgang und setzten sich in eine der vorderen Bänke, die vor dem großzügig gestalteten Altarraum standen.

   Boni wies mit der Hand nach rechts: "Dort, vor dem kleinen Seitenaltar, liege ich begraben. Umgeben von großen Eisengittern, damit die Pilgerscharen mich jederzeit durch den Seiteneingang besuchen können. Irgendwie erinnern mich diese Gitter an Geldschränke." Er lachte schallend.

   "Kommen viele", fragte Karl.

   "Es hält sich in Grenzen", grinste Boni. "Ich bin ja noch nicht einmal kanonisiert."

   "Warum nicht?"

   "Erstens hat die Pfarrei nicht soviel Geld, um den aufwendigen Prozeß in Rom zu führen und zweitens denke ich, dass den Herrchen dort einiges in meinem Leben nicht gefällt."

   Karl nickte zustimmend. Dabei schaute er sich um: "Eine schöne KIrche."

   "Oh ja", stimmte Boni eifrig zu. "Sie gefiel mir von Anfang an. Großzügig gestaltet und dennoch schlicht. Zu meiner Zeit waren die Gewölbe über dem Hochaltar bemalt. Bei der Renovierung in den 60er Jahren fiehlen sie der Entmystifizierung zum Opfer, genauso wie der schöne Hochaltar und die Kommunionbank. Dafür installierte man diese schreckliche Kreuzigungsgruppe. Sie mag kulturhistorisch wertvoll sein. Ich fine sie widerlich. Es ist da allerdings eine Sache..."

   "Du bist ein zu nüchterner Mensch mein Lieber."

   "Als Banker zählten für mich nur Fakten und Zahlen."

   "Wie vereinbarte sich das mit deinen mystischen Erlebnissen?" Karl schaute seinen Banknachbarn mit zweifelnden Blicken an.

   "Jeder hat irgendwelche Leichen im Keller", kommentierte Boni trocken. "Bist du in deinem Leben immer lupenrein gewesen?"

   "Sicher nicht", lachte Karl, "aber ich möchte ja auch nicht kanonisiert werden."

Sie schwiegen einen Augenblick. Das Ewige Licht am Altar flackerte leicht.

   Karl nahm erneut das Wort: "Du bist in einer Mission in allerhöchstem Auftrag unterwegs? Was soll das sein? Wenn ich dein Leben betrachte, du warst ein langweiliger, staubtrockener Prinzipienreiter. Wen interessiert das heute schon? Deine Bücher strotzen vor Langeweile und die darin enthaltenen Weisheiten locken keine Katze mehr hinter dem Ofen hervor. Welche Mission sollte so ein langweiliger Typ wie du heute erfüllen?"

   Boni grinste: "Und du mein Lieber? Deine Weisheiten scheinen mir ebenfalls überholt. Außerdem irrtest du dich um ein Jahrhundert. Die Zeit des Spätkapitalismus ist jetzt."

   Karl lachte schallend: "Als ehemaliger Banker verstehst du etwas davon. Das muss man dir lassen. Du hast Recht. Wir beide sind alte Fossile ohne besonderen Wert."

   "Immerhin lieber Karl, verändertest du mit deinem Geschreibsel die Welt, du befreundeter Gegner des Bürgertums. Ich hingegen riss mit meinen mystischen Ergüssen die Welt nicht aus den Angeln." Boni überlegte einen Augenblick: "Aber eines haben wir gemeinsam. Wir standen auf der verkehrten Seite des Lebens."

   "Ich wollte das Los der notleidenden Arbeiterschaft lindern", verteidigte sich Karl.

   Boni lachte: "Du warst von den ausgebeuteten Arbeitern so weit entfernt wie die Erde von der Sonne."

   "Und du führtest deine Mitmenschen und die Nachwelt an der Nase herum, du trockener Prinzipienreiter."

Wieder trat ein Moment der Stille ein. Unsere beiden Besucher hingen ihren Gedanken nach.

   "Also nun", sagte Karl plötzlich. "Was ist nun deine Mission?"

   "Ich darf nocheinmal auf die Erde zurückkehren und mein Leben überdenken."

   "Ist das alles?"

   "Reicht dir das nicht?"

   Karl nickte schließlich: "Ich habe meine irdische Mission schon lange erfüllt. Meine Weltrevolution brachte eine Ausgeburt des Teufels an die Macht."

   Boni sah den Begleiter fragend an: "Was willst du damit sagen?"

   "Jeder von uns, ob groß oder klein, bedeutend oder unbedeutend trägt eine Mitschuld an den Dingen, die sich in seinem Leben abspielen. Ich wollte die Welt verändern und machte den Weg frei für ein Ungeheuer. Indem die alte bürgerliche Ordnung zerfiel, wurden Kräfte geweckt, die zerstörerisch wirkten. Das war nicht meine Absicht und verhindern konnte ich das auch nicht."

   Boni sah ernst in Karls Gesicht. Schließlich sagte er langsam und nachdenklich: "Ich denke, so Unrecht hast du nicht. Vielleicht darf ich deshalb mein Leben nocheinmal betrachten. An dessem Ende stand auch eine Höllenfahrt. In meinem großbürgerlichen Hochmut erkannte ich die Gefahr nicht."

   Und eine Stimme erschallte laut von der Decke über dem Hochaltar: "Dann wollen wir einmal sehen, was ihr beiden Komiker uns eingebrockt habt. Ha, ha, ha." Ein lautes Lachen ertönte und plötzlich erstrahlte der Altarraum in einem hellen Licht.

   Unsere beiden Besucher erschraken sehr. Die Stimme jedoch fuhr munter fort: "Na los, ich möchte etwas hören!"

   "Wer bist du und was willst du von uns?" Bonis Stimme klang unsicher und ängstlich.

   "Der Teufel sicher nicht", lachte Karl, der sich wieder gefasst hatte.

   "Immer noch der alte Lästerer", erwiderte die Stimme. "Ich bin der, den ich sein will und den ihr erkennen wollt. Das muss euch genügen. Ihr beiden komischen Vögel.

   "An Grobheit bis du kaum zu überbieten", maulte Karl.

   Die Stimme lachte schallend: "So ist es, du Abgesandter der Kominform. Zu eurer Lebenszeit machtet ihr ordentlichen Wind. Ich gebe hier Gelegenheit, euer Leben noch einmal zu überdenken. Boni, du warst ein Büttel des reinen Kapitalismus und kontest scheinbare Widersprüche gut miteinander vereinbaren. Außerdem veralbertest du dein Umfeld und die Nachwelt. Jetzt hast du Gelegenheit, darüber nachzudenken. Karl, du brauchst nicht so blöde zu grinsen. Deine Lebensgeschichte ist zwar bis zum Abwinken bekannt, so dass man sie kaum mehr hören kann. Aber vielleicht ergeben sich Gesichtspunkte, die zu überdenken wären. Also los Boni, du erzähst jetzt und wir hören gespannt zu."

 

2. Kapitel: Das Jahr 1848

   "Was ist das denn?" Ich stand als Achtjähriger vor meiner Schule auf dem Hildegardisplatz und schaute verwundert auf das, was sich da vor meinen Augen abspielte. Eine aufgeregte Menschenmenge drängte sich an mir vorbei, Arbeiter, Handwerksburschen in ihrer Kluft, Fähnchen schwenkend, dazu junge Leute mit Schülermützen, dann wieder junge Kommis und Handlungsgehilfen. Sie johlten, riefen und sangen. Einige schwenkten großen Fahnen in den Farben Schwarz-Rot- Gold. Ich kam soeben aus der Schule. Mein Lehrer, Johann Tugendsam, zugleich mein Vater, stand neben mir.

   "Was ist das Papa", fragte ich mit unverhohlender Neugierde.

   "Es ist das Volk", antwortete dieser.

   "Das Volk, was ist das?"

   "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", erscholl es jetzt aus der johlenden Menge.

   "Das habe ich doch schon mal gehört", knurrte mein Vater, ein großer schlanker mann, der sich kerzengerade hielt. Er liebte das Militär und war früher Feldwebel beim alten Rosen gewesen. Danach wurde er Elementarlehrer an unserer Volksschule St. Johannes.

   "Wo denn Papa", fragte ich neugierig.

   "Vor vielen Jahren gab es einmal eine Revolution und die endete mit vielen abgeschlagenen Köpfen", erwidert er mit finsterer Miene.

   "Das glaube ich gerne", sagte eine tiefe Stimme hinter uns. Wir fuhren herum und das stand der Dechant von Bellingen vor uns. Ein gewaltiger Herr und Pastor unserer Gemeinde. "Gefällt Ihnen das Tugendsam?"

   "Das kommt auf den Standpunkt an Hochwürdiger Herr. Die armen Teufel dort wissen es nicht besser."

Zwischenzeitlich war die johlende Menge weitergezogen, der Lärm drang nur noch verhalten an unsere Ohren.

   "Aufruhr und Meuterei haben noch nie etwas gebracht", erklärte der Pastor mit feierlicher Stimme. "Sie als altgedienter Feldwebel müssen das wissen."

   "Sicher", erwiderte mein Vater, "aber die Zeichen der Zeit stehen auf Unruhe. In Berlin gab es Kämpfe und der König ritt mit der revolutionären Fahne durch die Stadt. Wenn schon mein oberster Dienstherr..."

   "Der bin ich lieber Tugendsam, die Schule untersteht der Kirche", schnitt der Pastor meinem Vater das Wort ab. "Haben Sie das vergessen?"

   "Ich diene der Heiligen Kirche und dem König", erklärte mein Vater lapidar.

   "Es steht schon in der Bibel, dass man nicht zwei Herren dienen kann."

   "Da steht aber auch, dass man dem Kaiser geben soll, was des Kaisers ist und Gott, was Gott ist", konterte mein Vater.

   "Ich weiß nicht, ob ich Ihren Standpunkt gutheißen kann", sagte von Bellingen in provozierendem Ton. "Der preußische Staat steht nicht auf der Seite der katholischen Kirche. In der Schule haben Sie nach meiner Pfeife zu tanzen."

   Mein Vater wurde hochrot im Gesicht: "Mein Gehalt beziehe ich vom Staat, das haben Sie wohl vergessen. Sie denken, dass Sie sich alles erlauben können, aber da sind Sie bei mir am falschen. Ich lasse mich von Ihnen nicht belehren."

   "Sie können Ihren Dienst jederzeit quitieren", knurrte der Pastor.

   "Das würde Ihnen so passen. Ich sagte es schon, Sie führen die Aufsicht, aber Sie sind nicht allmächtig. Ich unterstehe dem preußischen Unterrichtsministerium. Erklären Sie Ihren Standpunkt doch einmal der Bezirksregierung."

   "Das könnte Ihnen so passen", zischte der hochwürdige Herr.

   "Einen schönen guten Tag", beendete mein Vater das Gespräch, nahm mich bei der Hand und zog mich mit fort. Wir gingen durch das nahegelegene Schultor auf unsere Wohnung zu, die gleichfalls im Schulgebäude lag. Mein Vater schloss die Haustüre auf und wir traten ein. Ein angenehmer Duft umfing uns. Mamas gutes Essen, ging es mir durch den Kopf.

Wir betraten die große Küche und richtig. Mama stand am Herd und werkelte. Sie drehte sich zu uns: "Das Essen ist gleich fertig. Wascht euch die Hände."

Ende des Kapitelauzugs

 

3. Kapitel: Vor den Bismarckchen Kriegen

Der Tag meiner Abreise nach preußisch Berlin rückte immer näher. Meine Aufregung stieg, was würde mich dort erwarten? Diesen Gedanken verdrängte ich fürs erste. Meine beiden Freunde würden zur gleichen Zeit abreisen, Poldi nach Tübingen zum Medizinstudium und Toni nach Bonn zum Jurastudium. Sie waren so aufgeregt wie ich. Es hatte auch etwas gutes: Ich würde bis Bonn mit Toni zusammenreisen.

An unserem letzten gemeinsamen Abend saßen wir drei in unserer Stammkneipe. Poldi und ich tranken Bier, Toni Wein. Dazu rauchten wir als angehende Studenten nachtschwarze Zigarren. Rings um uns der lebhafte Trubel der Kneipianer. Uns hingegen war das Herz doch etwas schwer.

   Eine aufkommende Schwermut beendete der unverwüstliche Poldi: "Los Jungs, lasst den Kopf nicht hängen. Wir sind hier nicht auf einer Beerdigung. Also Prost, Kommilitonen." Wir tranken uns gegenseitig zu.

   "Es trifft sich gut", erklärte der nicht kleinzukriegende Poldi, "dass du und Toni zusammen fahren könnt. Dieses Glück ist mir leider  nicht beschieden. Es wird für mich eine Irrfahrt werden, bis ich endlich in Tübingen ankomme."

   "Die Eisenbahn steckt bei uns halt noch in den Kinderschuhen", bemerkte ich.

   Poldi nickte: "Wir sind der Arsch der preußischen Rheinprovinz. Boni, wenn du in Berlin bist, musst du da unbedingt ändern."

   Wir lachten herzlich. "Klar", erwiderte ich, "ich werde sofort diesbezüglich beim König vorstellig werden."

   Erneutes herzhaftes Gelächter. Dann meine Poldi: "Mal im Ernst, es ist wirklich eine Schande, wie langsam der Eisenbahnbau hier vonstatten geht. Gerade mal bis Konz hinaus. Es ist ein Skandal. Am Rhein sind sie schon viel weiter. Wie kommt ihr übrigens hin?"

   "Wir fahren mit Tonis herrschaftlicher Kutsche", erklärte ich.

   "Es wird eine zwei bis drei Tagesreise werden", ergänzte dieser. "Durch die Eifel, und das ist auch kein Zuckerschlecken."

   "Ab Bonn kann ich die Eisenbahn nehmen", erklärte ich weiter. "Auch dann ist es bis Berlin noch ein weiter Weg. Ich muss mehrmals umsteigen."

   Wir schwiegen einen Augenblick. "Man beginnt aber, ab Köln durch die Eifel einen Anschluss zu bauen", fuhr ich fort. "Das ist strategisch wichtig. Allerdings, bis diese Strecke fertig ist, bin ich mit dem Studium auch am Ende."

   "Wir werden uns lange nicht sehen", warf Toni leise ein. "Sicher nur in den Semesterferien."

   "Wir schreiben uns und halten so die Verbindungen aufrecht", sagte Poldi mit fester Stimme. "Nichts kann einen großen Geist erschüttern." Dem stimmten wir anderen lebhaft zu und zurrten in der verrauchten Kneipe unsere Freundschaftsbund enger.

Von Trixi hatte ich mich wenige Tage vorher im Palastgarten in einer verschwiegenen Ecke verabschiedet. Sie zog mich fest an sich und küßte mich leidenschaftlich, während die Tränen über ihr zarten Gesichtchen rollte: "Vergiss mich nicht in diesem großen Berlin."

   "Niemals", log ich. "Wer könnte dich vergessen."

Nun endlich war der große Tag da, ein wunderschöner Herbsttag. Ich stand mit den Eltern im Hof des Wallersteinschen Palais. Unter Gepäck verstaute ein Bediensteter mit sicherer Hand.

Dann ein letzter Gruß, Händeschütteln und wir bestiegen die große Kutsche. Der Kutscher knallte mit der Peotsche, die Pferde zogen an und wir verließen lansam den Hof. Alle winkten uns nach, die Eltern, Geschwister und Trixi, die verstohlen eine Träne trocknete. Armes Mädchen, dachte ich in diesem Augenblick, due setzt auf das falsche Pferd.

Und so setzte ich mich gerade im Wagen zurecht. Das alles da lag jetzt hinter mir. Ich war jung und wollte etwas erleben. Mal herauskommen aus den engen und muffigen Mauern meiner Geburtsstadt.

Toni drückte sich beklommen in den Sitz. Der arme Kerl litt jetzt schon an Heimweh, sein Gesicht sprach Bände. Dabei lag Bonn nicht so weit von Trier entfernt. Er hing sehr an seiner Familie. Nun gut, jeder muss sehen, wie er zurechtkommt.
   Die Reise bis Bonn verlief ohne große Probleme. Sie gestaltete sich ausgesprochen langweilig. Das Reisen war zu allen Zeiten ein Abenteuer, in Deutschland besonders. Früher plünderte Räuber am Wegesrand die Reisenden aus, heute erledigte das der Staat. Deutschland sah zu dieser Zeit aus, wie ein Flickenteppich, trotzdem Napoleon versucht hatte, Ordnung zu schaffen. An den Grenzen neppte man zu allen Zeiten die armen geplagten Fahrgäste.
   Ab Köln benutzte ich die Eisenbahn. Sie faszinierte mich ganz besonders, die Lokomotiven und die Technik, die darin steckte. Grandiose Erfindung.
Ich reiste natürlich dritter Klasse, die nicht sehr komfortabel war. Ein bunter Haufen bevölkerte die Holzbänkewaggons. Bauern mit ihrem Vieh, Hühner gackerten herum, Kinder lärmten auf dem Fußboden, Arbeiter tranken Bier und spielten Karten, Handlungsreisende gesellten sich dazu, Studenten lümmelten sich auf den harten Sitzen.
   Auf dem letzten Teilstück der Reise, ungefähr zwei oder drei Stunden von Berlin entfernt, stiegen neue Reisende zu. Ein mittelgroßer hagerer Mann so um die fünfzig fiel mir auf. Er schien das, was seine Kleidung, eine abgetragene Soutane aussagte, zu sein, ein Priester nämlich.
   Unser Abteil war knüppelvoll. Höflich bot ich dem Schwarzberockten meinen Platz an. Er nahm das Angebot dankbar lächelnd an und setzte sich. Seinen kleinen Koffer hievte ich in die Gepäckablage.
   Mein sameriterhaftes Verhalten fand nicht die Zustimmung aller Reisenden. Mit dem Priester waren auch einige Burschen zugestiegen, die augenscheinlich betrunken waren. Es stank fürchterlich nach Schnaps in der Hütte. Was konnte die sein? Bauarbeiter oder so was.
   Einer der Gruppe, ein Typ mit einer ausgesprochen unsympathischen Visage, rempelte mich an: »Na, Pfaffenliebchen. Biederst dich an. Knie nieder und küsst ihm die Füße.« Die Kumpels lachten. »Na los. Mach schon oder du kriegst eins in die Fresse. Bist wohl ein vornehmes Herrchen, wie?«
   »Das kannst du sofort haben«, erwiderte ich trocken und schlug ihm im gleichen Moment meine Faust in seine grinsende Visage. Der Anfänger ging augenblicklich zu Boden. Seine Genossen wollten sich auf mich stürzen, wurden jedoch von zwei Zimmerleuten abgedrängt. Der eine, ein riesen Kerl, packte zwei und stieß sie mit den Köpfen zusammen. Sie gingen zu Boden. Der andre wurde von dem Zimmermannskollegen erledigt.
   Jetzt erschien der Kondukteur: »Was ist hier los?«
   »Ich wurde von diesen Rüpeln belästigt und die jungen Leute halfen mir«, erklärte der Priester mit ruhiger Stimme.
   Der Kondukteur salutierte stramm: »Natürlich Herr Missionsprokurator. Soll ich sie der Polizei übergeben?«
   »Nicht nötig.«
   »Dann werfe ich sie auf der nächsten Station raus. Kommt ihr Lumpen«, und stieß die Kerle nach vorne auf die Plattform.
   »Danke junger Mann«, lächelte der Priester, »und danke euch Klaus und Fritz.«
   »Nichts zu danken, Hochwürden. Gern geschehen.«
   Der wandte sich zu mir: »Wie heißt du mein Junge. Hast Mut, alle Achtung.«
  »Bonifatius Tugendsam, aber alle nennen mich Boni.«
   »Bist ein ganzer Kerl«, lachten die beiden Zimmersleut und klopften mir anerkennend auf die Schulter.
   »Tugendsam«, murmelte der Prokurator, »da soll doch dieser Tage ein neuer Student kommen.«
   »Der bin ich.«
   Hochwürden lachte: »Da führst du dich ja wunderbar ein. Ich bin der Missionsprokurator Richard Meyer. Herzlich willkommen in Berlin«, und schüttelte mir herzlich die Hand.
   »Bei Ihnen soll ich mich melden wegen des Zimmers im christlichen Studentenheim. Was für ein Zufall«, und schüttelte lebhaft den Kopf. »Wie klein ist die Welt.«
   »Mein Junge. Nichts geschieht aus reinem Zufall heraus. Alles ist Gottes Fügung und in seiner Hand.«
   »Sicher«, sagte ich zaghaft. Der Prokurator lächelte.
   Der Zug näherte sich Berlin, die ersten Vororte kamen in Sicht. Einige Zeit später fuhren wir in einen Bahnhof ein. Alle Fahrgäste rafften ihre Habseligkeiten zusammen und strömten auf den Bahnsteig. Es herrschte ein unsagbares Gedränge. Mir als Provinzler wurde ganz bange. Wie sich hier zurechtfinden?
   Das Glück zeigte sich mir hold. Meine neuen Bekanntschaften nahmen sich meiner treuherzig an. Anscheinend stand mir die Verwirrung im Gesicht geschrieben. »Keine Angst«, meinte der Prokurator, »das geht allen Neuen so. Nicht wahr Jungs?«
Diese nickten. Fritz, ungefähr in meinem Alter, ein großer breitschuldriger Junger mit einem gutmütigen Gesicht, erwiderte: »Klar. Wir haben alle mal so angefangen. Das legt sich schnell. Komm, wir helfen dir mit dem Gepäck.« Sie legten Hand an und der Prokurator schritt mit sicheren Schritten vor uns, loste die kleine Schar in die richtige Richtung.
   Berlin um 1860. Eine aufstrebende Großstadt. Nichts war mehr zu sehen von dem trüben Nest zur Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Damals galt Brandenburg-Preußen als »Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches.«
Bedingt durch die industrielle Revolution zu Beginn des Jahrhunderts wuchs die Stadt gewaltig an. Handel und Industrie gediehen prächtig im aufstrebenden Königreich Preußen. Das zog Scharen von Menschen aus den Provinzen an. Die Stadt wirkte wie ein Magnet. Jetzt stand ich hier, ein kleiner Provinzler und schaute verdutzt drein.
   Endlich gelangten wir an den Bahnhofsvorplatz. Auch dort herrschte lebhaftes Treiben. Menschen, soweit das Auge reichte, Droschken in allen Variationen. Ich sah zum ersten Mal mit Erstaunen eine Pferdebahn und war fasziniert.
   Wie durch Geisterhand gerufen hielt plötzlich eine große Droschke neben uns. Der Kutscher auf dem Bock rief: »Steigen Sie ein, Hochwürden.«
   Meyer erwiderte: »Ich habe noch einige Leute bei mir und unser Freund hier mit Gepäck.«
   »Macht nischt. He Zimmersleut, packt mal an und jebt mir die Sach.«
   Fritz und Klaus erledigten das im Handumdrehen und der Kutscher verstaute meine Sachen auf dem Dach. Wir stiegen ein und los ging die Fahrt. Voller Staunen genoss ich die neuen Eindrücke, die monumentalen Gebäude, breiten Straßen, Avenue und das pulsierende Leben. Es begann, mir zu gefallen. Ja, hier war was los.
   Die Kutsche fuhr weiter und wir erreichten ein Stadtviertel, in dem klar zu erkennen war, dass es nicht zu den vornehmsten zählte. Vor einem langgestreckten Barackenkomplex hielten wir an. Wir stiegen aus und mein Gepäck war schnell abgeladen.
   »Was sind wir dir schuldig, Karl«, fragte Meyer und kramte in der Soutane nach dem Geldbeutel. Ich zückte ebenfalls den Meinigen.
   »Nischt«, erwiderte der Kutscher und zündete sich umständlich die Pfeife an.
   »Das geht doch nicht«, protestierte Meyer. »Du musst auf deine Kosten kommen.«
   »Bin ick schon. Von Ihnen nehm ick keene Jroschen, Hochwirden«, grinste der Kutscher, knallte mit der Peitsche und fuhr los.
   Wir standen vor einem merkwürdigen Komplex. Die dreistöckigen Bauten in Hufeisenform erinnerten stark an eine Kaserne. Dem Hufeisen gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stand eine kleine Kirche im Backsteinstil, daneben ein ziemlich baufälliges Häuschen.
   Meyer sah meine Blicke und erklärte: »Hier im Hufeisen rechts wohnen die Studenten und links die Kolping Gesellen, dessen Präsens ich bin. Schon davon gehört?«
   »Ja«, und nickte mit dem Kopf. »Der Kaplan Kolping gründete den Verein, um den Handwerksgesellen ein Zuhause zu geben.«
   »Gut gesagt«, lobte Meyer. »Ich war einer der Mitbegründer. Im Mittelbau sind der Speisesaal, der von Studenten und Gesellen gemeinsam benutzt wird, eine Bibliothek, Lesezimmer, Musikraum, Versammlungsraum und so weiter. Sie werden dir alles zeigen. Ich wohnte in dem Haus neben der Kirche, habe dort ein großes Zimmer. Wenn du magst, komm heute Abend vorbei. Meine Bude steht zu jeder Tag- und Nachtzeit den Besuchern offen. Also, gutes Eingewöhnen und bis später.« Damit zog er den Hut, nahm sein Köfferchen und strebte seiner Bleibe entgegen.
   »Er ist ein eigenwilliger Kauz«, sagte Fritz und schaute mich an. »Wirste noch sehen. Aber schwer in Ordnung. Komm, wir helfen dir mit dem Gepäck.«
   Wir betraten das Haus. Meine beiden Begleiter führten mich zu einem kleinen Schalter. Drinnen saß ein älterer Mann, der sich als Hausvater vorstellte. Es folgten die üblichen Formalitäten, Ablaufregelungen und vieles mehr. Ich erspare mir die Einzelheiten. Fritz und Klaus verabschiedeten sich schließlich: »Bis später.«
   Ich folgte dem Hausvater in den ersten Stock, einen langen Flur entlang mit vielen Zimmern. An einer Tür blieben wir stehen. Der Hausvater klopfte an. Nach kurzer Zeit öffnete ein junger Mann. »Ein Neuer«, knurrte der Hausvater. »Kümmere dich um ihn.« Damit drehte er sich herum und verschwand.
   »Was im Leben am meisten zählt, ist die Liebenswürdigkeit«, stellte ich sachlich fest.        »Davon bekam der nicht viel mit. Diese warme Barschheit.«
   Der junge Mann lachte: »Du hast Recht, aber er ist nicht so schlimm. Eigentlich ganz in Ordnung. Ich bin der Christian und der Etagenälteste«, gab mir freundlich die Hand. Ein schlanker Junge, etwas älter als ich, gut gekleidet und einem intelligenten Gesicht, das ein kleines Oberlippenbärtchen zierte.
   Er ging in sein Zimmer und kam mit der Studentenmütze auf dem Kopf zurück. Wir gingen ein Stück und blieben stehen: »Da vorne ist dein Zimmer«, und schloss die Tür auf.
Wir betraten einen mittelgroßen Raum, bestehend aus Bett, einem Schreibtisch, zwei Stühlen, Schrank, einer kleinen Kommode und darüber ein langes Bücherregal. Schaute man aus dem Fenster, so blickte man in den Innenhof. Der Boden bestand aus kahlen Holzbrettern.
   »Du kannst dich hier einrichten, wie es dir gefällt«, sagte Christian »Mache es dir gemütlich. Toiletten und Waschraum findest du am Ende des Ganges. Bettwäsche wird alle vierzehn Tage von der Hausmutter ausgegeben. Ich habe heute deines frisch bezogen.«
   »Danke, sehr nett von dir.«
   Christian nickte: »Komm, wir holen dein Gepäck. Dann zeige ich dir die Örtlichkeiten.«
   Wir begaben uns wieder ins Erdgeschoss und holten meine Sachen. Danach schlenderten wir durchs Haus. Christian erwies sich als aufmerksamer Führer. Er logierte schon zwei Jahre hier und studierte Jura. Er stammte aus irgendeinem Nest in Ostpreußen. Man spürte den guten Stall.
   Im Speisesaal, den wir betraten, standen vier lange Reihen Tische mit Stühlen. »Wir essen mit den Kolpinggesellen zusammen. Das klappt ganz gut.«
   »Ich kenne schon zwei«, warf ich ein.
   »Wenn denn?«
   »Fritz und Klaus, Zimmersleut.«
   Christian nickte wohlwollend: »Die sind schwer in Ordnung. Also, wir essen zusammen, bunt gewürfelt. Es gibt keine festen Plätze. Der Prokurator will das so. Vor Gott sind alle Menschen gleich, lautet seine Devise. Damit ihr Herrchen Studiosus das Leben und die einfachen Leute kennenlernt. Später wird doch nichts daraus.«
   Wir zogen weiter. Ich sah einen großen Lesesaal, eine schöne Bibliothek und eine große Sporthalle: »Ich treibt hier Sport«, entfuhr es mir.
   »Natürlich. Du auch?«
   »In Trier war ich Mitglied im Postsportverein. Boxen ist mein Hauptfach.«
   »Da bist du hier richtig Junge«, tönte eine Stimme von hinten.
Wir drehten uns um und erblickten einen großen Kerl, unzweideutig ein Boxer. Christian stellte vor: »Das ist Willi, unser Sportwart. Ansonsten Maurer.«
   »Das sieht man«, grinste ich. »Pardon, ich wollte Sie nicht kränken.«
   Willi lachte und schlug mir auf die Schulter: »Du gefällst mir Kamerad. Bist nicht maulfaul. Sag du zu mir. Komm in unser Training.« Wir gaben uns die Hand und legten den Grundstein für eine gute Freundschaft.
   Christian und ich zogen weiter. Er zeigte mir noch manches und schließlich landeten wir vor meinem Zimmer: »Pack in Ruhe aus. Um sechs Uhr ist Abendessen. Es läutet zweimal. Ich hole dich ab. Gutes Gelingen«, und verschwand.
   Ich betrat mein Zimmer und setzte mich auf einen Stuhl. Erst einmal die Eindrücke verdauen. Alles sah ordentlich aus und bisher nicht schlecht gelaufen. Nach einiger Zeit erhob ich mich und begann, meine Sachen auszupacken. Kurz vor Beendigung des Herumwerkelns ertönte draußen ein lautes Glockengeläut. Es klopfte. Christian trat ein und holte mich zum Abendessen ab.
   Im Speisesaal herrschte ein buntes Treiben, als wir eintraten. Handwerker in der Arbeitskluft standen hinter ihren Stühlen neben gut angezogenen Studenten. Mit einem Mal befand sich Fritz neben mir und zog mich zu seinem Platz. Dort standen schon Klaus und Willi und andere Jungs, mit denen sie mich bekannt machten.
   Eine Tischglocke ertönte und ich sah den Prokurator auf seinen Platz an einem der vorderen Tische rechts zustreben. Stille trat ein im Saal. Der Prokurator sprach das Tischgebet, dann setzten sich alle. Tischdienste leifen auf und ab und stellten dampfende Schüsseln auf die Tische. Es gab eine kräftige Suppe, dazu Wurst und Brot. Man trank Bier oder Tee.
   Meine Tischnachbarn langten tüchtig zu und unterhielten sich lebhaft. Erst fühlte ich mich etwas beklommen in der fremden Umgebung. Aber die Burschen bezogen mich so freimütig in ihren Kreis mit ein, dass nach einer Weile mein Fremdeln verschwand.
Plötzlich ertönte die Tischglocke und der Prokurator erhob sich. Augenblicklich trat absolute Stille ein. Mir wurde in diesem Moment klar, welche große Autorität dieser Mann besaß.
   »Kameraden«, begann er mit lauter Stimme, der man den ostpreußischen Dialekt deutlich heraushörte. »Wir begrießen heute einige neue Hausjenossen. Es sind Handwerker und Studenten. Steht mal kurz auf, ihr Neue und zeigt euch.«
Ach oder neun Jungs, mich eingeschlossen, erhoben sich etwas befangen. »Nur frisch heraus Jungchen«, fuhr der Prokurator munter fort. »Wir beißen nicht.« Allgemeines Gelächter. »Hier kann sich jeder wohlfilen, der sich an die Spielregeln hält. Also, willkommen in unserm Kreis.«
   Die Umstehenden klopften zustimmend auf den Tisch. »So Jungchen, ihr kint euch setzen. Und für die neuen Studiosuse. Wir sind eine christliche Vereinigung und hier herrschen nicht die barbarischen Bräuche der Burschenschaften. Was das Saufen angeht, das könnt ihr sicher schon.« Gelächter. »So. In Berlin geht jeder neue Student nur einen Tag lang ohne Mitze und Band, am ersten nämlich.« Meyer drehte sich um zu einem kleinen Tisch, der hinter ihm an der Wand stand: »Nun ihr Studiosuse, kommt her und holt euch die Zeichen eurer neuen Würde ab.«
   Mit mir vier Jungs standen mit etwas gerötetem Gesicht auf und folgten der Aufforderung. Jeder erhielt aus der Hand des Prokurators die Studenten Mütze und ein gelbweißes Band.
   »Ei sieh da, mein tapferer Verteidiger«, begrüßte der Prokurator mich und gab mir die Sachen. »Wenn de willst, kommste heite Abend bei mir vorbei.«
   »Sehr gerne Hochwürden.«
   Der Prokurator nickte und wir gingen auf unsere Plätze zurück. Schnell spulte sich der Rest der Mahlzeit ab. Die Tischglocke ertönte und alle standen zum Gebet auf. Danach ging jeder seiner Wege.
   Christian gesellte sich zu mir, winkte Fritz und Willi freundschaftlich zu. Ich stand etwas unschlüssig an der Tür. »Die Tischdienste werden wöchentlich eingeteilt«, erklärte er. »Ich gehe gleich zur Andacht und danach zum Chef. Wenn du magst, schließ dich mir an.«
   »Zum Chef?«
   »So wird Hochwürden hier von allen genannt.«
   Ich nickte. Wir gingen auf unsere Zimmer und einige Minuten später setzten wir uns zur Andacht in Bewegung. Auf dem Weg dorthin meinte Christian: »Zwei Mal die Woche ist abends eine heilige Messe, ansonsten Andachten. Teilnahme ist nicht Pflicht, aber der Chef sieht es gerne, wenn wir sie regelmäßig besuchen«.
   Wir überquerten die Straße und standen vor der kleinen Kirche, die aus Ziegeln erbaut war. Diese dunkelten im Laufe der Zeit nach und so wirkte das Ganze recht düster. Wir traten durch eine Seitentüre ein und der Innenraum verstärkte diese Sichtweise. Ich stand in einer der hässlichsten Kirchen, die ich bisher sah. Das mittelgroße hohe Kirchenschiff wurde von bleigefassten farblosen Fenstern umrahmt. Die Bankreihen bestanden aus dunkelbraunen Holzbänken, der Hochaltar stand etwas nach hinten versetzt. An der linken Seite schaute eine große Christusfigur mit weit geöffneten Armen auf uns herab. Sie vermittelte den Eindruck, als wollte uns der Herr umarmen. Die rechte Seite zierte ein großes Missionskreuz.
   Christian und ich drückten uns in eine der vorderen Bänke. Platz gab es genug, denn nur mäßiger Besuch zeigte sich. Jetzt im Oktober begannen zu Ehren der Muttergottes die Rosenkranzandachten. Das erfreute mich sehr.
Trotzdem die Kirche so düster und hässlich erschien, fühlte ich mich in ihr sofort wohl. Warum ist das so, ging es mir durch den Kopf. Ach ja, wegen des umarmenden Christus und des großen Kreuzes.
   Nach der Andacht zog mich Christian in das halbverfallene Haus neben der Kirche, augenscheinlich ein ehemaliges Pfarrhaus. Es bestand wie die Kirche aus nachgedunkelten Ziegelsteinen und wirkte ebenso düster.
   Wir stiegen eine altersschwache verdächtig knarrende Treppe hinauf und Christian klopfte im ersten Stock an eine Tür. Ohne eine Reaktion abzuwarten, öffnete er diese und wir traten ein. Ich zögerte etwas, aber eine laute Stimme forderte mich auf, einzutreten:        »Komm nur herein Jungchen. Meine Tür steht zu jeder Zeit für jeden offen.«
Beklommen folgte ich der Aufforderung. Ich trat in einen mittelgroßen, saalartigen Raum.    Ein großer schwerer Eichentisch zierte die erste Hälfte des Zimmers, darum unzählige Stühle. An der einen Außenwand stand ein Bett, ein kleiner Nachttisch, ein Betschemel und ein großer Kleiderschrank. An der anderen Wandseite ein Schreibtisch nebst Bücherregalen.
Auf dem Boden lagen kahle Bretter. An der Wand ein Bild des Papstes und der Mutter von der Immerwährenden Hilfe.
   Am Tisch gruppierten sich einige junge Männer und der Prokurator. Auf dem Tisch lagen bunt gewürfelt Bücher, Hefte, Bleistifte, Tintenfässer, daneben ein Laib Brot samt Butterfässchen, eingepackte Wurst und Messern. Eine Batterie Bierflaschen, Wein, Bauernschnaps und Cognac zierten das Arrangement, dazu Gläser in allen Größen und Formen.
   »Setz dich mein Junge«, forderte mich der Prokurator auf. »Es ist hier wie mit der Studentenmütze. Nur am ersten Tag bedarf es einer gesonderten Aufforderung. Wir halten es so: Wer bei mir anklopft, tritt sofort ein, sucht sich einen Sitz und ist dabei. Hier gibt es keine Zeremonien, keine Etikette oder leere Floskeln. Wer gehen will, steht auf, nennt die Tageszeit und geht. Mein Zimmer ist unverschlossen und Tag und Nacht bereit.
Ich nickte verwirrt und setzte mich auf einen Stuhl. Lautes Reden umfing mich. Ich wurde nicht heimisch, das ungewohnte Neue und die lange Reise zehrten an mir. Ich verabschiedete mich früh. Auf dem Weg in mein Zimmer dachte ich, dass ich dort nicht sehr oft sein werde. Was für eine Atmosphäre. Wie im Armenhaus oder einer drittklassigen Kneipe Nachts um drei.
   Müde betrat ich mein Zimmer und war im Nu bettfertig. Kaum darin liegend, fiel ich in einen tiefen und unruhigen Schlaf.


Am nächsten Morgen weckte mich ein lautes Glockengeläut. Ich schreckte auf. Wo war ich? Ach ja, in Berlin. Mal sehen, was heute alles auf mich zukommt. Wie viel Uhr haben wir? Sechse. Nachschlafende Zeit.
I   ch erspare mir die Einzelheiten. Morgengebet, Frühstück, dann der Weg zum königliche Gewerbe-Institur. Christian begleitete mich, denn es lag auf seinem Weg.
Was mich natürlich beeindruckte, waren die vielen Menschen, die in dieser Morgenstunde durch die Straßen hasteten. Ein Staunen des Provinzlers über die Bauwerke, den Verkehr, das Gewühl, die Pferdebahnen.
   Wir sprachen nicht viel auf dem Weg, den ich mir gut einprägte. In der Gewerbeschule lief alles nach Plan. Wir neuen Studenten wurden in der Aula vom Rektor begrüßt, danach erfolgte die allgemeine Einweisung. Ich schrieb mich für Maschinenlehre, Bauwesen und Hüttenkunde ein. Wir erhielten das Studienbuch und die Belegungspapiere, danach gab es einen kleinen Imbiss. Der gab Gelegenheit, mit den Kommilitonen Bekanntschaft zu schließen. Sie schienen in Ordnung und alles machte einen guten Eindruck auf mich.
   Am frühen Nachmittag trat ich den Heimweg an. Ich schlenderte etwas herum, sah mir Land und Leute an. Ich gebe zu, dass die Großstadt mir gefiel. Hier pulsierte das Leben, hier war was los. Allerdings barg sie auch Gefahren, denen ich mich nicht aussetzen wollte. Einer der Gründe, weshalb ich im Kolping wohnte.
   Der gestrige Abend beschäftigte mich. Die Eindrücke ließen mich nicht los und machten mich beklommen. Sollte das mein Umgang sein? In welche Räuberhöhle war ich da geraten?
In diese trübe und sorgenvolle Stimmung platzte eine laute Stimme hinter mir: »Du siehst wohl keinen Menschen mehr, als frischgebackener Student, wie?« Ich drehte mich um und erblickte den lachenden Christian: »So in Gedanken versunken? War der erste Tag an der Hochschule so schwer?«
   Ich lächelte etwas gezwungen: »Oh nein, ganz im Gegenteil. Alles lief vorzüglich.«
   »Warum dann die düstere Miene mein Freund?«
Ich schwieg. Was sollte ich darauf antworten.
   Christian sah mich von der Seite an und überlegte einen Augenblick: »Ich denke, ich weiß, was dich bedrückt.«
   »So?«
   »Es ist wegen gestern Abend. Stimmts?«
   »Na ja.«
   »Es gefiel dir nicht beim Chef?«
   »Das würde ich so nicht sagen«, erklärte ich gedehnt. »Ich bin nicht den gehobenen Kreisen entsprungen. Mein Vater ist Volksschullehrer. Ich habe keinen Standesdünkel, entstamme ich doch dem dritten Stand. Einer meiner besten Freunde gehört dem Adel an. Aber das gestern Abend...Ich weiß nicht.«
   Wir überquerten einen großen Platz. Christian wies mit der Hand auf eine kleine Eckkneipe: »Wollen wir hineingehen? Ist Altberlin.«
   Ich nickte zustimmend und wir betraten die Beize, die aus einem mittelgroßen Schankraum bestand. An den Wänden Holzbalken, gerade und quer verstrebt. Auf den Tischen standen kleine Öllampen. Das Publikum erwies sich als in der Hauptsache aus Droschkenkutschern, aber auch einige Studenten und Bessergekleidete. Eine merkwürdige Mischung.
   Ich sah verwirrt auf Christian: »Hier verkehrst du?«
   »Warum nicht«, erwiderte er seelenruhig, während er einigen Gästen und dem hinter dem Tresen stehenden Wirt zunickte.
   "Ein vornehmer Student der Rechten und das hier...?«
   »Was denn«, grinste Christian und schob mich an einen kleinen Tisch. Der Kellner erschien und er bestellte zwei Weiße: »Das ist deren Spezialität. Du wirst sehen.«
   Die Getränke kamen und wir prosteten uns zu, das schäumende Bier in den breiten Gläsern mundete nicht schlecht, das musste ich zugeben. Wir zündeten uns Zigarillos an und inhalierten genüsslich die ersten Züge.
   »Fast wie in meiner Stammkneipe in Trier«, murmelte ich. »Allerdings ist dort das Publikum etwas mehr come Il faute.«
   Christian lächelte: »Die Leute hier sind etwas rau, aber herzlich. Das schätze ich sehr.«
Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Erst die Räuberhöhle beim Prokurator und jetzt das. Was sollte man davon halten?
   Christian sah mich schmunzelnd an: »Als ich hier ankam, dachte ich wie du. Ich geriet in die Fänge des Prokurators. Er öffnete mir die Augen und befreite mich von meinem Standesdünkel.«
   »Hm. Ich habe keinen Standesdünkel, sagte ich das nicht schon? Und mein adliger Freund in Trier auch nicht. Welchen Titel bekleidest du?«
   »Graf«, murmelte Christian.
»So, so. Ist wohl eine standesherrliche Marotte, wie?«
   »Der Prokurator lebt das vor, worüber andere nur reden. Er wohnt mit denen, die mühselig und beladen sind und in der Gesellschaft am Rande stehen. Die Handwerksgesellen, Arbeiter und kleine Kommis werden von den Kirchen stiefmütterlich behandelt. Er nimmt sich ihrer an und lebt wie sie, in einem ungeheizten Raum, auch im Winter. Er ist glaubhaft und deshalb hören wir auf ihn.«
   Ich schaute etwas betreten drein: »Du magst recht haben«, erwiderte ich gedehnt. »Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil erlauben zu dürfen.«
   »Lass dich auf ihn ein und du wirst sehr schnell verstehen. Zudem ist der Prokurator eine schillernde Persönlichkeit, hat keine Angst, nimmt kein Blatt vor den Mund, egal ob hoch oder tief. Seine Menschenkenntnis ist sprichwörtlich. Wir können viel von ihm lernen. Und vor allem Demut. Wir haben später im Leben in unseren Berufen mit allen Schichten des Volkes zu tun. Um so wichtiger ist es, ihre Sprache zu verstehen und nicht nur die der eigenen Sphäre.
   »Stimmt«, gab ich freimütig zu. »Ein offenes Wort ist mir allemal lieber als hintenrum getragene Schmeicheleien und Bosheiten.«
   »Eben. Das denke ich auch und so schätze ich dich ein. Überleg dir das Ganze gut. Und mein Rat. Komm weiter zu den Zusammenkünften des Chefs. So, wir müssen gehen. Es wird Zeit. Lass dein Geld stecken. Ich offeriere.«
   Meinen Protest winkte Christian gelassen ab. Er zahlte und wir verließen die Beize. Seine Worte hingen mir noch lange nach.

Einige Monate strichen vorüber. Ich lebte mich gut ein, sowohl an der Hochschule als auch im Kolping. Das Studieren bereitete mir keine Schwierigkeiten und so gehörte ich schnell zu den Bestes des Semesters. Privat trat ich dem Kirchenchor bei, engagierte mich in der Studentenvereinigung und im Sportverein. Mit dem Prokurator wurde ich nicht warm und mied daher ein zu enges Verhältnis. Seine Klientel passte mir nicht, auch wenn ich sonst kein Spielverderber war. Meyer tat so, als ob ihn das nichts anginge. Er behandelte mich freundlich und zuvorkommend.
   Die Verlockungen der Großstadt machten mich natürlich neugierig. Ich überlegte eine Weile, wie ich es anstelle. Und endlich fasste ich den Entschluss, eines Samstagabends alleine in Richtung Stadtmitte aufzubrechen. Ich handelte ziel- und planlos, ein richtiger Provinzler.
   Ich schritt in Gedanken versunken dahin und bemerkte nicht, dass ich von dem mir bekannten Weg abkam. Ich landete in einem merkwürdigen Viertel, das recht düster daherkam. Mitunter erhellten einige Lichter in den Fenstern die Dunkelheit. Eine merkwürdige Ecke.
   Jetzt hörte ich laute Stimmen, dann Schläge und Stöhnen. Offensichtlich schlug man jemand zusammen. In meinem jugendlichen Leichtsinn ließ ich alle Vorsicht walten und meinte, helfen zu müssen. In solch einem Viertel ist das lebensgefährlich.
   Schnellen Schrittes bewegte ich mich um eine Ecke und sah drei Männer, die einen am Boden liegenden mit Fußtritten bearbeiteten. Das konnte ich nicht dulden und so lief ich zu ihnen. Die Männer bemerkten mich und sahen geringschätzig auf mich: »Hau bloß ab, du Arsch.«
   Diese Beleidigung konnte ich nicht auf mir sitzen lassen: »Selber Arsch«, und trat einem der drei zur Bekräftigung in den Hintern. Er stolperte ein Stück nach vorne.
   Die anderen ließen von dem am Boden liegenden ab und wandten sich mir drohend zu. Ich nahm sofort Kampfstellung ein. Die übel aussehenden Burschen lachten: »Seht dat Milchjesicht. Dich werde mir et zeijen. Hau liever ab und jeh zu Muttern.«
   »Ich polier euch die Visagen, dass eure Mutter euch nicht mehr erkennt«, erwiderte ich trocken.
   Schallendes Gelächter. Denen sollte das Lachen noch vergehen. Als sie nahe genug heran waren, versetzte ich einem blitzschnell eine Grade auf die Nase. Er ging sofort zu Boden. Der andere schaute mich blöde an. Ich nutzte das aus und verpasste ihm eins in die Magengegend, so dass er seinem Kumpel auf dem Boden Gesellschaft leistete.
   Der Verprügelte erhob sich in der Zwischenzeit und verpasste dem zurückeilenden dritten Mann eines auf die Nase, so dass er am Boden die Sterne zählte.
Einer der am Boden liegenden erhob sich und kam mit einem Stock drohend auf mich zu. Blitzschnell trat ich ihm ins rechte Schienbein, so dass er vor Schmerzen aufheulte und den Stock fallen ließ. Geistesgegenwärtig hob ich das Teil auf und begann, ihm den Rücken damit zu bürsten. Der zweite Arsch, der sich daran beteiligen wollte, erhielt ebenfalls seinen Teil. Sie gingen erneut zu Boden und blieben liegen.
   »Schnell junger Freund«, keuchte der Verprügelte. »Nichts wie weg hier. Nutzen wir die Gunst der Stunde. Gleich trifft Verstärkung ein. Auf gehts.«
   Wir machten uns im Geschwindschritt auf die Socken. Mein Begleiter schien sich gut auszukennen. Zielstrebig bahnte er sich den Weg, und ehe man sich versah, standen wir auf dem Kurfürstendamm und blinzelten in die hellen Lichter der Großstadt.
   Jetzt fanden wir Zeit, uns gegenseitig zu mustern. Ich sah, dass mein Begleiter Uniform trug, und zwar eines noblen Regiments. Er rückte seine Montur zurecht, setzte die Mütze auf und grinste mich an. Mit angenehmer Stimme meinte er schließlich: »Es ist nicht gut, hier herumzustehen. Komm, ich kenne eine kleine Schenke. Da können wir ungestört reden.«
Wir zogen los. Mein Begleiter sah mich manchmal von der Seite an und nickte befriedigt. Nach einiger Zeit standen wir vor unserer Kutscherkneipe.
   »Die kenn ich«, entfuhr es mir.
   »Um so besser. Wieso eigentlich?«
   »Hier verkehren auch Studenten. Und ich bin einer, wie an meiner Mütze zu sehen ist.«
   Der Herr Offizier, ein Oberleutnant grinste: »Dann nichts wie hinein.« Er öffnete die Tür und wir traten ein. Mein Begleiter voran, er nickte dem Wirt zu, man schien sich zu kennen. Zielstrebig suchte er einen ruhigen Tisch im hinteren Teil des Lokals. Wir legten uns Mäntel und Mützen am Ständer ab und setzten uns.
   »Zwei Glas Bier und zwei doppelte Cognac«, rief er nun dem Wirt zu. Und zu mir gewandt: »Du bist mein Gast. Ich stehe in deiner Schuld.«
   »Nicht der Rede wert«, winkte ich bescheiden ab.
   Ich hatte Muße, mein Gegenüber jetzt etws genauer zu betrachten. Er besaß ein schönes ebenmäßges etwas feminines Gesicht ohne Bart, leuchtende Augen, dunkles Haar, mittelgroß und schlank. Etwas älter als ich, aber nicht sehr viel. Er trug die Uniform eines der nobelsten Traditionsregimenter, des Garde du Corps und das EK I schmückte seinen bunten Rock.
   Die Getränke kamen und wir prosteten uns zu. Schließlich sagte der Oberleutnant: »Wir haben uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Graf Ottfried von Rosen.«
   »Sohn des alten Generals Rosen?«
   »Ja. Warum?«
   Ich lachte. »Die Welt ist klein und ein Dorf. Mein Papa diente als Feldwebel bei den Jägersburger Grenadieren und schwärmt noch heute von seinem Chef. Ach ja. Mein Name ist Bonifatius Tugendsam, aber alle nennen mich Boni.«
   »Darf ich das auch?«
   »Aber sicher.«
   »Hast du gedient? Bei einem solchen Vater.«
   »Noch nicht. Ich bin für das Studium zurückgestellt. Danach werde ich als Einjähriger einrücken.«
   Rosen nickte zustimmend: »So einen wie dich können wir beim Militär brauchen. Hast Kraft und Mut und einen festen Schlag, alle Achtung. Woher?«
   »Ich treibe Sport im Verein, von Jugend an. Boxen.«
   Rosen lachte: »Dann verstehe ich alles. Die Kerle konntest du locker k.o. schlagen.«Sein Gesicht wurde ernst: »Du halfst mir in einer nicht sehr feinen Gegend. Ich schuldige dir eine Erklärung. Aber sag mal. Was wolltest du dort?«
   »Das sündige Berliner Nachtleben kennenlernen«, erwiderte ich trocken.
   Rosen lachte schallend: »Deine Ehrlichkeit ist entwaffnend. Du gefällst mir. Lass das mit dem Nachtleben. Es bringt nichts ein.«
   »Das glaube ich auch«, wobei ich im Stillen dachte, aus welchen Gründen er da herumlungerte.
   Der Oberleutnant nahm einen Schluck Bier und zündete sich eine Zigarette an: »Um auf mich zu kommen. Ich wollte einen Kameraden aus seiner Spielschuldfalle befreien. Es gelang mir, aber ohne deine Hilfe wäre ich übel zugerichtet worden. Ich stehe in deiner Schuld.«
   »Wir sind quitt Herr Oberleutnant. Sie bewahrten mich vor einer Dummheit.«
Wir lächelten und stießen auf den Beginn einer Freundschaft an.

Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Es sollte das erste Mal sein, dass ich es fern der Heimat feierte. Es gab zwar in der Hochschule für einige Tage Vakanz, aber für mich lohnte sich die weite Reise nicht.
   Es blieb mir nichts anderes übrig, als hier zu bleiben. Wehmütig dachte ich an Zuhause. Vor dem Fest leerte sich der Kolping, da viele zu den Ihrigen fuhren. Heiligabend saß daher nur eine kleine Gruppe beim Mittagessen im Speisesaal.
   Meine Bekannten und Freunde flogen alle aus. Nach der Mahlzeit kam der Prokurator zu mir: »Komm heute Abend zu mir rüber. An einem solchen Fest sitzt man nicht alleine herum. Geschenke musst du keine mitbringen.« Gequält lächelnd und lustlos sagte ich zu. Was konnte er mir schon bieten. Sicher nicht den Ersatz für die Lieben daheim.
Seufzend machte ich mich schließlich gegen sieben Uhr auf den Weg. Die Straße lag im Dunkeln und ein leises Schneetreiben erfüllte die Luft. In den Fenstern ringsherum blitzten die Lichter. Die Menschen saßen überall zusammen, um die Geburt des Erlösers zu feiern. Ganz wehmütig erfüllte mich mein Herz.
   Die Missionskirche lag in tiefem Dunkel. Im Pfarrhaus nebenan zuckten im ersten Stock Lichter. Darauf hielt ich zu. Ich bewältigte die verdächtig knarrende Treppe, klopfte an der schweren Eichentür und trat ein.
   Der Missionsprokurator saß alleine an dem großen Tisch, auf dem eine kleine Öllampe Licht sprendete. Kein Weihnachtsschmuck zierte den Raum. Ein steifer Wind blies im Zimmer, denn es gab bekanntlich keine Heizung und daher bitterkalt. Wie hielt der Prokurator nur diese Temperaturen aus? Ein zäher Hund. Ich mummelte mich in meine warme Kleidung. Br, br. Das konnte heiter werden. Tiefgekühlte Weihnachten.
Der Prokurator sah jetzt auf und winkte mir zu, an den Tisch zu kommen. Ich folgte der Einladung und setzte mich auf einen Stuhl ihm gegenüber.
   »Schön, dass du gekommen bist.«
   Mein Gastgeber stand auf und begab sich in den hinteren Teil des Zimmers. Dort hantierte er herum und brachte einen großen Teller mit Gebäck, den er auf den Tisch stellte. Danach holte er mehrere dickbäuchige Flaschen. Gläser und Rauchwerk standen auf dem Tisch.
Ein weiteres Mal trat er die Wanderschaft nach hinten an und kehrte mit einem prächtigen siebenarmigen Leuchter zurück, den er in die Mitte des Tisches stellte. Daneben legte er Mistelzweige und zündete die großen Kerzen an. Die Öllampe stellte er auf eine Kommode. Die Kerzen erhellten mit ihrem warmen Licht unsere Plätze. Eine eigenartige Atmosphäre entstand, kaum beschreibbar. So still, traurig und doch erhaben.
So feiert man bei uns zuhause Weihnachten«, erklärte der Prokurator und stellte mehrere Gläser vor uns. Er füllte sich mit Cognac und einem zähflüssigen, dunklen Wein.
»Frohe Weihnachten Jungchen«, sagte er, nahm ein Glas und prostete mir zu. Ich erwiderte und unsere beiden Gläser klirrten leise zusammen. Wir tranken. Oh ha, das Gebräu wärmte die Ohren.
Der Prokurator zündete sich umständlich eine Pfeife an, während ich ein Stück den in der Tat vorzüglichen Gebäcks in den Mund schob. Ich spülte mit einem guten Schluck Cognac nach und zündete mir ein Zigarillo an. Schweigend rauchten wir eine Weile.
»Diese guten Gaben«, und dabei wies der Prokurator auf den Tisch, »sind Geschenke von Freunden und Bekannten. Ich würde mir das nicht leisten. Aber ich verschmähe die schönen Sachen nicht«. Dabei lächelte er verschmitzt.
»Sicher Hochwürden«, erwiderte ich rasch. »Natürlich. Warum auch nicht.«
Er schien einen Augenblick zu überlegen: »Was ist mit dir los Jungchen?«
Ich sah ihn überrascht an. Was sollte mit mir los sein?
»Du bist ein ausgezeichneter Kamerad, gradlinig, hilfsbereit und ein vorzüglicher Student.« Er zog an seiner Pfeife. »Aber irgendwas stimmt bei dir nicht. Oder andersrum jesagt. Ich spüre, dass in dir was Besonderes steckt.«
»Zuviel der Ehre Hochwürden«, lachte ich leichthin.
»Nee, nee, Jungchen. Dafir habe ich den Blick eines Falken. Ich erkenne sofort, mit wem ich es zu tun habe. Bei dir spüre ich den Suchenden, das Besondere und noch was anderes. Glaube mir, ich täusche mich nicht. Ich durchwanderte die Höhen und Tiefen des Lebens. Die Einblicke, die ich tätigen durfte, prägten meinen Charakter und schärften meinen Verstand. Bei dir spire ich das gewisse Etwas. Sonst gäbe ich mich nicht mit dir ab, denn meine Gesellschaft behagt dir nicht sonderlich. Gel?«
»Aber Hochwürden.«
»Keine Widerrede, junger Studiosus.«
Ich überlegte einen Augenblick. Konnte ich es wagen, ihm mein Herz zu öffnen? Was verlor ich dabei? Etwas in mir begann, zu rumoren und wollte mit Macht an die Oberfläche: »Es ist so Hochwürden«, begann ich gedehnt. »Meine Sünden erdrücken mich.«
»So?«
»Vielleicht zeige ich der Außenwelt nur eine Fassade? Vor kurzem wollte ich das sündige Berliner Nachtleben kennenlernen.«
»Interessant. Bekamst du, nachdem du suchtest?
»Nein«, erwiderte ich trocken. »Ich geriet in einer üblen Gegend in eine Schlägerei und landete am Ende in unserer Kutscherkneipe.«
Der Prokurator lachte schallend: »Du bist mir einer Boni. Deine Ehrlichkeit und Direktheit sind entwaffnend. Das schätze ich an dir. Bekamst du viel Prügel?«
»Nein Hochwürden«, grinste ich. »Ich half einem jungen Offizier und wir schlugen die Angreifer in die Flucht. Sie wissen, meine rechte ist gefürchtet. Das wussten diese Lumpen nicht. Erst lachten sie mich aus, doch ihre Heiterkeit nahm ein schmerzliches und schnelles Ende.«
»Vorziglich, janz vorziglich«, lobte der Prokurator und schenkte uns erneut ein. Wir tranken uns zu. Der von den Kerzen so warm erhellte Tisch, dazu die Mistelzweige, unsere Flaschenbatterie und das Rauchwerk, all das erzeugte eine feierliche Stimmung, so ruhig, getragen und erhaben.
Hochwürden zog an seiner Pfeife: »Was glaubst du Studiosus, warum ich hier so leben? Frei heraus und keine Schmeicheleien bittscheen. Ein offenes Wort zur rechten Zeit erspart viel Verdruss.«
»Weil Sie ein ostpreußischer Dickschädel sind«, erwiderte ich prompt und zuckte sogleich ob meiner Frechheit zusammen.
Der Prokurator grinste: »Ist das alles Jungchen. Dafir die janze Schinderei?«
»Sicher nicht Hochwürden. Sie geben den anderen ein Beispiel.«
»Phrasen. Nachgeplappere. Hör mal zu Grünschnabel. Als Kolping und ich den Gesellenverein gründeten, sahen wir die Not der Handwerksburschen vor Augen. Unsere heilige Kirche scherte sich einen Dreck um diese Kreaturen. Nur Bischof von Ketteler gab sich als höherer Kirchenfürst mit ihnen ab.«
»Warum sonst keiner der höheren Chargen?«
»Weil es den Bonzen nichts einbrachte. So ein Wanderbursche galt in ihren Augen als Abschaum, nichts Wert. Dabei vergessen als diese Geldsäcke Jesu Worte: Es geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich.«
»Mhm, dann sind die Reichen...«
»Reichtum ist Diebstahl«, polterte der Prokurator. »Das alles hat auch eine politische Dimension, die unsere höheren Knallköppe in Kirche und Staat noch nicht erkennen. In wenigen Jahren werden andere Demagogen die Arbeiterschaft auf ihre Seite ziehen. Das feudale System, in dem wir leben, geht eines Tages unter. Aber unsere gute Mutter Kirche hat das Nachsehen, denn sie verliert die Arbeiter. Ich erlebe das alles nicht mehr, du schon.«.
»Und aus diesen Gründen helfen Sie den Unterdrückten? Was hat das mit mir zu tun?«
»Oh, ganz einfach«, erwiderte der Prokurator gemütlich. »Jeder erhält im Leben eine Berufung, die uns Gott gab. Man erntet, was man sät. Gott oder das Schicksal geben uns Aufgaben, die wir zu erfüllen haben.«
»Sicher«, sagte ich etwas zaghaft und zog an meinem Zigarillo.
Hochwürden nickte wohlgefällig: »Meine Aufgabe ist es, mich um die armen Teufel zu kümmern. Mit ihnen zu leben und ihr Schicksal zu teilen. Nur so bin ich glaubhaft. Dazu berief mich der Herr zum Priestertum, damit ich meinem Stand zeige, wie sie leben sollten. Deine Aufgabe ist eine andere.«
»Soo«, entfuhr es mir.
»Ja, ja Jungchen. Das ist komplizierter. Ich sage das mal so: Gottes Wege sind unergründlich«, wobei ein listiges Lächeln über sein Gesicht glitt.
»Ich verstehe Sie nicht«, gab ich ehrlich zu.
»Du, mein Jungchen, wirst noch oft in deinem Leben anecken. Doch du machst in dem System Karriere. Die liebst die Annehmlichkeiten der gutbürgerlichen Klasse und Gott lässt dir das Spielzeug. Auf der anderen Seite setzt du dich für die Belange der kleinen Leute ein, unermüdlich und unentgeltlich. Das Herausragendste an dir wird sein, dass du Profitgier und Glaube zu verbinden suchst. Warum Gott das zulässt, entzieht sich meiner Kenntnis. Eigentlich widerspricht er sich, denn Jesu Worte über den Reichtum sind eindeutig.«
»Ich verstehe noch immer kein Wort Hochwürden.«
Der Prokurator schmunzelte listig: »Bist ein janz ausgefeilter Kopf. Ein helles Jungchen. Aber du hast ein Problem. Es ist deine Sexualität, mit der du nicht klarkommst.«
Ich bekam einen hochroten Kopf. Selten in meinem Leben durchschaute mich einer so mit klaren Augen.
»Du spielst mit den Menschen, machst Faxen, lockst sie auf falsche Fährten. Es bringt dir nichts Studiosus. In deinem Innersten bist du einsam. Deine Aktivitäten verschleiern das.«
»Was soll ich tun«, rief ich in meiner Verzweiflung und stützte den Kopf zwischen die Hände. »Der Welt entsagen und in ein strenges Kloster gehen?«
»Nein«, erwiderte der Prokurator mit Entschiedenheit. »Das ist nicht dein Weg und Bestimmung. Gott sendet dir in der Person Jesu die Hilfe. Er wird dir zeigen, deine Sexualität auf eine höhere Ebene zu transformieren. Dann kannst du ohne Schwierigkeiten in dieser Welt leben.«
Ich schaute ihn mit großen Augen an: »Wie sollte das geschehen?«
»Jesus und die himmlischen Mächte werden dir zur gegebenen Zeit das Richtige kundtun. Eines kann ich dir sagen. Du wirst dabei sehr erfolgreich sein. Die Menschen werden in ferner Zukunft noch von dir sprechen, wenn ich längst vergessen bin.«
»Oh Gott«, hauchte ich.
»Nur keine falsche Bescheidenheit, das steht dir nicht.« Ein listiges Lächeln glitt über sein Gesicht. »Vielleicht werde ich als dein Anhängsel nicht vergessen sein. Möglich ists. Na, denn Prost.« Er nahm sein Glas und trank mir aufmunternd zu. »Das ist doch eine Karriere, für die es sich zu leben lohnt. Meinst du nicht?«
»Sicher«, doch überzeug war ich zu dieser Stunde nicht.

Einige Wochen gingen ins Land und ich fühlte mich in Berlin wie Zuhause. Seit dem Weihnachtsabend verstand ich mich mit dem Prokurator ausgezeichnet und gehörte nun zum inneren Kreis. Seine Prophezeiungen bereiteten mir einiges Kopfzerbrechen. Doch ich war jung und verdrängte sie erst einmal. Mitte Februar standen die Semesterferien an. Ich freute mich auf zuhause, nach so langer Zeit und konnte die Zeit kaum erwarten.
Endlich war es soweit. Eines Tages packte ich mein Bündel, verabschiedete mich von den Freunden und fuhr mit der Eisenbahn los. Mein Ziel war Bonn. Dort traf ich mich mit Toni, der ebenfalls froh war, wieder nach Hause zu dürfen. Im Wallerstadtchen Kaleschenwagen fuhren wir unserem Ziel entgegen.
Toni zeigte sich während der Fahrt sehr vergnügt und gesprächig, ganz im Gegenteil zu seinem Beginn vor einem halben Jahr. »Ich habe mich in Bonn gut eingelebt«, zwitscherte er fröhlich. »Es ist eine gemütliche Stadt, fast wie Trier. Und du?«
»Mir geht es ebenso«, gestand ich mit heiterer Miene.
Das Herz ging uns auf, als wir die Mosel sahen und über die alte Moselbrücke fuhren. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich nirgends anders leben konnte als in dieser Stadt, mochten die Verhältnisse draußen noch so angenehm sein. Toni erging es ebenso. Seine Augen leuchteten.
Schließlich bogen wir auf den Hildegardisplatz ein. Papa stand dort und wartete auf mich. Ich sprang aus dem Wagen und umarmte ihn herzlich.
»Langsam Jung, nicht so stürmisch. Ist es dir in Berlin so schlecht ergangen? Gut schaust du aus. Jetzt komm, Mutter erwartet dich.«
Der Kutscher gab mein Gepäck vom Wagen herunter, ein schneller Gruß an den Freund und die Kalesche zog an. »Wir sehen uns in den nächsten Tagen«, rief Toni, sich aus dem Fenster lehnend.
»Aber sicher«, rief ich zurück.
Papa und ich nahmen das Gepäck und strebten den kurzen Weg zu unserer Wohnung an. Dort begrüßte Mama mich herzlich. Der Kaffeetisch war zur Feier des Tages im Wohnzimmer, dem Allerheiligsten, festlich gedeckt und nach einigem Hin- und her setzen wir uns schließlich.
Mama hatte meinen Lieblingskuchen gebacken: »Greif zu Jung und lass es dir schmecken.«
»Verhungert sieht er nicht aus«, stellte Papa grinsend fest.
»Aber Johann!«
Langsam legte sich unsere Aufregung. Ich langte tüchtig zu und es schmeckte ausgezeichnet. Mama strahlte ob meines guten Appetits. Jetzt erhob sich Papa und ging hinaus, kehrte aber gleich mit einem länglichen Umschlag in der Hand zurück. Er legte ihn auf den Tisch und zündete sich umständlich seine Pfeife an. Nach einigen Zügen meinte er gemütlich: »Du scheinst dich in Berlin gut aufgeführt zu haben.«
»Wie meinst du das«, fragte ich verwirrt und dachte an die Geschichte mit von Rosen. Konnte das bis hierher vorgedrungen sein? Kaum zu glauben.
»Johann lass die Späße«, mischte sich Mama ein«, und verwirr de Jung nicht.«
Papa lächelte süffisant: »Keine Angst Jung. Es ist nichts schlimmes, ganz im Gegenteil. Es ist ein Schreiben der Königlichen Bezirksregierung. Aufgrund deiner hervorragenden Leistungen bewilligen sie dir ab kommendem Semester ein großzügiges Stipendium.«
»Donnerwetter Papa. Auf den Schreck muss ich ein Zigarillo rauchen.«
»Dazu trinken wir einen guten Cognac. Anneliese bring bitte Flasche und Gläser.«
Mama tat wie geheißen und Papa schenkte uns ein. Wir stießen fröhlich miteinander an.
»Ich bin sehr stolz auf dich, Jung«, sagte Papa und stellte sein Glas auf den Tisch. »Eine Belobigung der Königlichen Bezirksregierung bekommt man nicht alle Tage. Und es hilft uns. Mein Salär als Schulmeister ist bekanntlich nicht üppig.«
»Was redest du da Johann. Als ob wir am Verhungern wären. Boni bekommt das, was er benötigt. Brav gelernt Jung. Hast du einen guten Umgang dort?«
»Oh ja«, nickte ich eifrig. »Der Missionsprokurator ist ein vorzüglicher Mann und die Kolpinggesellen und meine Mitstudenten sind alle in Ordnung.«
»Das ist schön«, Mama schaute zufrieden drein.
Ein gemütlicher Nachmittag in unserem Wohnzimmer. Die Dämmerung senkte sich langsam herab. Der Schein der Petroleumlampe auf dem Esstisch verbreitete ein anheimelndes Licht.
Wohlig räkelte ich mich auf meinem Stuhl zurecht. Der Cognac erwärmte meine Ohren: »Papa, ich habe in Berlin eine interessante Bekanntschaft gemacht.«
»So. Wenn denn?«
»Den Sohn vom alten Rosen.«
»Waas? Wirklich? Wo hast du den kennengelernt?«
Jetzt saß ich in der Falle. Das hatte ich nicht bedacht. Aber, was sollte es. Ehrlich währt am längsten: »Bei einer Schlägerei.«
»Oh Gott«, rief Mama aufgeregt.
Ich beruhigte sie und erklärten ihnen den Sachverhalt. Papa grinste zufrieden: »Habt ihr die Buschen wenigsten ordentlich durchgeklopft.«
»Johann«, rief Mama.
»Das kannst du glauben Papa. Der Rosen hat auch einen guten Schlag, obwohl er zart gebaut ist. Aber ein guter Kerl. Oberleutnant mit dem EK I im Regiment Garde du Corps.«
»Nobles Regiment. Es freut mich, dass du dem Sohn meines verehrten Kommandanten helfen konntest. Das ist eine Ehre für mich.«
Mit den Freunden und Bekannten traf ich mich in den nächsten Tagen. Alle hatten von dem Stipendium gehört und waren stolz auf mich. Und ich auf mich auch. Mein Selbstbewusstsein schwoll in dieser Zeit mächtig an.

An einem Vormittag gegen Ende Februar kam ich vom Dom her aus einer heiligen Messe. Auf dem Markplatz rief hinter mir plötzlich eine laute Stimme: »Hallo Boni, wohin eiligen Schrittes des Weges?«
Ich drehte mich um und da stand Georg, mein alter Kamerad vom Postsportverein und Kurfürst Balduin Gymnasium. Wir hatten uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Lachend gab er mir die Hand: »Na Studiosus, von dir hört man ja außerordentliches.«
»Es ist nicht der Rede wert«, erwiderte ich bescheiden und sah ihn an. Er trug eine Soutane, schlank wie immer, sein Gesicht strahlte Intelligenz und Entschlossenheit aus: »Und du Hochwürden? Darf man dich denn noch duzen?«
Er boxte mir freundschaftlich auf die Schulter: »Alter Knallkopp, natürlich. Und was den Titel angeht, na ja...«
»Wie meinst du das?«
»Pst. Nicht hier.«
»Ich kenne eine ruhige Kneipe, da ist um diese Zeit nicht viel los. Wollen wir einen Frühschoppen halten?«
»Warum nicht.«
Einträchtig zogen wir los. In unserer alten Stammkneipe setzten wir uns an einen verschwiegenen Ecktisch, bestellten Bier und zündeten Rauchwerk an. Schweigend genossen wir die ersten Züge und Schlucke des kühlen Bieres.
»Du erhältst ein Stipendium der Bezirksregierung«, sagte Georg. »Pass nur auf.«
»Auf was«, fragte ich verwundert.
»Dass sie dich nicht auf ihre Seite ziehen. Der Staat gibt nichts freiwillig, sondern fordert etwas dafür.«
»Und was?«
»Wohlverhalten.«
Ich schaute ihn verwirrt an: »Georg, du sprichst in Rätseln.«
Der nahm in seiner gewohnten Gemütsruhe einen guten Schluck: »Es zieht Sturm auf, sowohl in Preußen als auch in Deutschland.«
»Was hat das mit meinem Stipendium zu tun? Ich bin ein kleiner, völlig unbedeutender Student des Ingenieurwesens. Meine Profession sind Maschinen und Technik.«
»Du gehörst zur aufstrebenden Klasse, mein Freund. Die möchte man in Berlin auf ihre Seiten ziehen. Außerdem bist du katholisch.«
»Schön«, erwiderte ich gedehnt. »Ich weiß, dass sie uns in Berlin nicht gerade lieben.«
»In Preußen stehen wir vor harten Auseinandersetzungen«, sagte Georg mit ernster Miene. Der protestantische Liberalismus will uns ans Leder. Im Rheinland rumort es schon. Denke an den Kölner Kirchenstreit und die Tumulte in Münster. Trier ist ebenfalls betroffen. Ich verbrannte mir bereits den Mund. Aus diesem Grunde versetzte man mich in ein abgelegenes Nest im Hunsrück.«
»Bist ein schlaues Haus, Georg.«
»Du auch.«
Ich grinste: »An dich komme ich lange nicht heran.«
»Ach Boni«, Georg lächelte begütigend. »Du hast keine Angst und das zählt. Mein dringlichstes Anliegen an dich. Lass dich in Berlin nicht verforemen. Bleibe, wie du bist und wechsle nicht die Seiten, so schmackhaft man dir das auch machen sollte.«
»Keine Sorge. Ich bin in den Fängen des Missionsprokurators Meyer.«
»Ausgezeichneter Mann.«
»Eben.«
Die Worte Georgs bereiteten mir in der Folgezeit einiges Unbehagen und mein Stipendium verlor für mich an Glanz. Ich sah die Dinge zwar nicht so wie er, aber ganz unberührt ließen mich seine Argumente nicht. Zumal ich wusste, dass Georg ein grundehrlicher Mensch war. Doch ich stellte das erst einmal zurück.

Ein anderes Problem beschäftigte mich - Trixi. Die blendende Schönheit dieses Mädchens verwirrte mich in einem Maße, wie ich es mir nicht eingestehen wollte. Dazu der Liebreiz ihres Charakters. Wer konnte einem solchen Engelchen widerstehen?
Mama beobachtete mich und drückte das auf ihre Weise aus. Eines Morgens beim Frühstück in der Küche, Papa ging seinem Tagewerk in der Schule nach, meinte sie eher beiläufig: »Trixi von Wallerstadt ist zu einer Schönheit erblüht. Schon eine richtige feine Dame.« Und zwinkerte mir munter zu.
Ich hörte die Glocken läuten: »Wie meinst du das Mama?«
»Wie ich es sagte, Jung.«
»Sie ist nicht für mich Mama«, dabei versuchte ich, meiner Stimme einen festen Klang zu geben.
»Warum nicht?«
»Ich bin ihr standesmäßig nicht ebenbürtig.«
»Ach was Jung«, erwiderte Mama etwas unwirsch.
»Doch Mama. Es ist so. Die Freundschaft mit Toni scheint die Standesgrenzen zu verwischen. Doch sie bestehen. Ich glaube nicht, dass ich der vornehmen und hochadligen Familie von Wallerstadt als Schwiegersohn willkommen bin. Was bin ich? Der Sohn eines kleinen Schulmeisters und ehemaligen Feldwebels. Tonis Vater war Oberstleutnant im vornehmen Regiment Garde du Corps. Mein Berliner Freund von Rosen würde besser zu ihr passen.«
»Paplapapp.«
»Mama, es ist so. Außerdem habe ich noch nicht gedient. Wer gesellschaftlich in Preußen aufsteigen will, muss Reserveoffizier sein. Nach dem Studium gehe ich das an. Und dann bin ich noch zu jung für eine feste Bindung. Gerade mal zwanzig.«
»Man wird schneller älter, als einem lieb ist«, seufzte Mama. »Du sollst das Mädchen ja nicht heute heiraten. Sie ist eine Option für die Zukunft. Sie öffnet dir die allerersten Kreise. Vermassele dir das nicht. Diese Gelegenheit erhältst du nie wieder.«
»Ich steige auch ohne diese Protektion auf«, erklärte ich bockig.
»Ach Jung«, seufzte Mama. »Warum machst du es dir so schwer. Ihr Männer seit alle Umstandskrämer. Ständig habt ihr es mit eurer Ehre. Dabei überseht ihr die Möglichkeiten, die sich euch bieten. Sei kein dummer Junge.«
Ich wusste sehr gut, dass Mama Recht hatte. Aber was sollte ich machen? Ich konnte ihr nicht die Wahrheit sagen, oder besser, ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was ich wirklich wollte. Zweifel überfielen mich ob des Weges, den ich beschritt, wenn es denn einer war.
Die süße Trixi machte es mir auch nicht leichter. Sie schien es darauf anzulegen, mich mit aller Gewalt auf ihre Seite zu ziehen. Gegen diese geballte Weiblichkeit kam ich mir hilflos vor. Eine verflixte Situation und keine Hilfe in Sicht. Der Missionsprokurator, mein Seelenführer, weilte im fernen Berlin.
Ende März bescherte uns der Frühling einige schöne Tage. Trixi und ich spazierten an einem sonnigen Nachmittag durch den Palastgarten, unserem Lieblingsort. Hier gab es verschwiegene Winkel und die Parkanlage bot einen herrlichen Anblick. Diese wunderbaren Blumenarrangements.
Trixi strahlte in ihrer schillernden Pariser Toilette und ich im Anzug mit Studentenmütze. Wir gaben der Umwelt ein ansehnliches Pärchen.
»Bald musst du wieder fort Boni«, seufzte das schöne Mädchen an meinem Arm. »Berlin ist so weit.«
»Bald sind große Semesterferien«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Dann bin ich lange hier. Für den Sommer habe ich schon eine Praktikantenstelle bei der Firma Gebrüder Dunccen.«
»So, wirklich?«
»Aber ja Trixi. Das ist eine gute Option für die Zukunft. Vielleicht kann ich nach dem Studium bei denen anfangen. Man weiß nie.«
»Sicher Boni, aber trotzdem bist du solange fort. Ich vermisse dich sehr.«
»Ach Trixi.«
Das Mädchen stellte sich vor mich, drückte mich fest an sich und küsste mich leidenschaftlich. Wer konnte dem widerstehen?«
»Liebst du mich denn noch Boni«, dabei schaute sie mich mit ihrem lieben Gesichtchen fragend und zugleich bittend an.
»Aber natürlich Trixi.«
»Wirklich?«
»Ganz wirklich. Versprochen.« In diesem Augenblick glaube ich wirklich, was ich sagte.
»Dann ist es gut«, hauchte das Mädchen und lächelte süß.
Wir promenierten weiter in der schönen Parkanlage. Die Sonne schien hell und warm. Die ersten Boten der Natur zeigten sich. Ich drehte mich zu ihr hin: »Du musst Geduld haben. Es sind viele Hürden zu überwinden. Das Studium, der Barras, meine berufliche Zukunft und deine hohe gesellschaftliche Stellung.«
»Ich tue alles für dich, Lieber.«
»Dann ist es gut«, und glaubte den Versprechungen, die ich ihr machte. Später kamen mir Zweifel. Durfte ich dem Mädchen diese Hoffnungen machen? Sicher nicht. Aber ich verschaffte mir Luft und gewann Zeit. Was später kam, du lieber Gott, wer konnte das wissen.
Am Ende der Semesterferien glaubte ich fest, richtig gehandelt zu haben. Ich war erst zwanzig und das Leben lag vor mir. Ich wollte ein gutes Stück davon kosten. Ob mit Trixi, stand in den Sternen, die Zeit würde es bringen. Das Mädchen war meine Rückversicherung. Man sollte sich stets alle Optionen offenhalten.

Die Semesterferien lagen hinter mir und ich weilte in Berlin. Ein wenig Heimweh nach Zuhause schwang mit, verging aber schnell innerhalb der nächsten Tage. Studium und meine sonstigen Verpflichtungen nahmen mich so sehr in Anspruch, dass ich die wehmütige Stimmung bald vergaß.
Eines Abends in der ersten Studienwoche saß ich mit einigen Getreuen beim Prokurator. Natürlich in dem ungemütlichen Zimmer, das mir im Laufe der Zeit ans Herz wuchs. Wir saßen um den großen Tisch im Schein der Petroleumlampe, und nur der ganz enge Zirkel des Chefs, also sieben oder acht Burschen, darunter Christian, Willi und Fritz. Humpen mit schäumendem Bier vor uns stehend, billige Fehlfarben rauchend, ergab sich eine Atmosphäre wie bei einem Stammtisch in einer schaurigen Kneipe.
Wir sprachen über dies und das, Tangialgerede. Dann wandte sich der Prokurator an mich: »Was kam mir das zu Ohren Boni? Du bekommst ein Stipendium der Bezirksregierung? Gratuliere.
Die anderen klopften Beifall.
»Danke«, sagte ich etwas zaghaft und lächelte dünn. »Es ist nicht der Rede wert.«
»Na erlaube mal«, entrüstete sich Christina. »Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Auszeichnung für exzellente Leistungen im Studium. Darauf kannst du stolz sein.«
»Bin ich auch, aber nur ein bisschen.«
Meine Freunde schauten mich fragend an. Der Prokurator schmunzelte, nahm einen Schluck Bier und zündete sich umständlich die Pfeife an. Große Rauchwolken blasend, schien er etwas zu überlegen. Jetzt räusperte er sich: »Du bist zu bescheiden Jungchen. Aber ich glaube, ich ahne, wo dich de Schuh drückt. Hat dir jemand Angst jemacht?«
»Nicht direkt Angst, aber er gab mir einiges zu bedenken, das mir Kopfzerbrechen bereitet.«
»Was denn«, fragte Christian neugierig.
»Der Chef schmunzelte: »Boni besitzt eine Eigenschaft, die ich sehr schätze, nämlich Ehrlichkeit. Er kann sich nicht verstellen, man liest in seinem Jesicht wie in einem Buch.«
Die Tischgenossen grinsten und ich wurde etwas rot im Gesicht: »Ach Hochwürden«, murmelte ich verlegen.
Christian der Zauberlehrling ließ nicht locker: »Was lesen Sie denn Hochwürden?«
Der grinste: »Das glaube ich dir Jungchen. Also, ich saje det mal so: Bonis Auszeichnung besteht aus zwei Seiten, wie bei einer Münze. Die vordere Seite stellt die Anerkennung für sehr gute Leistungen dar, während die Rückseite eine Forderung anspricht.«
»Welche denn«, Christian war nicht zu bremsen.
»Du als angehender Winkeladvokat misstest det am besten wissen. Wie heißt es so scheen in deiner Zunft: Qui bono. Wem nützt es.«
Christian überlegte einen Augenblick, dann nickte er: »Stimmt. Ich ahne, worauf sie hinauswollen. Der Groschen ist gefallen.«
»Aber bei uns nischt«, maulte Fritz. »Los Christian, spucks aus.«
»Ich erkläre es euch«, sagte der Prokurator gemütlich. »Dat is so. Wir alle hier sind jut katholisch und unsere allergnädigste Regierung samt Keenich sind Prostestanten. Dämmert et euch?«
»Ja Chef, ik verstehe.«
»Eben Burschen. Die Bezirksregierung erwartet etwas von Boni für die gewährten Wohltaten. Und das ist Loyalität.«
»Sehen Sie da nicht etwas zu schwarz«, fragte Christian. »Müssen wir nicht alle gegenüber der Obrigkeit loyal sein. Wo käme ein Staatswesen hin, dessen Bürger nicht hinter ihm stehen.«
»Hier spricht der Jurist«, nickte der Prokurator. »Du hast Recht mein Sohn. Seit der Französischen Revolution entstand eine Schieflage zwischen den Bürgern und ihrem Staat, vor allem in Preußen. Diese protestantischen Kanallien und an der Spitze der König, der Kartäschenprinz, wollen uns Katholiken kleinmachen, den angeblichen Einfluss Roms unterbinden.«
»Das habe ich in den Semesterferien schon mal gehört«, murmelte ich. »Mein Freund Georg, ein Priester und mit der Obrigkeit im Konflikt.«
»Es rumort überall in den preußischen Rheinprovinzen«, nickte der Chef. »Die sind ja überwiegend katholisch. Denkt an den Kölner Kirchenstreit und die Münsteraner Tumulte. Das ist nur der Anfang. Diese protestantischen Gipsköpfe wollen und plattwalzen. Es zieht Sturm auf Leute, das könnt ihr mir glauben. Dafür besitze ich eine gute Nase.«
»Meinen Sie nicht Hochwürden«, fragte Christian nachdenklich, »dass man besser den Augleich sucht, an Stelle des Kampfes. Was bringt er uns?«
»Jungchen, die maßgeblichen Krautjunker hier in Berlin suchen Streit, die Auseinandersetzung. Man möchte den politischen Katholizismus zerschlagen, ihn an den Wurzeln packen und ausreißen.«
»Möglich, aber ich gehöre auch zu den Krautjunkern.«
»Jungchen, es jibt solche un solche. Du Christian bist in Ordnung und außerdem katholisch. Ich sprach im Allgemeinen. Die bevorstehenden Kämpfe werden hart und bitter werden, Burschen, det könnt ihr mir glauben. Jetzt muss jeder Katholik klare Positionen beziehen, Gehorsam gegenüber dem Staat oder der Kirche. Der Stand spielt keine Rolle. Es ist auf die einfache Formel gebracht: Rom oder Berlin.«
»Sie fordern viel Hochwürden«, sagte Christian mit ernster Miene.
»Das weiß ich Jungchen. In dem Kampf gibt es keine Kompromisse. Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
Ich gebe zu, dass mir die Worte des Prokurators lange nachhingen. Christian schien nicht überzeugt, sprach das Thema aber nicht mehr an.

 Ende der Leseprobe