Arbeitstitel: Die langen Schatten...

Roman von Günther Drutschmann

29. Dezember 2015

  

 

Inhaltsverzeichnis:

Prolog: Ach wie gut, dass niemand weiß...

1. Akt: Es war einmal...

2. Akt: Es waren zwei Königskinder, die...

3. Akt: Bäumchen, Bäumchen, wechsle dich...

4. Akt: Und wenn sie nicht gestorben sind...

Nachklang

 

Leseprobe:

Prolog: Ach wie gut, dass niemand weiß...

Wir sind in der alten Johanneskirche am Kirchenplatz der alten Stadt an der Mosel. Erinnert ihr euch noch? Um diesen Platz gruppieren sich in fast quadratischer Weise die Kirche, rechts daneben das große Wohnhaus mit der Nummer eins, gegenüber der Kirche die Meisterschule, daneben zwei schöne Bürgerhäuser.
   Die große Kirche sah bessere Zeiten, voller Leben mit Glanz und Gloria. Sie wurde 1907 erbaut als Trutzburg der Katholiken gegen die protestantische preußische Obrigkeit. Damals blühte das Gemeindeleben auf, die alte Kirche wurde zu eng. Der Kirchenplatz bildete das neue Zentrum der Gemeinde.
   Hundert Jahre später ist von alledem nicht viel geblieben. Der Kirchenbesuch an den Sonntagen ist mager.
   Heute aber, an einem Spätsommervormittag des Jahres 2008 ist die alte Kirche gut besucht. Sie sieht es nicht oft, dass alle Bänke im Hauptschiff belegt sind. Was sind die Ursachen dieses Besucherandrangs?
   Ein Sterbeamt wird zelebriert. Die Familien, Freunde und Bekannten der Verstorbenen füllen die Bänke, stehen fassungslos vor der menschlichen Tragödie, sie sich vor ihren Augen abspielte. Sie beweinen den Tod von zwei jungen Menschen. Wie konnte das geschehen? Gab es keine Alternativen?
   Diese beiden Königskinder sind Nachfahren einst großer und glorreicher deutscher Familien, eingebettet in hundert Jahre deutsche Geschichte. Sie waren die Urenkel unserer Helden Michael und Albert aus einstmals großer Zeit. Die langen Schatten des unseligen Zeitalters berührten auch diese beiden jungen Menschen. Der Enkel unserer Helden, wir sahen es im zweiten Teil der Trilogie, präsentierte sich schwach und gezeichnet, die Urenkel hingegen trugen die Zeichen des Verfalls ebenso in sich und waren noch schwächer. Oder etwa nicht?
   Alle Gestalten des Buches sind Geschöpfe der Phantasie. Wo sie realen Personen gleichen, bedeutet das nicht, dass diese so handelten. Sie dienen der Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit, nicht aber, um sie in irgendeiner Weise zu diffamieren oder das Verhalten zu bewerten.
   Der Verfasser hat Geschehnisse, wie sie in jeder Lebensbeschreibung oder Tageszeitung aufgezeichnet sind, als Grundstoff benutzt. Wer sich oder andere reale Personen in dem Spiel zu erkennen glaubt, ist es selber schuld.

Öffnen wir den Vorhang und beginnen mit dem Spiel. Möge der dritte Teil der Trilogie dem Leser von Nutzen sein.

 

1. Akt: Es war einmal...

Ein vierjähriges Mädchen und ein zwei Jahre älterer Junge spielten an einem schönen Sommertag hingebungsvoll in einem Sandkasten, der im Garten eines gepflegten Bungalows angelegt war.
   Die Kleine sah niedlich aus, rotes langes Haar, zu einem Pferdeschwanz gebunden und ein bildhübsches puppenhaftes Gesichtchen mit lieben freundlichen Augen, schlank und feingliedrig die Statur. Der kleine Junge stand dem guten Aussehen des Mädchens in nichts nach. Das blond gelockte Haar wehte im Sommerwind, ein hübsches Jungengesicht, schlank und einen guten Kopf größer als die Spielgefährtin. Sein ganzes Wesen strahlte Ruhe und Besonnenheit aus.
   Die beiden erschienen der Jahreszeit gemäß leicht bekleidet mit kurzen Hosen und leichtem T-Shirt. Das Mädchen rutschte auf dem Bauch zu dem Jungen hin, der im Sand kniete, zog sich an ihm hoch und schlang ihre Ärmchen um seinen Hals. Dabei schaute sie ihn liebevoll an:
   »Wenn ich groß bin, heirate ich dich Michi.«
   Der Junge sah sie aufmerksam und mit ruhigem Blick an: »Natürlich Anna, was denn sonst.«

   »Also, das ist doch wirklich die Höhe!«
Professor Dr. Dr. Horstmar Dausendwasser sah empört von seiner Zeitung, der Trierischen auf und seine Frau Antonia, genannt Toni, an.

   »Diese Kulturbanausen der Stadt, haben keine Ahnung, wovon sie reden. Die wissen überhaupt nicht, was Kultur bedeutet, diese hehre Gut unserer Zivilisation. Maulhelden, nichts als Maulhelden...«
   Horstmar saß im Speisezimmer seinen gepflegten Bungalows beim Frühstück. Toni und die beiden Kinder schauten von ihren Plätzen auf den erzürnten Vater. Hübsche Kinder übrigens, die elfjährige Leslie und der sechsjährige Michael, genannt Michi.
Horstmar nickte stumm. Trotz des augenscheinlichen Ärgers war er mit sich und der Welt zufrieden. Als Professor für Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften galt er in Fachkreisen als anerkannte Autorität. Er zählte ohne Zweifel zu den Aufsteigern der bürgerlichen Gesellschaft Anfang dieser neunziger Jahre, als kleinen bürgerlichen Verhältnissen stammend.
   Stellen wir uns unseren Professor als mittelgroßen schlanken Herrn, Anfang vierzig mit schon etwas schütterem Haar und einem gepflegten Backenbart. Dieser sollte dem nicht zu verkennenden gutmütigen Gesicht Ernst und Würde verleihen. Horstmar zeichnete sich durch Fleiß, Ausdauer und Intelligenz aus. Ein Mensch, der seine angeborene Gutmütigkeit durch profundes Wissen zu überspielen suchte. Ein Mensch, der sich exzellent auszudrücken verstand, in akzentfreiem Deutsch und auf vielen Wissensgebieten bewandert war. Man konnte ihn nicht so schnell aus der Fassung bringen. Wir wollen auch nicht verschweigen, dass er nicht den Typus des Familientyranns darstellte. Seinem hohen Amt gemäß kleidete er sich konservativ, als Tuchhose, Hemd, Krawatte, schwarze Schuhe, Jackett.
   Seine Frau Antonia, genannt Toni, sehen wir in diesen Jahren als zierliche, etwas kleinere Person. Sie besaß ein schönes, ebenmäßiges Gesicht, kleidete sich sportlich mit Jeans und T-Shirt und trug das Haar kurz. Ihr schmales Gesicht deutete auf Intelligenz und gutem Verstand, aber mit einem Schuss Verschlossenheit. Was Horstmar zuviel, sprach sie zu wenig. So könnte man glauben, dass sich die Gegensätze anziehen. Nun ja. Um es gleich zu sagen: Die Ehe stand nicht gerade unter einem guten Stern, trotz aller materiellen Erfolge.
   Toni heiratete vor gut zehn Jahren ihren Horstmar nicht aus Liebe, sondern Berechnung. Sie bewunderte den aufsteigenden Stern am akademischen Himmel. Er gab ihr Sicherheit und dafür stellte sie andere Belange zurück. Sie war ein ängstlicher Mensch, der sich vor der rauen Welt da draußen fürchtete. Das wunderte, denn nach außen zeigte Toni Tatkraft und Durchsetzungsvermögen. Nur leider oft an den falschen Stellen. Und gegen Horstmars überlegene Intelligenz kam sie ohnehin nicht an. Dabei musste sie sich nicht hinter ihm verstecken. Sie unterrichtete stundenweise an einer Hauptschule und nicht ohne Erfolg. Bei ihren Schülern war sie sehr beliebt.

   Horstmar legte die Zeitung einen Augenblick zur Seite und ließ die Blicke über sein schönes Heim gleiten. Oh ja, er konnte mehr als zufrieden sein. Wir sagten es bereits, er kam aus keinen bürgerlichen Verhältnissen. Nun ja, das stimmt, dachte Horstmar, aber so klein waren sie nicht, denn die guten Eltern konnten meinen Brüdern und mir eine exzellente Ausbildung ermöglichen. Dafür war ihnen nichts zu teuer.
   »Eine erstklassige Bildung ist die Grundvoraussetzung für den beruflichen Aufstieg Jungs«, pflegte mein Vater zu sagen. So zeigte es sich nur konsequent, dass wir alle das Gymnasium besuchten. Das Lernen fiel mir nicht schwer und ich gehörte bald zu den Besten der Klasse. Das erwarte ich übrigens auch von meinen Kindern. Meine Älteste Leslie macht mir da keine Sorgen. Sie kommt gut mit. Der Michi ist mir zu verspielt und ich weiß nicht recht... Meine Intelligenz besitzt er nicht.  
   Also, ich muss betonenen, dass ich mein Studium in der vorgeschriebenen Zeit absolvierte, als einer der Besten, wie sichs versteht und nachher zweimal promovierte. Das erwarteten alle von mir und ich enttäuschte sie nicht. Später heiratete ich, natürlich erst dann, als ich die Stelle an der Uni sicher in der Tasche hatte. Ein Mann muss eine Familie gründen und dazu benötigt er eine gute Frau. Mein Wahl fiel auf Toni, die Schwester meines alten Freundes Richard. Ich heiratete aus Liebe, was denn sonst und liebe sie noch immer. Sie schenkte mir zwei wohlgeratene Kinder und so bilden wir eine gutbürgerliche christliche Familie in einem schönen Heim in bester Stadtlage mit ausgedehntem Park. Ein großes Bungalow mit ausgiebig Platz. Natürlich gebe ich hier den Ton an, auch wenn Toni mit unter dagegen rebelliert. Ich bin ein guter Hausvater, der für die Seinen sorgt...
   »Mama«, hörte Horstmar wie aus der Ferne seinen Sohn Michi fragen. »Anna kommt doch heute? Oder?«
   »Muss das sein«, entfuhr es dem Vater.
   »Natürlich«, erwiderte die Mutter in strengem Ton. Sie wandte sich an ihren Sohn: »Aber klar doch Michi.«
   »Das ist gut«, nickte der Junge erleichtern. »Ich richte schon mal die Spielsachen. Darf ich aufstehen Mama?«
   »Sicher.«
   »Ich auch Mama«, schloss sich Leslie, ein hübsches, schwarzhaariges schlankes Mädchen an.
   »Natürlich«, nickte der Vater wohlwollend.
   Die Kinder entfernten sich schnell. Toni sah ihren Mann missbilligend an: »Musste das sein«, fragte sie stirnerunzelnd: »Was hast du gegen Anna? Sie ist sehr lieb und versteht sich gut mit unserem Michi.«
   »Es ist«, hub Horstmar an. »Ach nichts...«
   Ich weiß, wo dich der Schuh drückt, dachte Toni. Die Familie meiner jüngeren Schwester Renate ist ihm nicht fein genug. Hinzu kommt, dass Anna... Es stört seinen ästhetisch künstlerischen Sinn.
   Toni geriet ins Träumen... Sie sah den festlich geschmückten Saal eines namhaften Restaurants anlässlich ihrer Hochzeit. Wie lange war das her? Frühjahr 1978, das sind jetzt fünfzehn Jahre. Ich war schon schwanger mit Leslie. Tja, wie konnte das passieren? Horstmar bewohnte damals ein kleines Apartment neben seiner geliebten Uni. Und so hüpften wir eines Tages dort ins Bett, ohne die Folgen zu bedenken. Verhütung? Seinerzeit ein Fremdwort für mich. Zuhause sprach man nicht über so etwas. Man tat das, was gottgegeben erschien. Horstmar dachte ebenso. Natürlich waren alle schockiert, als ich schwanger wurde. Zu diesem Zeitpunkt hegte ich keinesfalls die Absicht, ihn zu heiraten. Ich wollte mein Studium beenden und das Kind alleine großziehen.
   Toni seufzte tief. Hätte ich das nur getan. Aber ein Chor der Entrüstungen scholl mir entgegen. Angefangen bei Horstmar, denn eine ledige Mutter mit Kind, an dessen Entstehung er beteiligt war, passte nicht in das Weltbild des aufstrebenden Akademikers.
   Und dann meine Eltern:
   »Was willst du Antonia«, rief die Mutter entsetzt. »Unverheiratet mit Kind. Was denken die Leute von uns?«
   »Das ist mir egal Mama.«
   »Dann lieber das Kind wegmachen.«
   »Warum Mama? Ich will dieses Kind, doch nicht als Zugabe den langweiligen Horstmar.«
   »Was habe ich für Kinder«, jammerte sie. »Renate liebt einen Alkoholiker, Richard im Krankenhaus und nun du!«
   »Bist du denn glücklich mit Papa?«
   »Aber sicher. Was fragst du?«
   »Nur so. Ich werde sicher mit Horstmar als Ehemann nicht glücklich werden.«
   »Was sind das für Reden. Horstmar ist ein fleißiger Junge mit erstklassigen beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Wirf das nicht in den Dreck. Das besorgt schon deine Schwester Renate.«
   »Er ist ein Langweiler«, sagte ich in ruhigem Ton. »Jetzt da Richard im Krankenhaus ist, könnte ich doch auswärts studieren. Ob er das je wieder kann, steht in den Sternen.«
   »Biste jeck Kind.«
   »Meine Freundin Astrid studiert auch auswärts. Mit ihr könnte ich mich zusammentun.«
   »Und von was willst du leben?«
   »Bafög, Unterhalt und Jobben.«
   »Das kommt überhaupt nicht in Frage Antonia. Wir sind eine anständige Familie. Schlimm genug, dass Renate an diesem versoffenen Zollbeamten hängt. Aber sie ist verheiratet und das wirst du auch tun.«
   Toni seufzte hingebungsvoll. Mama setzte schließlich ihren Kopf durch und ich heiratete den Langweiler. Alle gratulierten mir zu dieser Wahl. Nun ja, er ist kein schlechter Kerl, aber ich liebte ihn nicht. Es fehlte mir die Kraft und den Mut, mich dem Schicksal entgegenzustellen. Zudem bot mir Horstmar materielle Sicherheiten, die nicht zu verachten waren. Oder? Verkaufte ich etwa meine Überzeugungen? Welche denn?
   Bei der Hochzeit barsten meine Eltern vor Stolz. Gegenüber Horstmars Familie zeigten wir, dass wir uns nicht verstecken mussten und es auf der bürgerlichen Leiter auch zu etwas gebracht hatten. Papa strahlte über das ganze Gesicht und als später der Saal für das Abendessen gerichtet wurde, saßen wir mit den näheren Verwandten in einem kleinen Kabinett. Papa führte kluge Reden über die Ehe. Sein Stolz kannte keine Grenzen, zumal ich von je her seine Lieblingstocher war. Wir wollen aber nicht verschweigen, dass meine guten Eltern die finanziellen Hauptlasten des Festes trugen. Horstmars Leute hielten sich da dezent zurück, obwohl sie finanziell nicht schlecht gestellt waren. Sein Vater bekleidete als höherer Beamten eine gute Stellung.
   Im Laufe dieser Gespräche kam einmal die Rede auf meinen Bruder Richard. Renate stieß das Thema an. Er lag nun seit einem Jahr im Krankenhaus. Die Ursachen der Krankheit wusste keiner so genau. Eigentlich kein Thema an einem heiteren Tag.
   »Er wird ein Krüppel bleiben.«
   »Aber Papa«, begehrte Renate auf, die Richard sehr mochte. Sie absolvierte gerade eine Ausbildung zur Krankenschwester und war mit Eifer bei der Sache.
   »Wieso, Max hat Recht«, sagte Horstmars Vater. »Zu unserer Zeit sagte man das.«
   »Und noch vieles mehr«, begehrte meine um drei Jahre jüngere Schwester auf. »Man ging nicht zimperlich mit diesen Menschen um. Unwertes Leben nannte man das. Oder?«
   »Renate«, mahnte Mama lächelnd. »Nicht so stürmisch. Nimm dich bitte etwas zurück. Das ist hier kein Thema.«
   »Ja Mama.«
   Papa und Horstmars Vater grinsten und das Gespräch lief in ruhigere Bahnen. Ich verschweige nicht, dass mein Verhältnis zu den Schwiegereltern sich nie frei von Problemen gestaltete. Sie waren mir zu kleinkariert und außerdem geizig. Unsere Eltern zeigten sich finanziell stets großzügig und halfen, wo sie konnten.  
   Toni ließ aufs Neue einen herzzerreißenden Seufzer ertönen. Die ersten Jahre der Ehe? Leslies Geburt und danach spielte ich drei Rollen: Mutter, Hausfrau und Studentin.
   Horstmar schränkte sich in keiner Weise ein. Er widmete sich ganz seiner Karriere. Das Kind und mich nahm er nur am Rande wahr. Alles rings um uns glühte voll Stolz über den jungen Vater, der gleichzeitig im Eiltempo die Karriereleiter hinauf stürmte. Schließlich erlangte er die ersehnte Professur und hob nun völlig ab.
   Natürlich, finanziell ging es uns danach blendend. Aber das ist nicht alles im Leben. Meine Bedürfnisse nahm Horstmar nur dann zur Kenntnis, wenn sie in sein Konzept passten. Ich beendete mein Studium. Gut. Ich wollte arbeiten und das gefiel ihm schon weniger.
   »Wozu möchtest du das«, fragte er stirnerunzelnd. »Wir haben doch alles.«
   »Das hat damit nicht zu tun«, erwiderte ich wütend. »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Hausfrau und Mutter füllen mich nicht aus.«
   »Ah, du befindest dich auf dem Selbstverwirklichungstrip«, höhnte er. »Wenn du deine ehelichen Pflichten sorgsam erfüllst, bist du voll ausgelastet. Was soll das Emanzengeschwätz.«
   Wir stritten eine ganze Weile und ich erreichte, halbtags als Hauptschullehrerin arbeiten zu können.
   Einige Zeit später zogen neue schwarze Wolken auf. Wir wohnten in der Innenstadt zur Miete in einer schönen Wohnung. Das passte Horstmar plötzlich nicht mehr. Als Dozent und zweifacher Doktor musste es was Besseres sein. Alle seine Kollegen besaßen inzwischen Eigentum. Da konnte er doch nicht zurückstehen.
   Mir gefiel unsere Wohnung. Sie bot ausreichend Platz mit netten Nachbarn und so zentral gelegen. Ich konnte morgens zu Fuß Leslie in den Kindergarten bringen und danach zur Schule gehen. Mittags nahm Mama die Kleine, bis mein Dienst endete. Was wollten wir mehr?
   Aber nein, der feine Herr hatte andere Pläne. Er liebäugelte mit einem umfangreichen Grundstück vor der Stadt in einer feinen Gegend. Ich war dagegen und wollte mein gewohntes Umfeld nicht verlassen. Wir stritten eine Weile, mitunter sehr heftig, aber letztendlich setzte Horstmar seinen Willen durch. Daraus entstand ein Riß in unserer Ehe, der sich nicht mehr schloss. Es versöhnte mich keineswegs, dass wir ein parkähnliches Grundstück erwarben, auf dem Horstmar ein villenartiges Bungalow errichten ließ. Ein modernes komfortables Gebilde mit vielen Zimmern und mehr Platz, als wir je benötigten.
   Mein abgehobener Gemahl sah das alles nur aus seiner Warte. Er besaß ein repräsentatives Zuhause und konnte seine arroganten Kollegen und sonstiges gehobenes Gesocks einladen und standesgemäß bewirten. Wir leisteten uns ein Dienstmädchen, eine Putzfrau und eine Köchin, dazu zwei Autos der gehobenen Klasse.
   Die andere Seite der Medaillie war, dass ich nun Leslie nicht mehr so einfach bei Mama abgeben und um die Ecke zur Schule laufen konnte. Meine Eltern stimmten mir zu, aber wir liefen ins Leere. Seine Eltern fanden hingegen alles wunderbar.
   »Mein liebes Kind«, sagte die Schwiegermutter, mit der ich mich nie verstand. »Dein Mann bekleidet eine herausragende gesellschaftliche Stellung. Er steht im öffentlichen Rampenlicht. Dem ist alles unterzuordnen und auch du hast dem Rechnung zu tragen. Du bist dir deiner Pflichten nicht bewusst.«
   Dann heirate du ihn doch, hätte ich fast gesagt. Ich verkniff mir das. Es hatte sowie keinen Sinn.
   Das prächtige Haus wurde gebaut und wir zogen in diese Bonzengegend. Vom ersten Tag an fühlte ich mich hier nicht wohl. Alles war mir zuwider. Diese Herrlichkeiten reizten mich nicht. Ich hatte Heimweh nach meinem alten Viertel und der vertrauten Umgebung.
   Ich überlegte ernsthaft, mich von Horstmar zu trennen, zumal in dieser Zeit meine Schwester Renate diesen Schritt vollzog. Sie trennte sich nach der Geburt des zweiten Kindes von ihrem versoffenen Zollbeamten.
   Ich sprach mit Mama darüber. Sie zeigte Verständnis für meine Situation, zumal sie den Bauplänen immer skeptisch gegenüber gestanden hatte.
   »Bei Renate ist das etwas anderes«, sagte sie. »Die wusste von Beginn an, dass ihr Dieter nichts taugte. Sie heiratete aus Trotz.«
   »Ist das bei mir wirklich anders Mama?«
   »Aber Kind. Dein Horstmar ist doch nicht mit diesem versoffenen Tunichtgut zu vergleichen. Dazwischen liegen Welten.«
   »Meinst du?«
   »Mal abgesehen von dem Bauwahnsinn. Dein Horstmar bietet dir ein erstklassiges Leben ohne finanzielle Sorgen.«
   »Natürlich Mama. Er überhäuft Leslie mit unnötigem Spielzeug und verwöhnt sie nach Strich und Faden. Er vergöttert sie und lobt die augenscheinliche Intelligenz der Kleinen. Ein Wunderkind. Das tut ihr jedoch nicht gut.«
   »Und du?«
   »Ich könnte mit viel weniger leben. Glaube mir. Wenn ich Vollzeit arbeiten könnte, wäre genug Geld da für Leslie und mich. Das Kind bekommt er nicht und wenn er sich auf den Kopf stellt.«
   »Habt ihr über die Trennung bereits gesprochen«, fragte Mama erschrocken.
   »So direkt nicht«, erwiderte ich gedehnt.
   »Wie dann?«
   »Bei unserem letzten heftigen Streit warf ich das Horstmar an den Kopf. Natürlich sah er alles ganz anders. Von Trennung wollte er nicht wissen, weder von Leslie noch von mir.«

Toni sah auf den Frühstückstisch. Das Folgemädchen begann, abzuräumen.
   Horstmar sah von seiner Zeitung auf: »Ist was?«
   Toni wartete, bis das Mädchen in der Küche verschwand: »Mir ging gerade so einiges durch den Kopf.«
   »Ach so«, Horstmar blätterte in der Zeitung. »Hier werden schon Einschulungstermine für das nächste Jahr angegeben.«
   »Du kannst es wohl kaum erwarten«, fuhr Toni bissig auf.
   Horstmar verlor nicht seine Ruhe: »Michi könnte auch im Herbst eingeschult werden, obwohl...«
   Toni lachte bitte auf: »Obwohl er in deinen Augen nicht die sprühende Intelligenz deines Wunderkindes Leslie besitzt.«
   Horstmar spielte mit der Zeitung. Dabei sah er durch das breite Fenster auf die schöne Parkanlage, die im Morgenglanz erstrahlte.
   »Wunderkind, na ja«, quengelte er. »Leslie besitzt einen guten Kopf zum Lernen und ist ehrgeizig und fleißig. Diese guten Anlagen muss man fördern. Michi hingegen...«
   »Ja bitte?«
   »Der Junge neigt eher zu praktischen Tätigkeiten.«
   »Ist das ein Fehler«, fragte Toni spitz.
   »Nein«, erwiderte Horstmar gedehnt und dachte in diesem Augenblick genau das Gegenteil.
   »Und?«
   »Nichts und. Ich bezweifle, ob Michi später den Anforderungen der höheren Schule gewachsen ist.«
   »Das kannst du heute noch nicht beurteilen«, brauste Toni auf.
   »Gewisse charakteristische Merkmale lassen schon jetzt Schlüsse zu«, erklärte Horstmar mit nachsichtigem Dozentenstil.
   »Oh ja, der große Psychologe.«
   »Das hat damit nichts zu tun. Hier zählen nur die Fakten.«
   »Und welche lieber Horstmar?«
   »Michi ist mehr praktisch veranlagt, das musst du zugeben. Er schlägt in die Familie Dieckmann.«
   »Was kein Fehler ist«, warf Toni trotzig ein.
   Horstmar sah sie mit nachsichtigen Blicken an: »Sicher nicht. Doch seine handwerklichen Begabungen müssen bei der Schulwahl berücksichtigt werden.«
   »Was erst zu beweisen ist.«
   Toni verspürte keine Lust zu weiteren Diskussionen. Sie erhob sich, nickte ihrem Gemahl huldvoll zu und verließ den Raum. Sie strebte ihrem Arbeitszimmer zu, einem gemütlich eingerichteten Raum. Eine schöne Sitzgruppe mit zwei Sesseln, einem Schreibtisch, ein kleines Tischchen und einem großen Bücherschrank.
   Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schaute zum Fenster hinaus. Die Sonne lachte vom Himmel herab und versprach einen heiteren Tag. Sie nahm den Kopf zwischen die Hände:
   Dieser Horstmar. Ich lasse mich nicht von ihm provozieren. Leslie ist für mich verloren, aber Michi nicht. Als ich mich mit Horstmar auf ein zweites Kind einließ, war unsere Ehe nach neun Jahren zu Ende. Wir hatten uns entfremdet. Halt, so stimmt das nicht. Ich hatte mich von ihm entfremdet. Er war mit zuwider geworden, meine ohnehin spärlichen Gefühle erloschen. Hätte ich Mut gehabt, wäre ich gegangen.
   Doch meine Ängstlichkeit hielt mich zurück. Er bot mir materielle Sicherheiten und die überwogen meinen Ekel und den Abstand. Ich ließ es sogar zu, dass er mich schließlich schwängerte. Warum? Weil ich mich in einer Sackgasse wähnte, in die ich mich mit einer Unentschlossenheit und Ängstlichkeit selbst hineinmanövrierte.
   Ich ging einen faulen Kompromiss ein, wie schon so oft. Leslie war seinerzeit ein Unglückskind, Michi hingegen wollte ich. Aus zwei Gründen. Einerseits sah ich in ihm ein Ehestabilisierungskind und hoffte, er würde helfen, unsere Beziehung zu entkrampfen. Andererseits wollte ich Michi für mich haben und nach meiner Fasson erziehen. Er sollte einen Ersatz bieten für einen, nur noch auf dem Papier existierenden Ehemann. Diese Erwartungen erfüllte der Kleine bisher voll und ganz. Und ich werde ihn weiter nach meinem Willen formen.

Horstmar hatte sich zwischenzeitlich ebenfalls in sein Studierzimmer begeben. Der mittelgroße Raum war angefüllt mit Bildern, Drucken, Papieren und Büchern. Darum gruppierte sich ein großer massiver Schreibtisch, dazu Büchergestelle und Schränke, eine Kommode und eine kleine Sitzgruppe.
   Auch sein Schreibtisch war zum Fenster ausgerichtet, das einen schönen Ausblick auf die gepflegte Parkanlage bot, die das weitläufige Grundstück umsäumte. Horstmar war sichtlich stolz auf seinen Besitz, den er praktisch mit Nichts erwarb. Sein Fleiß und Ausdauer waren die Triebkräfte des Erfolges und es erfüllte ihn mit Genugtuung, in kurzer Zeit schuldenfrei zu sein. Dazu trugen in erster Linie die Honorare bei, die er für seine zahlreichen Publikationen erhielt. Seine wissenschaftlichen Leistungen konnten sich sehen lassen. Er galt als erfolgreich und daran gab es keinen Zweifel.
   Horstmar setzte sich an seinen Schreibtisch und blätterte etwas unkonzentriert in einem Buch. Die Gedanken kreisten um die eben stattgefundene Diskussion mit seiner Frau.
   Was wollte sie eigentlich? Er bot ihr und den Kindern ein komfortables Zuhause und es fehlte an nichts.
   Er runzelte die Stirn. Dieser Weiber mit ihren ewigen Selbstverwirklichungen. Man kann es nicht mehr hören. Alles leeres Gerede. Eine Frau kann sich sehr wohl in der Familie verwirklichen. Das setzt voraus, dass sie die Aufgaben ernst nimmt. Meine Mutter zog vier Kinder groß und organisierte unseren Haushalt. Dabei war sie mit ihrer Rolle nicht unzufrieden - ganz im Gegenteil. Sie nahm darüber hinaus regen Anteil an ihrem Umfeld.
   Horstmar spielte unwillkürlich mit einem Kugelschreiber. Und meine Frau? Meine Mutter hatte keine Hausangestellten. Toni geht es einfach zu gut. Ihr passt der eheliche Rahmen nicht. Dabei fehlt ihr der Mut, die Konsequenzen zu ziehen. In diesem Augenblick erschrak er. Wie konnte ich so etwas denken? Konsequenzen? Welche?
   Ich bin mit unserer Situation sehr zufrieden. Wir gehören zur oberen Mittelklasse, nein, noch mehr zur Oberklasse. Wir stehen finanziell und gesellschaftlich exzellent da. Wir leben in einem schönen Heim und haben zwei vorzügliche guterzogene Kinder.
   Leslie geht einst ihren Weg, denn sie schlägt nach mir. Eine akademische Laufbahn zeichnet sich bei ihr ab und sie wird das hervorragend bewältigen. Sie ist ein hübsches Mädchen und das gute Aussehen ist in unserer oberflächlichen Gesellschaft die halbe Miete zum Erfolg. Um sie mache ich mir keine Sorgen.
   Michael, unser Michi, nun ja. Auch er ist ein hübsches Kind mit einem guten und lieben Charakter. Reicht das für seine Zukunft? Man wird sehen. Ich bin skeptisch hinsichtlich einer akademischen Karriere. Ich befürchte, dass dafür seine Intelligenz nicht ausreicht. Er taugt zum Handwerker und bestenfalls zum gehobenen, also Meister, Techniker oder so was. Das wäre allerdings ein dunkler Fleck in unserer sonst so blütenreinen Akademikerfamilie. Meinen Schwiegervater freut es, denn er sieht es gerne, dass der Junge in seine Handwerkertradition tendiert.
   Horstmar gönnte den Gedanken eine kleine Pause und schaute aus dem Fenster. Der helle Sommermorgen lachte ihn an. Vielleicht lacht er mich aus.
   Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei Toni. Ich erwählte sie seinerzeit wirklich aus Liebe. Und Sie? Er schüttelte unwirsch den Kopf. Ich bin kein Haustyrann und lasse ihr und den Kindern die größtmöglichen Freiheiten. Meine Frau konnte ihr Studium beenden und arbeitet stundenweise, da es sie freut. Doch diese positiven Gaben erfüllen nicht ihre Wünsche. Die Unzufriedenheit ist ein Dauergast bei ihr. Was möchte sie eigentlich? Das weiß sie selbst sehr wahrscheinlich nicht.
   Draußen auf dem weitläufigen Flur entstand Bewegung. Horstmar horchte auf. Stimmengewirr. Ach ja, Renate mit den Kindern. Nun ja, das ist auch so ein Kapitel. Nur nicht aufregen am Vormittag, das schlägt auf den Magen. Und meiner ist empfindlich.

Es stimmte, Renate betrat in diesem Augenblick mit den Kindern das Haus. Toni begrüßte sie und rief nach ihren Sprösslingen.
   Michi stürmte herbei: »Da bist du ja Anna. Ich habe draußen schon alles vorbereitet.« Und entführte seine Freundin dorhin.
   Toni und Renate sahen ihnen lächelnd nach. Leslie erschien und nahm ihre Freundin Melanie mit auf ihr Zimmer. Die beiden fast gleichaltrigen Mädchen hatten sich viel zu erzählen, wie das bei Teenies so üblich ist.
   Die beiden Schwestern betragen die weitläufige Terrasse und nahmen auf den geschmackvoll gearbeiteten weißen Stühlen Platz.
   »Du trinkst doch einen Kaffee mit?«
   »Nur ganz kurz Toni. Ich habe nicht viel Zeit. Mein Dienst beginnt heute etwas früher.«
   Toni nickte und entschwand in die Küche. Kurze Zeit später kehrte sie mit einem Aschenbecher zurück, den sie vor Renate auf den Tisch stellte.
Diese bedankte sich grinsend und zündete sich eine Zigarette an.
   »Der Kaffee kommt sofort.«
   Kaum hatte Toni dies gesagt, erschien das Folgemädchen und servierte. Unsere beiden Schwestern nickten und nahmen einen guten Schluck. Dabei schauen sie den spielenden Kindern im Sandkasten zu und lächelten.
   Renate zog an ihrer Zigarette. Wir dürfen uns eine schöne schlanke Frau mit einem lieben Gesicht, langen schwarzen Haaren und Top Figur vorstellen. Sportlich gekleidet mit Jeans, Shirt mit weitem Ausschnitt und Turnschuhen.
   Bekanntlich können Schwester sehr verschieden sein und das in jeder Beziehung. Renate schlug charakterlich in die Familie der Mutter, während Toni dem Vater glich. So wunderte es nicht, dass die beiden nie völlig miteinander auskamen. Zudem hegte Toni einen heimlichen Groll gegen die Schwester, denn die hatte das vollzogen, wovor sie sich fürchtete.
   Renate bemerkte jetzt: »Michi und Anna vertragen sich wirklich so gut. Sieh nur, wie schön sie miteinander spielen.«
   Toni nickte. In diesem Augenblick erschien Horstmar auf der Bildfläche und begrüßte die Schwägerin mit dünnen Worten, um sich schnell wieder in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen.
   Den wollte ich auch nicht geschenkt haben, ging es Renate durch den Kopf. Sie kannte ihn ebenfalls schon lange und dessen Familie. Um alles in der Welt hätte ich den nicht geheiratet. Mag er noch so hoch stehen, mein Fall ist er nicht. Und Tonis auch nicht. Die Ehe ist so unglücklich, wie die meine war. Ich verstehe nicht, warum sie sich nicht löst. Als Hauptschullehrerin könnte sie ganztags arbeiten und bekäme ein prima Gehalt. Mehr, als ich als Krankenschwester verdiene. Und sie hat nicht die Probleme, mit denen ich mich herumschlagen muss. Trotz ihrer großen Klappe war sie immer vom Urteil der anderen abhängig. Was würden die sagen, wenn sie sich von dem Herrn Professor löste. Oh wie schrecklich.
   »Mama ist jetzt schon zwei Monate tot«, sagte Toni plötzlich mit Tränen in den Augen.
   »Oh ja«, bestätigte Renate und nahm sich eine neue Zigarette.
   »Vermisst du sie auch so sehr?«
   Renate überlegte einen Augenblick: »Ich hatte nicht ein so gutes Verhältnis zu den Eltern wie du. Papa scheint den Verlust gut zu verkraften. Es ist richtig, dass Tante Anne sich um ihn kümmert.«
   »Ich weiß nicht«, sagte Toni etwas gedehnt. »Mama ist tot und...«
   »Und Was?« Renate sah die Schwester fragend an.
   »Ach nichts.«
   »Ich finde, dass sich die beiden gut ergänzen. Beide sind alleine in ihren Wohnungen und können sich umeinander kümmern. Tante Anne erledigt den Haushalt und Papa gibt das Geld dazu. Er kann es sich bei seiner guten Rente leisten. Außerdem kennen sich die beiden seit Jugendtagen. Mama hätte nicht dagegen, da bin ich ganz sicher.«
   Toni schien nicht überzeugt: »Auf den ersten Blick hast du recht. Aber so kurz nach Mamas Tod. Was sagen die Leute.«
   »Was sollen sie schon sagen? Es ist doch nichts Verwerfliches dabei. Papa und Tante Anne bilden eine Rentnerkommune.« Renate grinste. »Wie Richard immer sagt: Rentnerkommune Nr. 1.«
   Toni lächelte. Renate überlegte einen Augenblick: »Wie geht es übrigens Richard?«
   »Man wird sehen, wie sich bei ihm alles entwickelt. Das ist jetzt schwer einzuschätzen.«
   Renate nickte und schaute auf die Uhr: »Es wird Zeit für mich. Ich hole die Mädchen gegen halb sieben ab. Ist dir das recht?«
   »Na klar.«
   Renate erhob sich schnell, rief den Kindern einen Gruß zu und verließ das Haus. Gegen Mittag erschienen die beiden Kleinen wieder auf der Terrasse.
   »Wir haben Hunger«, erklärte Michi.
   »Ich muss auf die Toilette«, sagte Anna.
   Toni nickte: »Michi, wasch dir die Hände und Anna, dir helfe ich. Also los.«
   Das kleine Mädchen in dem Rollstuhl nickte und rollte geschwind zur Toilettentür. Toni folgte ihr, öffnete diese, hob das Fliegengewicht aus dem Rollstuhl und setzte sie auf die Schüssel. Dann zog sie Höschen und Slip herunter und schon plätscherte es.

Wie vereinbart holte Renate die Kinder ab. Sie hob Anna auf den Rücksitz des Wagens, während Melanie den Rollstuhl im Kofferraum verstaute. Man war ein eingespieltes Team. Michi winkte ihnen zum Abschied zu.
   Nach kurzer Fahrt erreichten sie ihr Ziel und die Routine spulte sich erneut ab. Die Wohnung lag im 4. Stock einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt. Das Haus besaß einen Aufzug.
   Das Viertel zeigte sich nicht so exklusiv wie Tonis schönes Zuhause, aber auch nicht heruntergekommen. Die Siedlung entstand in den 70er Jahren und besaß beachtliche Standards wie Ladenkette, Ärztehaus, Apotheke, Restaurants, Spielplatz und einen Kindergarten, den die Kleine besuchte, dazu zwei Schulen.  Die Mieten der Wohnungen galten als sozial verträglich und so konnte Renate sich eine dreieinhalb Zimmerwohnung leisten. Als alleinerziehende Mutter musste sie sehr sparsam haushalten. Das fiel ihr nicht schwer, denn sie hatte es im Elternhaus gelernt.
   Renate schloss die Wohnungstür auf und alle traten ein:
   »Wascht euch die Hände, gleich gibt es Abendessen.«
   Die Mädchen gehorchten. Das Badezimmer gestaltete sich behinderten gerecht, so dass Anna mit dem Rollstuhl ans Waschbecken und alleine die Toilette benutzen konnten.
   Die Kinder erschienen in der modernen Küche und nahmen die Plätze ein. Renate stellte alles auf den Tisch, Brot, Butter, Wurst und Käse. Zu Trinken gab es Tee.
   Die kleine Anna saß mit ihrem Rollstuhl an der Stirnseite des Tisches und schmierte eifrig eine Scheibe Brot mit Butter, dann legte sie eine Scheibe Käse darauf und biss herzhaft hinein.  
   Renate sah ihr wohlwollend lächelnd zu. Anna zeigte sich für eine Vierjährige sehr selbständig. Einen Mitleidsbonus wegen der Behinderung gab es nicht. Warum auch, je früher sie lernt, selbständig zu werden, um so besser. Ja, ja, wir drei haben schon allerhand durchgemacht. Die Ehe mit Dieter war von Beginn an eine Katasthrophe. Melani, genannt Meli, die Älteste, bekam ich mit siebzehn. War das ein Geschrei in der Familie, eine minderjährige Mutter. Alle drängten auf eine baldige Heirat. Nur Richard hielt zu mir und bot seine Hilfe an. Na ja, es ist auch mein Lieblingsbruder und wir sind uns vom Charakter sehr ähnlich.
   Warum ließ ich mich mit Dieter ein? Gute Frage. Aus Trotz gegen die Eltern. Aber ich erhielt meine Strafe, denn die Ehe war ein Desaster. Dieter soff. Er versoff unser Geld und seinen Verstand. War er nüchtern, konnte man wunderbar mit ihm auskommen. Sobald er zu trinken begann, wurde er zum Teufel, der weder Freund noch Feind kannte. Man hätte ihn beim Zoll längst aus dem Beamtenverhältnis geworfen, wenn seine Leistungen im nüchtern Zustand nicht so hervorragend wären. Aber im Suff. Meli und ich erhielten viele Kostproben...
   So war es unverantwortlich von mir, mich auf ein zweites Kind einzulassen. Ich nahm mir Toni zum Vorbild, denn Michi war ja auch ein Ehestabilisierungskind. Es half ihr zwar nicht, aber sie wahrte den Schein.
   Bei mir lief das anders. Ich bezog auch während der Schwangerschaft Prügel, doch ich wollte das Kind und wurde auch nicht enttäuscht. Anna ist ein Sonnenschein, ein bildhübsches liebes Mädchen mit einem klugen Köpfchen. Als Schatten erhielt die Kleine die Behinderung. Man nennt es doppelseitige Hüftdeformationen und sie rühren sehr wahrscheinlich von Dieters Schlägen. Die Deformationen sind allerdings bei Mädchen nicht selten und man kann sie heute gut behandeln. Doch bei Anna half das nichts, trotz der vielen Operationen, die sie über sich ergehen lassen musste. Sie wird nie laufen können, das wissen wir heute. Sie kann einige wenige Schritte mit Krücken gehen und das gibt ihr eine gewisse Beweglichkeit. Aber die süße Maus behandelt die Behinderung völlig souverän, ist trotz allem sehr beweglich und ein Teufelchen in ihrem Rollstuhl.
   Natürlich gab es in der Familie wegen Anna Behinderung lange Gesichter. Ich höre noch Mama seufzen:
   »Welch ein Malheur mit der Kleinen. Erst Richard und nun das. Wieso sind wir in der Familie so geschlagen?«
   »Wieso geschlagen«, fragte ich trotzig. »Das ist doch heute keine Schande mehr."

   »Konntest du das Kind nicht wegmachen lassen, solange noch Zeit war?«
   »Aber Mama, meine süße Anna, unser Sonnenschein.«
   »Es gab mal eine Zeit...«
   »Ich weiß Mama. Richard sagt immer, dass unter dem Schnurrbart alles anders war.«
   »Spottet ihr nur. In gewisser Weise aber...«
   Mama und Papa wurden mit der Kleinen nie vertraulich. Richard pflegte hierzu zu sagen: »Gräme dich nicht. Sie können nichts dafür. Es ist alles eine Sache der Erziehung. Zu ihrer Zeit nannte man uns unwertes Leben. Anna hätte kaum eine Chance gehabt und ich auch nicht. Eine menschenverachtende Gesellschaft. Was du in der Jugend lernst, prägt dich für das ganze Leben. Diese Generation ist verloren und durch die Nazis versaut. Sie können soviel Kreide fressen wie sie wollen, der Schnurrbart bleibt doch immer omnipotent.«
   Der Bruder hatte Recht. Aber es waren nicht nur die Eltern, die dem ganzen reserviert gegenüberstanden. Horstmar zum Beispiel und seine Tochter Leslie, die beide mit der Kleinen nichts anfangen konnten. Toni ging mit Annas Behinderung souverän um. Ja, und dann Michi, der ein treuer Freund wurde. Die beiden sind fast unzertrennlich.
   »Mama, was träumst du«, hörte sie wie aus der Ferne Anna fragen.
   Renate schüttelte sich: »Ach nichts, Süße.«
   »Liest du mir heute Abend noch eine Geschichte vor«, bettelte Anna. »Im Bett. Bitte!«
   »Ja mein Schatz. Aber nun iß auf. Und dann beginnen wir mit dem abendlichen Waschwahnsinn. Meli, du räumst die Küche auf.«
   »Ja Mama.«
   Das weitere Abendessen spulte sich rasch ab. Als alle gesättigt waren, schob Renate die Kleine ins Bad. Sie ließ Wasser in die Wanne, während Anna sich alleine auszog. Man konnte beobachten, wie gelenkig das Mädchen trotz der Behinderung war. Sicher half dabei mit, dass sie dreimal die Woche zur Krankengymnastik mit integriertem Kinderturnen ging. Anna liebte das und war mit Begeisterung bei der Sache.
   Renate packte den kleinen Nackedei, hob ihn aus dem Rollstuhl und setzte ihn in die Wanne. Das Mädchen plantschte begeistert in dem warmen Wasser. Sie liebte das und konnte sogar schon schwimmen. Das hatte sie in der Turngruppe gelernt. Das Schwimmen mit Reifen kräftigte die Arme und stabilisierte den Rücken. Das würde später von großem Nutzen sein.
   Die Mutter reichte ihrer Tochter Waschlappen und Seife: »Fang schon mal an. Ich hole deine Nachsachen.«
   Die Kleine gehorche und plantschte noch etwas herum. Renate lächelte beim Hinausgehen. Sie ist wirklich unser kleiner Sonnenschein. Undenkbar, was wir ohne sie machen würden.
   Zwischenzeitlich räumte Meli die Küche auf und dann im Wohnzimmer den Fernseher angeschaltet. Bequem legte sie sich auf die Couch.
   Renate schaute kurz hinein: »Alles in Ordnung?«
   »Ja Mama. Brauchst du Hilfe?«
   »Danke, das schaffe ich alleine.«
   Meli nickte und widmete sich wieder dem Programm. Sie war schon sehr selbständig, die hübsche Siebzehnjährige. Sie sieht Dieter ähnlich, dachte die Mutter, während sie mit den Sachen dem Bad zustrebte.
   Dort plantschte Anna noch immer mit großer Begeisterung. Renate beendete den Zauber, wusch ihrer Tochter die schönen dunkelroten Haare und hob sie schließlich aus der Wanne auf einen Stuhl. Sorgsam trocknete sie Kleine ab.
   »Ich muss mal Mama.«
   »OK«. Renate hob das Fliegengewicht auf die Toilettenschüssel. Während Anna das ihrige regelte, ließ die Mutter das Wasser aus der Wanne.
   »Fertig Mama.«
   Also wieder zurück auf den Stuhl. Renate zog ihr Hemdchen, Pyschamajacke und kurzes Höschen an und setzte sie mit Schwung in den Rollstuhl. Die Kleine jauchzte vor Vergnügen.
   »Ab mit dir ins Bett«, rief Renate lachend. »Ich komme gleich nach.«
   »Ja Mama.«
   Anna sauste mit dem Rollstuhl hinaus und bremste erst, als sie im Wohnzimmer vor der Couch stand.
   »Nacht Meli.«
   Die erhob sich ächzend und gab der kleinen Schwester einen Kuß. Diese gab ihn schmatzend zurück und schon sauste der Wirbelwind weiter. Meli lächelte und streckte sich wieder auf ihrem Platz aus. Der Altersunterschied der Mädchen war enorm, gute dreizehn Jahre. Trotzdem mochten sich die beiden sehr. Mama hat recht, dachte Meli, Anna ist unser Sonnenschein. Was würden wir ohne sie machen? Garnicht auszudenken.
   Anna erreichte endlich ihr Zimmer. Sie fuhr ganz nahe ans Bett, schlug die Decke zurück und setzte geschickt über. Sie knipste das Nachttischlämpchen an und zog die Decke bis zur Brust.
   Wenige Minuten später erschien Renate und lächelte über die im Bett liegende Kleine. Sie löschte die Deckenbeleuchtung, nahm ein Buch von Annas Schreibtischchen und setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett. Den Rollstuhl schob sie an die Wand. Das Mädchen sah sie erwartungsvoll an.
   »Was wollen wir lesen?«
   »Der Müllerbursche und das Kätzchen«, tönte es prompt zurück.
   Renate seufzte ergeben. Diese Märchen kannte sie auswendig. Das Buch, aus dem sie vorlas, war das alte Märchenbuch der Kindertage. Annas Wunschmärchen gehörte zu den Lieblingsstücken ihrer Schwester Toni. Sie wollte es jeden Abend hören. Der gute Bruder Richard musste meist dafür herhalten. Renate seufzte noch einmal. Da ich im gleichen Raum schlief, hörte ich es auch. Immer wieder. Jeden Abend.
   »Mama fang an«, bettelte Anna.
   Gott ergeben las die Mutter die Geschichte vor. Die Kleine hörte aufmerksam zu. Irgendwann fielen ihr die Augen zu und sie schlief lächelnd ein, einen Teddy im Arm.
   Renate bemerkte es, schloss das Buch und legte es auf den Nachttisch. Der Anblick des schlafenden Mädchens rührte ihr Herz. Wie ein Engelchen sah die Kleine aus. Ein goldiges Engelchen mit roten Haaren. Merkwürdig, dass sie gerade dieses Märchen so sehr liebt. Diese Vorliebe vererbt sich anscheinend in der Familie, nicht direkt, sondern seitwärts.
   Die Mutter erhob sich leise, stellte den Stuhl auf seinen Platz zurück und den Rollstuhl neben das Bett. Sie gab der Kleinen einen Kuss auf die Wange, löschte das Nachtlicht und verließ lautlos das Zimmer. Anna schlief fest und selig.
   Im Wohnzimmer gesellte sich Renate zu ihrer Tochter und schaute eine Weile dem Fernsehprogramm zu. Nach einiger Zeit erhob sie sich, gab dem Mädchen einen Kuss und verlies den Raum. Sie betrat das Schlafzimmer, der kleinste Raum der Wohnung. Sie hatte die großen Zimmer den Mädchen überlassen, zumal Anna wegen des Rollstuhl mehr Platz benötigte. Was brauche ich mehr als einen Kleiderschrank, Bett, Schreibtisch und kleine Kommode. Ich schlafe in einem Einzelbett, denn ich werde nie mehr mit einem Mann zusammen sein. Mit denen bin ich fertig. Sie machte sich nun bettfertig, hüpfte schnell hinein und schlief sofort ein.
   Am nächsten Morgen weckte Renate nicht die Sonne, die einen schönen Sommertag ahnen ließ. Sondern ein kleiner Wirbelwind, der ins Zimmer rauschte.
   Sie öffnete die Augen und blinzelte in die Sonne. Der kleine Wirbelwind wechselte geschwind vom Rollstuhl ins Bett und kuschelte sich neben sie. Renate schlug die Decke etwas zurück und legte Annas Beine darunter.
   »Oh mein Schatz«, gähnte sie. »Schon so früh munter?«
   »Ja Mama.«
   »Ist Meli schon auf?«
   »Oh nein, die schläft doch immer lang. Hat zu lange Fernsehen geguckt.«
   »Ja leider«, seufzte Renate und dachte, was man einer Siebzehnjährigen schon verbieten kann.
   »Wollen wir aufstehen«, fragte Anna.
   »Es ist noch sehr früh Süße. Erst sieben Uhr.«
   »Ich bin aber schon fit.«
   »Das sehe ich«, lächelte Renate und gähnte herzhaft. »Na gut, beginnen wir den Morgenwahnsinn. Wir benötigen sowieso dafür Zeit. Hast du heute Schwimmen?«
   »Ja Mama. Meli bringt mich hin. Michi kommt auch mit.«
   »Na prima.«
   Unsere beiden begannen die Morgentoilette mit Töpfchen, Eincremen von Annas Beinen und Hüften, Haare zu einem Pferdeschwanz binden, waschen und anziehen, also Hemdchen, Slip, Shirt und kurzes Höschen, an den Füßen leichte Sandalen. Danach machte Renate sich zurecht und die Tochter schaute zu.
   Schließlich verließen beide das Bad und strebten der Küche zu. Meli hatte gestern Abend schon den Tisch gedeckt. Anna rollte an ihren Platz, während Renate am Herd werkelte, die Kaffeemaschine anwarf und alle Dinge auf den Tisch stellte: Butter, Marmelade, Toastbrot, Käse und Wurst. Der Eierkocher summte.
   Anna griff zu und Renate schenkte ihr warme Milch in eine große Tasse, sich selbst Kaffee. Dann frühstückten beide. Schließlich erschien Meli in luftigem Outfit verschlafen an der Tür:
   »Morgen«, gähnte herzhaft. »Ihr seit schon auf?«
   »Morgen Schlafmütze«, zwitscherte Anna fröhlich.
   »Du hast es nötig«, maulte Meli und setzte sich auf ihren Platz. Renate goss ihr Kaffee ein.
   »Ich koche später und...«
   »Michi kommt nachher«, unterbrach Anna.
   »Genau Süße. Meli, du bringst die beiden zum Schwimmen. Der Fahrdienst holt euch ab. Verstanden?«
   »Ja Mama«, kam es gedehnt.
   Renate lächelte. Ja, das Leben einer Siebzehnjährigen ist nicht leicht. Aber ich habe mit Meli Glück. Sie ist willig und verantwortungsbewusst, trotz der Pubertät, in der sie steckt. Alledings ist bei ihr das Ende in Sicht. Mädchen in dem Alter sind meist Zicken und das ist sie nicht. Als ich so alt war wie sie...
   Das Frühstück neigte sich dem Ende zu. Meli verschwand im Bad und Renate räumte mit Annas Hilfe ab. Es war ihr oberstes Prinzip, die Kleine alles machen zu lassen, was die Behinderungen erlaubte. Auch wenn es mitunter etwas länger dauerte. So lernte das Mädchen Selbständigkeit und das würde ihr später sehr zugutekommen.
   Nachdem der Tisch abgeräumt und von Anna mit viel Liebe und Einsatz abgewischt wurde, begab sich Renate an den Herd. Die Kleine verschwand und kehrte einige Zeit später mit Mal- und Zeichensachen zurück. Sie breitete die Schätze auf dem Tisch aus.
   »Darf ich malen Mama?«
   »Aber sicher Süße.«
   Renate überlegte, was sie zum Kochen benötige und suchte die Sachen zusammen. Anna begann derweilen mit ihrer künstlerischen Tätigkeit. Plötzlich klingelte es.
   »Das ist Michi«, rief das Mädchen und sauste los. Kurze Zeit später stand sie an der Haustür und wartete. Michi kam angesprungen, ebenfalls sommerlich leicht bekleidet, einen kleinen Rucksack auf dem Rücken. Er trag an Annas Rollstuhl, beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange, während sie die Ärmchen um seinen Hals schlang.
   »Hallo Michi, schön das du da bist.«
   »Hallo Anna.«
   Das Mädchen schloss die Tür und Michi schob sie in die Küche. Dort begrüßte er artig Renate und setzte sich auf einen Stuhl:
   »Viele Grüße von Papa. Er ließ mich unten aus dem Auto. Er hat keine Zeit, um mitzukommen, denn er muss an die Uni.« Renate zuckte unmerklich im Gesicht.
   »Hast du die Badesachen dabei«, fragte Anna.
   »Aber klar, im Rucksack.«
   Der Junge grinste und kramte darin, brachte ein Buch, Papier, einen Katalog, Schere, Kleber und Papier hervor. Unsere beiden Lieben begannen, sich ihrem Tagewerk zu widmen.
   Anna malte mit Buntstiften ein Bild nach einer Vorlage. Michi schnitt aus einem Katalog Bilder von Autos heraus und klebte sie sorgfältig und sauber auf ein Blatt Papier.
   Renate stand am Herd und kochte. Angenehme Düfte erfüllten den Raum. Mitunter sah sie zu den Kindern, die eifrig werkelten. Sie lächelte. Ein schöner Anblick, die beiden Süßen und wie eifrig sie am Werk sind.
   »Mama, schau mal, was ich gemalt habe.«
   Renate trat neben ihre Tochter und betrachtete das Bild. Die Kleine arbeitete nach einer Vorlage, und doch...
   »Es ist gut getroffen«, sagte Michi und schaue von seiner Arbeit auf. »Findest du nicht Tante Renate?«
   »Danke Michi«, sagte die Künstlerin voll Stolz.
   Renate nickte zustimmend. Es war ganz erstaunlich, mit welchem Geschick die Vierjährige gegenständlich malte. Das war keine reine Kinderzeichnung mehr. Man konnte nicht übersehen, dass in dem Kind ein großes künstlerisches Talent schlummerte. Vielleicht ein Ausgleich für die körperlichen Benachteiligungen.
   »Michis Blatt sieht auch gut aus«, sagte Anna. »Gel Mama?«
   Die Mutter nickte auch hier zustimmend. Ganz besonders fiel ihr die makellose Sauberkeit und Genauigkeit auf, mit der Michi die Bilder bearbeitete. Sie zeugten von handwerklichem Talent. Das hat er von Papa und Großvater Albert geerbt und vieles andere dazu. Der Junge sieht aus wie ein Dausendwasser und ist ein Dieckmann. Meine Anna schlägt in die Trotzfamilie. Alle Trotzen reden gerne und auch die Kleine ist ein Plappermäulchen. Und alle Trotzen haben und hatten Sinn für künstlerische Belange, ob Musik, Kunst oder Literatur. Horstmar dagegen ist kein Künstler, sondern ein Technokrat der Kunst. Von ihm hat der Kleine die handwerklichen Anlagen nicht.
  Melanie erschien in der Küche, ebenfalls im sommerlichen Look.
   »Hallo Meli«, begrüßte Michi freundlich und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
   »Hallo Kleiner. Hast du deine Badesachen dabei?«
   »Aber logo«, tönte es zweistimmig zurück. »Null problemo.«
   Renate konnte sich nur mühsam das Lachen verkneifen und auch Melis Gesicht verzog sich zu einem gutmütigen Grinsen.

Ende der Leseprobe